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HEILIGER RAUCH


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Rolling Stone - epaper ⋅ Ausgabe 3/2022 vom 24.02.2022

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Bildquelle: Rolling Stone, Ausgabe 3/2022

Interne Reibereien als Katalysator für die Kunst: Blackmore, Paice, Lord, Gillan und Glover in Montreux (v. l.)

DEEP PURPLE SIND UNZUFRIEDEN. OBWOHL SIE DIE angesagteste Rockband des Jahres sind. Doch die Aufnahmen zu ihrem neuen Album haben sich verzögert, weil Konzertverpflichtungen eine kontinuierliche Arbeit unmöglich machen und die Band ständig kränkelt. Ian Gillan nimmt zu viel von diesem und jenem, Roger Glover hat einen empfindlichen Magen und Jon Lord einen lädierten Rücken, weil er seine schwere Hammond früher immer selbst schleppen musste. Es braucht mehrere wochenlange Sessions in diversen Studios, bis „Fireball“ im Sommer 1971 endlich erscheinen kann. Und obwohl das Album in England erstmals an die Spitze der Charts klettert, fürchtet die Band, dass der Erfolg eher ein Feedback ihres Durchbruchsalbums, „Deep Purple In Rock“ aus dem Jahr zuvor, sein könnte, das sich weiterhin in den Charts tummelt, oder sich ihren fulminanten Auftritten verdankt, bei denen sich die beiden Solisten Ritchie ...

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... Blackmore und Jon Lord gegenseitig um den Block jagen.

„Fireball“ ist tatsächlich nur ein matter Abglanz ihrer Live-Performance, der Sound zu clean, die Songs zu steril. Irgendwem kommt die Idee, den natürlichen Klang und Spirit der Konzerte einzufangen, indem man auf einer richtigen Bühne aufnimmt. Nur eben ohne Zuschauer.

Produktionstechnisch ist das längst kein Problem mehr, mit dem Rolling Stones Mobile Studio lässt sich eine solche Albumproduktion ohne qualitative Abstriche in die Tat umsetzen. Die Band hat auch schon eine Lokalität ins Auge gefasst. Das Montreux Casino, in dem das alljährliche Jazz-Festival stattfindet, ist ihnen von einem früheren Auftritt in bester Erinnerung. Die enorme Steuerersparnis, die eine Produktion außerhalb Englands mit sich bringt, wirkt sich ebenfalls positiv aus.

Deep Purple reisen am 3. Dezember 1971 an, einen Tag vor den geplanten Aufnahmen, um Frank Zappa und seine Mothers Of Invention zu sehen. Zappa bestreitet die Abschlussmatinee, mit der sich das Casino in die Winterpause verabschiedet. Und zwar für länger als geplant, aber das ahnt zu diesem Zeitpunkt noch keiner. Der Veranstalter und Gründer des Montreux Jazz Festivals, „Funky Claude“ Nobs, rät ihnen, erst nach dem Konzert mit dem Aufbau des Equipments zu beginnen, um Gedränge hinter der Bühne zu vermeiden. Und sie sind gut beraten, auf ihn zu hören, denn während des Mothers-Auftritts am frühen Nachmittag fängt der Saal Feuer und das ganze Gebäude brennt bis auf die Grundmauern nieder.

„Irgendein Dummkopf “ – später kommt heraus, es war ein tschechischer Flüchtling namens Zdeněk Špička – hatte mit einer Leuchtpistole die Holzdecke in Brand geschossen. Das bleibt für eine Weile unbemerkt, weil die Zwischendecke aus Rattan die Flammen verbirgt. Erst als Don Preston bei „King Kong“ zum Moog- Solo anhebt, bemerkt Zappa zwei Feuernester, stoppt die Band und warnt das Publikum, um dann selbst eilig die Bühne zu verlassen. „Arthur Brown in person!“, soll er gerufen haben, aber das klingt viel zu aufgesetzt, um wahr zu sein. Geistesgegenwärtig schnappt sich jemand Zappas Orange-Amp, zertrümmert die zum Seeufer gelegenen Fenster, und so kann das Pu blikum schnell nach draußen strömen, ohne Schaden zu nehmen.

