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HARINGVLIET / RHEINMÜNDUNG: FREIE BAHN FÜR RHEINLACHSE


Blinker - epaper ⋅ Ausgabe 90/2018 vom 10.08.2018

Fast 50 Jahre lang war das niederländischeHaringvliet , eine ehemalige Nordseebucht undRheinmündung , vom Meer abgeschnitten. Jetzt wollen unsere Nachbarn die Fluttore einen Spaltbreit öffnen – mit schwer absehbaren Folgen …


Artikelbild für den Artikel "HARINGVLIET / RHEINMÜNDUNG: FREIE BAHN FÜR RHEINLACHSE" aus der Ausgabe 90/2018 von Blinker. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Der massive, fünf Kilometer lange Haringvlietdam trennt den Rhein von der Nordsee.


FOTO: PIXABAY.COM/MAARTENB, GOOGLE MAPS

Das Haringvliet liegt südlich von Rotterdam. Es ist durch die Errichtung des Haringvlietdams entstanden. Dieser Damm soll nun einen Spaltbreit geöffnet werden, um Wanderfischen die Passage zu erleichtern und ein Brackwassergebiet entstehen zu lassen (grau ...

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... unterlegt).


Vor allem für den prestigeträchtigen Lachs wird der Weg frei gemacht, Wiederansiedlungsprojekte in Deutschland könnten profitieren.


Das Haringvliet gehört zu den bekanntesten Raubfischgewässern Europas. Kaum ein anderes wird so oft mit kapitalen Barschen, Hechten und Zandern in Verbindung gebracht. Allerdings war das nicht immer so: Das große Binnengewässer bildete sich erst durch die Errichtung des Haringvlietdams, der bis heute das Rhein-Maas-Delta von der Nordsee trennt. Das bis dahin durch Süß-und Salzwasser geprägte Ökosystem ging durch die Abtrennung von der Nordsee verloren. Als Folge verschwanden viele für das Mündungsdelta typische Fisch-und Pflanzenarten. Wanderfische konnten das Haringvliet kaum noch passieren, um in den Rhein zu gelangen oder ihn zu verlassen.

Um diesen negative Entwicklungen rückgängig zu machen, wurde in den Niederlanden nach langem Hin und Her der sogenannte „kierbesluit“ (zu Deutsch: „Spaltbeschluss“) verabschiedet. Ab September werden die Fluttore des Damms einen Spaltbreit geöffnet, um den Austausch von Salz-und Süßwasser wieder zu ermöglichen.

BRACKWASSER MIT GRENZEN

Durch diese Maßnahme hofft man, die natürlichen Bedingungen im Haringvliet zumindest teilweise wiederherstellen zu können. Durch die Öffnung sollen die Gezeiten (wenn auch sehr viel schwächer als damals) wieder einen Einfluss auf das Gewässer haben. Mit der Flut wird dann Meerwasser ins Haringvliet hineingespült, sodass ein dauerhaftes Brackwassergebiet entstehen könnte. Wie weit es sich ausbreitet, soll durch die Fluttore des Damms kontrolliert werden können. Auch ein „Süßspülen“ des Gewässers soll möglich sein, falls der Salzgehalt über ein festgelegtes Maß ansteigt. Die angestrebte Grenze der geplanten Brackwasserzone liegt zwischen der Mündung der Spui und der Stadt Middelharnis, etwa auf der Hälfte des Haringvliets.

Der Spaltbeschluss – Alle Infos auf einen Blick

Das Haringvliet:
► ursprünglich eine natürliche Meeresbucht
► Binnengewässer bildete sich durch die
► Errichtung des Haringvlietdams
► Länge: 28 Kilometer
► Breite: zwischen 800 und 3200 Meter
► mittlere Tiefe: -8 Meter

Fischarten:
► Raubfische: Hechte, Flußbarsche, Zander
► Futterfische: Brassen, Grundeln, Kaulbarsche, Rotaugen, Stinte

Der Haringvlietdam:
► Teil der niederländischen Delta-Werke ► erbaut von 1958 bis 1970 ► Länge: 5 Kilometer ► Breite: 56 Meter ► 17 Durchlässe, je 62 Meter lang

Das ist geplant:
► Fluttore werden ab September geöffnet
► Bildung einer Brackwasserzone
► Kontrolle des Salzgehalts über Sensoren
► begleitende Umweltstudie

Pro:
► Durchgang für Wanderfische
►Wiederherstellung des BrackwasserÖkosystems
► Fluttore können jederzeit geschlossen werden

Kontra:
► Bildung der gewünschten Brackwasserzone ist nicht garantiert
► Trinkwasseranlagen müssen verlegt werden
► Die Berufsfischer können weiterhin ungehindert direkt vor den Fluttoren fischen.

