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Heilsamer Hanf


Gehirn & Geist - epaper ⋅ Ausgabe 9/2021 vom 06.08.2021

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Bildquelle: Gehirn & Geist, Ausgabe 9/2021

Die neue Gehirn&Geist-Serie »Therapeutische Drogen« im Überblick:

Teil 1: Heilsamer Hanf (dieses Heft)

Teil 2: Partydroge gegen Traumata (Gehirn&Geist 10/2021)

Teil 3: Trip aus der Depression (Gehirn&Geist 11/2021)

UNSERE AUTORIN

Anna Lorenzen ist promovierte Neurowissenschaftlerin und arbeitet als Journalistin in Oldenburg.

Gicht und Rheuma sollten sie lindern und sogar gegen Malaria oder Verstopfung helfen: die weiblichen Blüten der Hanfpflanze. Bereits 2800 v. Chr. nutzten Menschen im heutigen China sie als Heilmittel. Etwas später gelangte Cannabis nach Indien, wo er als Antiepileptikum sowie als Beruhigungs- und Betäubungsmittel angewandt wurde. In der Belle Époque erfreuten sich Zubereitungen aus der Pflanze in Europa großer Beliebtheit, etwa als Arznei zur Schmerzbehandlung. Die von den USA ausgehende harte Antidrogenkampagne ab Mitte des 20. Jahrhunderts setzte dem vorläufig ein Ende.

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... Kurzem hält Cannabis, gestützt von weltweiten Legalisierungen, langsam wieder Einzug in die Apothekerschränke (siehe S. 20 in diesem Heft). Auf Empfehlung der Weltgdesundheitsorganisation hat die Suchtstoffkommission der Vereinten Nationen ihn 2020 aus der Liste der gefährlichsten Drogen gestrichen. Über kurz oder lang wird er in vielen Ländern wohl nicht nur als Arznei-, sondern auch als Genussmittel frei gegeben werden. Letzteres ist in einigen US-Staaten, Uruguay, Kanada und Südafrika bereits geschehen. Dort darf man Hanf in Form von Marihuana – so bezeichnet man die getrockneten weiblichen Blüten – oder Haschisch, dem Harz der weiblichen Pflanze, für den persönlichen Gebrauch kaufen.

In Deutschland können Ärzte dank einer Gesetzesänderung seit 2017 schwer kranken Patienten ein Rezept für Cannabisblüten und deren Extrakte ausstellen, solange diese aus staatlich kontrolliertem Anbau stammen. Ein weiteres Kriterium: Alle anderen Behandlungsmöglichkeiten müssen ausgeschöpft sein.

Als Arznei werden im Cannabis enthaltene Stoffe erst für eine Hand voll Beschwerden empfohlen. Etwa als Schmerzmittel bei multipler Sklerose oder zum Lindern von Krämpfen bei schweren Formen der Epilepsie. Begleitend zur Chemotherapie verabreicht sollen sie die dabei häufig auftretende Übelkeit und Erbrechen verhindern. Der Appetitlosigkeit, die oft mit Krankheiten im Endstadium einhergeht, können sie ebenfalls entgegenwirken.

Für diese Anwendungen gibt es bereits zugelassene Fertigarzneimittel, die entweder aus synthetischen oder natürlichen Cannabinoiden bestehen. Die wichtigsten sind das psychotrope Tetrahydrocannabinol (THC) und das nicht berauschende Cannabidiol (CBD) (siehe »Kurz erklärt«, S. 16). Das Medikament Nabiximols besteht zu gleichen Teilen aus THC und CBD. Es wird als Mundspray bei multipler Sklerose und bei chronischen Schmerzen eingesetzt. Dronabinol und Nabilon enthalten nur THC. Pures CBD, das unter dem Namen Epidiolex vertrieben wird, soll Anfälle bei schwerer kindlicher Epilepsie mindern. All diese Mittel können auch außerhalb ihrer vorgesehenen Indikation (»off-label«) verordnet werden.

