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Hautnah: Stefanie (57) litt unter einer sozialen Phobie: „Ich hatte Angst vor dem Leben“


Lea - epaper ⋅ Ausgabe 24/2019 vom 05.06.2019

Mehr als 12 Millionen Deutsche kämpfen mit Angststörungen – so auch Stefanie. Hier spricht sie über ihre Erfahrungen


Die Angst ist das Kind der verletzten Seele. Diesen Satz habe ich mal gelesen, und ich finde, er trifft es total. Ich hatte Angst – vor anderen, vor dem Rotwerden, vor einem Herzinfarkt, vor dem Leben. Das war zum Schluss so schlimm, dass ich kaum noch rausgegangen bin. Ich konnte nicht mehr U-Bahn fahren, nicht mehr einkaufen, kein Auto mehr lenken. Ich war nicht lebensfähig.

Schon als Kind war ich sehr schüchtern, und ich bin oft knallrot geworden. Ich konnte fühlen, wie mir die Hitze ins ...

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... Gesicht gestiegen ist, dazu klopfte mein Herz wie verrückt. Die anderen haben mich viel gehänselt deshalb. Ich war froh, als die Schule endlich vorbei war.

Eine Zeit lang war dann alles okay. Ich machte eine Ausbildung zur Buchhändlerin, lernte mit 30 Alex kennen, wir heirateten, unsere Tochter Lena kam zur Welt. Rückblickend würde ich sagen: Das war die schönste Zeit meines Lebens. Schüchtern war ich zwar immer noch, aber nicht mehr so extrem. Manchmal wurde ich noch rot, wenn ein Kunde schwer zufriedenzustellen war. Ich hatte dann auch Probleme, die richtigen Worte zu finden. Ich fühlte mich so dumm, so furchtbar dumm.

Als Lena dann vor sieben Jahren auszog, wurde das mit dem Rotwerden wieder schlimmer. Heute weiß ich, dass diese Angst einen Namen hat: Erythrophobie. Im Job war ich froh, wenn mich kein Kunde ansprach. Dazu kam diese unglaubliche Müdigkeit. Ich war oftmals viel zu erschöpft, um zur Arbeit zu gehen. Eines Morgens bekam ich auf dem Weg zur U-Bahn fürchterliches Herzrasen. Mir brach der Schweiß aus, ich kriegte keine Luft, meine Beine zitterten, und ich musste mich an einem Laternenpfahl abstützen, sonst wäre ich ganz einfach in mich zusammengefallen. Das war entsetzlich, ich dachte, ich müsste sterben. Nach zehn Minuten wurde es besser, und ich bin dann nach Hause gegangen. Alex hat mich zum Arzt gefahren. „Panikattacke“, hat die junge Ärztin befunden und mir auch direkt ein Medikament gegen Angstzustände verschrieben.


„Ich fühlte mich wie in Watte, völlig losgelöst von der Welt“


Ich fühlte mich mit diesem Mittel wie in Watte, losgelöst von der Welt. Immer weiter zog ich mich zurück. Ich war wie in einem Kokon. Mein Job? Ich bin hingeschlichen und habe irgendwie funktioniert – aber es war kein Funken Elan dabei. Ich glaube, ich wurde nur nicht gekündigt, weil ich schon so lange in der Firma gearbeitet habe.

Das dauerte ungefähr ein halbes Jahr, dann ließ die Wirkung der Medikamente nach. Ich bekam wieder Herzrasen, ich zitterte, ich mochte nicht mehr aus dem Haus gehen. Ich hatte Panik vor der Panik, ich war fest davon überzeugt, tot umzufallen, wenn ich unterwegs war.

Die Ärztin überwies mich dann an eine Psychologin. Sie hat mir geholfen, ins Leben zurückzufinden. Sie hat mir klargemacht, dass ich nicht verrückt bin. Dass es jeden treffen kann. Geholfen hat mir auch, dass wir meiner Angst ein Gesicht gaben, einen Namen. Ich leide unter einer sozialen Phobie. Ich habe Angst davor, mich vor anderen Menschen lächerlich zu machen. Ich lernte, dass das nicht so schlimm ist. Und ich lernte, über mich selbst zu lachen. Ich bin zurück – zurück in meinem Leben.

TIPPS UND INFOS ZUM THEMA: Angststörung: Wo kommt sie her, was hilft?

Angst ist lebensnotwendig. Aber manchmal wird sie krankhaft. Etwa 20 Prozent aller Menschen weltweit leiden einmal in ihrem Leben unter einer Angststörung, Tendenz steigend.

URSACHE Es sind die Gedanken daran, was schlimmstenfalls passieren könnte. Wenn der Betroffene die negativen Gedanken nicht abschütteln kann, bestimmen sie zunehmend sein Leben.

AUS DEM NICHTS Eine Angststörung kann ganz plötzlich durch ein unangenehmes Ereignis entstehen. Sie kann sich aber auch langsam anschleichen – wenn ein Mensch zunehmend erschöpft ist, durch eine Erkrankung etwa oder durch eine als Krise erlebte Situation.

ALARM Bei jeder Art von Angst setzt ein komplexes körperliches Geschehen ein. In unserem Emotionszentrum wird Alarm ausgelöst, die Stresshormone Adrenalin und Cortisol werden freigesetzt, der Blutdruck steigt, das Herz schlägt schneller. Wenn die Gefahr vorbei ist, dann nehmen die körperlichen Reaktionen ab. Bei einer Angststörung aber bleibt in den Gedanken die Gefahr bestehen, die körperlichen Symptome klingen nicht ab.

THERAPIEN Es gibt psychotherapeutische, pharmazeutische und körperorientierte Therapieformen, auch Kombinationen können helfen. Die Therapie richtet sich ganz individuell nach den Beschwerden des Patienten. Professionelle Hilfe braucht man, wenn das Leben von Angst bestimmt wird.

Unser Buch-Tip:

„Dem Angstriesen entgegentreten“von Ursula Tirier. 12 Euro. Patmos Verlag

Auch diese Arten von Phobien gibt es:

→ Ablutophobie : Angst vor dem Waschen und vor Wasser.

→ Gerontophobie : Angst vor Älteren und vor dem Altern.

→ Chrematophobie : Angst vor Geldscheinen und Münzen.

→ Akousticophobie : Angst vor lauten Geräuschen und Lärm.

→ Dextrophobie : Angst vor der rechten Körperhälfte.

→ Anatidaephobie : Angst davor, von Enten beobachtet zu werden.

→ Jocalephobie: Angst oder extremer Ekel vor Ohrringen.

→ Carnophobie : Angst vor Fleisch und Wurst. Lachanophobie nennt sich dagegen die Angst vor Gemüse.


2,4% beträgt die Wahrscheinlichkeit, an einer sozialen Phobie zu erkranken. Angst ist die zweithäufigste psychische Störung weltweit.


Foto: Getty Images