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HEISSES EISEN


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Metal Hammer - epaper ⋅ Ausgabe 8/2022 vom 20.07.2022
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Bildquelle: Metal Hammer, Ausgabe 8/2022

Dass in Ferropolis ein Metal-Festival stattfinden muss, steht außer Frage: Der einstige Tagebau im Gremminer See bietet mit seinen monströsen Baggern (mit auf die Bühnen übertragenen Namen wie „Mad Max“ oder „Medusa“) die perfekte Kulisse für ein modernes, aber metallisches Drei-Tages-Event für junge, zumeist tätowierte Fans. An Neuerungen wie bargeldloses Bezahlen, die teilbespielte Viertbühne oder halbnackte Influencerinnen gewöhnt man sich zwangsläufig, während die Badestrände im Camping- und Bühnen-Areal sowie die Discodusche wie gewohnt erfreuen. Team METAL HAMMER greift zur Erdbeerbowle und stürzt sich ins Getümmel!

FREITAG, 24.6.

Nach dem Startschuss mit The Disaster Area und Bob Vylan wird umdisponiert: Konvent und Wargasm fallen aus, Gutalax rücken nach hinten. Doch malerischer als bei Any Given Day könnte das Hauptbühnenprogramm kaum starten: Als Andy Posdziech die Saiten anschlägt, ...

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... ziehen die zwischendurch drohenden grauen Wolken ab und die Nachmittagssonne gewinnt an Kraft. Ehrensache, dass es auf dem Beton schnell voll wird, die Security sich mit ersten Crowdsurfern aufwärmt und eine beachtliche Wall Of Death ineinanderkracht. Krassere Szenen spielen sich am Strand ab: Auch wenn die Klobürstendichte schon höher war, ist es immer wieder faszinierend, was aus Fäkalhumor zaubern. Für vorbeischippernde Boote dürften die in Schutzanzüge gekleideten Tschechen nebst Fans ein sonderbares Bild abgeben – doch wer sein Schamgefühl am Einlass abgegeben hat, bekommt hier eine derbe Party serviert!

Auf der Mad Max-Bühne erklingt indes Phil Collins’ ‘In The Air Tonight’. Dass es dabei nicht bleibt, lässt das bunte Artwork des aktuellen Albums HEAVY STEPS von Comeback Kid erahnen. Und, tatsächlich: Ab dem berühmten Schlagzeug-Fill (Collins’) übernehmen die Kanadier den Song auf ihre Art. Bei ‘Wake The Dead’ oder ‘G.M. Vincent & I’ wird alsbald gesprungen, getobt und lauthals geschrien. Später will die moldawische Nu Metal-Gruppe Infected Rain ihren Gig von 2019 toppen: Die engagierten Instrumentalisten zeigen Sprung- und Headbang-Action, während die orangehaarige Furie Lena Scissorhands zwischen Growls, Screams und Klargesang wechselt, die metallische Familie beschwört und die erste Reihe bezirzt. Trotz des komplexen Sounds vergrößert sich die Menge im Lauf des gelungenen Auftritts sichtlich. Creeper laden indes zu gotischem Emo Rock im schattigen Hardbowl. Der Anblick von Ian Miles im Darkthrone-Shirt und mit pinker Gitarre ist ebenso einen Abstecher wert wie der Mega-Ohrwurm ‘Ghosts Over Calvary’ mit Keyboarderin Hannah Greenwood als Sängerin. Das trifft zwar nicht den Geschmack der Force-Masse, aber wer sich ins (relative) Dunkel verirrt, winkt, singt, schwingt und trauert freudestrahlend mit.

Bei all der Gewalt der anderen Bands wirken Neck Deep geradezu brav und lieblich. Ein Song wie ‘Kali Ma’ (inspiriert durch Indiana Jones) erklingt mit hellem, weichem Gesang und wird von angezerrter Gitarre à la Sum41 begleitet. Mit ihrem Pop Punk ecken die Waliser bei hartgesottenen Gästen an. Trotzdem machen sie Stimmung und heizen für den Nachfolger ein, der wummernde Blastbeats, Ohrwurmmelodien und gesanglich Erinnerung an den jungen James Hetfield mitbringt: Orbit Culture bedienen ganz verschiedene Geschmäcker und zeigen, wie man im Melodic Death Metal energiegeladen modern und traditionell verbindet. Die Show der Schweden endet mit Rufen des Band-Namens und „Zugabe!“-Forderungen – ein erstes Mal auf diesem Full Force, und auch völlig verdient! Am frühen Abend sorgen die Briten Boston Manor für satten Rock à la Royal Blood. Auch sie mögen stilistisch etwas aus dem Programm fallen, schaffen es aber, die Leute für sich zu gewinnen. Energisch-melodische Songs wie ‘Liquid’ sorgen für reichlich Bewegung im Moshpit und bleiben auch nach dem Konzert im Gedächtnis.