Gefühlte Besserung Schon lange nutzen Menschen mit unterschiedlichen seelischen Leiden Cannabis zur Selbstmedikation. Eine 2019 veröffentlichte Analyse mehrerer Studien, die großteils auf Angaben von Konsumentinnen und Konsumenten beruhen, nennt als häufigste Beweggründe Schmerzen, Angststörungen und Depressionen. Die Anwender berichten zum Teil von erstaunlichen Erfolgen mit der Droge. Wie die gefühlte Besserung zu Stande kommt, können die Selbstauskünfte allerdings nicht beantworten. Steckt dahinter etwa nur der Placeboeffekt – oder doch mehr?

Tatsache ist: Die Signalwege, auf die Cannabinoide einwirken, sind an einer Vielzahl kognitiver und emotionaler Prozesse beteiligt. Bei Erkrankungen wie Schizophrenie, Depression oder bei Posttraumatischer Belastungsstörung (PTBS) findet man Veränderungen in der Dichte der Cannabinoid-Rezeptoren in verschiedenen Hirnbereichen. Es ist also prinzipiell plausibel, dass Hanfkonsum diese Prozesse beeinflussen und so Symptome lindern – oder auch verschlimmern – könnte.

Die Forschung dazu, wie die Droge wirkt, steckt jedoch noch in den Kinderschuhen. Dafür gibt es mehrere Gründe: Zum einen ist das körpereigene Cannabi-noid-System hochkomplex. Die beteiligten Rezeptoren sind erst seit den 1990er Jahren bekannt. Hanf enthält zudem hunderte Inhaltsstoffe, die mit verschiedenen Molekülen im Körper interagieren und unterschiedliche Signalübertragungswege beeinflussen. Es ist äußerst schwierig, genau jene Bestandteile zu finden, die für einen bestimmten Effekt verantwortlich sind.

Zum anderen hinderte die Kriminalisierung von Cannabisprodukten die Forschung, weil sie den Zugang zu ihnen stark erschwerte. Das industrielle Interesse an Studien bleibt gering, da die Erforschung von Arzneihanf nur wenig Geld verspricht. Zudem gibt es Probleme beim Studiendesign: Ist in einem Medikament THC enthalten, wirkt es psychoaktiv und unterscheidet sich somit spürbar von dem (nicht berauschenden) Scheinmedikament. »Doppelblinde« Studien, die am aussagekräftigsten wären, lassen sich deshalb kaum durchführen. Bei derartigen Experimenten dürfen weder die Teilnehmenden noch die Studienleitenden wissen, wer den Wirkstoff und wer das Placebo bekommt.

Dennoch gibt es Grund zur Hoffnung. Dank der zunehmenden Lockerungen ist die Anzahl der Veröffentlichungen zu dem Thema in den letzten Jahren deutlich gestiegen. Erste Indizien legen nahe, dass die Cannabinoide bei einigen psychiatrischen Leiden tatsächlich Symptome abschwächen könnten. Was sich aber auch immer klarer abzeichnet: Cannabis ist ein zweischneidiges Schwert und seine Wirkung mitunter davon abhängig, zu welchen Anteilen THC und CBD vorliegen und wie hoch ihre jeweilige Dosierung ist.

Das zeigen etwa Untersuchungen zu Angststörungen. Theoretisch geben die Endocannabinoid-Rezeptoren ein gutes pharmakologisches Ziel für deren Behandlung ab – sie sitzen in limbischen Strukturen wie der Amygdala und dem Hippocampus und somit in Hirnregionen, die an der Verarbeitung von Emotionen beteiligt sind (siehe »Hanf im Hirn«). Außerdem beeinflussen THC und CBD die Ausschüttung von Botenstoffen wie Serotonin, Noradrenalin und Glutamat, die an Stressund Angstempfinden mitwirken. Nicola Black und ihre Kollegen von der University of New South Wales in Sydney haben 2019 eine Metaanalyse über 84 Studien zum Einsatz von pharmazeutischem Cannabis bei psychischen Leiden veröffentlicht. Laut den Forscherinnen und Forschern gibt es – wenn auch vage – Hinweise auf eine angstlösende Wirkung von THC. Allerdings gilt hier wie so oft: Die Dosis macht das Gift. Geringe Mengen des psychoaktiven Cannabinoids wirken vermutlich beruhigend, große können hingegen sogar Angst und Panik verursachen.