Die vom Meer ins Süßwasser ziehende Flunder ist möglicherweise Symbol des Niedergangs der Zander-, Barsch-und Hechtangelei


FREIE FAHRT FÜR LACHSE

Einer der Hauptgründe für die Öffnung und das Einlassen von Meerwasser ist die Wiederherstellung der Durchgängigkeit für Wanderfische. Lachse zum Beispiel hatten es bisher schwerer, in den Rhein zu kommen, nicht jeder Fisch fand die Umwege über Fischpässe in Seitenarmen. Es wird davon ausgegangen, dass der historische Hauptwanderweg der Lachse mit der Schließung des Damms in der Vergangenheit verloren ging und so der Durchbruch bei diversen Rheinlachs-Programmen bisher ausblieb. Die großen Bemühungen in Form von millionenschweren Besatzprogrammen und Renaturierungsmaßnahmen in deutschen Zuflüssen des Rheins könnten endlich reiche Früchte tragen. Auch andere Wanderfischarten wie Meerforellen, Störe und Aale sollen von der Öffnung des Haringvliets profitieren.

Auch für das Gewässer selbst gibt es mögliche positive Folgen. Brackwasserzonen gehören durch den ständigen Austausch von Salz-und Süßwasser zu den produktivsten Gewässertypen. Ein offener Zugang zum Meer bedeutet in vielen anderen Beispiel-Gewässern eine größere Fischmenge und Artenvielfalt. Was für Angler zunächst verlockend klingt, hat jedoch auch eine Kehrseite.


“WANDERFISCHE WERDEN VON DER ÖFFNUNG DES HARINGVLIETS PROFITIEREN.“


GESPALTENE MEINUNGEN

Von weitreichender Euphorie über den Beschluss kann nicht die Rede sein. Viel eher ruft der Spalt wortwörtlich gespaltene Meinungen hervor. Denn sicher ist nur: Es ist nicht sicher, dass die gewünschte Entwicklung genau so eintreten wird wie geplant.

Es ist möglich, dass durch die Öffnung der Fluttore zwar Meerwasser ins Haringvliet eindringt, die Strömung aber nicht ausreicht, um tatsächlich eine stabile Brackwasserzone entstehen zu lassen. Schlimmstenfalls würden Blasen salzhaltigen Wassers am Grund entstehen, die sich mit dem übrigen Wasser nicht vermischen – mögliche Todeszonen. Eine weitere denkbare Folge ist die Abwanderung der Süßwasserfischarten aus dem Übergangsbereich und somit ein dauerhafter Verlust der tollen Raubfischbestände im Haringvliet. Anwohner des Haringvliets sorgen sich zudem darum, dass ihr Trinkwasser versalzen könnte.

Doch selbst, wenn durch den Spaltbeschluss alle positiven biologischenVer- änderungen wie gewünscht eintreffen, muss ein weiterer Unsicherheitsfaktor in die Entwicklung einbezogen werden: die Berufsfischerei. Die Gesetzlage ist nicht an veränderte Bedingungen angepasst. Es gibt also keinerlei Regulierungen zum Lachsfang, an denen sich Berufsfischer orientieren müssen. Die edlen Salmoniden erzielen so attraktive Erlöse für Fischer, dass sie möglicherweise verleitet werden, das bestehende Recht bis aufs Äußerste auszureizen. Ein Großteil der Lachse, die das Haringvliet passieren, könnten daher nicht im Rhein, sondern auf dem Teller landen. Zudem wären natürlich nicht nur Lachse von einer Intensivierung der Berufsfischerei in dem Gewässer betroffen.

Die Ufer des Haringvliets waren ursprünglich vom Salzwasser geprägt und ökologisch sehr wertvoll.


