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HELDEN DER WAHRSCHEINLICHKEIT


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Blu-ray Magazin - epaper ⋅ Ausgabe 1/2022 vom 11.02.2022

Komödie

RIDERS OF JUSTICE

Artikelbild für den Artikel "HELDEN DER WAHRSCHEINLICHKEIT" aus der Ausgabe 1/2022 von Blu-ray Magazin. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bildquelle: Blu-ray Magazin, Ausgabe 1/2022

Komödie/Drama/Action

OT: Retfærdighedens ryttere L: DK J: 2020 V: Splendid B: 2.39 : 1 T: DTS-HD MA 5.1 R: Anders Thomas Jensen D: Mads Mikkelsen, Nikolaj Lie Kaas, Andrea Heick Gadeberg LZ: 117 min FSK: 16 W-Cover: ja

VÖ: 28.01.22 × 1 Extras: 2/10

Anders Thomas Jensen, geboren 1972, ist eine Koryphäe des dänischen Kinos und vor allem ein äußerst produktiver Drehbuchautor. „In China essen sie Hunde“ (1999), „Für immer und ewig“ (2002), „Brothers – Zwischen Brüdern“

(2004), „Nach der Hochzeit“ (2007) oder „Der Dunkle Turm“ (2017) mit Idris Elba in der Hauptrolle – für all diese Filme und noch viele weitere Werke, die zumeist in Dänemark gedreht, aber teils auch international produziert wurden, hat Jensen die Drehbücher geschrieben. In unregelmäßigen Abständen übernahm er für manche seiner Arbeiten auch selbst die Regie. In diesem Sinne bildet sich eine Linie, bei der Drehbuch ...

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... und Regie in der Person Jensens zusammen laufen, die im Wesentlichen von „Blinkende Lichter“ (2000) über „Dänische Delikatessen“ (2003), „Adams Äpfel“ (2005), „Men & Chicken“ (2015) bis hin zum aktuellen „Helden der Wahrscheinlichkeit“ reicht. Viele dieser Filme haben eine Menge gemeinsam, sowohl stilistisch als auch inhaltlich. Doch „Helden der Wahrscheinlichkeit“ macht in so manchen Aspekten auch einiges anders, als wir es bisher von Jensen gewohnt waren.

Ein Gasthaus im Wald

Am Anfang seiner Karriere hatte Anders Thomas Jensen zwischen 1996 und 1998 drei Kurzfilme namens „Ernst & Iyset“, „Wolfgang“ und „Wahlnacht“ geschrieben sowie gedreht, die allesamt eine Oscar-Nominierung in der Kategorie „Bester Kurzfilm“ erhielten. Der letztere der drei, „Wahlnacht“, räumte die Oscar-Auszeichnung sogar ab. Den Beginn des Jensen-typischen Stils markiert wohl aber erst sein Spielfilm-Regiedebüt „Blinkende Lichter“ aus dem Jahr 2000. In dieser schwarzen Komödie beklauen die vier Gangster Torkild (Søren Pilmark), Peter (Ulrich Thomson), Arne (Mads Mikkelsen) und Stefan (Nikolaj Lie Kaas) ihren eigenen Boss und wollen sich mit den erbeuteten Millionen nach Barcelona absetzen. Doch kurz vor der dänischen Grenze erliegen sie einer Autopanne und suchen Unterschlupf in einer verwaisten, ehemaligen Gaststätte mitten im Wald. Da Peter kurz zuvor angeschossen wurde, bestellen sie sich auf Empfehlung des etwas schwerfälligen Jägers Alfred (Ole Thestrup) den versoffenen Landarzt Carl (Frits Helmuth) ins Haus. Nach dessen hemdsärmerliger Behandlung ordnet er für Peter zwei Wochen strickte Bettruhe an. Der Trip nach Barcelona fällt also erst einmal ins Wasser. Um gegenüber den örtlichen Einwohnern eine unverfängliche Tarnung zu etablieren, behauptet Torkild, das Gasthaus renovieren und neu eröffnen zu wollen. Diese fixe Idee transformiert sich für ihn schnell zu einer Art Offenbarung und in Folge zu der Bekenntnis, sein verkorkstes Leben von Grund auf ändern zu wollen. Er kauft das heruntergekommene Landhaus mit dem gestohlenen Geld tatsächlich und versucht, Peter, Arne und Stefan ernsthaft von seinem neuen Plan zu überzeugen. Da alle vier jedoch eine traumatische Last aus Jugendtagen mit sich herum tragen, muss jeder für sich vorerst eine persönliche Katharsis durchlaufen, bis sie alle im gemütlichen Landleben und ihrer bedingungslosen Freundschaft ihr friedvolles und genügsames Glück akzeptieren können.

