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HELDEN IN SEGEL- SCHUHEN


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Rolling Stone - epaper ⋅ Ausgabe 5/2022 vom 28.04.2022
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AUF DEM HÖHEPUNKT Little Feat im Februar 1973 nach der Veröffentlichung ihres dritten Albums, ?Dixie Chicken?, im Whisky a Go Go auf dem Sunset Strip

FERN UND FAST LÄCHERLICH LANGSAM SCHEINT diese Zeit schon, doch mit den Platten ging es damals oft fix. Hatte eine Band eine gemacht, die sich schlecht verkaufte, machte sie einfach die nächste hinterher. „Little Feat“ wurde 1971 schlecht verkauft (ca. 11.000 Exemplare). Lowell George, Bill Payne, Roy Estrada und Richie Hayward sollen nach diesem Debüt bei Warner Bros. vor dem Aus gestanden haben. Wohl weil das doch eigentlich als künstleraffin bekannte Label unter der Ägide von Mo Ostin und Lenny Waronker noch weiteres Kassengift im Stall zu versorgen hatte. Ry Cooder zum Beispiel oder Randy Newman. Der Fürsprache von Van Dyke Parks, der damals kurz zum A&R-Staff von Warner gehörte, soll es zu verdanken sein, dass Little Feat wieder ins Studio durften, um „Sailin’ Shoes“ aufzunehmen. Mit Hausproduzent Ted Templeman (ex-Harpers Bizarre) und den Gästen „Sneaky“ Pete Kleinow (Pedal Steel), Milt ...

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... Holland (Percussion), Ron Elliott (Gitarre, ex-Beau Brummels) und Debbie Lindsey (Gesang).

Die ersten beiden Little-Feat-Platten werden gern als Einheit gesehen, bevor sich die Band, zum Sextett erweitert, mit „Dixie Chicken“ in eine modifizierte Umlaufbahn katapultierte: weniger kalifornische Freak-Schule à la Mothers Of Invention, die George und Estrada aus erster Hand kennengelernt hatten, und mehr Southern-Funk-Cuisine à la Allen Toussaints New Orleans. Doch damit tut man beiden Platten unrecht. Dem eher rohen Debüt, das nicht zufällig mit Chester Burnetts „Forty-Four Blues/How Many More Years?“ als einzigem Cover auch auf Blues-Traditionen verwies, doch erst recht „Sailin’ Shoes“:

Erstmals konnte die Band Lowell Georges erblühende Songwriterkunst und ihren spielerischen Eklektizismus auch in genuine Arrangements überführen. So steht das zweite Little-Feat-Album zumindest als Übergangswerk, wenn nicht als echter Solitär da, auch als Anfang und Ende zugleich. Denn „Sailin’ Shoes“ war die letzte Platte mit Bassist Roy Estrada, der danach zu Captain Beefheart wechselte – der konnte wenigstens anständige Auftrittshonorare zahlen. Und es war die erste Platte mit einem Cover von Martin Muller aka Neon Park, der seinen bizarren Surrealismus fortan als Markenzeichen auf allen Veröffentlichungen von Little Feat etablierte.

Nicht allzu kühn ist die These, dass die sexuellen Konnotationen der Hülle bei einer Veröffentlichung heute einen kleinen Miststurm auf den Erregungsplattformen zeitigen würden. So wie ja auch „Brown Sugar“ selbst für die Stones zu ambivalent geworden ist in einer Welt, die schnell und klar (ab-)urteilt. Apropos: Da im Hintergrund rechts auf dem „Sailin’ Shoes“-Cover, ist das nicht … Doch: Das soll wohl Mick Jagger sein, in einer sehr stimmigen Inkarnation als adeliger Blue Boy, nach dem gleichnamigen Ölbild des englischen Malers Thomas Gainsborough aus dem Jahr 1770. Doch auch das Hauptmotiv scheint von später Barockkunst inspiriert zu sein. Zu sehen ist eine Torte in full swing auf einer Schaukel. Die Torte hat ein großes braunes Auge und zwei Beine, mutmaßlich weiblich. Zwischen den Beinen fehlt schon ein Stück der Torte.

