Bereits Kunde? Jetzt einloggen.
Lesezeit ca. 4 Min.

Hauptberuflich Superheld


LIFT - epaper ⋅ Ausgabe 10/2019 vom 26.09.2019

VOR ORT: MIT CAPTAIN AMERICA AUF DEM SCHLOSSPLATZ


Artikelbild für den Artikel "Hauptberuflich Superheld" aus der Ausgabe 10/2019 von LIFT. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bildquelle: LIFT, Ausgabe 10/2019

Mit spannenden Menschen an spannenden Plätzen. Folge 119


Sieben Jahre ist es schon her, seit der Schlossplatz beinahe vom Schurkengott Loki verwüstet worden wäre. Nur die Avengers konnten damals Schlimmeres verhindern. Einen aus ihrer Mitte haben die Superhelden aus dem Marvel-Film offenbar in Stuttgart vergessen: Captain America steht nämlich noch immer hier – mit einer Spendendose.
Während der nachgestellte Schlossplatz im Film kaum Ähnlichkeit mit dem realen hatte, sieht das Kostüm von Captain America täuschend echt aus. „Kinder glauben oft, sie hätten ...

Weiterlesen
epaper-Einzelheft 2,99€
NEWS 14 Tage gratis testen
Bereits gekauft?Anmelden & Lesen
Leseprobe: Abdruck mit freundlicher Genehmigung von LIFT. Alle Rechte vorbehalten.

Mehr aus dieser Ausgabe

Titelbild der Ausgabe 10/2019 von Was soll das denn?. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
Was soll das denn?
Titelbild der Ausgabe 10/2019 von Zusammen baut man weniger allein. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
Zusammen baut man weniger allein
Titelbild der Ausgabe 10/2019 von Keep the Kessel clean. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
Keep the Kessel clean
Titelbild der Ausgabe 10/2019 von Stuttgart stirbt. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
Stuttgart stirbt
Titelbild der Ausgabe 10/2019 von Ein Regal für die Demokratie. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
Ein Regal für die Demokratie
Titelbild der Ausgabe 10/2019 von Die Regio-News im Oktober. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
Die Regio-News im Oktober
Vorheriger Artikel
Die Regio-News im Oktober
aus dieser Ausgabe
Nächster Artikel STUTTGART KAUFT EIN: S KAUFT EIN: Emmas Enkelsöhne sind erwa…
aus dieser Ausgabe

Sieben Jahre ist es schon her, seit der Schlossplatz beinahe vom Schurkengott Loki verwüstet worden wäre. Nur die Avengers konnten damals Schlimmeres verhindern. Einen aus ihrer Mitte haben die Superhelden aus dem Marvel-Film offenbar in Stuttgart vergessen: Captain America steht nämlich noch immer hier – mit einer Spendendose.
Während der nachgestellte Schlossplatz im Film kaum Ähnlichkeit mit dem realen hatte, sieht das Kostüm von Captain America täuschend echt aus. „Kinder glauben oft, sie hätten es mit dem richtigen Superhelden zu tun“, sagt der 31-Jährige, der in Wahrheit – so viel sei verraten – Benjamin heißt. Und ergänzt lächelnd: „Besoffene manchmal auch.“ Seit dreieinhalb Jahren ist er schon in wechselnden Rollen in der Stuttgarter Innenstadt unterwegs und lässt sich gegen freiwillige Spenden als Batman, Deadpool oder Spiderman gemeinsam mit anderen fotografieren. Deutlich schwieriger ist es hingegen, ihn alleine aufs Bild zu bekommen. Ständig bleiben Passanten neben Captain America stehen, sprechen ihn an, bitten um ein Foto. „Nebenjob, was?“ fragt ein Mann grinsend. Benjamins Antwort ruft ungläubiges Staunen hervor: „Nee, ich mach das hauptberuflich.“ Geplant war das nicht.
Anfangs war er nur nachts am Wochenende unterwegs, um sich sein Studiumzu finanzieren. Das lief jedoch so gut, dass der ehemalige Aalener das Studium inzwischen abgebrochen hat. „Natürlich gab es in meinem Umfeld Zweifel. Freunde rieten mir dazu, den Abschluss zu machen“, sagt Benjamin. Seine Eltern habe er mit seiner Entscheidung trotzdem vor vollendete Tatsachen gestellt.