Unterdessen breitet sich der Brand weiter aus, sodass der riesige Casino-Komplex gänzlich den Flammen zum Opfer fällt. Zappas Equipment verbrennt ebenfalls. Aber nicht alles. Vor einigen Jahren traf ich Wolfhard Kutz, er ist der Spiritus Rector der Zappanale, ein Zappa-Digger mit der bestsortierten Vinyl- und Devotionaliensammlung mindestens Europas, vermutlich der Welt. Er führte mich ins Allerheiligste und zeigte mir seinen größten Schatz, einen alten Gitarrenkoffer. „Komm mal näher!“, forderte Kutz mich auf. Und da roch ich den Rauch. Heiligen Rauch.

IM MÄRZ 1972 SPRANG „MACHINE HEAD“ SOFORT IN ALLE CHARTS, VIER STÜCKE WURDEN EWIGE LIVE- STANDARDS, DEEP PURPLE HATTEN ES GESCHAFFT

Die Band zieht sich in ihr Hotel zurück, sieht von dort dem Vernichtungswerk zu und bemerkt natürlich auch die riesige Rauchwolke, die über den Genfer See zieht. Angeblich träumt Roger Glover ein paar Tage später von dieser Szene, und so ist der Titel geboren für einen der auratischen Songs der Hardrock-Historie, dessen Eingangsriff als Propädeutikum für Gitarrenklippschüler jahrzehntelang so gute Dienste geleistet hat, dass er in allen Instrumentengeschäften dieser Erde schon lange bei Höchststrafe verboten ist. Selbst seinem Erfinder geht diese Akkordfolge bald so auf die Eieruhr, dass seine Lustlosigkeit immer wieder zu kuriosen Schlampigkeiten führt, aber eben auch zu dieser genialischen Riff- Variation auf „Made In Japan“, die ebenfalls längst ins kollektive Gedächtnis eingegangen ist.

Der Text von „Smoke On The Water“ skizziert fast tagebuchartig seine eigene Entstehung, ohne große lyrische Ambitionen – „wir hatten nicht viel Zeit“. Aber ein paar lockere Reime sind immerhin drin, und vor allem die Fakten stimmen. „We all came out to Montreux/ On the Lake Geneva shoreline/ To make records with a mobile/ We didn’t have much time/ Frank Zappa and the Mothers/ Were at the best place around/ But some stupid with a flare gun/ Burned the place to the ground.“

Auch was auf den Brand folgt, hat Ian Gillan brav mitstenografiert. Man braucht eine Ausweichlocation, und Funky Nobs hat den rettenden Einfall. Die heruntergekommene Konzerthalle Le Pavillon steht leer, kurzerhand wird die Technik dort aufgebaut, und zwei Tage später können die Albumaufnahmen losgehen. Blackmore hat dieses eine simple, aber ungemein suggestive Riff, zusammen basteln sie einen Song drum herum, aber noch bevor der ganz fertig ist, steht bereits die Polizei vor der Tür. Roadies halten sie eine Weile in Schach, bis die Backing- Tracks im Kasten sind, dann dürfen sie sich schon wieder um eine neue Bleibe kümmern – Anwohner haben sich massiv über die Lärmbelästigung beschwert.

Erneut haben Deep Purple Glück im Unglück: Das Grand Hotel in Territet, etwas außerhalb von Montreux, macht ebenfalls Winterferien. Sie mieten das ganze Haus und ziehen ein weiteres Mal die Strippen. Die Aufnahmen sind nicht unproblematisch, weil das Mischpult in einiger Entfernung außerhalb des Hotels platziert ist und es infolgedessen Pro bleme mit der Kommunikation gibt. Aber der Spiritus Loci stimmt und sie sind froh, endlich einen Ort gefunden zu haben, wo sie in Ruhe arbeiten können. Viel Zeit haben sie immer noch nicht, aber man hat, anders als in der Vergangenheit, genügend Song-Ideen gesammelt – und zieht ein letztes Mal an einem Strang.

