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Helfen schenkt Hoffnung


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Leben & erziehen - epaper ⋅ Ausgabe 5/2022 vom 28.04.2022

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Seit dem Angriff von Russlands Truppen sind Hunderttausende Flüchtlinge aus der Ukraine in Deutschland angekommen. Experten vermuten, dass über die Hälfte aller Schutzsuchenden Kinder und Jugendliche sind. Sie reisen meist mit ihren Müttern, mit Tanten und Großmüttern, in seltenen Fällen sind sie sogar ganz ohne ihre Familie auf der Flucht.

Allein die Vorstellung macht die meisten von uns sprachlos und traurig. So ist auch die große Hilfsbereitschaft zu erklären, die den Geflüchteten an Bahnhöfen, in städtischen Einrichtungen oder in Gastfamilien entgegenkommt. Sie ermöglicht zumindest einigen Menschen aus der Ukraine, mit den schrecklichen Erinnerungen der letzten Wochen besser umzugehen. Doch auch wir selbst können durch unsere Solidarität viel gewinnen und unseren Kindern vor allem einen wichtigen Grundsatz vermitteln: Wenn ich anderen helfe, helfe ich auch mir selbst! ...

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Engagement stärkt das Selbstwertgefühl

Spontan helfen wollten zum Beispiel die Zwillinge Paulina und Antonia (siehe rechts). Die Bochumer Schülerinnen sind zwölf Jahre alt und haben mit der gleichaltrigen Freundin Henrike Geld gesammelt, um Lebensmittel für Hilfspakete zu kaufen. 120 Euro kamen dabei zusammen, ein ganzer Einkaufswagen voller Lebensmittel und drei stolze und glückliche Mädchen.

„Kinder helfen gern, weil sie dadurch etwas tun können und der Situation nicht einfach nur ausgeliefert sind“, erklärt die Kinder-und Jugendpsychologin Silvia Schneider. „Sie spüren, ihre Taten haben einen Effekt. Auch für unseren Nachwuchs ist es wichtig, Kontrolle zu haben. Insbesondere über Dinge, die schwierig sind, ihnen wehtun oder sie traurig machen. In dem Moment, in dem sie etwas dagegen tun, bewältigen sie diese Gefühle, und es geht ihnen besser.“

Zudem wachsen Kinder an solchen Erfahrungen. Zu lernen, dass sie eigenständig etwas verändern und somit auch Verantwortung überneh-Silvia Schneider. „Das gibt ihnen die Zuversicht, auch in anderen Situationen helfen zu können.“

„Wir haben Spenden gesammelt und Hilfspakete gepackt“

Die Zwillingsschwestern Antonia und Paulina aus Bochum hatten gemeinsam mit Freundin Henrike eine tolle Idee: „In den Kindernachrichten haben wir viel über den Krieg erfahren und uns überlegt, wie es uns gehen würde. Deshalb wollten wir den Menschen dort etwas Gutes tun“, erzählt Henrike. Die drei Zwölfjährigen malten Bilder und schrieben sogar ein Gedicht. „In unserer Nachbarschaft haben wir dann um Spenden gebeten“, sagt Antonia. Rund 120 Euro kamen bei der Aktion zusammen – Geld, das die Mädchen gut einsetzen konnten: bei der Gesellschaft Bochum-Donezk, die regelmäßig Lkws mit Hilfsgütern ins Kriegsgebiet schickt. „Es ist wichtig, dass man Lebensmittel einpackt, die nicht noch lange gekocht werden müssen. Also haben wir ganz viele Müsliriegel gekauft, aber auch zum Beispiel Schokolade“, sagt Paulina. Zum Schluss war ein ganzer Einkaufswagen mit Lebensmitteln voll. Die Mädchen packten die Waren selbst für den Transport ein. „Dass man mit Basteln so viele Pakete packen kann, ist toll“, freut sich Paulina. Und Henrike ergänzt: „Als ich abends ins Bett gegangen bin, habe ich mich richtig erleichtert gefühlt.“

„Bei uns gibt’s Schulalltag für die ukrainischen Kids“

Das Familiengrundschulzentrum Sonnenstraße in Düsseldorf hat 15 Kinder langfristig aufgenommen, um ihnen einen Schulalltag zu ermöglichen. Eine russischsprachige Lehrerin aus dem Kollegium und eine vom Jobcenter vermittelte Dozentin aus der Ukraine, die seit zwei Jahren in Deutschland lebt, kümmern sich täglich um sie. „Die sechs-bis elfjährigen Jungen und Mädchen werden bei uns erst mal in Deutsch und Mathe unterrichtet, und natürlich spielen sie auch viel“, erzählt Kornelius Knettel, Leiter der Einrichtung. „Wir wollen versuchen, ihnen so viel Normalität wie möglich zu bieten, Strukturen zu schaffen und sie ankommen zu lassen.“ Nach den Osterferien sollen die Grundschüler dann auf Klassen verteilt werden. „Ich glaube, dass die Kinder sehr glücklich darüber sind, ein bisschen Alltag zu verspüren. Wir merken ihnen hier nicht an, dass sie Schlimmes erlebt haben, weil sie bei uns einfach abgelenkt sind und etwas zu tun haben.“ Die achtjährige Marta stimmt dem voll zu: „Es ist klasse, hier zu sein. Ich habe so viel Spaß!“

