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Hart am Wind


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The Red Bulletin-Deutschland Ausgabe - epaper ⋅ Ausgabe 11/2021 vom 12.10.2021

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Bildquelle: The Red Bulletin-Deutschland Ausgabe, Ausgabe 11/2021

VOLLE KRAFT VORAUS Santiago und seine Segel- Partnerin Cecilia Carranza (hinter ihm) beim Training auf ihrem Katamaran im Mittelmeer vor Barcelona.

„Wenn ich in ein Boot steige, geschieht genau das. Alles fällt von mir ab. Ich lebe ganz in der Gegenwart.“

Das Beeindruckendste ist nicht die irre Geschwindigkeit, mit der Santiago Lange an der Seite seiner Segelpartnerin Cecilia Carranza über das Meer vor Barcelona rauscht. Gut 20 Knoten, das sind fast 40 km/h, erreichen sie, und was das hier draußen bedeutet, versteht man erst, wenn man im Motorboot hinterherrast.

Das Beeindruckendste ist auch nicht der Lärm, der anschwillt, das Flattern, Peitschen und Schlagen, wenn ihr Katamaran, mehr Hengst als Boot, Tempo aufnimmt und über Wellen und Gischt jagt. Das Beeindruckendste ist noch nicht mal, dass Santiago, im Trapez über dem Wasser hängend und tausend Dinge gleichzeitig steuernd, nebenher auch noch den Wind liest. Das Beeindruckendste ist: Santiago sieht bei all dem seelenruhig aus. Als sei er völlig bei sich, als gehe er ganz in dem auf, was er ...

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... tut. Das ist es wohl, was Psychologen Flow nennen.

Logisch: Nach sieben Olympia-Teilnahmen und drei Medaillen, nach zig Weltmeisterschaften und vier WM-Titeln, nach Extrem-Erfahrungen bei America’s Cup und Ocean Race, nach mehr als fünf Jahrzehnten auf dem Wasser, kann man sich auf einem rasenden Katamaran schon mal im Flow fühlen. Nur: Im Fall von Santiago Lange war es eher andersrum. Erst war da der Flow, dann kamen Erfahrung und Erfolg.

Ein paar Stunden vor der Trainingseinheit auf dem Meer sitzt Santiago – Jeans, Sneakers, Baseballcap – in einem Lokal am kleinen Yachthafen neben dem Barcelona International Sailing Center. Dass er sechzig Jahre alt ist (inzwischen ist er sechzig), darauf deuten höchstens ein paar Fältchen in seinem Gesicht hin. Seine Körperspannung, seine Energie – all das lässt ihn viel jünger wirken.

Zu Hause ging es früher streng zu, auf dem Wasser war Santiago frei

Am Nebentisch trinken Fischer ihr mittägliches Feierabendbier, Santiago bestellt Cappuccino, dann beginnt er zu erzählen. Über ein Leben voller Höhen, wie dem Goldtriumph in Rio 2016, und Tiefen, wie seine Krebserkrankung im Jahr davor, und über Erfahrungen, die ihn viel gelehrt haben. Dass man vor allem Freiheit braucht, um zu lernen, zum Beispiel. Dass es ein großes Glück ist, eine Passion zu haben. Und: dass ein Tisch nicht immer vier Beine haben muss.

Seit einigen Jahren schon verbringt Santiago die Sommerhälfte des Jahres in Cabrera, einem Dorf nahe Barcelona. Aufgewachsen ist er aber in San Isidro, einem idyllischen Vorort von Buenos Aires, gelegen an der gigantischen Meeresbucht, die den etwas irreführenden Namen Rio de la Plata trägt. Sie wird früh zu Santiagos Abenteuerspielplatz. Zu Hause geht es streng zu, draußen auf dem Wasser ist er frei. „Am Freitag nach der Schule fuhr ich zum Segelclub und kam Sonntagabend wieder heim“, erzählt er. „Ich liebte es schon immer, draußen auf dem Meer zu sein. Heute ist oft davon die Rede, wie wichtig es sei, im Hier und Jetzt zu leben. Wenn ich in ein Boot steige, geschieht genau das. Alles fällt von mir ab. Ich lebe ganz in der Gegenwart. So war das schon immer.“