So reichen zwei Wochen, wenn auch mit täglich 16- bis 18-stündigen Sessions vom frühen Nachmittag bis zum nächsten Morgen, um das nächste Album auf Band zu bekommen: „Machine Head“ ist der Deep-Purple-Klassiker schlechthin. Das Album vereint mit „Highway Star“, „Lazy“, „Space Truckin’“ und „ Smoke On The Water“ immerhin vier ewige Live-Stan- dards und taucht nach seinem Erscheinen im März 1972 sofort in allen Charts auf, in Europa fast überall auf Nummer eins.

„Highway Star“ eröffnet das 2,6 Millionen Mal verkaufte Album furios. Für Lester Bangs, der eine Eloge im ROLLING STONE schreibt, ist das Tempo des Songs „halsbrecherisch und fast unangenehm hoch“. Als Vorgriff auf den Speed Metal bekommt es einen Eintrag in die Geschichtsbücher des Rock. Das letzte Stück, „Space Truckin’“, ist Bangs’ zweiter Favorit, und zwischen „diesen beiden Klassikern findet man nichts als gute, hart zulangende Musik, die selbst die manchmal etwas schwächeren Texte nicht schmälern können“. Deep Purple gehören jetzt mit Black Sabbath und Led Zeppelin zu den Spitzenverdienern im harten Business.

Der schon länger schwelende Konflikt zwischen dem Bonsai-Napoleon Ritchie Blackmore und seinem begnadeten Leadsänger Ian Gillan, den die vielen Probleme in Montreux, aber auch der schiere Produktionsspaß eine Weile vergessen machen, bricht nun wieder auf. Während der anschließenden Tour um die Welt wechseln die beiden kaum noch ein Wort miteinander. Aber als ob ihre Rivalität nur ein weiterer Katalysator ist, wachsen Deep Purple jetzt live über sich hinaus. Sie sind eingespielt, haben immer noch Spaß daran, ihre Songs in ausgedehnten Jams mitunter auf doppelte Länge zu zerdehnen, und werden dafür vom Publikum gefeiert. Das fängt das noch im selben Jahr erscheinende, aus drei Konzerten in Osaka und Tokio kompilierte Live-Album „Made In Japan“ fulminant ein.

„Ich erinnere mich gut an diese Phase, als wir unsere Blütezeit erlebten. Diese Doppel-LP war der Inbegriff dessen, wofür die Band damals stand“, erzählt Jon Lord dem Bandbiografen Martin Popoff. „Es war gar nicht für einen Release außerhalb Japans vorgesehen. Es kostete gerade mal 3000 Dollar und klang anspre- chend, weshalb wir es Warner angeboten haben. Dort meinte man aber, Live-Alben stünden nicht zur Debatte. Am Ende haben sie es doch rausgehauen, und es holte nach etwa zwei Wochen bereits Platin.“ Das liegt nicht zuletzt an der Single auskopplung von „Smoke On The Water“, die in den USA Platz vier der „Bill board“- Charts erreicht.

„Made In Japan“ setzt das Live-Doppelalbum-Format durch, weil nun klar ist, dass man damit richtig Geld verdienen kann. In den Siebzigern bildet es den musikalischen Grundstock jeder Kellerparty mindestens der westlichen Hemi sphäre. Und die Live-Version von „Child In Time“ gehört ab jetzt zum Standardrepertoire von Rockdiscos, solange es Rockdiscos gibt. Sie sorgt für ein immerhin zwölfeinhalbminütiges Zeitfenster mit selbst gebatiktem Ausdruckstanz, wenn der DJ mal aufs Klo muss.

Hinter den Kulissen sieht es längst nicht mehr so bunt aus. Blackmore denkt über eine eigene Band nach, die er völlig unter seiner Knute hat. Aber dann verabschiedet sich auf einmal Ian Gillan, und dessen Buddy Roger Glover kann auch gleich gehen. „Who Do We Think We Are“, dem man die Ermüdung und Ernüchterung dieser Formation schon deutlich anhört, spielen die beiden noch mit ein, und auch bei der anschließenden Tour sind sie dabei, danach kommen mit dem gut aussehenden Nobody David Coverdale und dem Trapeze-Frontman Glenn Hughes gleich zwei veritable Sänger in die Band.