Ein dänisches Märchen

Schaut man sich „Blinkende Lichter“ an, erkennt man, dass hier bereits alle typischen Stilelemen- te und die verspielte existenzialistische Philosophie, die nahezu sämtliche Filme von Jensen auszeichnen, angelegt sind. Anders formuliert, könnte man hier auch von einem dediziert dänischen Stil sprechen, der auch durch Regisseure wie Dagur Kári („Dark Horse“, 2005) und Thomas Vinterberg („Der Rausch“, 2020) vertreten wurde und wird. Was diesen dänischen Stil ausmacht, ist in den meisten Fällen eine absurde Tragikomik, die reales Drama mit grotesken Alltagsfiguren, schwarzem Humor und einer bittersüßen Melancholie verbindet.

Doch ein Jensen hat natürlich seine ganz individuellen Eigenarten, die in dieser Kombination und Ästhetik kaum vergleichbar sind. So haben vor allem seine Filme aus den frühen 2000er Jahren immer etwas Märchenhaftes und Träumerisches an sich. Bei „Blinkende Lichter„ verdeutlicht sich dies in den individuellen Rückblicken der vier Freunde Torkild, Peter, Arne und Stefan auf ihre traumatische Jugend, wobei hier auch eine sehr symbolische Bildsprache zum Tragen kommt, die traditionell dänische Landund Dorfmotive mit einer märchenhaften Erzählstruktur kombiniert. Dem gegenüber steht eine gewisse Härte und verschrobene Rauheit der Figuren, die heute wohl nicht wenige als politisch unkorrekt einstufen würden. Besonders die in Jensens Filmen zumeist männliche Landbevölkerung wird nicht selten offen rassistisch und sexistisch dargestellt, doch Jensen verurteilt sie dafür nicht. Stattdessen gesteht er ihnen diese amoralische Mundart und ihr teils verwerfliches Verhalten als närrische Spleens zu. Aus heutiger Sicht mag sich so mancher daher verleitet fühlen, Jensen hier Rassismus, Chauvinismus und Sexismus zu attestieren, doch vielmehr scheint dies seinem Bestreben geschuldet zu sein, seine Figuren nicht idealisieren zu wollen und ihre fehlerhaften Charakterzüge stattdessen ins Absurde und in schwarzen Humor zu übertragen.

Das Buch Hiob

Nach „Blinkende Lichter“ folgte 2003 seine zweites Regie-Werk „Dänische Delikatessen“. Hier entdecken die Metzger Svend (Mads Mikkelsen) und Bjarne (Nikolaj Lie Kaas), dass sich das Fleisch eines filetierten Elektrikers, den sie versehentlich in der Kühlkammer eingeschlossen hatten, vorzüglich verkauft. Fortan geht regelmäßig Menschenfleisch über die Theke - selbstverständlich, ohne dass die Kunden etwas von dessen Ursprung erfahren dürfen.

Auch „Dänische Delikatessen“ folgt im Kern der Formel, die Jensen in „Blinkende Lichter“ etablierte und gefällt mit kauzigen Charakteren, schwarzem Humor, einer sanften Melancholie und einem dezent märchenhaften Stil. Doch zu wahrer Perfektion sollte Jensen dieses filmische Rezept erst mit „Adams Äpfel“ aus dem Jahr 2005 führen. In dieser erneut rabenschwarzen Komödie arbeitet sich Jensen am christlichen Hiobs-Motiv ab. So nimmt der Landpfarrer Ivan Fjeldsted (Mads Mikkelsen) in seiner Kirche alle möglichen verurteilten Straftäter auf, die dort ihre vom Gericht verordneten Sozialstunden ableisten sollen. Neuzugang ist der bekennende Neonazi Adam (Ulrich Thomsen), der am komplett weltfremden Ivan verzweifelt. Denn Ivan leugnet alles, was nicht in sein harmoniebegieriges Friede-Freude-Eierkuchen-Weltbild passt und treibt Adam mit seinem biederen Gute-Laune-Zwang in den Wahnsinn. Adam macht es sich fortan zur Aufgabe, Ivans Willen zu brechen und erfährt, dass dessen tief sitzende Psychose äußerst tragische Hintergründe hat. Ivan hat von Kindheit an so unmenschlich viele traumatische Schicksalsschläge über sich ergehen lassen müssen, dass die konsequente Leugnung allen Leids und Übels auf der Welt seine letzte praktikable Überlebensstrategie darstellt.

