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Heiliger Hain oder Monsterpark?


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Abenteuer Philosophie - epaper ⋅ Ausgabe 3/2022 vom 30.06.2022

Dossier

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Bildquelle: Abenteuer Philosophie, Ausgabe 3/2022

? Um das dräuend aufgerissene Höllenmaul, das die Verdammten bzw. die Besucher ?verschluckt?, muss man mehrere Stufen nach oben steigen.

Photo 51403090 © minnystock | Dreamstime.com

Übersetzung einer Inschrift, die den Besucher am ursprünglichen Eingang des „Wäldchens“ von Bomarzo erwartete.

Bomarzo ist ein kleiner Ort ungefähr siebzig Kilometer nördlich von Rom. Bekannt ist er für seinen „Sacro Bosco“, seinen „Heiligen Wald“, einen Park, der „mit nichts zu vergleichen ist, außer mit sich selbst“, wie sein Schöpfer Pier Francesco Orsini selbstbewusst feststellte. Er, der sich selbst Vicino nannte und deshalb hier so auftreten soll, wurde 1523 in eines der ältesten Adelsgeschlechter Roms geboren. Für jemand wie ihn gab es nur zwei „Berufe“: Karriere in der katholischen Kirche oder als Condottiere, Söldnerführer. Sein Vater war ein berüchtigter Haudegen, und der Sohn folgte ihm zunächst nach. Dabei spielte die gute Sache keine Rolle: Man stellte seinen starken Arm demjenigen zur Verfügung, der am besten bezahlte. So fand sich ...

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... Vicino mal auf der Gewinnerseite, mal auf der der Verlierer wieder, das war normal. Nicht normal war, dass die päpstlichen Truppen 1557 alle Einwohner eines kleinen Städtchens massakrierten.

Vermutlich hatte sich bei Vicino schon so einiges angestaut. Vor allem die Scheinheiligkeit am päpstlichen Hof war ihm zuwider. Vicino, der den Ort Bomarzo mit seinem Schloss und einigen Ländereien geerbt hatte, zog sich aus dem mondänen Leben zurück. „Und ich, mit meinen fünfunddreißig Jahren, weiß so viel, als wäre ich (erst) heute geboren. Nur in einem Punkt scheint mir, dass ich älter bin als Nestor: Ich habe beschlossen, dass Epikur ein Ehrenmann war.“ So steht es in einem Brief an einen Freund, den Kardinal Alessandro Farnese. Epikur? Meinte er wirklich den griechischen Philosophen (341 - 270 v. Chr.), der in einem Garten in Athen seine „Philosophie der Freude“ lehrte? Ja. Und Vicino tat es ihm gleich und legte einen Garten an, den er nur sein „Wäldchen“ nannte.

ZWISCHENBEMERKUNG I: ET IN ARCADIA EGO

Vicino war kein unbedarfter Kraftprotz, sondern hatte eine umfangreiche humanistische Bildung genossen, wie im Übrigen alle Abkömmlinge seines Standes.

Er ist ein Beispiel für die Extreme seiner Epoche, die Grausamkeit mit künstlerischer Sensibilität zu verbinden wusste, ebenso wie Carpe diem („Nutze den Tag“) mit Memento mori („Bedenke, dass du sterblich bist“), Fress-, Sauf- und Geschlechtslust mit Kirchenkritik und der Sehnsucht nach dem Paradies. Dieses Paradies musste nicht notwendigerweise eine religiöse Grundbedeutung enthalten. Die Imagination und die Künste, vor allem Malerei und Dichtung, hatten die griechische Landschaft Arkadien zu einem Sinnbild des Goldenen Zeitalters erhoben, und auch Vicino wollte nun „in Arkadien sein“. Sein Interesse für Epikur war tiefgreifend, wenn auch selektiv. Zwei Güter machen bei Epikur die angestrebte vollkommene Glückseligkeit aus: ein Körper ohne Schmerzen und ein Geist ohne Verwirrung. Das sprach Vicino an, den seine Erfahrungen auf dem Schlachtfeld des Lebens doch sehr „verwirrt“ hatten. Dass der Philosoph in seinen leiblichen Genüssen geradezu frugal war, darin konnte oder wollte Vicino ihm allerdings nicht folgen. Interessant ist jedoch, dass Vicino sich so eindeutig zu Epikur bekannte, obwohl das Konzil von Trient (1545 – 1563) jeden Anschein von Häresie streng ahndete. Im Zweifelsfall hätten ihm auch sein Adelstitel und seine Heirat mit Giulia Farnese aus der Familie eines Papstes wenig geholfen.

Wenn wir versuchen, etwas Licht in die Sache zu bringen, bleiben wir nur noch ratloser zurück. Wir stehen vor einem Rätsel. Und genau das wollte der Erbauer.

