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HEIMIS'CHE WILDNIS'


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Wanderlust - epaper ⋅ Ausgabe 4/2022 vom 13.05.2022

Soonwaldsteig

Artikelbild für den Artikel "HEIMIS'CHE WILDNIS'" aus der Ausgabe 4/2022 von Wanderlust. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bildquelle: Wanderlust, Ausgabe 4/2022

Zwischen dick bemoosten Blöcken aus Taunusquarzit tasten sich die Schritte über den Grat des Lützelsoons.

Kniend beuge ich mich über die geöffnete Falltür. Unter dem Boden gleiten Kisten hin und her. Plastikflaschen stapeln sich darin. Halbliter und anderthalb, still und medium. Welch ein Schatz! Kurz darauf zischt es. Kohlensäure sprudelt auf, Wasser spritzt. „Aaaaah“, entfährt es mir nach einem gierigen Schluck. Den elf Männern aus Hennweiler gebührt ewiger Dank. In ihrer Freizeit haben sie dicke, vom Sturm gestürzte Stämme entrindet, daraus eine Blockhütte gezimmert. Mit vielen Finessen: Unter der Decke verhaken sich Geweihe zu einer Lampe, eine Leiter an der Wand steigt zum Notlager auf der Galerie, Kleiderbügel aus krummem Holz baumeln an Nägeln.

Das einzige Metall – eine fest verankerte Röhre für Spenden – haben die Erbauer sogar noch mit Rinde umkleidet. Ein Schild erlaubt, sich aus dem Vorrat zu bedienen.

Dass die Menschen aus Hennweiler Nachschub rankarren, rechnen ihnen ...

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... Wandernde auf dem Soonwaldsteig besonders hoch an. Dort ist Wasser Mangelware.

Zumindest für diejenigen, die auf dem Weitwanderweg bleiben. Auf 85 Kilometern schlängelt er sich von Kirn an der Nahe zum Rhein bis Bingen. Entlang des Hahnenbachs taucht er in die Natur, läuft auf den Quarzitkämmen des Soonwalds zum Binger Wald. Wo dieser zum Rhein abbricht, prallt der Steig mit drei Burgen auf geballte Rheinromantik. Lieblicher Gegenpol zum harschen Wald. Zertifiziert als Premiumwanderweg, verspricht er lückenlos markiertes Wandervergnügen für vier bis sechs Tage. Möglichst fernab von Straßen, Industriegebieten und Forstpisten. Auf gut 40 Kilometern sogar so abgeschieden, dass er nicht mal eine Siedlung berührt.

Einzig der Simmerbach hat es geschafft, sich zwischen Kleinem (Lützel) und Großem Soon in das harte Gestein zu schneiden. So kreuzen nur wenige, kaum befahrene Straßen den Soonwaldsteig (von der A 61 mal abgesehen; dort wurschtelt sich der Weg aber recht geschickt drunter her).

Von ein paar Extremsportlern abgesehen, geht niemand solch eine Distanz am Stück. Um Wandernden diese Langstrecke trotzdem ohne Abbiegen zu ermöglichen, richtete der Naturpark Soonwald-Nahe vier Trekkingcamps ein. Dort dürfen jede Nacht ein paar Outdoorliebhaber Zelte aufschlagen. Sie kaufen online ein Ticket und erfahren, wo sich ihr Platz genau befindet.

Eine Revolution: plötzlich legale Trekkingtouren in Deutschland! Außerhalb von Campingplätzen im Freien zu übernachten ist hierzulande ansonsten verboten.

Mit Zelt auf dem Rücken ein paar Tage der Zivilisation entfliehen, um den Blick für die wesentlichen Dinge des Lebens zu schärfen – in vielen Ländern üblich, bei uns lange unmöglich. Die Macher des Soonwaldsteigs beweisen: eher fehlender Wille als fehlende Wildnis.

Das Jaulen und Heulen ebbt ab. Erst Laster, dann Düsenjets. Stille klingt danach richtig laut. Kurz hinter Rudolfhaus verschwindet die Straße endlich aus dem Tal des Hahnenbachs. Der mündet bei Kirn in die Nahe. Sein Ufer leitet aus der Lederstadt, vorbei am Ziegelschornstein mit der Aufschrift Kirn Pils. Schon jetzt beschleichen mich leise Zweifel: Wie soll das bergan funktionieren? Die Schultern schmerzen bereits unerträglich. Im Alisa-Park klettern Stufen hinauf. Würziger Waldgeruch löst den des Bio-Abfall sammelnden Müllautos ab. Langsame Schritte helfen, Rhythmus zu finden. Grüne Tunnel, in denen Vögel emsig zwitschern, verschlingen die Leidensgenossen vor mir. Erkennungszeichen: pummeliger Rucksack.