Gemeinsam und mit ihren Mitteln kämpft die ungleiche Truppe gegen eine Biker-Gang

Der absurde Zwiespalt

„Adams Äpfel“ könnte man folglich durchaus als Jensens künstlerischen und erzählerischen Schaffenshöhepunkt bezeichnen. Hier verdichten sich sein Stil und seine Themen zu einem gleichsam ergreifenden wie leichtfüßigen Drama, das genial schwarzhumorig ist. Jensens märchenhaftes Narrativ bedient sich hier ganz klar christlicher Motive, wobei natürlich allein schon der Titel eindeutig am alttestamentarischen Schöpfungsmythos angelehnt ist. Diese religiöse und vom Schicksalsgedanken angetriebene Symbolik kontrastiert Jensen mit einem bitteren Nihilismus, der Ivan mit der absoluten Sinnlosigkeit seines Leids und letztlich auch der Sinnlosigkeit seines gesamten Lebens konfrontiert und ihn damit in tiefe Depressionen stürzt. Und doch läuft „Adams Äpfel“, wie auch all die anderen Filme von Jensen, die auf ihre Art von der Sinnfrage durchdrungen und von gescheiterten und lebensmüden Charakteren bevölkert sind, auf ein versöhnliches Ende hinaus, das den Frieden im verzeihenden und duldsamen Band der Freundschaft als Lösung präsentiert. Hier lassen sich auch schon einige Parallelen zu Jensens neuem Werk „Helden der Wahrscheinlichkeit“ herausstellen, doch dazu später mehr.

Zusammengefasst lässt sich vorerst sagen, dass Jensens Frühwerk enorm vielschichtig ist. Seine Filme sind ebenso makaber und grotesk wie sie märchenhaft und symbolisch sind, gleichsam melancholisch, humorig und oft politisch unkorrekt. Zudem kann man bei Jensen stets Verbindungen zur Philosophie des Existenzialismus, also unter anderem zu Autoren wie Jean-Paul Satre und Albert Camus heraus lesen. Die Erfahrung des Absurden, die Camus als einen unauflösbaren Zwiespalt zwischen der Welt und dem Ich, also zwischen dem Erleben einer grundlegend irrationalen Welt und der menschlichen Sehnsucht nach einer verständlichen Ordnung und Erklärbarkeit definiert, findet sich in nahezu allen tragenden Figuren aus Jensens Filmen wieder, weswegen sie auch so treffend zur Identifikation und als Projektionsfläche für die eigenen inneren Konflikte herhalten können.

Mads und Nikolaj

Was ebenfalls an nahezu allen Filmen auffällt, bei denen Jensen das Drehbuch und die Regie übernahm, ist die routinierte Tradition in der Besetzung. Ohne den inzwischen zum Welt-Star avancierten Mads Mikkelsen kann man sich einen Jensen-Film kaum noch vorstellen. In all den zuvor genannten Beispielen übernahm er eine tragende und meist herrlich bizarre Rolle. Seinen internationalen Durchbruch und sein hervorragendes Renommee, das durch Kassenschlager wie „James Bond 007 – Casino Royale“ (2006) oder auch „Rogue One: A Star Wars Story“ (2016) gespeist wurde, hat er nicht unwesentlich einem Anders Thomas Jensen zu verdanken. Nicht umsonst halten sich die beiden bis heute die Treue. In „Helden der Wahrscheinlichkeit“ spielt Mikkelsen den schwer depressiven und gewalttätigen Kriegsveteranen Markus, doch er ist nicht der einzige, der in Jensens Filmen immer wieder auftaucht. Darsteller Nikolaj Lie Kaas gehört ebenfalls zu einer dieser festen Konstanten in Jensens Repertoire. Als der spleenige und herzensgute Mathematiker Otto übernimmt er in „Helden der Wahrscheinlichkeit“ den entsprechenden Konterpart zum wortkargen Soldaten Markus. Auch der gut beleibte Nicolas Bro, der seinerseits bereits in Filmen wie „Dänische Delikatessen“, „Adams Äpfel“ und „Men & Chicken“ aufgetreten war, ist in „Helden der Wahrscheinlichkeit“ mit am Start als der exzentrische Hacker Emmenthaler.