Noch exotischer klingen Zeal & Ardor, die ihren gotteslästerlichen Soul-Black Metal (‘Blood In The River’) vor perfekter Sonnenuntergangskulisse aufführen und die überraschend zugewandte Meute mit quietschenden Gitarren (‘Death To The Holy’), tollem Chorgesang und viel Groove zum Mitgehen anregen. Die sympathischen Ansagen von Manuel Gagneux und die rauchenden Bagger zum finalen ‘Baphomet’ besorgen den Rest. Zurück zum Kern: Suicide Silence bemühen sich, ihr Band-betiteltes Album sowie ihre letzte, von Unwetter verhinderte Full Force-Show vergessen zu machen – und erinnern stattdessen an goldene Zeiten und den legendären Auftritt mit Mitch Lucker wenige Monate vor dessen Tod 2012. So gigantisch wird es heute nicht, doch die Ansage, ‘You Can’t Stop Me’ zur Hymne auf Metalcore zu berufen, kommt gemessen an der Umdrehungszahl im Pit nicht von ungefähr – und die brutale neue Single ‘Thinking In Tongues’ macht Lust auf mehr. Landmvrks aus Marseille hat der Veranstalter wohl unterschätzt: Bereits vor Beginn ist das offene Zelt überfüllt. Schon bald klettern Fans das Zeltgerüst empor, was dank der Schutzbretter nur per Räuberleiter funktioniert. Ein irres Bild entsteht, als sich von allen vier Gerüstpfeilern Menschen gefährlich gen Bühne strecken und die Hardcore-Hymne ‘Winter’ mitgrölen...

Gewagt erscheint auch, Amaranthe zum Co-Headliner auf der Hauptbühne zu berufen – dies geht nur halbwegs auf. Fans des energetischen Modern Metal versammeln sich, um Hits wie ‘The Nexus’ oder das herrlich kitschige ‘Amaranthine’ mitzusingen. Doch die lichten Reihen lassen sich so wenig verleugnen wie die Erkenntnis, dass die Schweden nur bei perfektem Sound richtig zünden – der heute leider nicht gegeben ist. Gesang und Bühnenpräsenz von Elize Ryd, Nils Molin und Gast-Growler Samy Elbanna (Lost Society) sowie die Show und Lichtproduktion rechtfertigen die hohe Position im Line-up dennoch. Die folgenden Equilibrium haben einen Baum auf der Bühne, evozieren aber statt ihrer früheren Pagan- lieber Party-Stimmung und setzen dabei vor allem auf englische Lieder nebst ‘Johnny B’-Cover. Der Meute gefällt’s, der Pit tobt, und Robse Dahn punktet mit Frontsauqualitäten und beschwört die ‘Heimat’, bevor der Kracher ‘Blut im Auge’ alte und neuere Fans vereint. Raised Fist haben stattdessen Wut im Bauch und viel Energie dabei. Treibende Rhythmen und seine rastlose Bühnenpräsenz sorgen dafür, dass Sänger Alexander Hagmann schnell schweißgebadet ist – der wilden Stimmung im Zelt zufolge ist er damit nicht allein! Zur Belohnung erhalten die Schweden, was ihr Band-Name verlangt: Erhobene Fäuste – im guten Sinne. Danach Bullet For My Valentine live zu erleben, kommt für viele einem Trip in die Vergangenheit gleich. Bereits beim Einsteiger ‘Your Betrayal’ und dem von Feuerfontänen gesäumten ‘Waking The Demon’ wird klar, dass Matt Tuck gut bei Stimme ist und die Songs live druckvoll und hart einschlagen – bei ‘Knives’ darf man sogar von brutal sprechen. ‘You Want A Battle? (Here’s A War)’ lockt Crowdsurfende an, bevor die Band ‘All These Things I Hate (Revolve Around Me)’ als Karriere-Anheizer in Deutschland vorstellt und Applaus erntet. Alles hinweg rafft der geliebte Smasher ‘Tears Don’t Fall’, bevor der Pit zu ‘Scream Aim Fire’ letzte Reserven mobilisiert und der erste Tag nostalgietrunken zu Ende geht.

