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HARIBO: BÖSE BÄRCHEN


manager magazin - epaper ⋅ Ausgabe 2/2019 vom 25.01.2019

HARIBO Verfehlte Geschäftsziele, flüchtende Spitzenmanager, abstürzendes Image – der Süßwarenhersteller steckt in Schwierig keiten. Offenkundig arbeitet der Konzern auch mit dubiosen Methoden. Verspielt der Inhaber Hans Guido Riegel das Lebenswerk seines legendären Onkels?


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Bildquelle: manager magazin, Ausgabe 2/2019

Hans Guido Rie gel kann gelegentlich schlag fertig sein. Als der SPIEGEL den Inhaber und Chef des Fruchtgummiherstellers Haribo vor wenigen Monaten fragte, wann er denn gedenke aufzuhören, blieb er cool und parierte: „Ich hoffe, lebend.“ Onkel Hans hat das nicht geschafft. „Mr. Haribo“ verstarb mit 90 Jahren im Dienst an der süßen ...

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... Sache.

Seither hat sich bei Haribo viel verändert. Die Zahlen sind schlechter geworden. Das Spitzenpersonal flüchtet. Und Hans Guido Riegel (53) spielt mit dem Ruf des Unternehmens. Haribo steht im Verdacht, im Umgang mit Gesetzen und Geschäftspartnern zu tricksen.

SCHÖNE ALTE WELT

Als der 2013 verstorbeneHans Riegel (l.) noch den Ton angab undThomas Gottschalk (u.) für die süßen Bärchen warb, erschien Haribo unaufhaltsam

Der Mann, der das behauptet, sitzt in einem Hotel in Dublin und stapelt Unterlagen auf einem Tisch: Verträge, interne E-Mails, Briefe, Tonbandaufzeichnungen. Blatt für Blatt sollen die Dokumente beweisen, wie Haribo ihn hintergangen, mit falschen In - formationen versorgt und sogar den Fiskus geprellt hat. Es geht um falsch deklarierte Produkte. Und um Manager, die anscheinend wenig Skrupel, aber umso mehr Rückendeckung von ganz oben haben. Teilweise wurden die Verantwortlichen sogar befördert.

Die Vorwürfe erhebt Eric Hahn (42), ein langjähriger Geschäftspartner von Haribo. Der Streit, der in eine juristische Auseinandersetzung münden wird, könnte das Familienunternehmen viele Millionen Euro kosten. Vor allem aber dürfte das Image leiden. Die Firma, neben dem Waschmaschinenhersteller Miele vielfach als Vorzeigeunternehmen ausgezeichnet, lebt von ihrem Ruf. Süß, lieb, kind gerecht.

Aus Partnern werden Feinde
Es ist Ende November 2018. Eric Hahn bestellt sich im Fünfsternehotel „Westbury“ in der irischen Hauptstadt zum Rinderfilet zwei Flaschen Cola. Der Amerikaner mit Wohnsitz auf Hawaii und Wurzeln in Korea ist ein freundlicher Mann, der wenig Wert auf Konventionen legt. Zu Terminen erscheint er nicht selten in Sandalen. Mal ist er in Las Vegas, am nächsten Tag in Japan und kurz darauf in Los Angeles. Und er fasst nicht so leicht Vertrauen. Nach dem Abendessen schlägt er ein zweites Treffen vor. Es werden weitere Gespräche folgen, der Einblick wird umfang reicher.

Hahn hat zwischen 2006 und 2017 als Exklusivimporteur den koreanischen Markt für Ha ri bo aufgebaut. Seine Firma Aquarius hat dreimal den „Haribo Award“ gewonnen, eine interne Auszeichnung, die der Fruchtgummihersteller an jene Exporteure vergibt, die mit den höchsten Wachstumsraten glänzen. Bis 2020 war ein Umsatz von 30 Millionen Euro geplant. Das entspricht einer Verdreifachung gegenüber Hahns letzten Ergebnissen.

„Aquarius war ein perfekter Geschäftspartner. Die haben im Voraus bezahlt, waren profitabel, haben sich nie beschwert“, sagt ein früherer Haribo-Mitarbeiter. War Hahn zu erfolgreich?

