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Hedwig BollHagen


Trödler - epaper ⋅ Ausgabe 10/2019 vom 13.09.2019

Hedwig Bollhagen (1907-2001) gehört zweifellos zu den bedeutendsten deutschen Keramikerinnen des 20. Jahrhunderts, gerade was den Bereich der seriell produzierten Keramik betrifft. eine Sonderausstellung im internationalen Keramik-Museum weiden (Zweigmuseum der neuen Sammlung München) zeigt noch bis zum 10. november eine Vielzahl an Muster- und einzelstücken aus dem Bestand ihrer HB-werkstätten in Marwitz.


Über 100 objekte

Das Spektrum der über 100 Ausstellungsobjekte reicht von historischen Keramiken bis hin zu Stücken aus der aktuellen Produktion, die die Aktualität der Entwürfe von Hedwig Bollhagen ...

Artikelbild für den Artikel "Hedwig BollHagen" aus der Ausgabe 10/2019 von Trödler. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bildquelle: Trödler, Ausgabe 10/2019

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... veranschaulichen. Zur Ausstellung ist ein Katalog der Neuen Sammlung – Design Museum München erschienen. Konzeption von Ausstellung und Katalog gehen auf den dortigen Konservator Dr. Josef Straßer zurück, der damit eine weitere wichtige Monografie der bedeutenden Keramikdesignerin Hedwig Bollhagen präsentiert.

links: Hedwig Bollhagen, dosen, verschiedene Modelle und dekore, 1950er- bis 1990er-Jahre


70 Schaffensjahre

In den rund 70 Jahren ihres Schaffens hat die begabte Künstlerin unzählige Höhen und Tiefen erlebt. Im Jahr 1934 gründete sie ihre HB-Werkstätten in Marwitz bei Berlin, die im Zweiten Weltkrieg zerstört wurden. Nach dem Krieg erfolgte der Wiederaufbau des Betriebs, der sich nun in Ostdeutschland befand und dort enteignet wurde. Nach der Wiedervereinigung der beiden deutschen Staaten bekam Bollhagen ihren Betrieb zurück, den sie bis zu ihrem Tod im Jahr 2001 weiterführte. In all den Jahren hat die Keramikkünstlerin eine beeindruckende Vielzahl an zeitlosen Formen und Dekoren geschaffen, die bis heute die Vorstellung von gut gestaltetem Gebrauchsgeschirr prägen. Zu verdanken ist dies ihrer einzigartigen Begabung, sich immer wieder neu zu erfinden und zeitgemäße Formen und Dekore zu entwickeln. Ihre Gebrauchskeramiken mit grafischen Dekoren, Linien, Punkten oder Kreisen haben die Tischkultur vieler Haushalte geprägt.

oben: Hedwig Bollhagen, Vase 1047, dekor 1047, 1935/36


ganz oben: Hedwig Bollhagen, Kaffeekanne und gießer 1065, dekor „Kartoffelkäfer”, 1946-52


oben: Hedwig Bollhagen, Keksdose 1108, dekor 2000, 1936


Rechts oben: Hedwig Bollhagen, Service 501, dekor 121 „Zittermuster”, 1934


Rechts unten: Hedwig Bollhagen, obstschale „S 266, dekor F 311” mit Siebeinsatz, 1929


werdegang

Das Leben der 1907 in Hannover geborenen Hedwig Bollhagen spiegelt fast ein Jahrhundert deutscher Geschichte wider. Als junge Frau war es für Bollhagen trotz des 1918 eingeführten Wahlrechts für Frauen nicht leicht, eine Lehrstelle zu finden und sich eine berufliche Position zu erarbeiten. In einer biografischen Aufzeichnung berichtet sie, wie schwierig die damaligen Zeiten für Mädchen und Frauen waren: „Eine Stelle als Lehrling oder Volontär in einer Töpferei zu bekommen war in einer Zeit, in der sich Industrie und Handwerke von den Wirkungen des Krieges und den darauffolgenden Jahren noch nicht erholt hatten, sehr schwer.“ (Quelle: Ausstellungskatalog, Dr. Josef Straßer). Es gelang der jungen Frau dennoch im Jahr 1924, ein Praktikum in der hessischen Bauerntöpferei in Großalmerode zu bekommen. Dort erlangte sie erste Erfahrungen im Töpferhandwerk an der Gerhard Marcks lieferte Entwürfe für die Steingutfabrik. Bollhagen hatte also Kontakte zu verschiedenen Künstlern, während sie selber ihr Können auf dem Gebiet der Dekormalerei verbesserte.

oben: Hedwig Bollhagen, apfelsinenschalen 198 a-b, verschiedene dekore, um 1955


Mitte: Hedwig Bollhagen, Henkelschalen 800, verschiedene dekore, Muster- und einzelstücke, 1950/52