SAMSTAG, 25.6.

Zum Start empfiehlt sich ein Abstecher in die der Nachhaltigkeit gewidmete Fairopolis-Meile im Camping-Bereich. Dort bestaunt man sportliche Highlights wie „Schwarzes Yoga“, aber auch solides Comedy-Programm („Warum moderner Metal scheiße ist“) von Ernie Fleetenkieker und Axel One, wozu kalte Getränke munden. Erste Circle Pits und Walls Of Death entfesseln Seeyouspacecowboy mit ihrer inbrünstigen Transsängerin Connie Sgarbossa, die mit ihrer Truppe trotz der Schwüle eine irre Energieleistung abruft. Weniger los ist bei Blackout Problems, deren gefälliger Alternative Sonnenresistenz erfordert, aber vor (dem Emil Bulls-Bassist James Richardson gewidmeten) ‘Rome’ mit bewegenden Ansagen punktet. Auch Oceans locken mit ihrem emotionalen Metalcore die Besucher noch nicht in Massen auf den Beton. Dennoch bilden sich immer größer werdende Trauben, und ein leidenschaftlicher Circle Pit zu ‘The Awakening’ nutzt die Bewegungsfreiheit. Nebenan liefern Gatecreeper als wohl klassischste Death Metal-Band des Festivals feinsten HM2-Sound und lassen die Haare rotieren. Ihr derbes, doch versiertes Geballer hätte perfekt in die gestrichene Knüppelnacht gepasst und wird mit dem geforderten Circle Pit im Sand belohnt. Zum Schluss spielen die Amis einen Song für alle, die „horny“ sind – nach diesem Abriss dürften es ein paar mehr sein... Kontrastprogramm im Hardbowl: So mühelos, wie Sängerin Charlie Rolfe den Wechsel zwischen Growls und Klargesang aussehen lässt, ist As Everything Unfolds der Applaus früh gewiss. Obwohl die englische Hardcore-Band ihr Debüt erst 2021 veröffentlichte, werden ihr einige Texte entgegengeschrien. Für den Pit motivieren sie auch Publikum, das die Gruppe vorher nicht kannte.

Emil Bulls sieht man die Euphorie deutlich an. Während der tristen Zeit haben sie sogar einen Podcast kreiert, der natürlich nicht ersetzt, was hier passiert: ‘The Jaws Of Oblivion’ oder der epische Nackenbrecher ‘Winterblood (The Sequel)’ ziehen immer mehr Fans an. Alle Energie aus dem Moshpit schickt die Band an den erwähnten James Richardson, der gesundheitsbedingt ausfällt. Bei dieser Wucht muss ihm das helfen! Statt sich dem HipHop der Russen Moscow Death Brigade (die gegen den Ukraine-Krieg wettern) auszusetzen, lohnt ein Ausflug zur Backyard Stage, um sich von den schweizerischen Aufsteigern Paleface versohlen zu lassen. Auch bei Bleed From Within ist die Stimmung vom ersten Ton an mitreißend: Im Zelt türmen sich Crowdsurfer und Headbanger, später entsteht noch eine Wall Of Death. Zusätzlich unterstreicht im Hardbowl seltene Pyro die energiegeladene Show der überzeugenden Deathcore-Schotten – nicht nur Gitarrist Steven Jones steht während des gesamten Auftritts ein riesiges Grinsen ins Gesicht geschrieben...