Laut Zeugen soll sich vor allem Andreas Patz (54), der wenig später zum Exportchef aufstieg, bei einem Meeting im Büro von Finanzchef Michael Phiesel (48) Mitte April 2015 dafür eingesetzt haben, den korea nischen Markt ohne Zwischenhändler zu beliefern. Wenig später habe sich Patz mit dem koreanischen Importspe zialisten Cremon getroffen. Zu diesem Zeitpunkt überschwemmte bereits die Firma Promatech aus Hamburg Korea mit Parallelimporten. Während für Hahn das Leben schwerer wurde, verbuchte Haribo in den Reports der Exportabteilung an CFO Phiesel und den damaligen Marketingchef Martin Schlatter die Zuwächse unter Botswana. Darunter findet sich in Klammern der Hinweis: „Parallelimport nach Korea“.

„Es war ein offenes Geheimnis, dass Haribo Parallelimporte unterstützt“, sagt ein früherer Mitarbeiter. Hahn soll dadurch pro Jahr mehr als vier Millionen Euro an Umsatz verloren haben.

Haribo teilt mit, zu keiner Zeit ein Interesse daran gehabt zu haben, den Import nach Korea in die eigene Hand zu nehmen, noch direkte Beziehungen mit anderen Impor teuren gepflegt zu haben. Man habe sich stets an die vertraglichen Absprachen mit Aquarius gehalten. Als bekannt ge - worden sei, dass Promatech für Botswana bestimmte Produkte nach Korea geliefert hatte, habe man die Geschäfts beziehungen mit dem Importeur beendet. Parallelimporte ließen sich jedoch grundsätzlich kaum verhindern.

Ist das so? Unter Hans Riegel sei ein solcher Umgang mit Partnern undenkbar gewesen, behaupten Vertraute. Der Altmeister hielt nicht viel von Verträgen, meist musste ein Handschlag reichen. Doch der galt. Haribo war eine innovative Gewinnmaschine, ein Milliardenkonzern, geführt wie ein Dorfverein.

Doch Haribo war auch eine Firma, die an ihre Grenzen stieß, weil dem greisen Patriarchen die Kraft fehlte, für moderne Strukturen zu sorgen. Heute gehört seinem Neffen Hans Guido und dessen drei Geschwistern die Hälfte der Firma, der Rest liegt in einer Stiftung des verstorbenen Übervaters. Und seinen Nach - folgern kann es nicht schnell genug gehen, den Mittelständler zum Konzern umzubauen. Dafür nimmt Hans Guido, so wirkt es, Kollateralschäden in Kauf.

1 TOPSELLER
Als Importeur Eric Hahn und Haribo noch erfolgreich zusammenarbeiteten, erwies sich der Goldbär in Korea als Verkaufsschlager. Heute setzt man sich juristisch auseinander.

2 BEZIEHUNGSKILLER
Spätestens ab 2015 weckte der Erfolg in Korea Begehrlichkeiten. Parallelexporte überschwemmten den koreanischen Markt. In internen Reports verbuchte Haribo die Umsätze unter Botswana.

3 FEHLENDE AUFKLÄRUNG
2016 kam es zum Bruch zwischen Haribo und seinem koreanischen Importeur. Laut einer Vergleichsvereinbarung sollten die Unterlagen weitgehend verschwinden.

„Seit Hans Riegel nicht mehr lebt, gibt es strukturelle Probleme“, sagt ein Importeur aus Europa. „Der Umbau funktioniert nicht.“

Hahn will Ende Januar in Korea Klage einreichen. Er fordert 60 Millionen Euro als Entschädigung für sein Geschäft, das Haribo in den Ruin getrieben haben soll. Für den Süßwarenkonzern könnte das unangenehm werden; als richtig unappetitlich könnten sich jedoch Vorgänge erweisen, die ohne den Streit vermutlich nie ans Licht gekommen wären.