Unten: Hedwig Bollhagen, Teekannen 575, verschiedene dekore, 1966


wanderjahre

Leider musste die Steingutfabrik Velten- Vordamm während der Weltwirtschaftskrise 1931 Konkurs anmelden und Bollhagen eine neue Arbeitsstätte finden. Sie sammelte danach für mehrere Monate Erfahrungen in Karlsruhe bei der dortigen Majolika- Manufaktur und wechselte dann ins Rosenthal Zweigwerk Neustadt bei Coburg. Eine weitere berufliche Station war eine Anstellung in der Töpferwerkstatt Wilhelm Kagels in Garmisch-Partenkirchen. Nachdem Bollhagen im Jahr 1932 nach Berlin umzog, arbeitet sie dort zunächst in der Verkaufsgalerie „Kunst und Handwerk“ als sogenanntes „Ladenmädchen“. Im Jahr 1933 wirkte sie danach noch für ein halbes Jahr als Leiterin der Malabteilung in Frechen in der Keramikwerkstatt „Ooms“ der Steinzeugwerke Kalscheuer & Cie. Nach all diesen Erfahrungen strebte Bollhagen an, als selbstständige Töpferin zu arbeiten. Als die Hael- Werkstätten für künstlerische Keramik in Marwitz bei Berlin durch die Weltwirtschaftskriese stark angeschlagen zum Verkauf anstanden, erwarb Bollhagen den brandenburgischen Betrieb mit ihrem Teilhaber Heinrich Schild im Jahr 1934. Die ehemaligen Besitzer waren die Bauhausschüler Margarete Heymann und ihr Ehemann Gustav Loebensein. Dieser war 1928 bei einem Autounfall tödlich verunglückt. Am 1. Mai 1934 nahmen die „HBWerkstätten für Keramik“ die Produktion auf. Die neue Besitzerin Bollhagen kümmerte sich in der Firma um die künstlerischen Belange, ihr Teilhaber Schild war zuständig für die geschäftlichen Angelegenheiten.

HB-werkstätten für Keramik

In den rund 70 Jahren ihres Wirkens kreierte Hedwig Bollhagen eine äußerst beeindruckende Anzahl an Formen und Dekoren, denn während ihrer Ausbildung und ihren verschiedenen beruflichen Stationen und den anschließenden „Wanderjahren“ hatte sie die unterschiedlichsten Strömungen der zeitgenössischen Keramik kennengelernt. Und sie hatte so viele Erfahrungen gesammelt, dass sie nun auf verschiedene Stile und Techniken für ihr eigenes Werk zurückgreifen konnte: Sie beherrschte nicht nur die strengen und geometrischen Formen, Elemente und Dekore der 1920-Jahre, die vom Bauhaus geprägt waren, sondern auch die weich fließende Formgebung der 1930er-Jahre. Obwohl Bollhagen Unikate, Zier-, Bauund Gartenkeramik in großer Bandbreite entwarf, zeigt sich ihre bodenständige und bescheidene Einstellung zu ihrer Arbeit besonders deutlich an folgendem Ausspruch: „Kunst? Ach Gott man nennt es oft so. Ich mache Teller, Tassen und Kannen“.

oben: Hedwig Bollhagen, Vasen, einzel- und Musterstücke, 1960er- bis 1970er-Jahre


Mitte: Hedwig Bollhagen, Vasen, verschiedene dekore, aktuelle Produktion, 1962-1982


Unten: Hedwig Bollhagen, gießkannen 766, verschiedene dekore, aktuelle Produktion, 1955


Ihre Vorliebe gehörte also der Gebrauchskeramik. Davon hatte sie sehr genaue Vorstellungen und entwarf innerhalb kurzer Zeit mehrere Geschirre, die bis heute produziert werden. Im Laufe der Jahre entwickelte Bollhagen dann immer wieder neue Formen mit passenden farbigen Dekoren und ergänzte ihre bis dahin überwiegend runden Objekte in den 1950- und 1960-Jahren durch zylindrische Objekte. Ihr Schaffen bezeichnete sie selbst als „Vollendung des Einfachen“.

„Vollendung des einfachen”

Befruchtet wurde sie künstlerisch u. a. durch die Zusammenarbeit mit Künstlern wie den Bauhausschülern Werner Buri, Charles Cordel und Heidi Manthey sowie Waldemar Grzimek, Frauke Gerhard oder Rudolf Perschel. Die Baudenkmalpflege wurde dann in den 1950er-Jahren ein weiteres Betätigungsfeld der vielseitigen Künstlerin, die zu den wenigen Frauen und Unternehmerinnen in der Geschichte des Manufakturwesens gehörte. Geehrt wurde sie im Laufe der Jahre mit zahlreichen nationalen und internationalen Ehrenurkunden und Medaillen und erhielt 1997 den Bundesverdienstorden der Bundesrepublik Deutschland. Hedwig Bollhagen starb 94-jährig im Jahr 2001. Das Hedwig Bollhagen Museum wurde 2015 in Velten eröffnet und ihr Nachlass zur „nationalen Kunst“ erklärt. Dass ihr Erbe nicht in Vergessenheit gerät, ist auch den heutigen HB-Werkstätten zu verdanken, die ganz in Hedwig Bollhagens Sinn ihr Werk weiterführen.

ausstellungen und Katalog

„Hedwig Bollhagen und die HB-Werkstätten, Musterstücke und Serienobjekte“ im Internationalen Keramik Museum Weiden, noch bis zum 10. November, www.die-neue-sammlung.de. Ausstellungskatalog deutsch/englisch mit Essays von Angelika Nollert und Josef Straßer, Preis 15 Euro, ca. 120 Seiten, mit zahlreichen farbigen Abbildungen. Fotos: Christoph Sillem, Die Neue Sammlung München