Mit seinem Kumpel Martin erkundet er in jeder freien Stunde segelnd den Rio de la Plata. Sie sind noch Kinder, machen Fehler, geraten in Gefahr, aber sie können sich nichts Schöneres vorstellen. Wie Abenteurer fühlen sie sich, und mit jedem Abenteuer lernen sie dazu. „Wir hatten das Privileg, allein gelassen zu werden. Und das ist die beste Art, etwas zu lernen, glaube ich: Fang einfach an, mach deine eigenen Erfahrungen und Fehler. Vom Wissen anderer kannst du später immer noch lernen. Und das gilt nicht nur fürs Segeln.“

Mit Martin hat er einen Freund, der talentierter ist als er selbst. Auch das ein großes Glück. Martin wird für ihn Weggefährte und Konkurrent zugleich. Von ihm lernt er, besser zu segeln – und härter zu arbeiten. Bei den Jugendmeisterschaften 1976 gewinnt Santiago seinen ersten nationalen Titel in Argentinien – im Optimist, einem Ein-Mann-Segelboot. Bis heute ist das einer seiner schönsten Triumphe: Santiago ist damals 15 Jahre alt und lernt zwei Lektionen: Mit Willen und Köpfchen lässt sich vieles schaffen. Und die Zufriedenheit, ein Ziel zu erreichen, fühlt sich fantastisch an.

Wilde Jahre in England

Santiago weiß früh, was seine Passion ist: segeln, an Wettkämpfen teilnehmen, besser werden. Die Frage, die ihn lange beschäftigt, ist jedoch: Wie konsequent folge ich ihr? Zunächst läuft alles auf einen Kompromiss hinaus. Da sein Vater darauf pocht, dass er ein Studium absolviert, zieht er Anfang der 1980er-Jahre nach England und studiert in South- ampton Schiffsbau. Es ist eine aufregende Zeit, er lebt in einem besetzten Haus, reist im Sommer, wiewohl fast pleite, zu Segelwettbewerben durch Europa, sperrt sich im Winter zum Lernen ein.

Die 80er-Jahre sind eine aufregende Zeit für ihn. Santiago lebt in einem besetzten Haus in Southampton. Im Sommer reist er, obwohl fast pleite, zu Segelwettbewerben durch Europa.

„Damals verstand ich eines“, sagt Santiago, „wenn ich meine Träume für ein normales Leben aufgebe, werde ich nicht glücklich sein.“

Ein Spagat, den er nach dem Studium fortsetzt: Tagsüber arbeitet er in einem Schiffsbauatelier in Buenos Aires, abends trainiert er für die 1985 in Argentinien stattfindende Weltmeisterschaft in der Snipe-Klasse, bei der er seinen ersten WM-Titel holt. Bald kommt zu den Polen Leistungssport und Arbeit noch ein dritter hinzu: die eigene Familie. Santiago heiratet, wird Vater, lebt nun ein Leben in drei Rollen: Er versucht seine berufliche Karriere, das Familienleben mit bald vier Kindern und die Teilnahme an Olympia 1988 in Seoul („Danach wusste ich, dass ich das Potenzial habe, eine Medaille zu gewinnen“) und 1996 in Atlanta (wo er nach Platz neun im Laser enttäuscht ist) unter einen Hut zu kriegen. Es sind zu viele Rollen.

Nach der Scheidung verspricht er sich, seiner Berufung zu folgen

Seiner Frau und der Familie zuliebe gibt er das Segeln auf, nimmt einen Job im Vertrieb von Tief kühlprodukten an, sitzt im Büro statt im Boot. Lange hält er das nicht aus. Die Ehe scheitert, die Trennung von den Kindern bricht ihm das Herz. Doch es ist auch ein Neuanfang. In der kommenden Lebensphase, das verspricht er sich, soll nichts seine Berufung als Segler auf halten.