Ein Briefkasten in Singapur
Am 19. Dezember 2012 informierte Haribo seine Importeure in Asien unter der Betreffzeile „Office in Singapore“, dass ab Januar 2013 alle Überweisungen auf das Konto der neuen Tochter einzugehen haben. Dann folgte der Satz: „Das Haribo Bonn Team wird weiter Ihre Bestellungen entgegennehmen und alle operativen Aufgaben wahrnehmen.“ Im Klartext: Die Ende August 2012 in der Steueroase Singapur gegründete Haribo Asia Pacific Pte Ltd, kurz HAP genannt, könnte unter der damaligen Adresse 25 International Business Park, German Centre 03-102, offenbar nur als Briefkastenfirma gedient haben.

Dass der Konzern seine Finanzen bis an die Grenzen des Legalen optimiert, ist aktenkundig. Seit 2014 entsteht unter dem Dach der Rigo Trading S.A. eine Art Zweitverwaltung in Luxemburg. Inzwischen arbeiten in einem Bürokomplex nahe dem Flughafen über 70 Mitarbeiter. Zu ihren Aufgaben gehören Einkauf, Export und das Verwalten der Markenrechte.

„Die Markenrechte für die Dach marke Haribo sind Eigentum der deutschen Gesellschaften“, sagt Riegel. „Wir haben Luxemburg als Standort für diese Funktionen ausgewählt, weil das Land bei international agierenden Süßwarenunternehmen beliebt ist und wir dadurch Spezialisten an uns binden können.“ Wie dem auch sei: Wenigstens sitzen in Luxemburg Menschen, die tatsächlich ar beiten. In Singapur war das mög licherweise lange nicht der Fall.

In einer eidesstattlichen Versicherung beschreibt ein früherer Haribo-Mitarbeiter die angeb - lichen Zustände deutlich: „Ab 1.1.2013 liefen die Exporte fiktional über HAP. HAP war Vertragspartner für Asien.“ Die Tochterfirma habe Rechnungen geschrieben und Zahlungen empfan- gen. Die gesamte Arbeit sei jedoch aus Bonn erledigt worden. „Alle Briefe und Verträge für HAP wurden in Bonn aufgesetzt und gedruckt“, heißt es in der Erklärung. Betroffen waren demnach zu - mindest wohl jene Länder, die Haribo in der Region Nordostasien zusammenfasst, darunter Japan, Korea, China und Taiwan.

Laut Hahn lief das bis Februar 2015 so, also mehr als zwei Jahre lang. „Bis dahin hatten wir nie Kontakt mit einem Mitarbeiter aus Singapur. Es gab nur die Kontoverbindung“, sagt er. „Vieles spricht dafür, dass HAP nur ein Vehikel war, um Umsätze aus Deutschland nach Singapur umzuleiten, wo die Steuern niedriger sind.“ Haribo behauptet dagegen, HAP sei seit 2013 eine „operativ“ tätige Vertriebsgesellschaft „mit eigenständiger Geschäftsführung, Personal, Räumlichkeiten, Buchhaltung und Rechnungswesen“. Auf weitere Nachfrage heißt es, dass drei Mitarbeiter beschäftigt gewesen seien.

Verspieltes Vertrauen
Wurde hier womöglich der Fiskus umgangen, ist in einem anderen Fall die Produktion betroffen, das Allerheiligste jedes Nahrungsmittelherstellers.

Am 8. April 2015 schreibt Darren Haglund, Einkäufer beim globalen Handelsgi - ganten Costco, eine auf ge brachte Mail an Hahn. In einer Zehn- Gramm-Tüte „Gold bären“ ist ein Stück Holz auf getaucht, ein Foto ist angehängt. „Ich brauche Deutsch land umgehend dazu. Wie kann das passieren?“, fragt Haglund. Hahn leitet die Nach - frage direkt an Haribo weiter.

Noch am selben Tag kommt eine Antwort. „Alle unsere Maschinen verfügen über Sieb ver - fah ren“, notiert eine Mitar bei te - rin. „Zusätzlich haben wir sogar Röntgenuntersuchungen, um Fremdkörper aus zusor tie ren.“ Letzteres stimmt nicht. Hahn er fährt das erst im Frühjahr 2016 aus der E-Mail eines anderen Haribo- Mit arbeiters. Da hatte er den Brief längst nicht nur an Costco, sondern auch an die für Lebens - mittelsicherheit zuständige Behörde in Korea weitergeleitet.

