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Helden fern von Heldentum


blickpunkt musical - epaper ⋅ Ausgabe 2/2019 vom 23.03.2019

Uraufführung von »Drachenherz – Kein Platz für Helden« am Opernhaus Chemnitz


Artikelbild für den Artikel "Helden fern von Heldentum" aus der Ausgabe 2/2019 von blickpunkt musical. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

(v.l.): Baktus (Karim Plett), Tropi (Timo Stacey), Hagen (Johannes Krimmel), Günni (Florian Heinke) und Brüning (Florentine Beyer) zeigen Einigkeit und sind bereit für den Kampf


Foto: Nasser Hashemi

Rituelle Melodien heißen den Zuschauer in der deutschen Kleinstadt Deutschhagen am Ende der Welt willkommen. Ein Hinterhof, wie er überall existieren könnte, erfüllt mit dessen Bewohnern: Eine Jugendclique rund um den Anführer Günni (Florian Heinke), dessen Vater Polizeichef ist, die ›Freitag um eins‹ nichts anderes zu tun hat, als ...

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... sich zu langweilen, das nächste Six-Pack zu leeren – sofern sie von irgendwoher Geld herbeischaffen kann – und zu warten, dass die Zeiger der Uhr sich weiterdrehen. Kein guter Zeitpunkt für Nasir (Tristan Giovanoli), gebürtiger Tunesier, bei der Truppe aufzutauchen. Von allen »Abi-Ali« genannt – dass er Ausländer ist, hat nicht das Geringste mit der Nicht-Wertschätzung seiner Person zu tun –, ist er seine 10 Euro los und abgeschoben, noch bevor er »Hallo« sagen kann. Abwechslung in den tristen Alltag bringt Woda (Ngako Keuni), ein schwarzer Flüchtling, dem Tropi (Timo Stacey) und Baktus (Karim Plett) ›Was auf die Fresse‹ geben wollen. Allerdings haben sie die Rechnung ohne Fred (Denis Riffel), den Sohn des Flüchtlingsheimleiters, gemacht, der die Situation zu seinen Gunsten entscheidet. Überhaupt nicht davon angetan, wollen die beiden Cliquenmitglieder sich rächen, wobei sie erst einmal von Hagen (Johannes Krimmel), Günnis rechter Hand, daran erinnert werden, wer der ›Boss‹ und dass jeder nur ein Glied im Gesamtgefüge ist. Die Hierarchie steht fest und jeder hat sich unterzuordnen, will er ein Teil vom Ganzen bleiben. Wäre da nicht ›Jenny‹, Günnis kleine Schwester (Nicola Kripylo), für die die Herren schwärmen und der nichts passieren darf. Nur Brüning (Florentine Beyer), die eigentlich Anna heißt, hätte kein Problem damit, dem »Bimbo« nachts im Wald zu begegnen. Allerdings ist es Hagen, der sich dem Zweikampf stellen darf. Anschließend stellt Günni bewundernd fest, ›Was für ein Krieger‹ Fred ist. Zum Entsetzen aller wird der Sohn des Flüchtlingsheimleiters daraufhin in der Clique aufgenommen. Seine Ideen, seine Frische, sein wachsender Einfluss auf Günni und sein Interesse an Jenny schmecken Hagen nicht, war doch er bisher der beste Mann. Dann darf neben Woda auch noch Nasir mit der Truppe abhängen. Dessen Opa hat praktischerweise eine alte Karre in der Garage stehen. Schon sind alle ›On the Road‹, denn es ist überall besser als in Deutschhagen und Träumen ist die einzige Flucht, die ihnen bleibt. Zurück auf dem Boden der Tatsachen und mit einer ordentlichen Menge Alkohol intus, fordert Brüning die Jungs zum Schwanzvergleich heraus. Beim anschließenden Flaschendrehen nimmt der Abend nicht den Verlauf, den sie sich erhofft hatte.

Nicht nur durch ›Die erste Nacht‹ von Jenny und Fred kommt das Cliquengefüge mehr und mehr durcheinander, denn ›Liebe ist scheiße‹ und in Afrika wird ein Mann erst zum Mann, wenn er ein wildes Tier erlegt hat. Woher nehmen, wenn nicht stehlen? Der Schweinemastbetrieb im Nachbarort tut es sicher ebenso, schließlich ist man nicht auf dem südlichen Kontinent und eine Anlehnung an die fremde Kultur reicht als Mutprobe allemal. Trotz alledem wird nicht Günni zum Messerstecher. Neben all dem Blut und der Ekstase nimmt das Unheil einen schnellen Lauf und die Fahrt »überlebst du nicht«.