14 Stunden im Kostüm schwitzen

Ein gewöhnlicher Job kommt für ihn nicht mehr infrage: „Ich kann seit Jahren davon leben und bin komplett unabhängig, warum sollte ich diese Freiheit aufgeben?“
Läuft es schlecht, verdient Benjamin nur 60 Euro am Tag, meist sind es aber deutlich mehr: „Mein absoluter Rekord waren 600 Euro.“ Zwar kann Benjamin arbeiten, wann er will, ein Spaziergang ist es aber nicht, das Superheldenleben. An manchen Tagen ist er bis zu 14 Stunden im Kostüm unterwegs, gerade im Sommer eine schweißtreibende Angelegenheit. Tagsüber steht er meist am Schlossplatz, abends vor den Kneipen am Hans-im-Glück-Brunnen. „Manchmal drehe ich bis sechs Uhr nachts meine Runden, normalerweise mache ich aber gegen drei oder vier Feierabend im Café Weiss“, erzählt Benjamin. Anders als früher, habe er inzwischen auch kein Problem mehr damit, am Tresen seine Maske abzusetzen.
Das Alter Ego von Superhelden dient oft zur Tarnung, sie spielen den Jedermann, um ihr Heldendasein vor anderen zu verbergen. Bei Benjamin ist es umgekehrt: Außerhalb seiner Rollewirkt er höflichund bodenständig, spricht davon, dass er im wahren Leben ungerne im Mittelpunkt stehe und bei Referaten oft nervös gewesen sei. Sobald er eines seiner Kostüme trägt, zieht er jedoch automatisch alle Blicke auf sich – was ihm anfangs durchaus schwer gefallen ist.
„In den ersten Monaten musste ich mir noch Mut antrinken, und das nicht zu knapp“, gesteht er. Inzwischen gehe er in seinen Rollen aber so auf, dass ihm die Aufmerksamkeit nichts mehr ausmache.

Begleitet man Benjamin als Captain America bei einem Spaziergang über das Stuttgarter Weindorf, bekommt man eine Ahnung, was es heißt, in diesem Kostüm zu stecken. Sofort sind alle Augen auf uns gerichtet, manche zeigen mit dem Finger auf ihn, andere rufen etwas herüber oder tuscheln miteinander. Könnte man Lippen lesen, man würde vermutlich mehr als einmal das Wort „Freak“ entziffern. Das muss man aushalten können.
Die meisten Reaktionen sind dennoch positiv. Eine Gruppe angeheiterter Frauen in einer Weinlaube ruft ihn für Selfies herbei. Der Saxofonist einer Brass-Band am Marktplatz knipst mitten im Song ein Foto vom vorbeigehenden Superhelden. Selbst Mitarbeiter vom Roten Kreuz bitten um ein Bild mit ihm – Helden unter sich sozusagen. Wirklich aufgeregt sind aber die Kinder an der Kinderschminkstation, wo sich Benjamin freundlich und geduldig Zeit fürs gemeinsame Posieren nimmt. Dabei lächelt er mehr, als man es von den stahlharten Helden aus den Filmen gewohnt ist: Die Begeisterung der Kinder bereitet ihm sichtlich Freude.
Sie ist auch der Grund, weshalb er inzwischen vermehrt tagsüber in Stuttgart auftritt, anstatt –wie früher – vor allem als Batman im Nachtlebenherumzugeistern. „Am Anfang habe ich das Batman-Kostüm geliebt, aber das hat nachgelassen“, sagt Benjamin. „Ich spiele ja auch die Figur, brauche dann also eine tiefere Stimme und muss eine düstere Stimmung verbreiten.“ Mittlerweile schlüpfe er lieber in die Rollen von Deadpool oder Spiderman, als die er schlagfertig und witzig sein könne.
Eine Entwicklung, die sich – ob Zufall oder nicht – auch in Benjamins echtem Leben widerspiegelt. Acht Jahre lang war er manischdepressiv: „Ich hatte das Gefühl, dass ich in dieses System nicht hineinpasse“, erinnert er sich. „Nun gehe ich meinen eigenen Weg und es geht mir endlich gut.“

Obwohl er von sich behauptet, sofort wieder er selbst zu sein, sobald er das Kostüm ablege – zumindest ein wenig dürften die Rollen auf Benjamins Selbstbewusstsein abgefärbt haben. „Wenn man so auffällt, ist es schon ein bisschen wie ein Rockstar-Leben“, grinst er. „Manbekommt ja nicht nur Geld, sondern oft auch Handynummern zugesteckt. Frauen haben viel weniger Hemmungen, wenn man ein Kostüm trägt.“ Die eigene Freundin dürfe da nicht allzu eifersüchtig sein.
Die Frage ist natürlich: Wie lange kann man das machen? Das Stuttgarter Nachtleben, stellt Benjamin fest, hat in den letzten Jahren erheblich nachgelassen. Besonders freitags lohnt es sich für ihn kaum noch, im Kostüm seine Runden zu drehen. In einer Stadt wie Münchenkönnte es vielleicht noch besser laufen, glaubt er, andererseits hat er sich sein Standing in Stuttgart lange erarbeitet.
Längst kann man ihn auch buchen, immer öfter tritt Benjamin auf Kindergeburtstagen oder Firmenevents, in Buchhandlungen oder bei Veranstaltungenwie dem Marienplatzfest auf. „Solange es mir Spaß macht, ist kein Ende in Sicht“, so der 31-Jährige. Über seine Agentur könne er schließlich auch Mitarbeiter ins Kostümstecken. Aber: „Irgendwie wäre es witzig, auch mit 80 noch den Superhelden zu geben.“
Frank Rudkoffsky


Foto: Ronny Schönebaum