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Hector Berlioz: Ein Platz im Panthéon


Rondo - epaper ⋅ Ausgabe 2/2019 vom 29.03.2019

Anlässlich seines 150. Todestages rufen zahlreiche Neuaufnahmen und Wiederveröffentlichungen den großen Franzosen und begnadeten Klangfarbenmaler in Erinnerung .


Bereits zu seinen Lebzeiten waren Hector Berlioz und seine Landsleute nicht die allerbesten Freunde. Wie gespannt das Verhältnis aber selbst über seinen Tod hinaus bleiben sollte, zeigte sich noch im „Bicentenaire“-Jahr 2003. Anlässlich des 200. Geburtstages sollte Berlioz nämlich vom zugigen Montmartre-Friedhof endlich in die Pariser Ruhmeshalle, in das Panthéon überführt werden. Wo er dann als einziger Komponist, auf Augenhöhe und Seit an Seit ...

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Bildquelle: Rondo, Ausgabe 2/2019

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... mit Voltaire und Rousseau, hätte rehabilitiert werden können. Doch dieser überfällige Festakt wurde vom Pariser Élysée-Palast kurzerhand wieder abgesagt.

Foto: bpk / Scala

Neben dieser großartigen Einspielung zweier Berlioz-Klassiker bietet Roth aber auch noch eine Weltersteinspielung, die 2018 beim französischen Berlioz-Festival in La Côte-Saint-André aufgenommen wurde. Es ist die von Yves Chauris für Tenor, Chöre und Orchester eingerichtete Fassung der Kantate „Le temple universal“, mit der Berlioz 1861 ein Friedensabkommen zwischen Frankreich und England feiern und dafür die beiden auf Chöre auf Französisch und Englisch singen lassen wollte. Diese auch als Beschwörung eines vereinten Europas gedachte Rarität findet sich in der Warner-Box„The Complete Works“ , die sich als eine unermessliche Schatztruhe gerade auch bei kaum bekannten Stücken von Berlioz entpuppt. Ebenfalls erstmals sind da zwei Orgel-Fugen aus den 1820er Jahren zu hören. Und während die großen Vokal- und Orchesterwerke in zum Teil maßstabsetzenden, wie im Fall von André Previn mit dem „Requiem“ auch einzeln veröffentlichten Einspielungen vereint sind, feiert die allererste Aufnahme der „Symphonie fantastique“ aus dem Jahr 1924 mit dem Orchestre des Concerts Pasdeloup unter der Leitung von Rhené-Baton tatsächlich CD-Premiere.

Da Berlioz’ Herz nahezu ausschließlich für den großen Orchesterapparat und die menschliche Singstimme schlug, wurden die Piècen des begeisterten Hobby-Gitarristen bisher leider noch nicht entdeckt. Und auch das Klavier taucht bei ihm lediglich als Begleitinstrument auf. Warum er nichts Solistisches für das für ihn wohl eher blasse Tasteninstrument komponiert hat, wird nun bei einer durchaus interessanten Neueinspielung der„Symphonie fantastique“ deutlich. Jean-François Heisser hat sie für zwei Klaviere arrangiert und mit Marie-Joséphe Jude an einem außergewöhnlichen Instrument aufgenommen. Es ist ein sogenannter „Vis-à-vis“-Flügel von Pleyel, bei dem sich die Interpreten an einem Instrument gegenübersitzen. Doch auch diese Tasten-Kuriosität von 1928 kann es nicht einmal entfernt mit der Klangpalette eines Orchesters aufnehmen, wie sie etwa Altmeister Charles Münch 1967 mit dem Orchestre de Paris und unter zündendem Temperament aufgefahren hat.

Bis auf die Wiederveröffentlichung von Berlioz’„La damnation de Faust“ in der sehr sinnlichen Aufnahme von 1960 mit dem von Igor Markevich geleiteten Orchestre Lamoureux unterstreichen so manche Veröffentlichungen die Gewissheit, dass gerade englische Musiker oftmals die beeindruckenderen „Franzosen“ (will sagen: Spezialisten für Berlioz) sind. Auf dem Originalklang-Terrain lieferte John Eliot Gardiner Steilvorlagen, die heute auch von François-Xavier Roth beherzigt werden. Und mit Andrew Davis (mit dem etwas anderen Weihnachtsoratorium „L’enfance du Christ“), Edward Gardner (mit dem „Requiem“, das Berlioz als sein bedeutendstes Werk ansah) und Simon Rattle (mit „La damnation de Faust“) haben gleich drei Engländer alles andere als durchschnittliche Berlioz-Statements vorgelegt. Sie sind vielmehr den Vorstellungen des Komponisten ziemlich nahe gekommen, der sich von den Dirigenten seiner Werke „äußerste Präzision, einen unwiderstehlichen Schwung, ein gebändigtes Feuer und träumerische Empfindsamkeit“ gewünscht hat.

Dass Berlioz darüber hinaus von jeher in Deutschland geschätzt wurde, weiß man seit Franz Liszts Weimarer Berlioz-Festivitäten. Damals kursierte sogar ein Stammbaum, auf dem Berlioz als Ur-Ur-Urenkel von Bach auftauchte! Erstaunlicherweise sollte er später jedoch noch nicht einmal von seinem großen Bewunderer Richard Strauss mit einer Hommage gewürdigt werden. Das übernahm dafürWalter Braunfels mit seinen 1920 von Bruno Walter uraufgeführten„Fantastischen Erscheinungen über ein Thema von Hector Berlioz“ , dem Motive aus Berlioz’ „Carnival“-Ouvertüre zugrunde liegen. Die Weltersteinspielung von Dirigent Gregor Bühl zählt schon jetzt zu den gelungensten Überraschungen im Berlioz-Jahr 2019, das hoffentlich in Frankreich auch kulturpolitisch noch so manches bieten wird.