Vom linken, in die Luft gestreckten Bein segelt ein roter, hochhackiger Schuh davon. Vor der Schaukel richtet eine Schnecke ihre Fühler gen Torte. Die Schaukel und der davonfliegende Schuh legen nahe, dass sich Neon Park hier bei dem französischen Maler Jean-Honoré Fragonard und dessen Rokoko-Hauptwerk „Die Schaukel“ aus dem Jahre 1767 bedient hatte.

Was sagte Park selbst, der an der degenerativen Nervenkrankheit ALS litt und 1993 im gerade mal 53. Lebensjahr verstarb? Ja, schon, die Epoche stimme. Aber als wesentliche Inspirationsquelle verweist Park auf „La Prise du pouvoir par Louis XIV“, den 1966 für das französische Fernsehen gedrehten Historienfilm des Italieners Roberto Rossellini über den „Sonnenkönig“. Die darin gezeigte Machtstruktur, so Park, habe ihn sehr an Hollywood erinnert. Nur das berühmte Hollywood Sign habe gefehlt. Aber das noch irgendwo im Hintergrund zu platzieren erschien ihm dann doch zu „linkisch“. Park konnte das mit dem Sign später nachholen, auf der Hülle von „The Last Record Album“, die den Hollywood Boulevard in einer Geisterstadtkulisse inszenierte.

„Die Texte zu ‚Trouble‘ und ‚Sailin’ Shoes‘ klingen, als ob sich jemand einfach mit dir unterhält. Und das ist nicht einfach“

Wie viel Hollywood High School noch in ihrem Schüler Lowell George und seinen Songs stecken könnte bzw. ob und wie nicht gerade sein Heranwachsen in der Traum-und Mythenfabrik zwischen Walk of Fame und Chinese Theatre die Sehnsucht nach Realem und Greifbarem genährt hat, darüber rätseln die Exegeten bis heute. Songwriter und Dream-

Syndicate-Chef Steve Wynn, selbst in Los Angeles aufgewachsen, findet es „merkwürdig, sich diesen Teil von Hollywood vorzustellen – und dann die Songs von Lowell George zu hören“. Es sei „ein weiter Weg von dieser Schule bis nach Tucson und Tucumcari, Tehachapi und Tonopah“, wie George in seiner schönsten Alliteration in „Willin’“ singt. Lyle Lovett widerspricht und sieht schon eine Verbindung, denn diese Orte im Südwesten seien ja von L.A. aus buchstäblich gut erfahrbar. Der Texaner charakterisierte die Kunst von Lowell George vielleicht am besten, als er 1999 folgenden Satz auf meinem Interviewband hinterließ: „Die Songs, die er schrieb, scheinen so unglaublich real zu sein.“

Scheinen … unglaublich real … George ließ diesen Riss in der Realität zu, der in „A Apolitical Blues“ Chairman Mao am Telefon sein und im Titelsong eine Frau mit Turban und einen Kokainbaum miteinander tanzen ließ.

Zugleich bewahrte er sich eine große Alltagsnähe, nicht zuletzt sprachlich. „Er sang nicht über die Ritter der Tafelrunde und über Marsmenschen“, sagt Steve Wynn und verweist auf „ungeheuer ambitionierte“ Songs mit „komischen Takt-und Akkordverschiebungen“, die gleichwohl „den Rhythmus und das Vokabular von Alltagssprache“ hätten. Wynn: „Die Texte von ‚Trouble‘ oder ‚Sailin’ Shoes‘ sind in dieser Hinsicht einfach unglaublich. Es klingt, als ob sich jemand einfach mit dir unterhält. Und das ist wirklich nicht einfach.“

„Sailin’ Shoes“ führte neben der Optik von Neon Park auch einen neuen Namen in den Songwriter-Credits ein. „George and Martin“ (haha!) stand da unter dem Opener, „Easy To Slip“. Später, als Co-Autor von „Dixie Chicken“, wurde aus Martin dann Fred Martin.