Diesen Zusammenhang beobachtete Harriet de Wit mit zwei Kollegen von der University of Chicago im Jahr 2017. Das Forschertrio lud 42 gesunde Erwachsene zu einem sozialen Stresstest ein. Die Probandinnen und Probanden sollten vor Publikum eine Rede halten. Zuvor erhielten sie entweder Kapseln mit reinem THC in zwei verschiedenen Dosierungen oder ein Placebo aus Traubenzucker. Testpersonen, die eine Tablette mit 7,5 Milligramm THC erhalten hatten, fühlten sich beim Vortrag weniger gestresst. Die Forschenden erklärten dies mit einem möglichen dämpfenden Einfluss des THC auf die Aktivität der Amygdala. Die höhere Dosis von 12,5 Milligramm hatte jedoch den gegenteiligen Effekt: Sie brachte eine leichte Zunahme von Angst und negativen Emotionen.

Die Mischung macht’s Cannabidiol ist ebenfalls ein Kandidat für die Behandlung von Angststörungen. Eine Arbeitsgruppe um José Crippa von der Universität Sao Paulo testete den Wirkstoff 2011 in einer kleinen Studie. Insgesamt 24 Menschen mit sozialer Phobie gaben die Forscherinnen und Forscher 600 Milligramm CBD oder ein Placebo. Anschließend ließ das Team sie vor Publikum sprechen. Im Vergleich zum Scheinmedikament wirkte das Cannabinoid während des Vortrags angstlösend – so die Eigeneinschätzung der Testteilnehmer. Zudem fühlten sich die Behandelten geistig fitter. Weitere Beobachtungen deuten sogar darauf hin, dass Cannabidiol die negative Wirkung von höher dosiertem THC entschärfen könnte. Bevor Fachleute eine Empfehlung aussprechen können, bedarf es aber größerer, qualitativ hochwertiger Studien.

Bisher scheint es so, als wäre das Verhältnis zweier Wirkstoffe entscheidend: Größere Mengen THC sind vermutlich schädlich, viel CBD hingegen eher unbe-denklich bis heilsam. Dieses Muster zeigt sich auch bei Schizophrenie. Denn mehrere Untersuchungen weisen darauf hin, dass Menschen mit erhöhtem Psychoserisiko lieber die Finger vom Cannabis lassen sollen. Die Rauschdroge kann eine psychotische Episode auslösen und bestehende kognitive Beeinträchtigungen verstärken. Bedingt wird dies vermutlich durch den Wirkstoff THC. Der neurobiologische Mechanismus ist noch nicht vollends geklärt, aber vermutlich stört THC über die CB1-Rezeptoren die von Dopamin vermittelte neuronale Signalweiterleitung im Striatum und Präfrontalkortex. In diesem dopaminergen System vermutet man auch die Ursache psychotischer Störungen.

KURZ ERKLÄRT: CANNABINOIDE

Die Hanfpflanze beinhaltet mehr als 100 Wirkstoffe, die zur Molekülfamilie der Cannabinoide zählen. Die wichtigsten sind das psychotrope Tetrahydrocannabinol (THC) und das nicht halluzinogene Cannabidiol (CBD). Die Substanzen werden vor allem von den Blüten weiblicher Pflanzen produziert. Im Unterschied zu diesen Phytocannabinoiden, gibt es auch hirneigene Botenstoffe, die ähnlich wirken – man nennt sie Endocannabinoide.