„Damals verstand ich eines“, sagt Santiago am Hafen in Barcelona, „wenn ich meine Träume aufgebe für ein ‚normales‘ Leben, werde ich nicht glücklich sein; und die Menschen um mich herum in der Folge auch nicht. Heute glaube ich, das ist die wichtigste Lehre, die ich meinen Söhnen mitgeben kann: Sei frei, finde deine Passion und folge ihr. Einer Sache musst du dir dabei aber bewusst sein: Wenn du deiner Leidenschaft folgst, ist dein Leben wie ein Tisch mit nur drei Beinen – es ist nicht perfekt ausbalanciert. Das ist der Preis, den du zahlst. Den musst du akzeptieren.“

Auf dem Höhepunkt seiner Karriere: auf zu neuen Abenteuern!

Bei den Olympischen Spielen im Jahr 2000 in Sydney tritt Santiago Lange in der schnelleren Tornado-Klasse an. Mit seinem Partner verpasst er auf dem Katamaran einen Medaillenplatz, aber er ist sicher, nun das richtige Boot für sich gefunden zu haben. Und tatsächlich: 2004 in Athen gewinnt er Bronze, seine erste olympische Medaille. Vier Jahre später, 2008 in Peking, wiederholt er diesen Erfolg sogar. Mit mittlerweile 46 Jahren glaubt er den Höhepunkt seiner olympischen Lauf bahn erreicht zu haben – und beschließt, sich von den Spielen zurückzuziehen. Schließlich gibt es in der Welt des Segelns noch eine Reihe weiterer spannender Herausforderungen.

Schon 2005 arbeitet er erstmals bei einem Team mit, das am renommierten America’s Cup teilnimmt, der Formel 1 des professionellen Segelns. 2008, kurz nach den Spielen von Peking, tritt er – zum zweiten Mal nach 2001 – auch wieder beim dritten großen Wettstreit des Segelsports an: dem Ocean Race, einem monatelangen Rennen um die Welt.

Kaum Schlaf, Stürme, ständige Lebensgefahr. „Das Ocean Race steht vor allem für die abenteuerliche Seite des Sports“, sagt Santiago. „Eine großartige Herausforderung. Genauso wie der America’s Cup, bei dem es vor allem um Technologie und Management geht. Die Essenz des Sports aber, das sind für mich die Olympischen Spiele.“ Dass er eines Tages zu ihnen zurückkehren wird, erwartet er dennoch nicht. Bis ihn 2012 eine E-Mail erreicht.

„Hallo Santi, ich hoffe, es geht dir gut. Kommst du in den nächsten Monaten nach Buenos Aires?“, schreibt ihm die damals 25-jährige argentinische Seglerin Cecilia Carranza. Bei den Spielen in Rio 2016 soll erstmals ein Wettbewerb in der Bootsklasse „Nacra 17“, einem schnellen Katamaran, stattfinden, die Teams bestehen aus einer Frau und einem Mann.

Cecilia möchte in dieser Klasse antreten und Santiagos Rat für die Planung einholen. Sie ist überrascht, als er sie bald darauf bei einem persönlichen Treffen fragt: „Wie wäre es, wenn wir zusammen anträten?“

Erst kann Santiago die Diagnose Lungenkrebs nicht glauben

Santiago weiß, dass ihm in seinem Alter nun eine riesige Herausforderung bevorsteht. Wie groß sie tatsächlich wird, ahnt er nicht.

Das Training mit Cecilia für Olympia läuft bereits, als die Ärzte bei ihm 2015 einen Knoten in der Lunge finden. Er kann es kaum glauben und lange nicht akzeptieren. Er hat sein Leben lang Sport gemacht, an der frischen Meeresluft gelebt – und soll nun Lungenkrebs haben? Doch der Rat der Ärzte ist klar. Er muss operiert werden. Im September 2015 entnehmen sie ihm in einer siebenstündigen Operation 80 Prozent seiner linken Lunge. Die Ärzte versprechen ihm, er werde seine volle Lungenkapazität wiedererlangen. Doch Santiago ist skeptisch. Er liegt im Krankenhausbett, pustet in ein Trainingsgerät für seine Lunge – drei kleine Bällchen soll er mit der Kraft seines Atems in der Luft halten – und denkt an die Olympischen Spiele, die in nicht einmal einem Jahr beginnen.