Mit „Rock’n Roll Doctor“ und „Feats Don’t Fail Me Now“ war Martin Kibbee schließlich bei seinem bürgerlichen Namen angekommen. Er und George kannten sich noch aus gemeinsamen Tagen mit The Factory Mitte der Sechziger. „All the people that you can’t recall, do they really exist at all?“, fragt Lowell George nun in „Easy To Slip“, aus dem, wie aus „Teenage Nervous Breakdown“, eine humoristisch gefärbte Verzweiflung an sich und der Welt spricht, sehr weit entfernt von den Hippie-Utopien, die sonst noch ungerührt weiterverbreitet wurden, nicht nur in Kalifornien.

Beide Songs – treibende Synkopen hier, furioses Tempo da – schienen prädestiniert für den Bühneneinsatz. Doch während „Sailin’ Shoes“-Stücke wie „Cold, Cold, Cold“, „Tripe Face Boogie“ und „Willin’“ schnell und nachhaltig ins Live-Repertoire der Band fanden, standen „Easy To Slip“ und „Teenage Nervous Breakdown“ in den folgenden Jahren nur selten auf der Setlist. „Es gab bestimmte Songs, denen sich Lowell in der Regel verweigerte“, erinnerte sich Estrada-Nachfolger Kenny Gradney in den Linernotes der aufschlussreichen Post-George-Anthologie „Hoy-Hoy!“ (1981). Darunter auch „Easy To Slip“, weil es, vermutet der Bassist, „ihn an sein altes Selbst (…) erinnerte.“ Bei „Teenage Nervous Breakdown“ lag der Fall noch klarer. „Lowell hasste den Song“, rekapitulierte Road-Manager Gene Vano, „hielt ihn für den größten Mist, den er je geschrieben hatte.“ Kollege Rick Harper verwies auf die im Text rekapitulierten frühen Gigs der Band, die allen schon „Albträume“ (Harper) beschert hätten, noch bevor sie gespielt waren.

Doch manchmal gab es auch ein sanftes Erwachen. Da fanden sich Little Feat, nur ein paar Tage nach einem Fellini-haften New-York-Debüt vor Labelpersonal und zwei Zahlenden, nach der Show in Houston in charmanter Begleitung im Texas Rose Cafe wieder. Begeistert versprach George, er werde einen Song über den Laden schreiben.

Was man halt so sagt in Schnaps-bzw. Weed-

Laune. Aber der letzte Song auf „Sailin’ Shoes“ heißt tatsächlich „Texas Rose Cafe“ und ist ein schönes Beispiel dafür, wie George und Little Feat einem realistischen Aufhänger ein surreal anmutendes Kostüm überstreifen. Wie schon in „A Apolitical Blues“ geht es wieder mit einem Telefon los, bevor eine Tänzerin auftritt, ein Jaguar bereitsteht – und ja, er müsse unbedingt einen Stop in Austin einlegen! Doch dann löst sich die Handlung in einem Fetzen der Erinnerung an einen ominösen Leroy auf. Und es bleibt nur noch ein irritierter Blick aus dem Hotelzimmerfenster auf eine rot-grün changierende Leuchtreklame, die „Chop suey and join the U.S. Marines“ empfiehlt.

DIE BAND ILLUSTRIERT diesen Bruch in der Wahrnehmung auch musikalisch, durch ein kühnes, na ja, Jazz-Rock Intermezzo. Das ist auch deshalb interessant, weil es später nach dem Split der Band oft hieß, Paynes neue Ambitionen in diese Richtung seien ein Grund für George gewesen, sich allein auf den Weg zu machen, mit dem Soloalbum „Thanks, I’ll Eat It Here“. Ein Titel übrigens, den George am Schluss der Credits zu „Sailin’ Shoes“ schon vorwegnahm. „Wenn wir das Instrumental ‚Day At The Dog Races‘ spielten“, stellte Bill Payne im „Hoy-Hoy!“-Booklet klar, „fragten sich manche, was zur Hölle denn jetzt abgehe. Aber die Leute, die uns seit dem verdammten Anfang begleiten, wussten, was abgeht. Sie wussten, dass wir unsere Nase von Anfang an einfach in alles Mögliche gesteckt haben.“

„This one’s for Lowell George“, kündigte Graham Parker anno 1980 in der Essener Grugahalle „Tripe Face Boogie“ als „Rockpalast“-Zugabe an. Man wüsste gern, ob Parker wusste, dass George diesen Song zwar gesungen, ihn aber nicht geschrieben hat. Die Autoren sind Bill Payne und Richie Hayward.

