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Heimlicher Rückkehrer


Ein Herz für Tiere - epaper ⋅ Ausgabe 11/2019 vom 18.10.2019

Der Kaukasus-Leopard kehrt nach Armenien zurück. Wer seinen Spuren folgt, durchquert einzigartige Berglandschaften – die Heimat von weiteren seltenen Tierarten


Artikelbild für den Artikel "Heimlicher Rückkehrer" aus der Ausgabe 11/2019 von Ein Herz für Tiere. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bildquelle: Ein Herz für Tiere, Ausgabe 11/2019

GEFÄHRDET
Der Kaukasus-Leopard, auch Persischer Leopard genannt, ist eine seltene Unterart des Leoparden


Seine Heimat liegt hinter Stacheldraht. Durch einen rostigen Grenzzaun fällt der Blick auf kahle Felshänge und einen schäumenden Gebirgsfluss. Kein Mensch überquert dieses Niemandsland zwischen Iran und Armenien. Ein anderer Grenzgänger jedoch lässt sich von wilden Wassern und aufgereihtem Stacheldraht nicht schrecken. Auf lautlosen Pranken ...

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... erobert der Kaukasus-Leopard sein altes Revier zurück. Seine Spuren im Uferschlamm oder Neuschnee sind meist die einzigen Hinweise, die Soldaten und Grenzschützer je zu Gesicht bekommen. „Leoparden können zweieinhalb Meter ohne Weiteres überspringen“, sagt Vasil Ananyan. Der Projektleiter des WWF-Leoparden-Schutzprogramms in Armenien ist einer der seltensten Großkatzen der Erde auf den Fährten. An diesem wolkenverhangenen Morgen ist der 46-jährige Biologe entlang des Grenzzauns unterwegs nach Nrnadzor, „das am weitesten von Jerewan entfernte Dorf“. Die Hauptstadt Armeniens liegt mindestens neun Autostunden und unzählige Serpentinen entfernt in Richtung Norden. Wenn im Winter Eis und Schnee die Bergpässe blockieren, ist man mit dem Auto schneller in Teheran als in der Hauptstadt Armeniens.

Der König des Kaukasus

„Der Iran ist die letzte Bastion der Leoparden“, sagt Ananyan. Auf nicht viel mehr als 800 Tiere schätzt der WWF die dortige Population der Persischen Leoparden, einer äußerst seltenen Unterart des von Südafrika bis Java und der russisch-nordkoreanischen Grenze beheimateten Leoparden. In Armenien schienen die Tiere, die einst über den Kaukasus bis nach Europa streiften, um die Jahrtausendwende ausgestorben. Als 2003 ein Leopard in eine Fotofalle tappte, feierten Naturschützer dies als Sensation. Kehrt der einstige König des Kaukasus zurück? Ananyans Weg ins Revier der Raubkatzen führt vorbei an staubigen Grenzposten. Granatapfelhaine kleistern einen leuchtenden Streifen Hellgrün ins karge Ockergrau der Berglandschaft. Direkt hinter dem Dorf mit seinen geduckten Steinhäuschen liegt die Grenze zum Shikahogh-Reservat. Nach Nrnadzor begleitet Ananyan der Wildtierforscher Alexander Malkhasyan. Er war es, der als Erster in Armenien einen Leoparden mit der Kamerafalle erwischte, gar nicht weit von hier.


“Nur rund 800 Persische Leoparden leben noch in Iran”


BEUTETIERE
Bezoarziegen sind die Leibspeise der Kaukasus-Leoparden


Individuelles Fleckenmuster

„Ich konnte meinen Augen kaum glauben, als ich das Foto sah“, sagt Malkhasyan. Der 49-jährige Naturbursche mit dem grauen Vollbart verbringt manchmal Wochen in den unzugänglichen Bergregionen Armeniens, um den Kaukasus-Leoparden nachzuspüren. Heute steht jedoch nur ein kurzer Ausflug in einer Schlucht hinter Nrnadzor auf dem Programm. „Mit den Kamerafallen können wir jedes einzelne Tier identifizieren“, sagt Malkhasyan. „Wir erkennen sie anhand ihrer Fleckenmusterung.“ Mindestens zehn Tiere kann der WWF Armenien inzwischen mithilfe der Aufnahmen unterscheiden. Streift eines davon vielleicht gerade durch die Berge hinter Nrnadzor? Der Pfad in die Schlucht ist von dichtem Gestrüpp gerahmt. Christusdornund Wacholderbüsche, wilde Feigen, Mandel- und Walnussbäume ragen zwischen von Flechten überzogenen Felsbrocken auf. Ein aufgeschrecktes Chukarhuhn flieht gackernd ins Unterholz. „Hier war heute Nacht ein Bär unterwegs“, sagt Malkhasyan und deutet auf einen Kothaufen auf dem Weg. „Er hat wohl von den Maulbeeren und Granat-äpfeln in den Obstgärten weiter unten im Tal genascht.“ Meister Petz ist aber längst über alle Berge. Neben einem wuchtigen Felsklotz packt Malkhasyan seine Ausrüstung aus dem Rucksack.