Marta Di Forti vom King’s College in London führte gemeinsam mit britischen und italienischen Fachleuten eine Studie zum Psychoserisiko von Kiffern durch. Über 900 Patienten, die in verschiedenen Kliniken Europas und Brasiliens wegen einer ersten psychotischen Episode behandelt wurden, befragten die Forscherinnen und Forscher zu ihrem Cannabiskonsum. Dann verglichen sie deren Antworten mit den Angaben von über 1000 gesunden Kontrollprobanden. Die 2019 veröffentlichte Analyse ergab, dass Menschen, die täglich Cannabisbestandteile mit einem THC-Gehalt von über zehn Prozent rauchten, ein etwa fünfmal so hohes Psychoserisiko hatten. Nach Meinung der Studienautoren ließe sich die Anzahl der Betroffenen in Amsterdam, wo besonders häufig hochpotentes Gras konsumiert wird, halbieren, wenn täglicher Hanfkonsum unterbunden würde. Auch weitere Studien sprechen für einen ursächlichen Zusammenhang zwischen Psychose und Cannabis.

CBD erhält hingegen Aufmerksamkeit für sein antipsychotisches Potenzial. Ein Team um Christian Schubart vom Universitätsmedizinischen Centrum Utrecht führte 2011 eine Onlinebefragung mit fast 2000 Cannabiskonsumenten durch. Häufigkeit und Art des Konsums sowie psychotische Symptome erhoben die Forscher anhand eines standardisierten Fragebogens. Ihnen kam entgegen, dass Hanf in den Niederlanden ein unter gewissen Bedingungen legales Genussmittel ist und sie somit auf Informationen über den THC- und CBD-Anteil der verschiedenen Produkte zugreifen konnten. Sie stellten fest: Je mehr CBD im Cannabis enthalten war, desto weniger psychotische Episoden traten auf. Andere Studien finden dagegen keinen solchen Effekt. Womöglich spielt das Alter der Nutzer eine Rolle; so gibt es die These, dass sich CBD nur bei frühen Phasen der Psychose als ergänzende Therapie eignen könnte. Viele Fragen sind noch offen. Die Psychologin und Cannabisforscherin Eva Hoch vom Klinikum der Ludwig-Maximilians-Universität München glaubt jedoch, es lohnt sich, das antipsychotische Potenzial von CBD weiter zu untersuchen.

Viele Menschen geben an, Cannabis wegen des positiven Effekts auf die Stimmung zu konsumieren. Ob das Kraut gegen Depressionssymptome hilft, ist aber aus wissenschaftlicher Sicht noch fraglich. Bei depressiven Frauen wies eine Untersuchung einen verringerten Spiegel an Endocannabinoiden im Gehirn nach. Je niedriger die Konzentration der Stoffe war, desto länger dauerte das Stimmungstief im Schnitt an, wie Matthew Hill 2008 an der University of British Columbia in Vancouver zeigte. Zudem beeinflussen Cannabinoide die Ausschüttung von Neurotransmittern und wirken so mitunter entspannend und euphorisierend. Trotz dieser Merkmale und vieler positiver Berichte von Konsumenten wurde ihr therapeutisches Potenzial bei Depression bisher kaum untersucht. Klinische Studien zum Thema fehlen bislang gänzlich.

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Es gibt allerdings eine Hand voll Beobachtungsstudien und Erfahrungsberichte, die auf ein antidepressives Potenzial hindeuten. Staci Gruber vom McLean Hospital in Belmont fand heraus, dass das Rauchen von Marihuana die depressive Phase von Probanden mit bipolarer Störung etwas abschwächte. Es kommt jedoch teils zu paradoxen Effekten: So scheint kurzfristiger, moderater Cannabiskonsum die Stimmung zu heben, zu viel davon bewirkt hingegen eher das Gegenteil und verstärkt die Symptome bei schwerer Depression sogar.

Weg aus dem Trauma?