Solche Zuschreibungen, die Little Feat mit George gleichsetzten, konnten Payne noch 1991 köstlich erregen, als die Band längst in ein zweites Leben nach George gefunden hatte. „Besonders in Europa wurde Lowell als der Bandleader gesehen“, sagte mir der Keyboarder damals. „Was bis zu einem gewissen Grad auch stimmte.“ Aber er sei halt „auch nie die ganze Band“ gewesen. Und, so Payne, „ich garantiere dir: Sosehr Lowell versucht hat, Little Feat zu dirigieren – er war nicht immer erfolgreich damit. Das, was man hört, kam immer auch von der Band.“

Auf „Sailin’ Shoes“ kamen auch zwei Songs von Payne, „Got No Shadow“ und „Cat Fever“, wobei er nur Letzteres auch selbst singt. George war nun mal der bessere Sänger. Auffallend ist zudem die Absenz von Payne/George-Songs, im Gegensatz zum Debüt, wo mit „Strawberry Flats“, „Truck Stop Girl“ oder dem Seefahrer-Comic „Crazy Captain Gunboat Willie“ noch drei der markantes-ten Stücke auf das Konto des Duos gingen.

So stand Lowell George als dominanter Songschreiber auf „Sailin’ Shoes“ als Solitär da. Ließ er damit schon erahnen, dass er später auch innerhalb der Band zunehmend isoliert war? Wohl ein zu steiler Gedanke.

„Vermutlich der einzige gute Song, den wir damals hatten“, erinnerte sich Chris Eckman 1998 an die Prä-Walkabouts-Zeit, als er mit Carla Torgerson für ein paar Francs in den Straßen von Paris musizierte. Eckman trifft Georges Songschreiberkunst mit der Beobachtung, dass einem selbst die „Willin’“-Akkorde „plötzlich komisch vorkommen, wenn man das erste Mal den Refrain singt“. Sie kamen ja schon Frank Zappa komisch vor, damals, als George die Trucker-Ode in seiner Zeit bei The Mothers Of Invention vorgestellt hatte. Ob wegen der Drogenanspielung im Refrain, die Zappa nicht behagt haben soll, oder weil er nach dem Urteil seines Chefs damit gut genug für eine eigene Band war, ist letztlich egal.

Den Refrain von „Willin’“ haben bis heute noch viele gesungen, von Linda Ronstadt (später auch filmreif in James Camerons „Abyss“) über Bob Dylan (nur live) bis Gregg Allman (siehe Plattenkasten). Doch die Version von Little Feat selbst auf „Sailin’ Shoes“ ist doch schöner als alle Cover, schöner auch als die erste Version auf „Little Feat“, weil das langsamere Tempo im Verbund mit Sneaky Petes Pedal Steel diese Weite da zwischen Tucson und Tucumcari erst so richtig schön heraufbeschwört. Schöner auch als die Live-Version später auf „Waiting For Columbus“.

Auch andere „Sailin’ Shoes“-Songs wurden interpretiert. Lowell George selbst und The Meters assistierten Robert Palmer für sein „Sailin’ Shoes“ zum Auftakt von „Sneakin’Sally Through The Alley“ (1974). Auf „Pressure Drop“ (1975) ließ Palmer sich dann gleich von Little Feat begleiten und sang „Trouble“. Bob Weir wagte sich 1978 auf „Heaven Help The Fool“ an „Easy To Slip“, doch gab es auch weniger naheliegende Versuche. Wie wär’s mit den Hardrockern Nazareth und „Teenage Nervous Breakdown“ („Loud’n Proud“, 1973)? Oder Van Halen und „A Apolitical Blues“ 1988 auf „OU812“? Immerhin hatte die ja ein gewisser Ted Templeman zu Warner geführt. Manchmal reicht auch eine „spirituelle Referenz“, wie von Moe aus Buffalo, die 1998 bei ihrem „Stranger Than Fiction“ ganz doll an „A Apolitical Blues“ dachten und es dabei schafften, ganz doll wie Little Feat zu klingen.