Wieder hatte Blackmore einen Machtkampf gewonnen, wie schon drei Jahre zuvor gegen Jon Lord. Der Keyboarder war die prägende Gestalt der ersten Purple-Phase mit Rod Evans am Mikrofon. Auf dem Debüt, „ Shades Of Deep Purple“, dominiert seine Hammond C3 den schwer psychedelischen Sound der Band. In den USA, wo sie die ersten Erfolge feiern, gelten Deep Purple als „die englischen Vanilla Fudge“, weil sie deren Erfolgsrezept adaptieren, Chart-Hits durch Entschleunigung und exzessive Instrumentalpassagen in gravitätische Rocknummern zu überführen. Der ehemalige Klavierschüler Lord ist überdies ein großer Freund von Keith Emersons Klassik-Rock-Crossover mit der Band Nice, die dann als Einfluss bei den nächsten beiden Alben, „The Book Of Taliesyn“ und „Deep Purple“, an Bedeutung gewinnt. Als er noch einen Schritt weiter geht und auf „Concerto For Group And Orchestra“ Deep Purple gegen das Royal Philharmonic Orchestra antreten lässt – sie spielen tatsächlich eher gegen-als miteinander –, gilt er endgültig als der Kopf der Band.

Die Frackträger sind amüsiert bis indigniert über das Gepolter, Drummer Ian Paice lästert im Gegenzug über ihr schlechtes Timing. Blackmore hat dem Orchesterprojekt ohnehin nur halbherzig zugestimmt und bedingt sich jetzt als Gegenleistung ein hartes Gitarrenalbum aus. Und dafür braucht es einen anderen Sänger.

„Deep Purple In Rock“ überzeugt 1970 nicht nur die Kritiker, sondern auch das Publikum, was Blackmores Autorität beim Management und auch bei Warner vergrößert. Sein ohnehin ziemlich ausgeprägtes Selbstbewusstsein wächst mit. Ein so orgiastisches, richtig steil gehendes Shouting wie vom neuen Sänger Ian Gillan hatte man aber auch noch nicht gehört. Er hat einen ziemlichen Anteil am Erfolg – und weiß nur zu gut, was er wert ist. Man hat oft über die Rivalität von Lord und Blackmore gesprochen, weil sie Abend für Abend solistisch aufeinander losgegangen sind, aber das ist bloß Theater. Nach dem Erfolg von „In Rock“ tritt Lord anstandslos in die zweite Reihe, während der Antagonismus der Alphatiere Gillan und Blackmore die weitere Geschichte der Band noch ein paarmal durcheinanderbringt.

NACH GILLANS ERSTER DEMISSION stoßen Glenn Hughes als Bassist und Back-up für die hohen Register und David Coverdale dazu, ein noch ziemlich unbeleckter weißer Bluesman, der sich aber schnell in die Rolle der ersten Stimme findet. Das ist auch nötig: Es geht sofort ins Studio, um „Burn“ aufzunehmen, und danach auf Tour. Im Sommer 1974 spielen sie auf dem California Jam Festival ihren größten Gig. Ein zweites Woodstock soll es mal wieder werden. 200.000 zahlen, 400.000 sind vor Ort. Deep Purple spielen als Headliner mit „Sonnenuntergangs-Klausel“. Die beiden Sänger harmonieren gut, Hughes erweitert die Klangfarbe, bringt eine gehörige Portion Soul ins Spiel und gockelt aufreizend im weißen Anzug umher. Aber beide brauchen jetzt auch ihre Solo-Features, was die ohnehin durch die unzähligen Improvisationen etwas zerfahrene Performance der Band noch inhomogener macht. Am Ende zerkloppt Blackmore nicht eine, sondern gleich zwei Strats und sprengt einen Marshall in die Luft. Damals fand man das noch nicht ganz so albern.