Photo 186234039 © minnystock | Dreamstime.com

Versuche nicht, die Rätsel dieses Gartens mit dem rationalen Verstand zu lösen, scheint Vicino zu sagen. Er lockt uns in eine irrationale Traumlandschaft.

Seine Mittel waren beschränkt und das Gelände voller großer Felsbrocken, also beschloss Vicino, aus dieser Not eine Tugend zu machen. Fast alles, was wir heute noch sehen: Panhermen, Isisstatuen und Janusköpfe, Sphingen, die drei Grazien, Hekate und Persephone, den dreiköpfigen Höllenhund Kerberos, Killerwale, die ihren zahnbewehrten Rachen aufsperren, eine Riesenschildkröte, einen Kriegselefanten und einen kämpfenden Drachen und die berühmteste Skulptur von allen, das sechs Meter hohe Höllenmaul – all das ist aus dem lebenden Fels herausgehauen. Gebaut wurde nur das „Schiefe Haus“ und auf dem höchsten Punkt des Areals der Tempietto, der kleine Tempel.

So zusammengewürfelt diese Aufzählung wirkt, so uneindeutig ist das Programm, dem Vicino hier gefolgt ist. Er hat zwar viele Briefe geschrieben, in denen auch immer wieder von seinem „Wäldchen“ die Rede ist, aber sein philosophisches System, seine „Botschaft“, hat er nirgends niedergelegt. Wenn man noch dazu bedenkt, dass sich überall Inschriften in lateinischer Sprache oder auch in „Volgare“, der Umgangssprache seiner Zeit, finden, diese aber, weit entfernt, etwas Licht in die Sache zu bringen, uns nur noch ratloser zurücklassen, – dann müssen wir zugeben, dass wir vor einem Rätsel stehen.

Und genau das wollte Vicino. Heute wird der Besucher auf anderen Wegen geleitet, aber betreten wir den Garten einmal so, wie ihn Vicinos Gäste betreten haben:

Der Eingang führt zwischen zwei Sphingen hindurch, zwei Mädchen mit Mittelscheitel und Haarknoten, Brüsten und Zitzen unter dem Bauch. Sie sind also keine Töchter der ägyptischen, sondern der griechischen Sphinx von Theben, derjenigen, deren Rätsel Ödipus gelöst hat. Somit ist Besuchern gleich klar, dass hier Fragen auf Leben und Tod verhandelt würden, die eine Antwort erfordern.

Nachdem sie die Sphingen hinter sich gelassen hatten, standen Vicinos Gäste vor dem „Schiefen Haus“. Heute könnte man denken, ein Erdbeben hätte das zweistöckige, turmähnliche Gebäude beschädigt, sodass es jetzt gegen den Berg lehnt. Dem ist aber nicht so, es wurde so errichtet. Man kann es auf der Höhe des ersten Stockwerks betreten und findet sich in einer „ver-rückten“ Welt wieder:

Böden, Wände, Fenster sind leicht schief und setzen in kürzester Zeit den Gleichgewichts- und den Orientierungssinn außer Kraft. Versuche nicht, die Rätsel dieses Gartens mit dem rationalen Verstand zu lösen, scheint Vicino zu sagen. Jetzt hat er uns aus der Welt der „Menschen und Meinungen“ in eine irrationale Traumlandschaft gelockt.

Das Höllenmaul, das die Verdammten verschluckt, war zu Vicinos Zeiten ein gängiger Begriff und auch in der bildenden Kunst weit verbreitet. Aber ist die Hölle nicht eigentlich „unten“? Hier jedoch muss man mehrere Stufen nach oben steigen, um das dräuend aufgerissene Maul zu erreichen. Vicinos Gäste werden sicherlich kurz angehalten haben, um die Inschrift zu lesen, die sich um die Lippen zog (übersetzt): „Lasst, die ihr hier eintretet, jeden Gedanken fahren.“

Sie sollen sich also keine „Gedanken“, keine Sorgen machen. Natürlich verstand damals jeder die Anspielung. In Dantes „Göttlicher Komödie“ stand über dem Eingang zur Hölle: „Lasst, die ihr hier eintretet, jede Hoffnung fahren.“ Nachdem der Besucher so ermuntert eintritt, findet er sich in einem vier Mal vier Meter großen, intimen Speiseraum wieder. Auch heute noch dringt durch die Augenhöhlen Licht, die „Zunge“ ist ein Steintisch, um den, an den Wänden entlang, Steinbänke laufen – alles aus einem Felsbrocken gehauen. Man kann sich vorstellen, dass hier, vielleicht in einer warmen Sommernacht, mit engen Freunden getafelt wur- de. Bomarzo liegt im Etrusker-Gebiet.

Die Etrusker sahen ihre Verstorbenen am liebsten als heitere Zecher bei geselligen Symposien. Genau das schwebte Vicino auch vor. Seine „Höhle“ transzendierte also christliche Höllen- und Himmelsvorstellungen.