Tempo-Taktik

Dieser füllt sich für solch eine Trekkingtour rasch: Zelt, Schlafsack und isolierende Matte. Regenzeug. Mütze und Schal – Spätsommernächte können frisch sein. Wechselshirt, Wärmendes und das Wichtigste: genug zu essen und zu trinken. In meinem Fall abgezählte Rationen Haferflocken, angereichert mit Milchpulver, geriebenen Haselnüssen und dunkler Schoki. Kalte Kost spart Kocher und Topf. Bei der Express-Variante mit vier Nächten für mich erträglich. Zumal ich die letzte Station schon kenne: Dort serviert das Forsthaus Lauschhütte vorzügliche Wildbolognese.

Essensgelüste geistern auf solchen Touren ständig im Kopf herum. An einer Hecke unterhalb der Burgruine Steinkallenfels glänzen dunkle Brombeeren.

Vitamine direkt vom Busch. Luxus, ohne zu tragen! Mit schmierigen Händen und herb-süßlichem Geschmack auf der Zunge tappelt es sich leichtfüßig weiter. Auf einmal durchzucken kleine Blitze die Füße, Zehen krampfen. Abwärts und Asphalt – anscheinend keine gute Kombi.

Im Wald um Schloss Wartenstein säumen leuchtend grüne Moospolster den Soonwaldsteig. Irgendwie beruhigend. Wie auch die Laune senkt und hebt sich der Weg. Oberhalb von Hahnenbach lauert ein kleiner Killer: An der fast alpinen Passage muss man die Hände zu Hilfe nehmen, um sich an den Steinen hochzustemmen. Beim Anstieg zieht mich der Klotz auf dem Rücken zurück wie ein bockiges Kind. Ich bin kaum schneller als der Mistkäfer auf dem Waldboden – so dauert es eher vier Wochen bis zum Rhein.

Umweg gegen Durst

Immerhin – Wasser sprudelt am ersten Tag reichlich aus dem „Netz offener Wasserhähne“. Vor dem Tor von Schloss Wartenstein, an einer Hauswand in Rudolfshaus und am Forellenhof füllt es die Flaschen.

Ohne Privatleute und Gastronomen, bei denen Wandernde abzapfen dürfen, wäre der Soonwaldsteig noch anstrengender.

Meine Tourplanung haut überhaupt erst wegen eines netten Herrn aus Henau hin.

Hinter Burg Koppenstein fällt die kleine Straße ab vom Steig, runter in das Dorf.

Neben der Garage von Nummer vier blitzt ein Wasserhahn. Auf dem Rasen vor dem Haus gruppieren sich vier Bänke um einen Tisch. Ein bauchiger Mann mit Glatze und grauem Stoppelbart gießt. Er setzt sich zu mir. Wir plaudern. Früher sei er auch viel gewandert. Da öfter Leute bei ihm für Wasser geklingelt hätten, habe er außen einen Hahn montiert. Ein Nachbar kommt gerade aus seinem Garten, stellt frisch gepflückte Himbeeren auf den Tisch. Ein Dritter schlurft heran, in jeder Hand einen Eimer voller Pflaumen und Mirabellen.

INFO

Biwakieren in Deutschland Schon vor dem Soonwaldsteig eröffneten an der Südlichen Weinstraße die ersten einfachen, naturnahen Trekkingplätze, die für kleines Geld zu buchen sind. Sie haben einen Trend losgetreten. Endlich dürfen Zeltwanderer auch hierzulande unter freiem Himmel schlafen, zumindest halbwild. Mit Rücksicht auf die Natur gibt es meist eine Komposttoilette und je nach Lage auch eine Feuerstelle. Manchmal schützen Holzplateaus vor zu viel Plattgetretenem.

Wanderregionen wie Schwarzwald, Sauerland, Eifel, Pfalz, Hunsrück und Frankenwald haben nachgezogen. Am Neckar, im Steigerwald und am Forststeig in der Sächsischen Schweiz darf man über Nacht sein Zelt aufschlagen. Auch im Norden gibt es Plätze, vor allem für Wasserwandernde.

Der Wasserspender holt für jeden ein gekühltes Kirner aus seinem Haus. Beine und Kopf protestieren bei dem Gedanken, wieder aufzustehen. Aber die Sonne senkt sich. 4,5 Kilometer noch bis unter das Blätterdach von Camp Alteburg, dem Platz für die zweite Nacht. Mit gut drei zusätzlichen, flüssigen Kilo. Von der nächsten Zapfsäule trennen mich 27 Kilometer und eine Nacht. Ausgerechnet ein Autohof an der A61 beendet die Durststrecke.

Neben der Express-Variante gibt es grob noch zwei weitere Strategien für die Tourenplanung. Am Forellenhof begegnet mir die Luxusversion. Die erhoffte, hochgelobte Forelle schwimmt noch im Fischteich hinter der Terrasse, die Köchin ist krank. Also pikst die Gabel Pflaumenkuchen vom Teller – auch nicht schlecht. Am Nebentisch ein älteres Pärchen. Ebenfalls auf dem Soonwaldsteig unterwegs, zischen sie ein Kaltgetränk hinunter. Frisch geduscht. In Zivilkleidung. Sie schlafen hier im Hotel. Am nächsten Mittag treffen wir uns in der Teufelsfelshütte wieder. Annelie aus Heilbronn erzählt, ihr Bein mache Probleme. Sie habe extra einen großen Koffer dabei, damit die Faszienrolle hineinpasse.

