Bereits Kunde? Jetzt einloggen.
Lesezeit ca. 10 Min.

HEIKE DRECHSLER: Einfach nochmal neu anfangen


Erfolg Magazin - epaper ⋅ Ausgabe 2/2019 vom 28.03.2019


»Ich habe geglaubt und der Wille war stark und die Motivation natürlich auch.«


Wie sehen Sie das Thema Emotion für sich und für Ihr Leben?
Ich denke, das ganze Leben hat so viele Überraschungen, Aufs und Abs. Es ist immer bekleidet mit Emotionen und mit Gefühlen. Gemessen am Sport erlebt man diese Emotionen sehr stark. Niederlagen und Erfolg liegen sehr eng beieinander und diese Gefühle, die man dann in dem Moment entwickelt, bewegen einen und bringen einen auch weiter. Also ohne Emotionen geht es überhaupt nicht.

Wenn Sie sich so spontan Gedanken machen zu "Emotionsmanagement", wie würden Sie das für ...

Artikelbild für den Artikel "HEIKE DRECHSLER: Einfach nochmal neu anfangen" aus der Ausgabe 2/2019 von Erfolg Magazin. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bildquelle: Erfolg Magazin, Ausgabe 2/2019

Weiterlesen
epaper-Einzelheft 4,99€
NEWS 14 Tage gratis testen
Bereits gekauft?Anmelden & Lesen
Leseprobe: Abdruck mit freundlicher Genehmigung von Erfolg Magazin. Alle Rechte vorbehalten.

Mehr aus dieser Ausgabe

Titelbild der Ausgabe 2/2019 von Schwarzeneggers 6 Regeln für Erfolg. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
Schwarzeneggers 6 Regeln für Erfolg
Titelbild der Ausgabe 2/2019 von J.LO: Eine Karriere voller Rekorde. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
J.LO: Eine Karriere voller Rekorde
Titelbild der Ausgabe 2/2019 von Geh
Geh' doch mal aufs Ganze
Titelbild der Ausgabe 2/2019 von Der fleischgewordene amerikanische Traum. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
Der fleischgewordene amerikanische Traum
Titelbild der Ausgabe 2/2019 von Warum Egoismus die Lösung ist. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
Warum Egoismus die Lösung ist
Titelbild der Ausgabe 2/2019 von Durch Youtube zum Popstar. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
Durch Youtube zum Popstar
Vorheriger Artikel
Durch Youtube zum Popstar
aus dieser Ausgabe
Nächster Artikel Die Branding-Experten
aus dieser Ausgabe

... sich definieren?
Emotionsmanagement ist Kontrolle über Emotionen, über Gefühle. In bestimmten Momenten ist es gut, eine Selbstkontrolle zu haben, dass man nicht in Gefühlsausbrüche kommt. Denn das könnte die Emotionen so übersteigen, dass vielleicht das Denken reduziert ist.

Carmen Uth ist Expertin für Emotionsleadership und Geschäftsführerin von chancemotion® und führte das Interview.


Das sollte wirklich selbstverständlich sein. Vorhin haben Sie Beispiele genannt, wo Sie sich gute Emotionen herholen und was Sie konkret dafür tun. Aber es gibt ja auch Emotionen, die uns Kraft nehmen, die uns blockieren. Wenn Sie auf Ihr Leben zurückblicken, was wäre denn so eine Situation, zu der Sie sagen, da war ich richtig im Schlamassel, da waren die Emotionen nicht wünschenswert?
Die gab auch. Ich bin ein DDR-Kind und habe die Wende erlebt. Damals war ich – naja, im Schlamassel würde ich es vielleicht nicht nennen - aber ich war total im Umbruch mit mir selbst und im Bruch mit vielen Sachen, die vorher für mich Bedeutung hatten. Die hatten auf einmal einen ganz anderen Wert oder wurden von außen anders bewertet. Und da kamen schon öfters Gefühle der Ohnmacht hoch. Wo gehöre ich hin? Was bin ich eigentlich? Da gab es durchaus Momente, in denen ich innerlich sehr emotional, vielleicht auch manchmal falsch reagiert habe. Wo ich mich eher verschlossen habe. Da hatte ich auch teilweise eine innerliche Zerrissenheit. In gewisser Weise war ich unnahbar. Halt hatte ich immer sehr stark im engsten Familienkreis, weil es für mich so eine Art Schutz war. In dieser sehr bewegten Zeit, war nicht unbedingt jede Situation immer sehr positiv. Es war ein Lernprozess. Und das gehört auch dazu. Dieses Lernen, zu verstehen, was die DDR war und welchen Stellenwert der Sport dort hatte. Das hat lange Zeit gedauert. Ich habe mich damit auseinandersetzen müssen. Das war unbequem. Da waren viele Verletzungen, auch Risse, die ich erstmal nicht verstehen konnte. Deswegen kam es natürlich auch manchmal zu Gefühlsausbrüchen. Wut und Hass. Vielleicht mir selbst gegenüber auch eine gewisse Unzufriedenheit, wie ich die Dinge löse. Es waren viele Sachen, die da eine Rolle spielten. Zu der Zeit bin ich auch Mutter geworden. Es kam alles geballt zusammen. Es war alles wahnsinnig bewegt bei mir. Wenn man manchmal überspannt ist und vielleicht dann auch Dinge sagt, die man hätte vielleicht nicht so sagen sollen, da lernt man dann einfach dazu. Und ich glaube, solche Situationen hat man im Leben öfters mal. Das war für mich eine wahnsinnige Zeit, so wie ich das erlebt habe, gerade in dieser Wendezeit. So viele Emotionen, die da waren, so eine Power – ich glaube, ich werde das wahrscheinlich gar nicht mehr so erleben.