ZWISCHENBEMERKUNG II: DIE FREUNDE

Zur epikureischen Gartenphilosophie gehörte nicht nur der Rückzug aus dem gesellschaftlichen Leben, sondern auch der intensive Austausch mit Freunden. Während Epikur jedoch auch Sklaven Zutritt gewährte, gehörten Vicinos Freunde dem Adel und dem hohen Klerus an, schon allein, weil nur sie die Bildung hatten, das „Wäldchen“ in all seiner Vielschichtigkeit zu verstehen und zu genießen. Auch hier stoßen wir wieder auf die Extreme der Zeit: Vorstellungen, die die Kirchenfürsten ablehnen, ja verfolgen mussten, konnten sie als gebildete Menschen wertschätzen. Wie auch bei Epikur waren Frauen gern gesehene Gäste. Man muss sich das so vorstellen: Nach Fertigstellung war das „Wäldchen“ dicht bepflanzt, von Wasserläufen durchzogen und von exotischen Tieren bevölkert, die anziehenden und gleichzeitig Schrecken verbreitenden Skulpturen waren farbig gefasst, bei Festen erklang Musik, man huldigte dem Bauch und dem Eros. Es gab nur eine Regel: keine Regeln, keine Etikette. Dies war das Reich des Pan, und Vicino Orsini (übersetzt heißt der Familienname so viel wie „die Bärchen“) wurde zum Waldbewohner, zum „Orsino“ (also Bärchen in der Einzahl); so unterschrieb er auch seine Briefe.

Auf dem höchsten Punkt des Geländes steht der Tempietto, ein kleiner Tempelbau mit achteckiger Kuppel, einer Miniaturausgabe der Domkuppel von Florenz.

Er war der früh verstorbenen Ehefrau Vicinos gewidmet. Heute ist er eine leere Hülle. In die Decke eingelassen war ein astrologisches Programm, das wir, ebenso wie andere verschwundene Details des Parks, von Zeichnungen des 16.

Jahrhunderts kennen. Nach dem naturphilosophischen Konzept des Empedokles (griechischer Philosoph, geb. ca. 494 v. Chr., gest.?) gab es darin zwei Sonnen, einerseits die helle Geist-Sonne, gleichbedeutend mit dem philosophischen „Gold“ der Alchemisten, andererseits die dunkle natürliche Sonne, die dem materiellen Gold entspricht.

Das „Wäldchen“ war dicht bepflanzt, von Wasserläufen durchzogen und von exotischen Tieren bevölkert. Die Skulpturen waren farbig gefasst, bei Festen erklang Musik … Es gab nur eine Regel: keine Regeln, keine Etikette.

Nach dem Tod Vicino Orsinis im Jahre 1585 geriet sein „Wäldchen“ langsam in Vergessenheit; es verfiel. Erst im 20. Jahrhundert wurde es von Künstlern wiederentdeckt. Darunter waren Salvador Dali, der Fotograf Herbert List mit seinen eindrucksvollen Schwarz-Weiß-Aufnahmen, der Filmregisseur Michelangelo Antonioni, der 1950 einen kurzen Film darüber drehte. Das Gelände bekam neue Besitzer, wurde aufgeforstet, gerettet.

Asphaltierte Wege wurden angelegt, Absperrungen hindern jetzt Besucher daran, in die „Unterwelt“ zu stürzen oder den Skulpturen zu nahezukommen. Ein neuer Zugang wurde gelegt: Man betritt den Park heute durch den profanen Teil. Eine Rettung, für die man dankbar sein muss, allerdings wurde dem „Wäldchen“ auch jede Magie ausgetrieben. Die Besucher, die heute an jedem Tag des Jahres kommen können, dafür jedoch einen saftigen Eintrittspreis berappen müssen, drehen eine Runde und wundern sich über die unverständliche und „monströse“ Fantasie des Erbauers. Heiliger Hain oder Monsterpark? Beides. Lateinisch „monstrare“ heißt ja zeigen, belehren, und das Unheimliche steckt natürlich auch darin.

Man sieht eben nur, was man weiß; oder man glaubt zu wissen, was man sieht.

Denn es könnte alles auch ganz anders sein.

Photo 163724535 © Dariya Maksimova | Dreamstime.com

LITERATURHINWEIS:

Horst Bredekamp (Text), Wolfram Janzer (Fotos): Vicino Orsini und der heilige Wald von Bomarzo.

Ein Fürst als Künstler und Anarchist. Wernersche Verlagsgesellschaft Worms. Zweite überarbeitete Auflage 1991

Renate Vergeiner: Bomarzo. Ein Garten gegen Gott und die Welt. Birkhäuser Verlag, Basel 2017

Der Kurzfilm von Michelangelo Antonioni von 1950 ist auf Youtube zu sehen. Er zeigt den Park noch in seiner verwilderten, verfallenen Form, ebenso die eindrucksvollen Schwarz-Weiß-Fotografien von Herbert List.