Schon länger ist bekannt, dass viele Menschen mit PTBS Cannabis rauchen – vermutlich zur Selbstmedikation. In Kanada und den USA ist Medizinalhanf bereits als Behandlung für die Störung zugelassen. Das suggeriert eine gewisse Unbedenklichkeit. Doch auch hier ist Vorsicht geboten. Einige Untersuchungen mit THC und CBD weisen zwar auf einen möglichen therapeutischen Nutzen hin. So konnte Nabilon (THC) in mehreren Studien den Schlaf der Patienten verbessern und Albträume reduzieren. Experimente an Tieren haben gezeigt, dass die Amygdala unter der Kontrolle des endogenen Cannabinoid-Systems steht. Wird die limbische Kernregion mit den Wirkstoffen geflutet, so könne dies unangenehme, beängstigende Erinnerungen löschen. Sabrina Botsford von der University of Toronto kommt in ihrem Review von 2020 allerdings zu dem Schluss, dass Cannabis die Symptome bei PTBS eher verstärkt als lindert. Die US-amerikanische National Academies of Sciences, Engineering and Medicine (NA-SEM) stuft die bisherige Studienlage als nicht ausreichend ein, um eine endgültige Einschätzung zu geben.

Anders sieht es bei chronischen Schmerzen aus: Hier spricht die wissenschaftliche Evidenz laut NASEM für einen Nutzen. Aktuell sind sie mit Abstand der häufigste Grund, Medizinalhanf zu verschreiben – 70 Prozent der Rezepte nennen die Indikation. Weltweit leidet fast jeder Fünfte an Dauerschmerzen. Neben Medikamenten setzen Ärztinnen und Ärzte auch Bewegungs- und psychologische Therapien ein (siehe »Das Leiden in den Griff bekommen« Gehirn&Geist 10/2020, S. 62). Doch in vielen Fällen erweist sich die Pein trotzdem als hartnäckig.

Schmerz lass nach!

Das endogene Cannabinoid-System ist bekannt für seine Rolle in der Schmerzkontrolle. Es gibt allerdings erst wenige Studien, die eindeutig positive Effekte von Hanf oder Hanfbestandteilen auf den Signalweg belegen. Empfohlen wird die Behandlung aktuell nur im Fall von Schmerzen, die durch Schädigung der Nerven entstehen. In einer neuen Übersichtsarbeit kommt Michael Überall, Vizepräsident der Deutschen Gesellschaft für Schmerzmedizin (DGS), zu dem Fazit, dass das Medikament Nabiximols (THC/CBD) deren Therapie sinnvoll ergänzen kann. Vermutlich vermitteln die beiden Cannabinoide gemeinsam den positiven Effekt. Dagegen stuft Überall den Einsatz bei anderen Beschwerden wie etwa akuten oder krebsbedingten Schmerzen als weniger geeignet ein. Der Neurologe fügt aber hinzu, dass die Stoffe durch ihre angstlösende und entspannende Wirkung den Umgang mit dem Dauerleiden erleichtern könnten.

Ob und wie Cannabinoide mit anderen Arzneien wechselwirken, ist noch kaum erforscht. Faktoren wie Dosierung, Art der Verabreichung, Alter und Geschlecht könnten ebenfalls eine ungeahnte Rolle bei der Wirksamkeit spielen. Außerdem nehmen viele Menschen, die Cannabis konsumieren, die Droge gemischt mit Tabak per Joint zu sich. Dass Rauchen ungesund ist, ist hinreichend belegt. Diese Form der Einnahme macht womöglich sogar jegliche positiven Effekte zunichte und ist insgesamt eher schädlich.

Eine Forschungsgruppe um Fiona Clement von der University of Calgary’s Cummings School of Medicine hat 2018 eine Übersichtsarbeit zu den wichtigsten Risiken publiziert, die mit dem Rauchen von Marihuana einhergehen. Dazu gehören ein erhöhtes Risiko für Schlaganfälle und Hodenkrebs, beeinträchtigte Lernund Gedächtnisfunktionen und strukturelle Hirnveränderungen. Zudem gibt es Einbußen in verschiedenen kognitiven Leistungen wie der Aufmerksamkeit sowie psychische Probleme inklusive Psychosen, Manie und einer erhöhten Suizidgefahr. Diese Faktoren müsse man bei der Diskussion um den Einsatz von therapeutischem Cannabis bedenken, mahnen die Forscher.

