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Heimkehr


Die Kirche - epaper ⋅ Ausgabe 27/2021 vom 11.07.2021

Im März 2021 übernahm Pfarrer Stephan Schmid in Masar-i-Scharif von seinem katholischen Mitbruder Burkhard Schmelz den Staffelstab. Die Regel ist, dass von jeder Konfession jeweils nur ein Militärseel - sorger, eine Militärseelsorgerin den Einsatz begleitet. In Afghanistan waren sie zuletzt an zwei Orten tätig, in Kabul und in Masar-i-Scharif. Pfarrer Schmid trat am 3. Juni mit etwa 40 bis 50 Soldat*innen den Heimflug an. Seine Heimatgarnison ist das niedersächsische Faßberg mit den Standorten Celle und Walsrode.

Einen letzter Gottesdienst in der Kapelle „Sankt Benedikt“ im Camp Marmal begleitete Pfarrer Schmid Ende Mai. Entschieden wurde, das Kirchlein nicht stehen zu lassen. Das Gotteshaus sollte wenigstens in Teilen nach Deutschland gebracht werden. So bauten Pioniere den Altarstein samt Altarplatte, den Sandsteinbogen und die Türen aus. Das fast drei Meter hohe Kreuz aus Holz und Metall ...

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Vor rund 20 Jahren gingen Mädchen in Afghanistan nicht zur Schule, jetzt sind es immerhin rund ein Drittel. Die Kapelle ?Haus Benedikt? im Camp Marmal in Masar-i-Scharif bauten Soldat*innen der Bundeswehr.
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... verpackten sie transportgerecht. „Es war eine Erleichterung, endlich die Unsicherheit für die Soldaten weg, wann sie nach Hause fliegen durften“, sagt Seelsorger Schmid. Einige hätten schon im Februar gehen sollen, wurden dann aber verlängert.

Anders als viele deutsche Medien sehen Soldat*innen, die Afghanistan kennengelernt haben weit mehr davon, was hier in 20 Jahren der Anwesenheit von internationalen Truppen erreicht wurde: Demokratie und Menschenrechte seien durchaus ins Bewusstsein der Menschen gerückt. „Es ist zu hoffen, dass die Menschen Kraft genug haben, damit Stand zu halten“, hält Schmid die Zuversicht hoch. Andererseits bleibe die Sorge, dass die Gewalt der Taliban die Oberhand gewinne. Fest steht aber: „Die Regierung in Kabul tut für eine Verbesserung der Lebensverhältnisse nicht genug“, sagt Stephan Schmid. Eine christliche Lebenshoffnung hat er aus dem Einsatz mitgenommen: Am ersten Sonntag nach Ostern ließ sich in der Kapelle „Sankt Benedikt“ ein Soldat taufen.

Der katholische Pfarrer Marius Merkelbach aus Saarlouis konnte nur noch im April Dienst tun, nachdem er schon einmal 2011 in Kunduz einen Einsatz begleitet hatte. Eigentlich hätte er länger bleiben sollen. Doch dann sei die Nachricht gekommen, dass die US-Amerikaner ab - ziehen. Schnell war klar, was das für die Bundeswehr bedeutet: „Es wird alles zusammengepackt und nach Hause verlegt – kurzfristig.“ Aus Sicherheitsgründen konnte er nicht bis zum letzten Tag bleiben.

Drei Gottesdienste hielt er bis dahin in Kabul, im Anschluss eine Messfeier in der Kapelle „Sankt Benedikt“ im Camp Marmal in Masar-i-Scharif. Die gut besuchte Messfeier in der kleinen Kapelle, die Soldat*innen selber gebaut haben, behält Merkelbach, gern in Erinnerung. „Sie bleibt eine Ehre für mich“, sagt der Geistliche, der sich jetzt wieder um 2 500 Soldat*innen in den Standorten Saarlouis, Lebach, Perl und Trier sorgt.

Eine Menge praktisches Wissen vermittelt

Durch den Alltag eines Militärpfarrers ziehen sich vor allem zahlreiche Gespräche. „Der ein oder andere war natürlich traurig, dass der für vier Monate geplante Einsatz schon nach sechs Wochen beendet werden sollte“, sagt Merkelbach. Denn Einsatzzulagen bessern die Soldaten -gehälter auf. „Die Stimmung war angespannt, aber immer kameradschaftlich“, erinnert er sich an die zwischenmenschliche Lage. Für die „locals“, die afghanischen Kräfte vor Ort, seien die Aussichten unsicher. „Sie wissen, dass es gefährlich werden könnte für sie“, so der Pfarrer. Zu den in Deutschland oft übersehenen Erfolgen des Einsatzes gehöre seiner Ansicht nach, dass die einheimischen Kräfte eine Aus - bildung als Klempner, Schlosser oder Schreiner machen konnten. „Mit Sicherheit haben wir eine Menge Know how hinterlassen.“

Wenn das Land also nicht als Ganzes stabilisiert werden konnte, zählen doch umso mehr die menschlichen Erfolge: Die Erfahrung von Freiheit und Demokratie und die Schulbildung für Mädchen. Die internationalen Truppen haben mit ihrer Anwesenheit in zwei Jahrzehnten auch für wirtschaftliche Prosperität gesorgt.

Die Bilanz des Afghanistan-Einsatzes der Bundeswehr bleibt dennoch alles in allem ein Kapitel mit vielen Fragezeichen. Erst die Geschichtsschreibung wird wohl über Erfolg und Misserfolg entscheiden. Die internationalen Anstrengungen zur Befriedung des Landes waren enorm: Seit Ende 2001 versuchten fremde Truppen den internationalen Terrorismus zu bekämpfen. Eine Reaktion auf den 11. September 2001 – bis 2014 mit dem ISAF-Einsatz (International Security Assistance Force), dann mit der Mission Resolute Support (RS).

Vor drei Jahren zeigte man sich noch optimistisch

100 000 Zivilist*innen wurden seitdem getötet. 59 deutsche Soldaten ließen in Afghanistan ihr Leben, 35 fielen in Gefechten oder wurden bei Anschlägen getötet. Ein Vertreter des Generalkonsuls in Mazar-i-Scharif, Johannes Rumpff, zeigte sich 2018 im Blick auf die Chancen Afghanistans noch optimistisch: Vieles sei noch nicht im eigentlichen Sinne „gut“, aber es sei eben doch deutlich besser als vor 15 Jahren.

Es sei zwar so, dass etwa nur ein Drittel der Mädchen eine Schule besuchen würden, aber Anfang des Jahrtausends seien es null Prozent gewesen. Es gebe Dorfälteste, die auch in von Taliban beherrschten Regionen sagten: „Schickt eure Mädchen in die Schule.“ Fortschritte gebe es überall im Land, wenn auch auf niedrigem Niveau. Bei einem Treffen hätten ihm junge Afghanen versichert: „Wir haben die Hoffnung noch nicht verloren.“

Der evangelische Militärbischof Bernhard Felmberg sieht die internationale Gemeinschaft weiter in der Verantwortung, wenn auch nicht mehr militärisch. Es dürften aber diejenigen nicht aus den Augen verloren werden, die bis heute durch ihren Einsatz an Leib und Seele verletzt seien. „Ihr Leid endet nicht mit dem Einsatz“, bekräftigte Felmberg in einem Interview mit dem Evangelischen Pressedienst (epd).