Hahns Bitte, das Schreiben zu korrigieren, folgte Haribo erst am 23. Januar 2017: Es habe sich um einen „unbeabsichtigten Fehler“ einer Mitarbeiterin gehandelt, die nicht mehr für Haribo arbeite, heißt es in einem Schreiben an das Amt. Heute kann der Konzern den Vorfall nicht mehr „zweifelsfrei rekonstruieren“, teilt aber mit, Verleseanlagen einzusetzen. Röntgentechnologie sei für den fraglichen Zweck „ohnehin nicht funktionsfähig“. Hahn hat die Affäre vor allem eines gekostet: Vertrauen.

GUT UND BÖSE
Haribo spendiert Bärchen für Kastanien, das Image leidet trotzdem


Dabei gehört Vertrauen ausgerechnet zu jenen sechs Werten, die Riegel 2017 in der Mitarbeiterzeitschrift „Hello Haribo“ stolz zum neuen Leitbild erkoren hat. Viel davon zu spüren ist bis heute nicht. Die Fluktuation ist hoch. So mancher Ausreißer gibt sogar zu Protokoll, froh zu ersein, der „Diktatur“ entflohen zu sein.

In der dreiköpfigen Führungsetage hat sich vor allem eine Funktion als Schleudersitz entpuppt: Marketing und Vertrieb. Neben Inhaber Riegel, der die Produktion betreut, und Finanzer Phiesel kann sich niemand lange halten. Seit September vergangenen Jahres versucht sich mit Herwig Vennekens (54) bereits der dritte Topmanager in dreieinhalb Jahren.

Die Misere zieht sich durch alle Ebenen. Allein in der Geschäftsführung des Heimatmarktes verzeichnete Haribo 2018 drei Abgänge, darunter auch Vertriebschef Dennis Teeken (48). Sein Nachfolger ist seit Oktober vergangenen Jahres ausgerechnet der frühere Exportchef Andreas Patz. Dabei ist Patz, für den eigens die Rolle des Sprechers geschaffen wurde, nicht nur für die Affäre um die Parallelimporte verantwortlich, er ist noch mit weiteren Extratouren aufgefallen.

Auch dieses Mal spielt die Geschichte in Korea. 2016 schickte Haribo einen Container mit über einer halben Million „Goldbären“- Tütchen in das asiatische Land. Wert: ungefähr 600.000 Euro. Doch dummerweise waren die Produkte nach einer Rezepturumstellung in veralteten Ver- packungen gelandet. Inhalt und Inhaltsangaben stimmten nicht überein. Haribo hätte die Ware, die zwar einwandfrei, aber nicht verkehrsfähig war, einfach vernichten können.

Unterlagen verschwinden
Doch nicht mit Patz. Am 7. März greift er, frisch zurück aus dem Urlaub in der Dominikanischen Republik, zum Hörer und meldet sich bei Hahn. Das Telefonat dauert 28 Minuten und 43 Sekunden und lässt sich auf Tonband verfolgen. Patz räumt den Fehler ein und schlägt vor, die Produkte nach Singapur zu bringen und die Inhaltsangaben, in denen es unter anderem um einen aus der Färberdistel gewonnenen Stoff geht, zu überkleben. Danach könne Hahn sie zurückkaufen und so tun, als habe er davon nichts gewusst.

Am Tag darauf telefonieren die beiden erneut. Patz versichert, dass Haribo, sollte eine Frage auftauchen, einen Brief aufsetzen und erklären könne, warum zwei verschiedene Rezepturen vorliegen, etwa, weil es sich um eine Vorproduktion handele. Das sei kein Problem. Dann wird er emotional: Die Produkte in den Müll zu werfen, breche ihm das Herz. Es gehe nicht nur um Geld, es gehe um Gefühle.

Als Hahn nicht mitzieht, kommt Patz eine andere Idee: Haribo könne die Produkte auch nach Nigeria, Simbabwe oder Mosambik bringen. Da seien die Gesetze nicht so streng, und man sehe die Ware nie wieder.