ALTE MAUERN
Kloster Norawank gehört zum UNESCO-Weltkulturerbe



“Seit 1972 stehen Leoparden in Armenien unter Schutz”


Auf Neos Spuren

„An Stellen wie dieser lohnt sich das Aufstellen der Kameras, weil die Tiere sie nur schwierig umgehen können.“ Der Wildbiologe entfernt das hohe Gras vor einem Busch und befestigt ein handgroßes Kästchen an einem Stamm. „Die Batterien reichen für etwa vier Monate“, erklärt Malkhasyan. Tappt ein Tier in den Infrarotstrahl des Bewegungsmelders, löst das automatisch die Kamera aus. Meist erwischt der Forscher nur Mufflons, Bezoarziegen, Rehe, Füchse, Schakale, Dachse und Steinmarder. Aber immer wieder auch Syrische Braunbären, Wölfe und Luchse. Erscheint tatsächlich ein Leopard auf dem Bildschirm, nachdem Malkhasyan seine Fotokarten in den Laptop schiebt, ist die Freude noch immer riesig. Wie im Februar 2018, als eine Kamerafalle völlig überraschend im Khosrov-Reservat einen Leoparden knipste. Neo, wie Naturschützer den abenteuerlustigen Wanderer nannten, wurde wahrscheinlich als Erster seiner Art seit Jahrzehnten im Zangezur-Gebirge geboren. Wie vermutlich schon seine Vorfahren machte er sich auf die Suche nach neuen Territorien auf in Richtung des Großen Kaukasus. „Niemand weiß, wie Neo nach hierher kam“, sagt Malkhasyan. „Es ist wirklich unglaublich, dass er diese Reise überhaupt geschafft hat.“ Auch wenn Leoparden in Armenien seit 1972 unter Schutz stehen, sind sie weiterhin zahlreichen Gefahren ausgesetzt. Wegen der schwierigen politischen und wirtschaftlichen Situation machen noch immer Wilderer Jagd auf gefährdete Arten. Das Fell eines erlegten Leoparden dürfte auf dem Schwarzmarkt einige tausend Euro einbringen. Selbst auf öffentlichen Märkten findet man heute noch Wolfspelze, obwohl die Tiere seit 2016 ebenfalls unter Schutz stehen. Auch die Zerstörung ihrer Lebensräume und die Verfolgung durch Viehzüchter setzt den Leoparden zu. Zu Sowjetzeiten war Armenien wichtiger Standort der Schwerindustrie. Die katastrophalen Auswirkungen auf die Umwelt sind bis heute sichtbar. Wälder wurden für den Bergbau abgeholzt, Abwässer der chemischen Fabriken in den nächsten Fluss geleitet. Ob Neo einen der schwefelgrünen, nach Faulgasen stinkenden Gebirgsströme durchschwamm? Ob er von Weitem einen Blick auf die Industrieruinen und verfallenden Arbeiter-Wohnblöcke warf?

VERWUNSCHEN
Das Amaghu-Tal fasziniert durch seine raue Schönheit


HORNTRÄGER
Armenische Mufflons bevölkern die Gebirgslandschaft


Völkerverständigung

Mit Sicherheit sah der Leopard die nackten Felshänge, die die Kupferminen wie klaffende Wunden in den Bergwäldern hinterlassen haben. Die politisch nach wie vor instabile Situation der Kaukasus-Länder hat auch für die Natur harsche Konsequenzen. Landminen und Stacheldraht entlang umstrittener Grenzen fordern von der Tierwelt ihren Tribut. „Wenn der Konflikt nicht beendet werden kann, sieht es auch für die Leoparden schwierig aus“, sagt Malkhasyan. In der seit Jahrhunderten umkämpften Vielvölkerregion scheint ein friedliches Miteinander weiter unmöglich. Seit dem Genozid an den Armeniern während des Ersten Weltkriegs hat es keinen nennenswerten Dialog zwischen Armenien und der Türkei gegeben. Mit Aserbaidschan befindet sich das Land wegen des ungelösten Konflikts um Bergkarabach weiter im Kriegszustand. Anders als Politiker und Ökonomen halten Umweltschützer aber seit Langem einen Dialog aufrecht, um das gemeinsame Naturerbe zu erhalten. Im Dezember trafen sich in Tiflis Artenschützer, Wissenschaftler und Regierungsvertreter aus Russland, Georgien, Armenien, Aserbaidschan und der Türkei, um einen gemeinsamen Naturschutzplan für den Kaukasus zu entwickeln. „Naturschutz kann dazu beitragen, Konflikte zu lösen“, sagt Aurel Heidelberg vom WWF Kaukasus. „Wenn es um die Leoparden geht, sind sich alle einig, zusammenzuarbeiten.“

