Lesezeit ca. 7 Min.
arrow_back

Hat er den Biss?


Logo von tennisMAGAZIN
tennisMAGAZIN - epaper ⋅ Ausgabe 20/2023 vom 12.12.2022

STORY

Artikelbild für den Artikel "Hat er den Biss?" aus der Ausgabe 20/2023 von tennisMAGAZIN. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.
SO KENNT MAN IHN: Alexander Zverev mit Vorhandpeitsche und fliegenden Halsketten.

Grand Slam-Sieg und die Nummer eins der Welt: Der Weg von Alexander Zverev für 2022 schien vorgezeichnet. Doch am Ende kam alles ganz anders. Als Nummer 12 beendet der Olympiasieger das Jahr, in dem er seit dem 3. Juni bis zum Saisonsende kein offizielles Match mehr bestritten hat. Den ersehnten ersten Major-Erfolg hat er auch noch nicht in der Tasche. Im Wimbledon und New York verletzt, in Australien schon im Achtelfinale an Denis Shapovalov gescheitert. Und in Paris, nun ja, kam es zu einem der wohl prägendsten Tage seines Sportlerlebens.

An diesem 3. Juni war alles angerichtet: Halbfinale der French Open in Paris gegen Rafael Nadal. Auf dem Lieblingsplatz des Spaniers, auf dem dieser schon 14-mal das Finale von Roland Garros gewann, duellierten sich beide 3:15 Stunden. Beim Stand von 6:7, 6:5, 30:40 aus Zverevs Sicht passierte es. Der Hamburger knickte um. Ein Schrei, der jedem der 15.000 ...

Weiterlesen
epaper-Einzelheft 5,99€
NEWS Jetzt gratis testen
Bereits gekauft?Anmelden & Lesen
Leseprobe: Abdruck mit freundlicher Genehmigung von tennisMAGAZIN. Alle Rechte vorbehalten.
Lesen Sie jetzt diesen Artikel und viele weitere spannende Reportagen, Interviews, Hintergrundberichte, Kommentare und mehr aus über 1050 Magazinen und Zeitungen. Mit der Zeitschriften-Flatrate NEWS von United Kiosk können Sie nicht nur in den aktuellen Ausgaben, sondern auch in Sonderheften und im umfassenden Archiv der Titel stöbern und nach Ihren Themen und Interessensgebieten suchen. Neben der großen Auswahl und dem einfachen Zugriff auf das aktuelle Wissen der Welt profitieren Sie unter anderem von diesen fünf Vorteilen:

  • Schwerpunkt auf deutschsprachige Magazine
  • Papier sparen & Umwelt schonen
  • Nur bei uns: Leselisten (wie Playlists)
  • Zertifizierte Sicherheit
  • Freundlicher Service
Erfahren Sie hier mehr über United Kiosk NEWS.

Mehr aus dieser Ausgabe

Titelbild der Ausgabe 20/2023 von Das verrückte Jahr. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
Das verrückte Jahr
Titelbild der Ausgabe 20/2023 von Platz in der Bohne. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
Platz in der Bohne
Titelbild der Ausgabe 20/2023 von Die Fremdgeher. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
Die Fremdgeher
Titelbild der Ausgabe 20/2023 von Damentennis-Streifzug. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
Damentennis-Streifzug
Mehr Lesetipps
Blättern im Magazin
»Ich bin bereit für das Amt«
Vorheriger Artikel
»Ich bin bereit für das Amt«
Gemeinsame Sache
Nächster Artikel
Gemeinsame Sache
Mehr Lesetipps

... Zuschauer auf dem Court Philippe Chatrier ins sprichwörtliche Mark fuhr. Selbst auf der gegenüberliegenden Pressetribüne, wo die Journalisten ihre Plätze hatten, waren die Schreie lautstark zu hören. Von einer Sekunde auf die andere wurde es still, Schockstarre.

„Ich habe noch nie in meinem Leben geweint“, sagte Zverev später. Aber diesmal weinte er. Mehr noch als der Schmerz im rechten Fuß tat dem 25-Jährigen weh, dass er Millimeter vor dem Erklimmen der Nummer eins der Welt stand. „Ich denke, ich hätte Rafa geschlagen. Gewinne ich den zweiten Satz und geht es vielleicht sogar über fünf Sätze, hätte ich es drauf gehabt“, war er sich sicher. Dass er im Finale Casper Ruud bezwungen hätte, daran hatte weder er, noch irgendjemand anders Zweifel.