Auch „Burn“ verkauft sich hervorragend, der Nachfolger, „Stormbringer“, immerhin noch ziemlich gut. Aber Blackmore ist nicht mehr bei der Sache, lässt es im Studio schleifen und lästert nachträglich über den vermeintlichen Soul-Einschlag der beiden Alben. „Ich mochte diesen Stil noch nie. Du weißt schon, diesen Motown- Stoff, der hat noch nie was in mir bewegt, aber sie wollten genau diese Richtung einschlagen.“

Er meint vor allem den Beitrag von Hughes, dessen Kreisch-Exaltationen er nie viel abgewinnen konnte. Es klingt wie eine Ausrede, um endlich seine eigene Band aus der Taufe heben zu können. Und so empfiehlt er ihnen noch den Fusion- Gitarristen Tommy Bolin, bevor er mit Rainbow ein weiteres Kapitel Hardrock-Geschichte schreibt.

Bolin kann spielen, aber ihm fehlt die sinistre Aura eines Blackmore. Vor allem klingt „Come Taste The Band“ streckenweise tatsächlich nicht mehr richtig nach Deep Purple und verkauft sich entsprechend schlecht. „Getting Tighter“, „I Need Love“ und „You Keep On Moving“ sind suggestive, eingängige Funk-Rocker, Purple-Puristen können nicht viel damit anfangen. Dem deutschen „Sounds“ ist das Album nur einen müden Witz wert: „Der Aufforderung, den Deep-Purple-Verschnitt Jahrgang ’75 zu probieren, haben wir, treu wie wir sind, Folge geleistet. Das Ergebnis: ein Höllenkater. Der nächsten Purple-Fusel-Probe bitten wir doch ein Alka-Seltzer beizulegen.“

NACHDEM DER SCHIERE PRODUK TIONSSPASS VON MONTREUX VORBEI WAR, BRACH DER KONFLIKT ZWISCHEN BLACKMORE UND GILLAN WIEDER AUF

Die anschließende Tour läuft entsprechend desaströs, Bolin wird auf offener Bühne ausgebuht, auch weil seine Heroinsucht die Qualität seiner Performance mitunter stark beeinträchtigt. Die Band löst sich schließlich sang- und klanglos auf.

Es braucht acht Jahre und einige Überredungskunst von Polygram in Form von horrenden Vorschüssen, um die klassische Besetzung aus ihren Folgeprojekten Rainbow, White snake, Black Sabbath etc. loszueisen. Dass es sich lohnen würde, war schon klar, aber dass die fünf noch einmal ein so inspiriertes, geschlossenes Album wie „Perfect Strangers“ aufnehmen könnten, hätte 1984 wohl kaum einer erwartet. Dabei haben die Songs eine Entspanntheit, die ganz gut zu den lachenden Gesichtern im Innersleeve passt.

Im letzten Song, „Hungry Daze“, versucht Gillan sich an einer Aufarbeitung der wechselvollen Bandgeschichte. „We all came out to Montreux/ But that’s another song, you’ve heard it all before/ In hungry daze/ Back in the hungry daze.“ Am Ende beglückwünscht er sich und die anderen, weil alles wieder so ist wie damals. „The winning team unite / Living for the crowd/ These are the hungry daze.“

Das Album landet weltweit auf den vorderen Plätzen, in den USA holen sie erstmals wieder Platin, wie damals mit „Machine Head“. Die anschließende Tour einmal um die Welt ist prompt ausverkauft, in Amerika werden wegen der großen Nachfrage weitere Dates gebucht.

„The House Of Blue Light“ aus dem Jahr 1987 ist dann der Versuch, „Perfect Strangers“ noch einmal aufzunehmen. Es enthält mit „Bad At titude“ und „The Unwritten Law“ ein paar tolle Songs, klingt aber längst nicht mehr so beseelt wie der Vorgänger. Nach der neuerlichen Tour erscheint mit „Nobody’s Perfect“ noch ein unnötiges Live-Album, dann ist das „Winning Team“ schon wieder getrennt. Gillan muss gehen. Die üblichen musikalischen Differenzen, die eigentlich eher charakterlicher Natur sind. Diverse Sänger sind jetzt als Ersatz im Gespräch, aber Blackmore besteht auf seinem alten Sidekick Joe Lynn Turner, der schon ein paar Jahre zuvor bei Rainbow die Transformation vom Hardrock- zum AOR-Act mitgestaltet hat. Das soll sich jetzt auch bei Deep Purple wiederholen. Das Album „ Slaves And Masters“ haut genau in diese Kerbe und enttäuscht nicht nur die Die-hard-Fans, sondern letztlich auch die Band selbst.