SELTENER ANBLICK
Der Persische Leopard kehrt nach Armenien zurück



“Plötzlich erscheint ein Leopard auf Fotos der Tier-Kamera”


EINSAME ARBEIT
Ein Hirte treibt seine Schafherde durch die Graslandschaft bei Waschlowani


Pläne für einen Wildtier-Korridor

Wer den alten Wanderpfaden der Leoparden von der armenisch-iranischen Grenze nach Norden folgt, durchquert nicht nur von Ausbeutung gezeichnete Landschaften. So hässliche Narben der Mensch mancherorts hinterlassen hat, so atemraubend schön ist die Bergwelt andernorts. An einige der wolkenverhangenen Eichen- und Wacholderwälder im Arevik-Nationalpark wurde nie eine Axt angelegt. Im Rauschen der uralten Platanen von Shikahogh sollen weise Frauen einst das Schicksal von Pilgern gelesen haben. Über die windgepeitschten Hochebenen und Pässe Südarmeniens blickt man auf schneebedeckte Gebirge und bei klarem Wetter bis zum Berg Ararat, der jenseits der Grenze zur Türkei liegt. An so manchem einsamen Wanderweg erinnern noch heute die berühmten Kreuzsteine mit ihren filigranen Ornamenten an eine fast vergessene Steinmetzkunst. Überall stößt man auf verfallene Kirchen und vom Gestrüpp überwucherte Ruinen. Das auf einem Felsvorsprung errichtete Tatew-Kloster und das hinter roten Klippen verborgene Kloster Norawank in der Amaghu-Schlucht sind besonders eindrückliche Zeugen der ältesten Staatskirche der Christenheit. In dieser Gegend kann man heute manchmal eine Klettergruppe an Bezoarziegen beim Morgensport beobachten: Mancherorts hat sich die Zahl der Wildziegen inzwischen wieder verdoppelt, seit in den letzten beiden Jahrzehnten ihre bedeutendsten Lebensräume unter Schutz gestellt wurden. Als eines der wichtigsten Beutetiere der Leoparden könnten die wachsenden Populationen eine Grundlage schaffen, sodass in Zukunft vielleicht weitere der Großkatzen ihren Weg nach Norden finden. Naturschützer träumen davon, dass über einen Wildtier-Korridor einmal wieder Leoparden bis nach Georgien streifen. Er könnte das Khosrow-Reservat mit dem Sewan- und Dilijan-Nationalpark verbinden und von dort über die Schutzgebiete an der aserbaidschanisch-georgischen Grenze bis nach Russland führen. Im Juli 2018 wurde im russischen Alaniya-Nationalpark ein Leopardenpärchen aus einem Auswilderungsprogramm in die Freiheit entlassen.

FEINSCHMECKER
Syrische Braunbären naschen gerne in den Obstgärten


STIMUNGSV OLL
Lichtermeer in der Klosterkirche von Sewanawank



“Wildziegen sind die wichtigsten Beutetiere der Leoparden”


PINSELOHR
Ein Luchs streift durch die verschneite Berglandschaft


FARBENSPIEL
Abendstimmung über dem ruhenden Vulkan Ararat


Rückkehr nach Georgien

Im Vashlovani-Nationalpark im Südosten Georgiens hofft man bereits auf die Rückkehr der Raubkatzen. 2003 ließ sich hier der wahrscheinlich letzte Leopard Georgiens nieder. Er wanderte wohl aus Aserbaidschan ein. Seine Spur verlor sich allerdings 2009 wieder. „Genügend Beute sollten die Leoparden hier vorfinden“, sagt Vazha Kochiashvili bei einem Ausflug über die weite Steppenebene des Parks an der Grenze zu Aserbaidschan. Vor dem Geländewagen des 25-jährigen Naturschützers flieht eine Gruppe Gazellen. „Vor 50 Jahren waren sie hier ausgestorben“, erzählt der Projektleiter der Wiederansiedlung der seltenen Kropfgazellen, „jetzt haben wir wieder 70 bis 80 Tiere hier.“ Eine Gruppe Zwergtrappen fliegt aus dem hohen Gras auf. Über den nahen Bergen kreist ein Kaiseradler. Auch Schmutz-, Mönchs- und Gänsegeier haben hier einen Rückzugsort gefunden. Mit seiner Savannen-Szenerie und der Bergkulisse in der Ferne erinnert das Schutzgebiet fast ein wenig an Bilder aus der Serengeti oder der Masai Mara. Fehlen nur noch die Großkatzen für die Safari. „Wir sind vorbereitet, dass die Leoparden irgendwann zurückkommen“, sagt Kochiashvili. Einen Teil seiner Gazellen opfert er ihnen gerne.

UNTERWEGS
Ein Viehzüchter zieht mit seinen Tieren umher


IN AKTION
Alexander Malkhasyan installiert eine Fotofalle



“Die Savannen-Szenerie erinnert an die Natur in Afrika”


Fotos: alamy, Getty Images, WWF Kaukasus (6), Eithan Reubens (9)