Doch dieser Junitag, an dem Regenwolken über der Stadt lagen und es während der Partie schüttete, hätte vom Wetter her nicht symbolträchtiger für den Rest des Jahres sein können. Der diagnostizierte dreifache Bänderriss sollte zwar bis zum Davis Cup im September in Hamburg verheilen, aber plötzlich gab es ein Knochenödem und Flüssigkeit, die von außen auf den Knochen drückte. Wieder Pause, wohl, weil Zverev zu schnell zu viel wollte. Da streikte der Körper. Zu allem Überfluss kam auch noch Corona dazu, was ihn im November mehrere Tage Training kostete sowie den Auftritt beim TV-Klassiker „Wetten, dass..?“, auf den er sich so gefreut hatte. Wie er diese Phase physisch und psychisch verarbeitet hat, vermag niemand zu sagen. Zverev selbst schweigt seit Monaten, außer wenn er für seine neu gegründete Alexander-Zverev-Stiftung unterwegs ist, die sich für die Belange diabeteskranker Kinder einsetzt. Dass er selbst seit Kindesbeinen an unter der Zucker-Krankheit leidet, gab er im Zuge der Stiftungsgründung erstmals zu, nachdem er es jahrelang abstritt. „Wie er das alles verarbeitet hat, wird man erst sehen, wenn er wieder auf dem Platz steht“, sagt Bruder und Manager Mischa.

INFO

AUSTRALIAN OPEN

Termin: 16. bis 29. Januar 2023 Ort: Melbourne

Herrenfinale 2022: Rafael Nadal -Daniil Medvedev 2:6, 6:7, 6:4, 6:4, 7:5

Damenfinale 2022: Ashleigh Barty -Danielle Collins 6:3, 7:6

Größtes Stadion; Rod Laver Arena (14.820 Plätze)

Rekordsieger: Novak Djokovic (9 Titel)

Rekordsiegerin: Serena Williams (7 Titel)

TV: Eurosport

Mehr Infos:

Zum Jahresende standen und stehen noch Einladungsturniere in Saudi-Arabien (8. bis 10. Dezember; Diriyah Tennis Cup), und in Dubai (19. bis 24.12.; World Tennis League) auf dem Programm, bevor der erste offizielle Test beim United Cup in Australien (29.12. bis 8.1.) erfolgt. Die drei Auftritte sollen den Grundstein für das große Comeback bei den Australian Open legen.

Die einstige Nummer zwei ist nicht der erste Spieler, der an einer langwierigen Verletzung leidet. Roger Federer musste nach Knieproblemen seine Karriere beenden, Rafael Nadal hadert seit Jahren mit Knie und Fuß. Das Wimbledon-Halbfinale 2022 gegen Nick Kyrgios musste er wegen einer Bauchmuskelverletzung sausen lassen. Dominic Thiem kommt nach seiner Handverletzung seit eineinhalb Jahren nicht mehr in Fahrt. „Aber jede Verletzung, jeder Mensch ist anders. Haben drei Leute einen Bänderriss, kommt jeder anders wieder zurück“, so Mischa Zverev.

Der Eindruck, den Zverev in den vergangenen Monaten macht, ist trotz aller Rückschläge ein guter, sowohl, was man in den sozialen Medien sieht, als auch wenn man persönlich mit ihm spricht. Der Urlaub auf den Malediven glich eher einem Trainings- lager. Freundin Sophia Thomalla war sowohl im Indischen Ozean als auch beim Davis Cup dabei. Seiner öffentlichen Kritik, dass sie ihn nach dem Unfall von Paris wochenlang nicht besuchte, scheint sie sich zu Herzen genommen zu haben. So steckte er auch die Folgeverletzungen emotional gut weg. Bruder Mischa formuliert es so: „Turniere spielen ist zwar schön, aber auch viel Stress. So konnte er die Systeme mal runterfahren und mehrere Wochen an einem Ort sein. Er spürte viel Halt von der Familie und hatte Zeit für andere Sachen.“ Regelmäßig sah er sich Fußballspiele bei AS Monaco an, wo er Ex-Nationalspieler Kevin Volland gut kennt, oder er besuchte die Basketball-Euroleague im Fürstentum – Dinge, die für andere seines Alters normal sind, für die ein Leistungssportler aber kaum Zeit hat.

Zverev schaffte es, in dieser Zeit seine Ziele im Kopf umzustellen, indem er sie der neuen Situation anpasste. Statt Grand Slam-Titel und Nummer eins hießen sie nun, wieder geradeaus laufen zu können. Die kleinen Schritte verbuchte er emotional als Erfolgserlebnis. Wer mit Zverev spricht, erlebt einen aufgeräumten Menschen, der nicht mit seiner Situation hadert, sondern nach vorn schaut.