Bei Kvelertak braten nicht nur Leute in der Sonne, sondern dank dreifacher Gitarren-Power auch die Riffs. Die Norweger starten mit dem beklatschten ‘Rogaland’. Wie es Ivar Nikolaisen in seiner langärmeligen Jacke aushält, ist unklar, sein Energie-Level sowie eine Ansage gegen den Anschlag in Oslo am Wochenende beeinträchtigt es aber nicht. Auch die Meute rotiert – der treibende Hardcore Punk-Metal läuft ähnlich gut rein wie das Bier beim letzten Aufbäumen der Sonne. Doppeltes Glück haben danach Rotting Christ und ihre Fans, als Gewitterwolken knapp vorbeiziehen: Haupt und Hufe bleiben trocken, und die Unwetterfront hinter der Bühne sorgt für eine finstere Kulisse – perfekt passend zur mystischen Black- und Dark Metal-Messe. Der mächtig intonierte Klassiker ‘King Of A Stellar War’ (1996) gerät zum Fest für Headbanger.

Zuletzt war Sebastian „Sushi“ Biesler noch mit den (damals Eskimo) Callboys auf dem Force zu sehen. Mit Ghøstkid sorgt er nun für düsterere Atmosphäre: Ganz in schwarz gehüllt zeigt er sich in geradezu schauderhafter Gestalt. Dass auch diese Seite funktioniert, bestätigt die Meute. ‘Start A Fight’ oder ‘You & I’ bringen das Zelt zum Kochen, doch die Schutzbretter des Gerüsts wurden nach Landmvrks erhöht. Wie Frog Leap (aka Leo Moracchioli) auf der Hauptbühne ankommen wird, wurde vorab diskutiert. Den Multiinstrumentalisten kennt man seit Jahren als YouTuber, nicht aber als Live-Musiker. Nun überzeugt er auf ganzer Linie: Seine Metal-Cover von Totos ‘Africa’, Cranberries’ ‘Zombie’, oder sogar Pokémon (‘Gotta Catch ’Em All’) ziehen mehr Leute an als einige Co-Headliner. Stark! Obwohl die Kölner Setyøursails mengenmäßig nicht dagegen ankommen, beeindrucken sie im Backyard mit enormer Energie und der gut behüteten Sängerin Jules Mitch. Man sieht sich vor größerer Kulisse! Dort stehen derzeit noch Swiss & die Andern, mit denen das Full Force sein breites Spektrum beweist. Der rockende Rap überzeugt mit heftigen Riffs, klasse Ansagen („Nazis sind immer noch Hurensöhne“) sowie herrlich ab- und aufgedrehten Songs. Auch Malevolence liefern rundum solide ab: Bei Gesang und Instrumenten stimmt alles, und die Menge erwidert die Musik in geschrienen Song-Texten sowie ordentlich Bewegung. Die Engländer sorgen auf der Bühne für Windmühlen, davor für Pits, und draußen auf dem Weg nicken Leute mit, die eigentlich nur vorbeigehen wollten.

Um die Pyrotechnik für die großen Bands aufzuwärmen, sind Beartooth perfekt: Immerhin bauen sie ‘Hated’ so schön auf, dass man im harten Zwischen-Part gar nicht anders kann, als zu explodieren. „Didn’t forget and you’re not forgiven“, heißt es in einer Sekunde, bevor helle Funken aus der Bühne springen und Caleb Shomo mit freiem Oberkörper schreiend über die Bühne tobt. Soilwork kämpfen beim Einstieg ‘Övergivenheten’ noch gegen die Amis an, gewinnen mit ihren skandinavischen Blubber-Riffs und Speeds grandioser Stimme aber schnell die Herzen. Die bunte Setlist enthält Klassiker wie ‘Stabbing The Drama’, aber auch das frische ‘Nous Sommes La Guerre’ (mit französischer Ansage von Sylvain Coudret) – in der Kategorie Aggressivität trifft Melodie heimsen die Schweden den Tagessieg ein! Unterdessen werden am anderen Ende des Infields Hardcore-Tugenden gepflegt: Nasty drücken massiv, sodass man sich noch viele Meter um das Zelt herum vor wirbelnden Extremitäten in Acht nehmen muss. Auf der Bühne irritiert ein Typ mit Selfiestick, während die gebellten Ansagen von Sänger Matthias „Matthi“ Tarnath motivieren. Mit der Durchhalteparole ‘Resurrection’ verneigen sich die Belgier vor Veranstaltern und Crews, aber auch vor The Ghost Inside. Bei deren folgendem Auftritt spielt auch die Geschichte ihres tragischen Verkehrsunfalls von 2015 eine Rolle, bei dem ihr damaliger Nightliner-Fahrer ums Leben kam. In einer Ansage erklärt Sänger Jonathan Vigil, wie dankbar die Truppe sei, trotz alledem nun auf dem Full Force zu spielen. Es folgt (trotz Beinprothese des Schlagzeugers!) ein ausgiebiges Konzert brachialer Breakdowns, das den zweiten Tag amtlich, wenngleich etwas abwechslungsarm beschließt.