„Sosehr Lowell versucht hat, Little Feat zu dirigieren – er war nicht immer erfolgreich damit“

50 Jahre ist das Southern-Rock-Meisterwerk heute alt; 25 Jahre nach der Veröffentlichung von „Sailin’ Shoes“ war die Zeit reif für ein Lowell-George-Tribute-Album. Nach zig Absagen in Nashville, New York, L.A. kam „Rock And Roll Doctor“ 1997 aber nur als Import auf dem japanischen Label Kaigan in die Geschäfte. Ob es mit zum Deal gehörte? Jedenfalls war unter den Interpreten auch Keisuke Kawata zu finden, der sehr manierlich „Long Distance Love“ singt.

Kawata steht sonst den Southern All Stars vor, einer in Japan sehr populären Band, die dort schon Shows mit Little Feat gespielt hatte. Der Rest des Line-ups klingt vertrauter. Allen Toussaint und Meters-Gitarrist Leo Nocentelli holen „Two Trains“ heim nach New Orleans. Jackson Browne singt „I’ve Been The One“ und wünscht sich still, er hätte es selbst geschrieben. Merry Clayton, die weibliche Stimme in dem Stones-Song „Gimme Shelter“, pflügt durch „Spanish Moon“. Little Feat selbst eröffnen den Reigen mit einer Neuauflage von „Cold, Cold, Cold“ und Gastsängerin Bonnie Raitt.

Daneben haben es noch zwei weitere „Sailin’ Shoes“-Songs ins „Rock And Roll Doctor“-Repertoire geschafft. Randy Newman und Valerie Carter interpretieren den Titeltrack.

Doch der nicht nur emotionale Höhepunkt wartet am Schluss, wenn Inara George „Trouble“ singt. Die Tochter von Lowell und Elizabeth George freute sich auf ihren fünften Geburtstag – als fünf Tage vorher ihr Vater starb. Jackson Browne schrieb ihr daraufhin den Song „Of Missing Persons“ und prophezeite: „He’s right there inside you, each time you want to sing …“ Eine Vermutung, die Inara George erst viele Jahre später in dem Song „Young Adult“ aufgreifen wird.

Zunächst wollte sie lieber noch nicht singen. Entdeckte stattdessen früh Shakespeare und studierte später in Boston auch Schauspiel. Zurück in Kalifornien sang sie dann doch, auf Soloalben (zuletzt 2018 „Dearest Everybody“) und vor allem an der Seite von Adele-

Produzent Greg Kurstin in dem Duo The Bird And The Bee. Für „Rock’n Roll Doctor“ sang sie, mit Anfang zwanzig, einen der schönsten Songs ihres Vaters, für diese Momente, wenn man sich wünscht, die Welt da draußen möchte doch bitte endlich genauso müde sein wie man selbst. Mit dem Versprechen: „Well, I’ll write a letter and I’ll send it away and put all the trouble in it you had today.“ Als Kleinkind hat Inara George diese Zeilen öfter gehört, als Wiegenlied aus dem Mund ihrer Mutter, wenn der Papa gerade mal wieder dem Ruf des Rock’n’Roll folgen musste.

Ry Cooder spielt Gitarre auf Inara Georges Version von „Trouble“. Samt Streichquintett arrangiert und produziert hat sie ein gewisser Van Dyke Parks (der 2008 mit Inara übrigens auch das wundervolle Album „An Invitation“ machen sollte). Der hatte seine Version von „Sailin’ Shoes“ schon wenige Monate nach dem Original der Southern-Rock-Helden auf seinem zweiten Album, „Discover America“, vorgelegt. Da hat sich ein Kreis geschlossen.