Heike Drechsler

gehört zu Deutschlands erfolgreichsten Leichtathleten. Sie holte 1992 und 2000 bei den Olympischen Spielen die Goldmedaille im Weitsprung. Davor gewann sie 1986 Gold im 200-Meter-Lauf, bei der WM 1987 Silber über 100 Meter, und 1988 bei Olympia Bronze über 100 und 200 Meter. 1990 folgte Europa-Silber über 200 Meter. Daneben war sie als Siebenkämpferin auf Europaeebene erfolgreich.


»Wenn ich denke ich kann das nicht, dann werde ich mich nie weiterentwickeln.«


Das ist bestimmt auch gar nicht schlecht, wenn es so ist und bleibt. Muss ja nicht unbedingt sein, oder?
Nein. Aber wie gesagt, das war in den jungen Jahren. Das gehört einfach zu mir. Jeder hat so sein Päckchen zu tragen und muss damit umgehen oder sollte damit umgehen. Für mich war es aber positiv. Ich habe daraus sehr viel Positives mitgenommen.

Was hat Sie denn durch diese Zeit getragen? Was hat Ihnen geholfen, sich orientieren zu können und tatsächlich so damit umgehen zu können, dass Sie heute sagen können, ich habe damals gelernt und auch heute lerne ich? Was hilft Ihnen auch heute, sich in solchen Situationen zu orientieren, um das tatsächlich als Lernchance zu verstehen?
Für mich waren natürlich die Familie, die Freunde in der Zeit unwahrscheinlich wichtig. Die haben mir auch einen Weitblick gegeben. Wir hatten in der DDR viele Freunde und ich habe im Prinzip meinen Glauben an mich selbst auch nicht verloren. Ich habe da angesetzt, wo ich 1988 aufgehört hatte. Ich habe mir gesagt, ich bin noch sehr jung und möchte es einfach nochmal probieren mit dem Sport und fange einfach nochmal von vorne an. Und das war meine Chance. Ich habe wirklich nach der Geburt meines Sohnes nochmal neu angefangen, auch mit dem Risiko, dass es vielleicht hätte schief gehen können. Aber ich habe geglaubt und der Wille war stark und die Motivation natürlich auch. Und dazu hatte ich auch noch mein Studium in der Zeit. Der Wille und die Leidenschaft natürlich für meinen Sport waren groß - auch jetzt noch. Ich glaube, das war auch das Erfolgsrezept, dass es dann nochmal zehn Jahre funktioniert hat. Ich bin auch ganz stolz drauf, dass ich den Weg durchgegangen bin. Er war nicht einfach, aber in der Zeit stand die Familie sehr eng beisammen. Wir hatten auch Freunde in der alten Bundesrepublik, die uns geholfen haben. Woraus ich dann wirklich wieder stark hervorgegangen bin und auch meinen Weg gesehen habe.

Welche Rolle spielen gerade in solchen Situationen Bedürfnisse?
Ich glaube, wenn die Grundbedürfnisse gegeben sind, dann kann man sich auch weiterentwickeln. Ich habe ein sehr gutes berufliches Umfeld, sodass ich natürlich auch nach oben schauen konnte. Die Barmer war über Jahre mein Partner und noch zu meiner aktiven Zeit an meiner Seite. Die haben die Bedingungen möglich gemacht, dass ich meinen Sport weitermachen konnte. Ich bin ganz stolz, dass ich diesen Partner hatte, sonst wäre ich vielleicht nicht 2000 Olympia-Siegerin geworden.