Training nachts um 1 Uhr in der Rod Laver-Arena

2023 werden wieder die sportlichen Ziele im Vordergrund stehen. Dann kann er in Melbourne nach Abendspielen wie 2022 wieder bis nachts um 1 Uhr trainieren, oft auch länger. Sehr zum Leidwesen der ATP-Mitarbeiter und der Journalisten, die auf ihn bei Pressekonferenzen warten. Aber das ist typisch Zverev. Für ihn zählt nur der Erfolg. Nervig für andere, aber gut für ihn. Glaubt man ihm, ist ihm auch seine aktuelle Lage als Nummer 12 der Weltrangliste egal. Dass ihn Carlos Alcaraz & Co. in der Weltrangliste überholt haben und es inzwischen mit der Nummer eins der Welt,

Novak Djokovic, Rafael Nadal, Casper Ruud, Holger Rune, Jannik Sinner, Daniil Medvedev und anderen so viele Kandidaten auf einen Sieg in Melbourne, Paris, London und New York gibt wie Jahrzehnte nicht – für Zverev ist es bedeutungslos. In jedem Gespräch lautet seine Botschaft zwischen den Zeilen: „Ich weiß, dass ich besser bin als die anderen, wenn ich gut drauf bin.“ Sagen würde er es so nie, aber er denkt es. Vor allem, weil er weiß, dass der Unfall in einem Halbfinale bei den French Open gegen den besten Spieler der Historie auf Sand passierte. Und nicht etwa beim Surfen.

Kann Zverev 2023 ein Grand Slam-Turnier gewinnen und die Weltspitze erklimmen? Bruder Mischa beantwortet die Frage pragmatisch: „Hat er die Schläge? Ja. Die Fitness? Ja. Reicht beides für einen Grand-Slam-Sieg? Ja. Im Kopf ist er stärker und erwachsener geworden.“ Einziges Problem: „Zu spekulieren ist nicht mein Ding. So ein halbes Jahr kann einen auch zurückwerfen. Aber wie gesagt, das wird man erst auf dem Platz sehen und da zählen Ergebnisse, egal, was ich vorher für Eindrücke hatte.“ Neben Mischa haben vor allem Vater Alexander senior und Ex-Profi Sergej Bubka junior, der wie Mischa im Management arbeitet, mit Zverev auf dem Platz gestanden.

Eine besondere Rolle kam in diesen Monaten Mark Bennett, seinem Fitness-Coach, zu. Der einstige beinharte Rugby-Spieler, der sich schon mal einen Finger amputieren ließ, um bei einer WM dabei zu sein, ließ Zverev ohne Tennisschläger leiden. Für einen seiner besten Kumpel, Marcelo Melo, verselbstständigte sich das Leben ein Stück weit. Er spielte Turniere und zog ohne Zverev um die Welt und war seltener an dessen Seite.

Apropos Melo. Dass er seinen Freund beim Turnier in Acapulco 2022 nicht davon abhielt, beim gemeinsamen Doppel im Februar auf den Schiedsrichterstuhl einzuprügeln, auf dem der Referee noch saß, ist bis heute unerklärlich. Dass Zverev mit einer vergleichsweise geringen Strafe von 40.000 Dollar davonkam, kommt einem Wunder gleich. Bruder Mischa sagt zu dem Vorfall: „Acapulco spielt für ihn keine Rolle mehr. So eine Sache machst du einmal und du weißt, dass es nie wieder so passieren darf.“

Und während der Leidenszeit? Da spürte man zum ersten Mal eine Art Mitleid mit Zverev, selbst bei denen, die ihn menschlich nicht mögen. Dass er Wochen nach dem jähen Aus auf dem Platz seine Stiftung gründete, war übrigens kein Resultat der vielen Freizeit, die man als Rekonvaleszent hat, sondern es lang an der Bürokratie. Bereits seit Mai 2021 wurde an der Gründung gearbeitet. Dass Ex-Manager Patricio Apey zwischenzeitlich lärmte, Zverev sei schlecht beraten und hätte ohne ihn nur noch einen Sponsor, tat sein früherer Klient mit einem Lächeln ab. Apeys Nachfolger, Bruder Mischa, sagt: „An seiner Aussage stimmte auch nichts. Er ist vor Gericht nicht mal erschienen.“ Dabei wollte Apey etwas von Zverev, nämlich Geld. Aber das ist ausgestanden. Auch mit Ex-Freundin Brenda Patea, der Mutter der gemeinsamen Tochter Mayla, sollt das Verhältnis entspannt sein. Die privaten Dinge scheint Zverev im Griff zu haben. Das macht den Kopf frei. Für kommende Aufgaben.

INFO

ÜBER DEN AUTOR

Sebastian Kayser (47), seit 1998 bei BILD. Schreibt über Tennis, Radsport, Schwimmen und viele andere olympische Sportarten. War bei sieben Olympischen Spielen und bei 15 Grand Slam-Turnieren. Kennt Alexander Zverev seit 2017, traf ihn mehrfach zu Interviews und sah ihn zuletzt beim Davis Cup in Hamburg.