SONNTAG, 26.6.

Dass es noch heißer geht, zeigt ein Blick auf das vor 10 Uhr morgens auf 30 Grad springende Thermometer. Dennoch absolvieren zwanzig Verrückte in Fairopolis HIIT-Workout mit Metalza, während der Rest staunend im Gras liegt und schon vom Applaudieren Schweißausbrüche erleidet. Als Konter empfiehlt sich ein Abstecher zum METAL HAMMER-Strand, bevor der Reigen mit Get The Shot beginnt. Danach machen sich Imminence als erster Sonntags-Act auf der Hauptbühne gut: Dass ein in Hemd und Hosenträger gekleideter Violinist eine Wall Of Death heraufbeschwört, spricht für die Vielfalt im Metal. Am Ende erntet die schwedische Metalcore-Band Herzen aus dem Publikum, was Fronter Eddie Berg gerne zurückgibt. Wenig geht im Medusa-Areal: Ein paar Hitzetrotzende kämpfen um den spärlichen Platz im Bühnenschatten und folgen dem diversen, teils gewöhnungsbedürftigen Gesang von Rolo Tomassi-Sängerin Eva Korman. Für mehr ist die Musik der englischen Truppe einfach zu kompliziert und die Hitze zu drückend. Das Hardbowl-Zelt bietet hingegen ein angenehmes Schattenplätzchen sowie dank Ten56. Deathcore der ganz zerstörerischen Art. Die noch junge Band um Frontmann Aaron Matts (Ex-Betraying The Martyrs) mixt Electro-Sounds mit Breakdowns, die selbst auf einem Festival wie diesem hervorstechen.

Silverstein fordern gereckte Mittelfinger gegen die unbarmherzige Sonne, zeigen sich aber auch dankbar, nach zweieinhalb Jahren wieder gemeinsam schmelzen zu dürfen. Während sich die Zuschauenden im Schatten des Baggers kaum bewegen, lässt es sich die standhafte Menge vor der Bühne nicht nehmen, beschwingte Post Hardcore-Hymnen wie ‘My Heroine’ mit lautstarkem Gesang und beeindruckenden Pits zu feiern. Nach dem Konzert lacht Sänger Shane Told backstage seinen halbseitigen Sonnenbrand weg: „Das war’s wert!“ Doch es geht auch anders: Es mag den 35 Grad bei voller Sonneneinstrahlung geschuldet sein, aber beim Auftritt von Blood Youth ist das Publikum klein. Die Engländer selbst erinnern die Leute an Getränke und Sonnencreme, während die Security Wasser in die Menge spritzt. So verhalten es zugeht, die Hardcore Punk-Band macht sich bei ihrem ersten Full Force gut. Premiere feiern auch Crossfaith: Metalcore trifft Dubstep trifft vor allem im Pit auf japanische Nerd-Kultur. Dass das ballert, ist klar – der Schatten des Hardbowl-Dachs hilft dabei, Energien zu mobilisieren, die sich in prächtigen Pits entladen. Synthesizer-Mann Terufumi Tamano klettert indes auf sein Equipment, um das Publikum noch energischer zu dirigieren, welches ihn kurz darauf auf Händen trägt.