Ein starker Partner, der Bedürfnis nach Sicherheit und Halt erfüllt hat?
Ja. Sicherheit. Halt. Das ist wichtig. Nur wenn man Sicherheit und Halt hat, kann man sich auch weiterentwickeln, als wenn man ständig Angst haben muss, seinen Arbeitsplatz zu verlieren. Dann ist man immer nur beschäftigt damit, dieses Bedürfnis zu erfüllen, die Sicherheit zu haben. Es ist für mich nicht unbedingt das Finanzielle. Das sind eher diese menschlichen Bereiche.

Dann ist man emotional und auch in der Grundhaltung frei.
Ja. Man kann den nächsten Schritt tun, gelassener mit Dingen umgehen, wenn man eine gewisse Sicherheit hat, gerade wenn man Familie hat, dass man nicht immer von der Hand in den Mund leben muss. Wenn man von Bedürfnissen spricht, gehört auch die Zugehörigkeit zu einer Gemeinschaft dazu. Ich finde das unwahrscheinlich wichtig, dass man sich gegenseitig unterstützt. Auch in Phasen, in denen es einem mal nicht so gut geht. Gerade wenn die Eltern, die auch älter werden, wissen, man ist für sie da.

Und wenn wir jetzt mal in Richtung Ziele schauen? Wie würden Sie das in Verbindung setzen, Bedürfnisse und Ziele? Gehört das zusammen?
Ja. Es kommt immer auf die Definition für sich selbst an. Mein Bedürfnis ist, immer viel Sport zu treiben, um gesund zu bleiben. Dafür tue ich auch was. Und ich weiß, wenn ich gesund bin, dann schaffe ich auch andere Dinge. Ziele gehören immer dazu. Ohne Ziele ist es, als wenn man in einem leeren Raum steht und man dreht sich im Kreis. Und dann wird man schnell von anderen gelebt. Deswegen muss man immer schauen: Was sind meine eigenen Ziele, Bedürfnisse? Wo will ich hingehen? In welche Richtung möchte ich mich bewegen? Und wie gesagt, mein Ziel und Bedürfnis ist es, gesund zu bleiben und vielen Menschen meine Erfahrungen weiterzugeben, dass andere auch den Weg schaffen, den inneren Schweinehund überwinden, sich mehr bewegen und etwas für die eigene Gesundheit tun.

Im Alltag vergessen wir das gerne. Was unterstützt Sie in Veränderungsprozessen auf einer Linie zu bleiben. Also sich neu auszurichten und neue Wege gehen zu können?
Es ist immer ein Lernprozess. In unserer Firma wachsen jetzt die digitalen Anforderungen ungemein und damit auch der Erfahrungsschatz, den man selbst mitbringt. Es ist ganz wichtig, dass man neugierig bleibt, dass man sich nicht zubaut und einfach zumacht. Wenn ich denke, ich kann das nicht, dann werde ich mich nie weiterentwickeln. Also, offen bleiben! Ich bin nicht mehr so jung. Deshalb, dass man immer den Zugang zu jungen Menschen, ihren Ideen hat. Dass man seinen Erfahrungsschatz mit den jungen Leuten teilt und weiterentwickelt. Dass die Neugier erhalten bleibt. Natürlich kann man durchaus seine Meinung haben oder wenn der Weg falsch ist, kann man das für sich entscheiden. Man sollte trotzdem zuhören können und auch verstehen, was andere Ideen bewirken können und welche Konsequenzen sie bringen. Und diese Ideen auch für sich annehmen. Man kann probieren. Was kann schon passieren? Man sagt Ja oder man sagt Nein. Aber wenn man sich dagegen sträubt, dann bleibt man irgendwo auf der Strecke und das ist irgendwo schade. Dann wird man alt.