Lord, Glover und Paice überstimmen Blackmore und holen während der Aufnahmen für das nächste Album Gillan zurück. Viele Songs sind schon fast fertig, aber Gillan macht sie sich mundgerecht, was Blackmore ordentlich auf die Palme bringt. „The Battle Rages On …“ ist ein sprechender Titel für das, was bei den Auf nahme sessions abläuft. Und dann kommt ja noch die obligatorische Tour. Sie arbeiten gerade ihre Europa-Dates ab, als Blackmore es neben seiner Nemesis nicht mehr aushält und nach einem Finnland-Gig Mitte November 1993 endgültig in den Sack haut.

Der Edeltechniker Joe Satriani lässt sich jetzt kurzerhand engagieren, um die Konzertverpflichtungen zu erfüllen. Die Sommertour im Jahr darauf macht er auch noch mit, aber vertragliche Verpflichtungen sprechen gegen ein Album mit ihm. Und so steigt schließlich Steve Morse ein, vielleicht der kompletteste Gitarrist überhaupt in jener Zeit. Mit den Dixie Dregs und seiner Soloband tummelt er sich vornehmlich im Fusion-Bereich, nimmt aber immer wieder Umwege über unterschiedlichste Genres und kann einem auch jederzeit irrwitzige Country- Läufe um die Ohren peitschen. Dass er im Prog-Hardrock-Bandkontext genauso funktioniert, hat er zuvor bei Kansas bewiesen. Und vor allem scheint er ein umgänglicher Zeitgenosse zu sein.

Morse ist ein Segen für Deep Purple. Mit diesem stilistischen Chamäleon kommt endlich etwas wie Konstanz in die Band, und er schafft es sogar, noch dem totgedudeltsten Klassiker ein paar neue Nuancen abzugewinnen. Ich habe auf dem Wacken-Festival 2013 mit eigenen Ohren gehört, wie er den Anfang von „Smoke On The Water“ noch einmal atmen ließ, fast als würde man ihn zum ersten Mal hören.

Die in den Neunzigern entstehenden Alben „Purpendicular“ und „Abandon“ treffen aufgrund der stilistischen Diversität nicht gleich den Geschmack der Fans, aber er spielt sich live in ihre Herzen, auch weil er das Set noch einmal komplett umkrempelt und endlich mal wieder Songs wie „Fireball“ oder „Strange Kind Of Woman“ auf die Bühne bringt.

Nicht mal als Jon Lord erkrankt und durch den weitgereisten Don Airey ersetzt wird, gerät die Band aus der Spur. Im Gegenteil, „Bananas“ und „Rapture Of The Deep“ sind souveräne Alterswerke, die sich anmutig in dem einmal abgesteckten Claim zwischen Prog-, Jazz-und Hardrock bewegen.

Produzentenlegende Bob Ezrin verschafft ihnen im Jahr 2013 mit „Now What?!“ sogar noch einmal ein paar Chartsspitzenplätze, unter anderem in Deutschland. Das Album bringt, mehr noch als „Infinite“ und „Whoosh!“ in den Jahren danach, erstaunlich eingängig auf den Punkt, was diese Besetzung ausmacht: eine immer noch liquide, geschmackvolle Fingerfertigkeit, die sich aber doch meistens in den Dienst des Songs stellt, und in dessen Glutkern die Stimme von Ian Gillan, diesem Musterbeispiel schöner Alterswürde.

„Now What?!“ ist nicht zuletzt ein anrührender Abschiedsgruß an den Freund und langjährigen Keyboarder Jon Lord, der im Jahr zuvor seinem Krebsleiden erlegen ist. „Souls, having touched, are forever entwined.“