Im Hauptring schließen daraufhin Bury Tomorrow ihre Tournee mit warmen Worten ab. Daniel Winter-Bates warnt mit ‘DEATH (Even Colder)’, in COVID-Zeiten nichts als gesetzt anzusehen; der hüpfende wie kreisende Pit gibt ihm Recht. Die Musiker präsentieren sich sehr agil und stecken die Meute an – zu ‘Black Flame’ werden Crowdsurfing-Newbies dazu aufgefordert, sich zu beweisen. Sympathisch kommt zudem das Lob an die Sicherheitsleute rüber – Team METAL HAMMER pflichtet dem gerne bei. Nach The Rumjacks fangen bei Counterparts einzelne Gäste an zu schwächeln – dies scheint verständlich, wird jedoch von Sänger Brendan Murphy nicht akzeptiert. Bei ‘Wither’ signalisiert er mit einer Geste, dass die Masse auseinandergehen soll: Er will einen Pit sehen! „Ich brauche mehr davon!“, brüllt er ins Mikro. Der Moshpit vergrößert sich – schwächeln kann man morgen noch. Die US-Hardcore-Band Boysetsfire lädt indes zum Tanzen wie Nachdenken ein. Sänger Nathan Gray hält zwischen den Songs emotionale Reden über Weltpolitik und Gleichstellung. Schließlich dankt er dem Publikum dafür, die begrenzte Lebenszeit ausgerechnet in Boysetsfire zu investieren, und erinnert für ein schönes Zusammenleben an das Wesentliche: „Just don’t be a fucking dickhead!“ Ob Nergal das unterschreibt? Sein Zweitprojekt Me And That Man will nicht ins Programm passen, dabei könnten die Country-Klänge als Chillout zum nachlassenden Würgegriff des gelben Satans prächtig funktionieren. Der Fronter kündigt ‘Surrender’ als einzige Ballade des Festivals an (na ja...) und sieht seine Band in ‘Love & Death’ repräsentiert;

‘Coming Home’, ‘Burning Churches’ sowie eine Erklärung pro Ukraine machen noch mehr Stimmung. Ein Zwischenspiel von Knocked Loose später erfolgt das finale Aufbäumen vor dem Headliner: Vor Stick To Your Guns stehen zehn Securitys, die versuchen, die Menge in Schach zu halten. Bei einem Song wie ‘More Of Us Than Them’, der auf Interaktion zwischen Sänger und Fans baut, gestaltet sich das jedoch als schwierig... Was das Industrial-Duo Skynd dann abliefert, ist mehr als ein Konzert – die Musik gewordene True Crime-Sendung muss man erleben! Frontfrau Skynd beweist sich mit vielseitigem Gesang und expressiven Choreografien – sie wirkt puppenhaft wie die Opfer in den düsteren Texten. Gut, dass die anonymen Künstler die letzten auf dieser Bühne sind, denn ihrer unvorhersehbaren Show hätte niemand folgen können. Auf Anti-Flag mit ihren hohen Sprüngen und klaren Ansagen können sich alle einigen – immer wieder schön, wie gekonnt die Amis ihren gefälligen Punk Rock mit Botschaften (Pro-Choice, Anti-White-Supremacy) würzen. „The entire dancefloor is a circlepit!“, brüllt Justin Sane vor ‘Die For The Government’ – und behält Recht. Auch das neuere ‘Hate Conquers All’ schlägt ein. Dazu schafft es ein Traversenkletterer, die erhöhte Barriere zu meistern, bevor ein Mitarbeiter mit Leiter anrückt... Lieber noch mal eine Runde im Circle Pit drehen! Dies geht selbstredend auch bei Heaven Shall Burn, die nach legendären Shows auf dem alten Gelände (zuletzt 2015) ihre Premiere in Ferropolis feiern – für Band und Fans fühlt es sich an, wie nach Hause zu kommen. Schon ‘Black Tears’ als zweiter Song zündet wie eine Zugabe – nur, dass danach noch ein Dutzend Kracher folgen! ‘Übermacht’ füttert den Moshpit, und ‘Counterweight’ bringt die PA an die Grenzen des Machbaren; immer wieder kracht, funkt und brennt es von der Bühne, während ‘Behind A Wall Of Silence’ und ‘Tirpaz’ für die größten Circle Pits und ‘Corium’ für die meisten Crowdsurfer des Festivals sorgen. Vermeintlich müde „HSB“-Rufe werden vom (aktuell langhaarigen) Marcus Bischoff angepeitscht, Gitarrist Maik Weichert erinnert vor dem intensiven ‘Numbing The Pain’ an Grundsätze wie Solidarität mit Schwächeren und den Kampf gegen Autokraten und Faschisten. Diese Band braucht die große Bühne, und die große Bühne braucht diese Band! Eine Erkenntnis, mit der sich die so heiße wie gelungene Full Force-Rückkehr bestens beschließen lässt – wir kommen wieder!

ANNIKA EICHSTÄDT, SEBASTIAN KESSLER, KATRIN RIEDL, RAPHAEL SIEMS