»Nur wenn man Sicherheit und Halt hat, kann man sich auch weiterentwickeln. «


Das glaube ich auch. Wenn Sie eine Entscheidung treffen möchten, sind Sie dann sehr fokussiert oder sind Sie offen für Optionen? Versuchen Sie kreativ, breit, weit zu denken und sich möglichst viele Ideen anzuschauen und eine größere Perspektive für sich aufzubauen?
Das ist unterschiedlich. Wenn es um langfristige Themen geht, dann schaue ich ganz genau hin, wie ich das für mich realisieren kann und hole mir natürlich auch andere Ideen rein, um dann daraus eine Entscheidung zu treffen. Aber manchmal sind es auch Bauch-Entscheidungen, dass man spontan das Gefühl hat, das ist jetzt richtig. Meistens hat mir mein Bauchgefühl gesagt, dass es richtig war, diese Entscheidung zu treffen. Aber sicherlich schaut man bei langfristigen Projekten noch mehr dahinter, weil man weiß, welche Konsequenzen das hat, wenn man eine falsche Entscheidung trifft. Entscheidungen sind immer schwierig. Bei den Großen sollte man sich mehr Zeit nehmen und bei den Kleinen kann man aus dem Bauch reagieren.

In der schweren Zeit nach dem Mauerfall hat Ihnen geholfen, mit Ihrer Familie und Menschen, denen Sie nahe sind, zu sprechen. Was hilft Ihnen heute, wenn Sie mal in einer Emotion sind, die nicht so prickelnd ist? Wie holen Sie sich raus?
Immer noch über Freunde und Familie. Ich rede dann mit ihnen, lasse sie teilhaben. Ich lasse sie auch kritisch das Ganze von außen sehen. Das hilft mir, besser damit umzugehen. Es ist ganz wichtig, wenn man Sorgen und Probleme hat, dass man für sich auch Möglichkeiten findet, das teilen zu können. Dass man auch mal andere Ideen in den Kopf bekommt und für sich wiederum annimmt oder eine Entscheidung nimmt und damit umgeht.

Emotionale Selbstführung. Zu Beginn sagten Sie, Emotionsmanagement hat etwas mit Selbstkontrolle zu tun. Ist daswichtig, wenn man mit anderen Menschen zusammenarbeitet oder vielleicht sogar eine Führungsrolle hat?
Ja. Ich bin ja ein sehr empathischer Mensch. Wenn man Führungskraft ist, spielt das eine wichtige Rolle. Man sieht seinen Mitarbeiter, der die fachliche Kompetenz hat, aber man sollte auch emotional reagieren, wenn Sorgen da sind, wenn es einem nicht gut geht.


»Ich habe wirklich nach der Geburt meines Sohnes nochmal neu angefangen, auch mit dem Risiko, dass es vielleicht hätte schief gehen können«


Wechseln wir die Perspektive: Wie sorgen Sie dafür, dass es Ihnen gut geht?
Ich versuche, wenn ich stressige Tage habe, ruhige Tage einzubauen. Diese Wechsel sind einfach wichtig. Das kenne ich durch den Sport: Anspannung. Entspannung. Und so ist auch meine Woche. Wenn ich sehr viel reise - ich bin deutschlandweit unterwegs - dann habe ich auch Druck. Wenn ich wieder Zuhause oder bei mir in Büro bin, versuche ich andere Dinge zu machen, die ein bisschen entspannter sind. Über meinen Sport habe ich natürlich meinen Ausgleich. Ich gehe gerne raus. Nach einem anstrengenden Tag sieht man mich im Wald joggen - um einfach die Natur zu genießen und runterzukommen, zu entspannen. Meinen Tagesablauf, meinen Rhythmus, habe ich so ausgerichtet, dass ich da wirklich gut durchkomme. Manchmal ist auch eine Auszeit ganz gut, dass man am Wochenende sagt, ich war jetzt viel unterwegs und brauche jetzt auch mal Ruhe und Entspannung. Da kann es auch mal sein, dass ich auf der Couch liege, das ist auch okay. Ich finde trotzdem aktive Erholung klasse. Wenn man einen Garten hat, sollte man raus gehen. Abschalten vom Tagesgeschäft, den Abstand und wieder neue Kraft aus den Ruhetagen finden.

Eine Frage zum Schluss: Was würden Sie denn gerne unseren Leserinnen und Lesern auf dem Weg mitgeben? Ein Tipp aus der Schatztruhe Ihrer Lebensweisheiten, hinsichtlich Emotion und Erfolg?
Ich denke, dass man die Emotionen immer rauslassen sollte. Man muss nur immer schauen, wann man es tut, aber man sollte sich Momente suchen, wo man sie richtig rauslassen kann. Das kann man über den Sport am besten. So richtig auf dem Berg oder am Wasser stehen und richtig rauslassen, was einen bedrückt. Rausfließen lassen, damit es gar nicht erst zu einer Anspannung kommt. Emotion nicht unterdrücken. Das macht einem zu dem, was man ist.

Wundervoll. Ich bedanke mich ganz herzlich bei Ihnen.