Die Unberechenbarkeit des Zufalls

Worum genau geht es nun also in „Helden der Wahrscheinlichkeit“? Kurz gesagt, nimmt sich Jensen hier den berüchtigten Schmetterlingseffekt zur Ausgangsbasis für seine Geschichte.

Am Anfang steht der hochbegabte Mathematiker Otto, dessen Passion die Zahlen und im Speziellen die Stochastik sind. Als er in der S-Bahn aus Höflichkeit einer fremden Frau seinen Sitzplatz anbietet und der Zug kurz darauf entgleist, stirbt die besagte Frau in Folge des Unfalls, Otto aber überlebt. Ebenso zu den Überlebenden gehört Mathilde (Andrea Heick Gadeberg), die junge Teenager-Tochter jener Frau. Als Mathildes Vater, der Soldat Markus, von dem tödlichen Unfall seiner Ehefrau erfährt, ist er am Boden zerstört und kehrt sofort aus seinem Einsatzgebiet nach Dänemark zurück. Während Vater und Tochter also zunächst mit der Trauerarbeit beschäftigt sind und an ihrem nicht gerade harmonischen Verhältnis zu knabbern haben, kann Otto einfach nicht glauben, dass es sich bei diesem Unfall um einen schlichten Zufall handeln soll. Da ihm die Polizei kein Gehör schenkt, präsentiert Otto seine Berechnungen, welche die Kausalkette des Unfalls zurückverfolgen, seinem exzentrischen Arbeitskollegen Lennart (Lars Brygmann) und dem noch exzentrischeren Hacker Emmenthaler. Mit den Auswertungen ihrer Daten stehen sie schließlich beim trauernden Markus vor der Tür, der sich nach anfänglicher Skepsis schnell überzeugen lässt und all seine Energie und sein Bestreben nun darauf verwendet, die vermeintlichen Täter, die Otto und seine Kollegen als Mitglieder eines Verbrechersyndikats ermittelt haben, ihrer gerechten Strafe zuzuführen, was in Markus’ Sinne schlicht ihren Tod bedeutet. Folglich nisten sich Otto, Lennart und Emmenthaler mit all ihrem Hacker-Equipment in Markus‘ Scheune ein, was natürlich dessen Tochter Mathilde stutzig macht. In einer spontanen und suggestiven Eingebung präsentieren sich die drei daher vor Mathilde als von den Behörden zugewiesene Psychologen, die Vater und Tochter bei ihrer Trauerarbeit unterstützen sollen.

Action-Dramedy

Jensen hat es sich bei „Helden der Wahrscheinlichkeit“ zur Aufgabe gemacht, verschiedene Filmgenres miteinander in Einklang zu bringen. So bekommen wir hier nicht nur eine schwarze Tragikomödie zu sehen, sondern auch ein naturalistisches Drama sowie einen harten Action- Thriller. Im Zuge dessen lassen sich so einige Gemeinsamkeiten zu Jensens früheren Werken ausmachen, aber auch so einige prägnante Unterschiede in der Erzählweise, der Charakterzeichnung und der Stilistik.

Die bereits zuvor erwähnten Themenkomplexe wie Religion, Nihilismus und Existenzialismus bilden auch in „Helden der Wahrscheinlichkeit“ wieder einen inhaltlichen Schwerpunkt und sind stets gekoppelt an die seit Menschengedenken bemühte Frage nach dem Sinn des Lebens. Schon in der ersten halben Stunde ist aber auch spürbar, dass der verspielte Humor zugunsten des realistischeren Dramas zurückgeschraubt wurde. Für letzteres sind vor allem die Figuren Markus und Mathilde verantwortlich, die einen schweren Verlust und im Falle von Markus tiefe Depressionen zu bewältigen haben und auch als Vater und Tochter neu zueinander finden müssen. So fällt auf, dass die Charaktere insgesamt, trotz diverser schrulliger Eigenheiten, weniger grotesk und bizarr geschrieben sind. Das Drama ist bei Jensen also klassischer geworden, wodurch es durchaus an Tiefe gewinnt, aber auch anfälliger wird für etwas sentimentalen Gefühlskitsch samt sanft melancholischer Klavierbegleitung. Die märchenhafte Symbolik aus seinen früheren Filmen hat Jensen in „Helden der Wahrscheinlichkeit“ zudem komplett gestrichen und stattdessen einen deftigen Action-Anteil mit für ihn ungewöhnlich realistischer Brutalität hinzugefügt. So wechselt sich im Laufe des Filmes in stetigem Rhythmus immer wieder verspielte Leichtfüßigkeit mit hartem Drama und brutaler Action ab.