Das Gepäck wird von Unterkunft zu Unterkunft kutschiert. Ein Taxi liest die beiden nachmittags an einer der Straßen durch die Soonwald-Wildnis auf und setzt sie dort am nächsten Morgen wieder ab. Zum Abschied schenkt Annelies Mann Slobodan mir einen Schokoriegel mit Rum. Der sei richtig lecker, beteuern beide, während sie mitleidig meinen Rucksack tätscheln.

Schnecken-Option

Wer die Schneckentaktik verfolgt, frühstückt entspannt in der Sonne – auf den Bänken, die einen Halbkreis um den Aschehaufen des Lagerfeuers schlagen. In den Töpfen kleben Porridge-Reste, die Spritflasche für den Multifuel-Kocher leuchtet rot im Gras. Am Camp Ellerspring streuen sich die Zelte auf eine versteckte Lichtung unterhalb der mit knapp 657,5 Metern höchsten Soonwald-Kuppe. Zwei Zweier-Teams haben sich gefunden. Sie übernachten in jedem Camp. Nach den wenigen Kilometern zwischen Alteburg, Ellerspring und Ochsenbaum laden sie dort ab und brechen erneut auf, um Wasser zu holen. Wie doll die Riemen einschneiden, hängt nicht nur vom Gewicht des Hineingestopften ab.

Als sich der Weg beispielsweise durch zwei Tunnel zwängt, drückt gar nichts mehr. Betreiber einer früheren Blei-Zinkerzgrube sprengten sie einst in die Felsen. Ein altes Gleisstück, über das Pferde einst Loren zogen, quert später den Weg, ragt etwas über den Abgrund hinaus. Sich durch die dunklen Röhren vorzutasten, wirkt für eine Weile wie Doping. Der Rucksack scheint auf einmal viel weniger zu wiegen. Oder die Wanderschaukel. Ein Zuckerl. Fast schwingt sie in den kleinen Teich auf einer Auwiese am Hahnenbach. Sie bündelt alle Energie, bevor der Soonwaldsteig über Felder auf den Lützelsoon kriecht. Den Kamm übersäen Blöcke aus Taunusquarzit wie Konfetti.

Grüne. Mooshäubchen polstern scharfe Kanten ab, kurbeln die Fantasie an. Der Weg schlängelt sich dazwischen. Bei dem Untergrund muss jeder Schritt bedächtig gesetzt werden – durchaus anstrengend.

Doch die Szenerie fesselt. Eine Traumwelt zum Hindurchschweben.

Spätestens hinter dem Eichberg holt mich ein komisches Grummeln zurück in die Realität. Erst erinnert es an ein Flugzeug, dann kommt rhythmisches Rauschen hinzu. Schatten von Rotorblättern brettern über die Augen. Unter riesigen Windrädern fühlt sich die linke Ferse besonders durchgescheuert an, der rechte Hüftbeuger streikt. Zwischen Brennnesseln donnern die Lkw auf der Autobahn mit jedem Schritt abwärts lauter. Nach ihrem Unterqueren zermürben um den Kandrich durchgepflügte Forstpisten. Die Aussicht vom Ohligsberg bis ins Rheintal kündet das liebliche Finale an:

Erst äugen in der Steckeschlääferklamm am Morgenbach Baumgeister neugierig aus ihren Stämmen. Kurz vor seiner Mündung dreht der Steig auf die Zielgerade und zieht sich am steilen Rheinhang mit Blicken auf drei Burgen noch eine geballte Ladung Rheinromantik rein.

Ohne Rucksack fehlt was. Nach dem Absetzen fühlt sich der Körper an, als wolle er abheben. Das Gleichgewicht scheint irritiert. So wanke ich am ersten Abend etwas unbeholfen über die ausgelatschten Steinplatten der Schmidtburg, um die Ruine zu erkunden. Sie sitzt auf der einzigen unbewaldeten Anhöhe über einer Kehre des Hahnenbachs. Eine lange Rampe befördert einen auf die Oberburg. Zurückgeschaut, leuchtet unten ein orangefarbenes Zelt auf. Die letzten Sonnenstrahlen schaffen es gerade noch über den Gegenhang.

Dahinter staffieren sich Parzellen, die Reste von Burgmauern einfrieden. Über „meine“ kann ich nicht mal drübergucken. Dafür klafft ein Bodenfenster in der Wand – mit Geländer. Über der Wanderliege vor „meinem“ Eingang leuchten die Sterne. Grillen zirpen, weiter weg bellt ein Hund, ansonsten: Stille.