Der Vorgang, so viel ist sicher, ist auf dem Tisch des Vorstands gelandet. Und dort war man offenbar weniger an Aufklärung interessiert als um Schadensbegrenzung bemüht. Laut einer Vergleichsvereinbarung zwischen Aquarius und Haribo vom 20. Mai 2016 erhielt Hahn eine Entschädigung in Höhe von 2,5 Millionen Euro. Zudem sicherte Haribo ihm zu, künftig andere Ansprechpartner zu bekommen. Dafür sollten alle Beweise vernichtet werden. Nur eine Kopie durfte erhalten bleiben – falls eines Tages doch jemand unangenehme Fragen stellt.

DRAHT ZIEHER
CFOMichael Phiesel gilt vielen als der heimliche Chef


Heute richtet Haribo dazu aus, dass es in den Gesprächen nur um eine „bloße Auslotung von Optionen“ gegangen und eine Umetikettierung in Singapur legal gewesen wäre. Die Produkte „aufgrund niedriger Standards unverändert, also ohne ordnungsgemäße Umetikettierung nach Afrika zu liefern“ habe nie zur Debatte gestanden. Am Ende seien die Bärchen vernichtet worden.

Trotz des Vergleichs haben Hahn und Haribo nicht mehr zusammengefunden. Am 25. Oktober 2016 hat der Fruchtgummihersteller den Vertrag mit Aquarius beendet und sogar eine Klage vor dem Obersten Gerichtshof in Singapur eingereicht. Dabei soll es um nicht bezahlte Rechnungen für gelieferte Waren gehen. Hahn sagt, er sei eine Zahlung schuldig geblieben, um seinen Verlust zu begrenzen.

Das Geschäft in Korea erholt sich unterdessen von den Tur - bulenzen. Heute arbeitet Haribo mit einer Firma namens Samkyoung zusammen. Und die ist womöglich flexibler als Aquarius. Zumindest zeigt Hahn eine Packung „Gold bären“, die laut Aufschrift in Deutschland hergestellt wurde. Dem Ländercode zufolge stammt die Ware jedoch aus Österreich. Als manager magazin Haribo mit Fotos konfrontiert, teilt der Hersteller mit, dass es sich um im Januar 2017 in Österreich produzierte Ware handele. Diese sei an den deutschen Handel verkauft, von dort ohne Wissen von Haribo offenbar in Korea gelandet und mit einem Etikett mit falscher Länderangabe versehen worden.

EINFALLSREICH

Deutschland- BossAndreas Patz

Den frisch amtierenden Deutschland-Chef Patz beschäftigen inzwischen ganz andere Probleme. Stand im Heimatmarkt – mit über 600 Millionen Euro Umsatz der mit Abstand wichtigste – 2017 erstmals ein kleines Minus in den Büchern, ist daraus inzwischen ein di cker Rückgang geworden. Schon im Sommer 2018 kursierten Marktforschungsergebnisse, die einen Umsatzeinbruch zum Halbjahr um 10 Prozent aus wiesen. Mitte Oktober geriet schließlich die Warenverteilung ins Stocken. Ausgerechnet zum Saisonhöhepunkt stellte ITChef Martin Flegenheimer die Warenwirtschaft auf das SAP-System S/4HANA um, und Haribo konnte den Handel nicht mehr im gewünschten Umfang beliefern.

Auch auf Gruppenebene stagnierten 2018 die Erlöse. Das Ziel, den Umsatz bis 2020 auf vier Milliarden Euro auszubauen, ist nicht mehr zu schaffen. Derzeit kommt man auf geschätzt rund drei Milliarden Euro.

Dazu kommen Imageprobleme. Der WDR berichtete 2017 unter anderem über Missstände bei der Gewinnung von Carnaubawachs, das die Bären glänzen lässt. Demnach sollen auf Plantagen in Brasilien Menschen unter unwürdigen Bedingungen arbeiten und selbst Kinder beschäftigt werden. Obwohl Haribo dies bestreitet, leidet die Beliebtheit der Marke laut einer Erhebung des Instituts YouGov (siehe Grafik „Sauer“).

Vor dem Konzern liegen schwere Zeiten. Riegels Schlag - fertigkeit allein wird da nicht helfen.

Martin Mehringer


Illustration: TurboSquid

Fotos: Roba Images, Haribo GmbH / obs

Fotos: Haribo (2), People Picture

Fotos: Ludwig Heimrath, xing.com/profile/Andreas_Patz