Wolfgang Böhmer (Musik) und Peter Lund (Text, Regie) nehmen die Siegfried-Saga und spiegeln sie mit »Drachenherz« in die Neuzeit. Gemeinsam mit neun Absolventen der Universität der Künste Berlin schaffen sie es, die Sagen-Themen rund um Verrat, Liebe und Betrug eindrucksvoll auf die Bühne zu bringen. Nicht nur die Namen der Protagonisten sind an die Drachentöter-Geschichte angelehnt. Die Handlung bringt komprimiert die Erzählung von damals in das Heute, was funktioniert, wenngleich man oft neben dem Offensichtlichen zwischen den Zeilen hören muss. Das Feine läuft jedoch Gefahr, hier und da unterzugehen, und am Ende ist man ernüchternd entrückt von einem Bild der Realität, das düsterer und wahrer nicht sein kann. Vielleicht ist es manches Mal zu viel: Man wird überschwemmt mit Informationen und Emotionen, gleichzeitig treffen die Kernaussagen zur rechten Zeit ins Ziel. Mitten ins Herz und Gehirn, auf dass ein jeder sich Gedanken mache, ohne dass dabei der belehrende Zeigefinger eingesetzt wird. Zum Teil subtil werden heute gültige Anschauungsbilder verarbeitet. So ist die starre Gesellschaft existent und es wird früh anerzogen, das vermeintlich Fremde misstrauisch zu betrachten. Die Jugend hat Fragen, die lediglich unreichend bis gar nicht zufriedenstellend beantwortet werden.

Sicher, die aufgegriffenen Charaktere sind gebündelt und doch nicht weniger real. Dieser triste Hinterhof könnte in jeder Kleinstadt existieren in ebendieser Konstellation. Die Darsteller haben mit Peter Lund die jeweiligen Pendants tiefgründig ausgearbeitet. Es sind nicht rein tragische Geschichten, es sind Leben, wie sie hinter jeder Tür zu finden sein können, und jedem nimmt man die Darstellung vollends ab. Gleichzeitig bekommt jede Figur ihren Raum, ihre Geschichte im großen Ganzen, ohne dabei losgelöst oder mit besonderer Dramatik bevorzugt zu werden. Bis zum Schluss gibt es immer wieder kleine und große Momente, die das Gesamtbild vervollständigen. Der Humor bringt das Publikum zur rechten Zeit zum Lachen, nimmt im passenden Moment die Schwere, um es für die nächsten Geschehnisse vorzubereiten. Dabei ist er gleichzeitig eine Maske der Realität, hinter der man sich zu verstecken versucht: Manchmal ist Lachen das einzige Mittel, um der Grausamkeit des Lebens den Mittelfinger zu zeigen.

Die Figur der Jenny erscheint von allen am blassesten, jedoch von Nicola Kripylo nicht weniger eindrucksvoll dargeboten. Sie ist das Mädchen, um das sich alles dreht, ohne es selbst so wahrzunehmen. Etwas naiv, etwas manipulierend und auf der Suche nach sich selbst.

Denis Riffel (Fred) schafft den Spagat vom scheinbaren Helden, der vernünftige Ansichten vertritt, doch mit der Zeit von Unsicherheiten geplagt wird, die daher rühren, dass ihm Verrat und Hinterhalt fast gänzlich unbekannt sind. Etwas, das seine Figur am Ende ins Verderben stürzt.

Neben den Kampftanzszenen glänzt er ebenso bei dem Titelsong ›Drachenherz‹ wie Florentine Beyer (Brüning), die bereits mit ›Der schlafende Drachen‹ gezeigt hat, dass sie gesanglich mit ihren Kollegen mithalten kann. Tänzerisch verleiht sie dem Mädchen in Jungsoptik eine Tiefe, die unter die Haut geht und sie neben der Stärke zerbrechlich ohne gänzlich zerbrochen wirken lässt.

1. v.l.: Baktus (Karim Plett), Günni (Florian Heinke), Tropi (Timo Stacey), Brüning (Florentine Beyer), Hagen (Johannes Krimmel) und Nasir (Tristan Giovanoli) machen sich über Woda (Ngako Keuni, Mitte) lustig und bedrängen ihn aggressiv


2. (v.l.): Hagen (Johannes Krimmel), Günni (Florian Heinke) und Tropi (Timo Stacey) beobachten, wie Brüning (Florentine Beyer) und Baktus (Karim Plett) nicht einer Meinung sind


3. Fred (Denis Riffel, l.) und Woda (Ngako Keuni, r.) singen gemeinsam das Lied, mit dem Woda im Deutschkurs die Sprache näher gebracht wurde


4. Hagen (Johannes Krimmel, unten) und Fred (Denis Riffel, oben) kämpfen miteinander, während (hinten v.l.) Tropi (Timo Stacey), Brüning (Florentine Beyer), Baktus (Karim Plett) und Woda (Ngako Keuni) ihre jeweiligen Favoriten anfeuern


Das gesamte Ensemble strahlt in seiner Performance Kraft und Freude am Musical aus. Insbesondere das Herzblut, das ein jeder in das Stück steckt, ist von Anfang an für den Zuschauer greifbar und holt ihn ab auf diese düstere Reise. Keine Pause von der Wirklichkeit, sondern mehr das Eintauchen in die oftmals verborgenen und unbeachteten Ecken ebendieser. Über den Musical-Nachwuchs braucht man sich keine Sorgen zu machen und es ist zu hoffen, dass man von allen noch einiges sehen und hören wird.