„Ein Athlet zu sein, ein Segler, das half mir in dieser Zeit ungemein“, sagt Santiago. „Erstens trainierst du als Sportler dein Leben lang, Widerstände zu überwinden. Zweitens hast du als Segler gelernt, die Natur zu akzeptieren – du weißt, es geschehen Dinge, die du nicht kontrollieren kannst. Und drittens war der Wunsch, in Rio dabei zu sein, eine riesige Motivation.“ Neun Monate nach seiner Operation gewinnt Santiago mit Cecilia die Goldmedaille in Rio. Es ist der größte sportliche Erfolg seiner Karriere.

„Ich habe mich oft gefragt, warum es gerade in Rio mit Gold geklappt hat. Die Antwort, die ich darauf finde, ist: Wir hatten diesen besonderen Willen und Glauben. Wir gingen als Team durch sehr harte Zeiten, das gab uns Kraft und machte uns zu einer Einheit. Wir wussten: Wir können jeden Gipfel besteigen.“

Die Diagnose Krebs kann er nicht glauben. Er hat sein Leben lang Sport gemacht, an der frischen Meeresluft gelebt. Ärzte entnehmen ihm 80 Prozent seiner linken Lunge.

2008

Treppchen zum Zweiten: In Peking tritt Santiago erneut in der Bootsklasse Tornado an – und holt wieder die Bronzemedaille.

2013

Große Fahrt: Als Crew-Mitglied bei Team „Artemis“ nimmt er am legendären America’s Cup teil.

2016

Comeback: Nach überstandener Krebs-OP gewinnt er mit Cecilia Carranza Olympia-Gold in Rio.

2021

Große Ehre: Zusammen mit Cecilia Carranza darf er bei den Olympischen Spielen in Tokio die Fahne für das argentinische Team tragen.

Dass es bei den Spielen in Tokio im Sommer nur Platz 7 geworden ist, findet er „schmerzhaft“, wie er sagt. Etwas Trost findet er darin, dass er und Cecilia immerhin das finale Medaillenrennen gewannen. Auch wenn dieser Sieg ihnen im Gesamtergebnis nicht mehr zum erhofften Platz auf dem Treppchen verhalf, sei es „keine kleine Sache“ gewesen.

Die achten Olympischen Spiele? Nicht ausgeschlossen …

Wie es nun weitergeht? Santiago weiß es noch nicht. Er kann sich nun, mit sechzig, vieles vorstellen. Sein Leben stärker auszubalancieren, „den Tisch etwas mehr auf vier Beine zu stellen“, wie er sagt. Aber auch, noch einmal an Olympia teilzunehmen. Die Motivation ist weiterhin da. „Ich liebe den Wettbewerb“, sagt Santiago, „und ich genieße es, Arbeit in etwas zu stecken, um besser darin zu werden. Auch weil mir das die Chance gibt, noch glücklicher zu sein, wenn es zum Erfolg führt. Und diese großen Emotionen, die mir der Sport schenkt – Freude, Adrenalin, auch Frustration –, sind ein wesentlicher Teil meines Antriebs.“ Und dann ist da natürlich noch diese andere Sache: „Ich spüre heute draußen auf dem Meer noch immer das Gleiche wie damals als Kind“, sagt Santiago. „Das Gefühl, ganz bei mir zu sein und den Moment zu genießen.“

„Wind: Meine Triumphe, meine Gedanken, mein Leben“: Unter diesem Titel erzählt Santiago Lange seine inspirie rende Lebensge schichte. Pantauro Verlag, 24 €

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