Richtig und Falsch

Auch ein Jensen entwickelt sich also weiter und kann natürlich nicht auf einer Stelle stehen bleiben. Er ist realistischer und direkter geworden, aber auch dem sentimentalen Kitsch etwas zugeneigter. Gleichsam ist er sich in der Liebe zum Grotesken durchaus treu geblieben, was manche der verschrobenen Charaktere deutlich zeigen, auch wenn nicht alle gleichermaßen interessant geschrieben sind. „Helden der Wahrscheinlichkeit“ hat stellenweise sogar etwas tendenziell Didaktisches in der Deutung und Darstellung der Psyche seiner Figuren. Wo Jensen also härter im Sinne der Gewalt und des Realismus und gleichfalls sentimentaler im Sinne gefühlsbetonter zwischenmenschlicher Begegnungen geworden ist, ist er in beiden Fällen leider auch ein Stück beliebiger geworden, wenn auch auf hohem Niveau.

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Statt also komplexes Gefühlsleben und verstörende Traumata in prägnanten und symbolhaften Punktinszenierungen zu vermitteln, wie wir es aus „Blinkende Lichter“ oder „Adams Äpfel“ kennen, rücken in „Helden der Wahrscheinlichkeit“ im klassischen Sinne dramatische und nicht selten tränenreiche Dialoge in den Vordergrund, teils mit der erwähnten didaktischen Attitüde. Man könnte auch sagen, dass Jensen früher seinen Charakteren mehr Entwicklungsfreiheit zugestanden und keine moralischen Urteile über ihr „Fehlverhalten“ gesprochen hat. Am Ende geht es Jensen aber konsequenter Weise wie gewohnt um die Harmonie im verständnisvollen und duldsamen Zusammenhalt liebenswürdiger Außenseiter. Und der filmische Rahmen schließt dann doch in den allerletzten Sekunden mit einer vertrauten märchenhaften Note.

Alles und Nichts

Jensen will in „Helden Der Wahrscheinlichkeit“ also ein naturalistisches Drama samt realistischer Actionszenen mit einer schwarzer Komödie verheiraten. Hier kommen auch der erwähnte Camus‘sche Existenzialismus und der Schmetterlingseffekt ins Spiel, welcher für Jensen die menschliche Sehnsucht nach einer nicht greifbaren Sinnhaftigkeit unterstreicht, die in seiner Geschichte letztendlich doch im Schoße einer verschworenen Gemeinschaft ihre Erfüllung findet. Auffällig ist dabei, dass Jensen wohl für jeden und von allem etwas liefern wollte, dadurch aber stellenweise auch seinen prägnanten Stil einbüßt, was inhaltlich wie stilistisch zu einer gewissen Zerfaserung führt. Das ist natürlich erneut Kritik auf hohem Niveau. Der angestrebte Genre- Spagat ist ihm aber tatsächlich nicht vollends gelungen. In gewisser Weise streitet Jensen in diesem Film mit sich selbst: Ist das Leben gänzlich bedeutungslos oder sind die Menschen, die wir lieben, der Sinn unseres Lebens? Muss es überhaupt einen übergeordneten Sinn geben? Das sind gewichtige Fragen, auf die Jensen natürlich keine eindeutige Antwort geben kann, aber das muss er auch nicht. Diese philosophische Last sollte man „Helden der Wahrscheinlichkeit“ ohnehin nicht auferlegen. Stattdessen ist es ein gewohnt sehenswertes filmisches Potpourri mit den bereits erwähnten Abstrichen.

Anders Thomas Jensen auf Blu-ray

FELIX RITTER