FOTOS: PIXABAY.COM/MAARTENB, D. ISAIASCH, S. BELJAARS


Dietmar Isaiasch:
„ES WIRD ALLES KONTROLLIERT.“


Dietmar Isaiasch hat sich als Produktentwickler und Profi-Angler einen Namen gemacht. Er angelt seit mehreren Jahrzehnten im Haringvliet und kennt sich dort bestens aus.

Durch das kontrollierte Öffnen des Haringvliets werden neben Meerforellen und Lachsen auch Meeresfische wie Wolfsbarsche und Plattfische ins Binnengewässer gelangen. Futterfische in Form von Heringen und Stinten werden die Fluttore passieren können – ein gefundenes Fressen für Zander, Barsche und Hechte. Wahrscheinlich werden die Räuber in Zukunft noch besser abwachsen, als das ohnehin schon der Fall ist. Durch die größere Artenvielfalt wird das Haringvliet für uns Angler also noch attraktiver.

Dem gegenüber stehen allerdings die Anwohner des Gewässers, die sich selbstverständlich Sorgen um ihr Trinkwasser machen. Durch einen erhöhten Salzgehalt könnten Trinkwasseranlagen beschädigt werden. Der Beschluss selbst ist allerdings schon ein Kompromiss, um diese Folgen zu minimieren: So muss nur ein kleiner Teil der Anlagen verlegt werden, während die Ausmaße bei einer vollständigen Öffnung viel größer gewesen wären. Außerdem sind die Schleusen mit Sensoren ausgestattet, sodass sich die Fluttore schließen, wenn der Salzgehalt zu hoch wird. Weiterhin wird sich eine Umweltstudie mit den kommenden Veränderungen im Haringvliet beschäftigen. Es wird also alles kontrolliert.

Gegnern der Öffnung sei außerdem gesagt, dass die Tore bei Hochwasser im Rhein schon früher geöffnet wurden, um das Wasser abfließen zu lassen. Dabei wurden enorme Mengen an Zandern, Hechten und Barschen in die Nordsee gespült, wo sie von Berufsfischern schnell eingefangen wurden, bevor sie verstarben.


Sjoerd Beljaars:
„WER MACHT HIER WEM WAS VOR?“


Sjoerd Beljaars war viele Jahre Chefredakteur unseres niederländischen Schwestermagazins Beet. Er kennt das Haringvliet bestens und steht einer Öffnung kritisch gegenüber.

Ich betrachte die Entwicklung vor allem realistisch: Viele vergessen, dass es sich hier tatsächlich nur um einen „Spalt“ handelt, der geöffnet wird. Es ist daher nicht gesagt, dass sich tatsächlich die gewünschte Brackwasserzone bildet. Salzwasser ist schwerer als Süßwasser, und die geringe Strömung, die durch den Spalt ins Haringvliet gelangt, reicht womöglich nicht aus, um beides zu vermischen. Es könnte sich eine schwere Salzwasserschicht am Boden bilden; so ähnlich, wie es im benachbarten Grevelingenmeer passiert ist. Das hätte einen mangelhaften Austausch der Wasserschichten zur Folge, der dem Ökosystem langfristig schaden wird. Ich hoffe natürlich, dass es nicht dazu kommt, doch die Möglichkeit muss in Betracht gezogen werden.

In den Niederlanden hat es im Vorfeld eine lange Diskussion zur Öffnung gegeben, die nach wie vor anhält. Kritiker sehen den Beschluss vor allem als eine „Zwangsmaßnahme“ – falls nichts passiert, um die Wasserwege für Wanderfische zu öffnen, drohen den Niederlanden Sanktionen. Andere Parteien, zum Beispiel Naturschutzverbände, halten den Spalt bestenfalls für einen Kompromiss. Ihrer Meinung nach hätte viel mehr getan werden müssen.

Das größte Problem sind jedoch die Berufsfischer. Sie sind nicht dazu bereit, Zugeständnisse zu machen und den Fischfang vor dem Haringvliet einzuschränken. Sie könnten alle Anstrengungen schnell zunichte machen: Schließlich hindert sie niemand daran, vor dem Damm darauf zu warten, dass die Lachse ihnen in die offenen Netze schwimmen. Auf diese Weise hätten wir keinen Wanderweg, sondern eine Falle geschaffen – genau das Gegenteil von dem, was wir wollen. Da muss man sich wirklich fragen, wer hier eigentlich wem was vormacht.


FOTOS: SHUTTERSTOCK.COM/G. HOOIJER, L. LAURSEN