Eva Hoch wünscht sich indes mehr evidenzbasierte Behandlungsempfehlungen. Ärzte müssen immer genau abwägen, welche Effekte bei einzelnen Patienten zu erwarten sind, sowie Risiken und Kontraindikationen kritisch prüfen. Die DGS empfiehlt, lieber Fertigarzneimittel mit ihren klar definierten Inhaltsstoffen zu verordnen als Hanf in Blütenform, denn Erstere sind besser erforscht, risikoärmer und einfacher dosierbar.

Viele offene Fragen bleiben bestehen, doch die fortschreitende Legalisierung von Cannabis beflügelt die Untersuchung von Wirkungen und Nebenwirkungen der Droge. Deutschland hinkt hier noch stark hinterher. Langsam tut sich aber auch hier zu Lande etwas: So hat die Bundesregierung 2019 zusammen mit der Universität Hohenheim und deutschen sowie kanadischen Unternehmen ein Netzwerk eingerichtet, um die Cannabisforschung und den Anbau der Pflanze im Bundesgebiet voranzubringen. Ob dem Medizinalhanf tatsächlich eine glänzende Zukunft bevorsteht, bleibt allerdings abzuwarten.

QUELLEN

Black, N. et al.: Cannabinoids for the treatment of mental disorders and symptoms of mental disorders: A systematic review and meta-analysis. Lancet Psychiatry 6, 2019

Colizzi, M. et al.: Unraveling the intoxicating and therapeutic effects of cannabis ingredients on psychosis and cognition. Frontiers in Psychology 11, 2020

Di Forti, M. et al.: The contribution of cannabis use to variation in the incidence of psychotic disorder across Europe (EU-GEI): A multicentre case-control study. Lancet Psychiatry 6, 2019

Sarris, J. et al.: Medicinal cannabis for psychiatric disorders: A clinically-focused systematic review. BMC Psychiatry 20, 2020

Dieser Artikel im Internet: www.spektrum.de/artikel/1893307

Auf einen Blick: Ein High für die Psyche

1 Lange war die medizinische Bedeutung der Hanfpflanze in Vergessenheit geraten. Doch dank Gesetzeslockerungen gibt es Cannabis nun auch bei uns auf Rezept.

2 Die Belege für seinen therapeutischen Nutzen sind bisher begrenzt. Einige Studien deuten auf positive Effekte hin, doch die Daten lassen in den meisten Fällen noch kein abschließendes Urteil zu.

3 Wirkungen und Nebenwirkungen der Präparate hängen stark vom Mengenverhältnis der enthaltenen Cannabinoide ab. Manche Risikogruppen sollten vor allem von THC-reichen Produkten die Finger lassen.

Hanf im Hirn

Die Wirkstoffe THC und CBD binden an zwei verschiedene Cannabinoid-Rezeptoren im Körper, CB1 und CB2. Ersteren findet man vorrangig im Gehirn; die Regionen mit der höchsten Rezeptordichte und die von ihnen beeinflussten Prozesse sind oben eingezeichnet. Letztere kommen vor allem an der Oberfläche von Immunzellen vor. Unterschiedliche Cannabinoide haben teilweise entgegengesetzte Effekte: So ist THC ein Agonist von CB1 – er aktiviert den Rezeptor, indem er sich an ihn bindet. CBD hingegen kann ihn blockieren. Deshalb ist CBD im Unterschied zu THC nicht psychoaktiv. Damit die Stoffe überhaupt eine Wirkung entfalten können, müssen sie zuvor durch Erhitzen decarboxyliert werden – erst das überführt sie in die pharmakologisch wirksame Form. Die hanfbasierten Arzneimittel werden anhand ihres Cannabinoid-Gehalts in THC-dominante, THC/CBD-balancierte und CBD-dominante Präparate eingeteilt. Dementsprechend fallen ihre Wirkprofile unterschiedlich aus.