1. (v.l.): Brüning (Florentine Beyer), Günni (Florian Heinke), Tropi (Timo Stacey), Hagen (Johannes Krimmel), Woda (Ngako Keuni), Baktus (Karim Plett), Nasir (Tristan Giovanoli) und Fred (Denis Riffel) sind die Protagonisten in »Drachenherz«


2. (v.l.): Baktus (Karim Plett), Nasir (Tristan Giovanoli), Jenny (Nicola Kripylo), Tropi (Timo Stacey), Brüning (Florentine Beyer) und Hagen (Johannes Krimmel) sind mehr oder weniger von der aktuellen Zusammenkunft begeistert


3. Brüning (Florentine Beyer) und Fred (Denis Riffel) haben des Nachts ein ekstatisches Erlebnis, was die Clique mehr und mehr an den Abgrund treibt


4. ›Der schlafende Drache‹ – Brüning (Florentine Beyer, Mitte) warnt Günni (Florian Heinke, l.) und Baktus (Karim Plett, r.) davor, ebendiesen zu wecken


Die Musik besticht vorrangig durch deutschen Rocksound. Elektrosound und Drums mischen sich harmonisch zu einer musikalischen Unterlegung der einzelnen Szenen, die dadurch den Zuschauer mehr in das Geschehen ziehen. Neben lauten Klängen kommen ruhige Melodien nicht zu kurz: ›Wie ein Komet‹ hat Ohrwurmpotenzial. Oftmals verbindet Sprechgesang einzelne Situationen miteinander und erzählt Teile der Geschichte, ohne sie im kleinsten Detail darstellen zu müssen. Es ist ein Stakkato an Wörtern, die man nicht immer hören will, aber die man hören muss. Dafür gibt es mit einem an ein bayerisches Volkslied erinnernden Song ›O Dees Wär Schö‹ eine illustre Aufmunterung, die dennoch einen nicht weniger ernsten Hintergrund hat, wenngleich Musik trotz allem Welten verbindet. Egal, in welcher Sprache und Kultur.

Die eigens von Peter Lund für das Musical zusammengestellte »Drachenherz-Band« spielt sicher und überzeugend unter der musikalischen Leitung von Hans-Peter Kirchberger und Tobias Bartholmeß. Einzig die Tonabstimmung könnte hier und da ein wenig Aufarbeitung vertragen.

Das Bühnenbild, für das Ulrike Reinhard genauso verantwortlich zeichnet wie für die Kostüme, spiegelt eindrucksvoll die Trostlosigkeit der Jugendclique wieder: eine graue Fassade, eine alte Blechtonne und ein verdorrter Baum. So düster wie das Leben der Jugendlichen, so düster gestaltet sich ihr Umfeld. In der Pause wird der Eiserne Vorhang heruntergelassen und in den Beginn des zweiten Aktes eingearbeitet. Hoffte man, dass mehr Farbe als nur das gelegentliche Erscheinen von Jennys rosafarbenem Zimmer zu sehen sein würde, so wurde man ernüchternd weiterhin mit der farblosen Realität konfrontiert. Die Videos von Roman Rehor, die sich auf der Hausfassade darstellen, unterstreichen sowohl Bühnenbild als auch Szenendarstellung und intensivieren diese zusätzlich. Diese und die Symbole, wie der Flüchtling, der zum stigmatisierten Schwein wird, reichen, da das Stück für sich spricht und mehr den Zuschauer nur erschlagen, denn abholen würde.

Die Kostüme sind bequem, so wie es die Jugend gerne trägt. Lässig und zum Teil genauso grau wie ihr eigenes Leben. Zum einen spiegelt es unsere Zeit wieder, zum anderen haben die Darsteller so die nötige Freiheit, in der Choreographie von Peter Lund, Neva Howard und Mathias Noack ungehindert zu glänzen. Vor allen Dingen die Kampfszenen sind nicht einfach nur brutal oder wirken gestellt, sondern ihnen wohnt eine gewisse Eleganz inne, wie auch an anderen Stellen Elemente von Ballett und Breakdance zum Einsatz kommen und in den Ensemble-Nummern ein hohes Maß an Synchronizität vorliegt. Eine ungeheure Leistung von allen, die beim Zuschauen Begeisterung hervorruft.

Wolfgang Böhmer und Peter Lund ist die Adaption eines alten Heldenstoffes hervorragend gelungen. Es gibt keinen Platz für die neuen Helden. Zumindest nicht, wenn man sich daran erinnert, wie die Siegfried-Saga ausgeht. Es gibt kein Happy End. Keine rosa Wolken, wo alles wieder gut ist und die Sonne auf das lachende Leben scheint. Kann es das tatsächlich nicht geben? Nicht auf der Bühne, doch vielleicht draußen, wenn ein jeder wirklich sieht, anstatt nur zu sehen, was einem glauben gemacht werden soll.


Fotos (4): Nasser Hashemi

Fotos (4): Nasser Hashemi