Hilfsbereitschaft ja – aber mit Verstand

Eltern haben verschiedene Möglichkeiten, ihre Kinder dabei aktiv zu unterstützen. Zum Beispiel bei der Auswahl von Sachspenden: Sind Kinder bereit abzugeben, muss es nicht zwingend Spielzeug sein, das ohnehin aussortiert werden sollte. „Es darf schon etwas sein, was ein bisschen Aufwand erfordert, etwas, bei dem das Kind sich auch bemühen muss“, sagt die Kinderpsychologin. Doch Mama und Papa sollten hier genauer hinschauen, etwa wenn ihr Kind sogar bereit wäre, das Lieblingskuscheltier abzugeben. Für die Tochter oder den Sohn fühle es sich kurzfristig vielleicht gut an, dieses besondere Spielzeug zu stiften. Doch die Expertin warnt: „Mittel-oder langfristig kann es das Kind belasten und dazu führen, dass es in der nächsten Situation nicht mehr so hilfsbereit ist.“ Eltern dürfen Kinder also ruhig bremsen, bei der Suche nach Alternativen unterstützen. Wichtig in der Beziehung sei das Alter, sagt die Kinderpsychologin: „Die Entwicklung bei Kindern ist natürlich sehr unterschiedlich, grob kann man aber sagen, dass das Verständnis für Mittel-und Langfristigkeit und die damit verbundenen Konsequenzen ab dem Schulalter zunehmend wächst.“

Klare Strukturen geben Sicherheit

Neben der Freude am Spenden besitzen Kinder außerdem die Fähigkeit, vor allem anderen Kindern auf besondere Weise zu helfen – durch Ablenkung, Alltag und Spielzeit. Aus diesem Grund bemühte sich das Düsseldorfer Familiengrundschulzentrum Sonnenstraße (siehe links) sehr früh darum, Flüchtlingskinder aufzunehmen. „Klare Strukturen bedeuten, dass die Kinder ein Stück weit Kontrolle über ihr Leben zurückbekommen“, erklärt Silvia Schneider. „Sie wissen wieder, wie ihr Tag abläuft. Schulen und Kitas können ihnen Kontrolle und Vorhersagbarkeit zurückgeben. Beides vermittelt Sicherheit.“ Und genau die ist es, die Kinder aus Kriegsgebieten so sehr brauchen.

„Wir waren plötzlich zu fünft“

Vier Tage nach Ausbruch des Krieges nahmen Margarete Arlamowski und ihre achtjährige Tochter Lara drei Frauen aus der Ukraine in ihrer Münchner Dreizimmerwohnung auf. „Ich habe gar nicht lange darüber nachgedacht“, sagt die Journalistin, die sich beim Verein „Münchner Freiwillige – Wir helfen e. V.“ engagiert. „Mir war wichtig, helfen zu können. Auch meiner Tochter ging es so.“ Lara schlug sogar vor, ihr Kinderzimmer zu räumen. „Wenn ich merke, dass es Menschen schlecht geht, will ich helfen“, sagt die Achtjährige. Eine 79-jährige Mutter mit ihren beiden Töchtern (44 und 49) zog ein. „Wir merkten sofort, wie nett sie waren“, erinnert sich Lara. Verständigt wurde sich auf Englisch und Polnisch, weil Margarete Arlamowski Wurzeln im ukrainischen Nachbarland hat. „Am schönsten war es, abends ukrainische Lieder zusammen am Tisch zu singen“, sagt Lara. Nach gut zwei Wochen fanden die Frauen eine eigene Wohnung, verbunden bleiben die fünf Menschen aber sicher für immer.

Unsere Expertin

Prof. Dr. Silvia Schneider

… ist Kinder-und Jugendpsychologin und leitet des Forschungsund Behandlungszentrum für psychische Gesundheit an der Ruhr-Universität Bochum. Zu ihren Arbeitsschwerpunkten gehören unter anderem Angststörungen im Kindes-und Jugendalter.

„Ich bekomme Hilfe für mein krankes Kind“

Vadym ist zehn Jahre alt und leidet an einem Hirntumor. Bis zum Ausbruch des Krieges wurde er in Kiew bestrahlt, doch als der Angriff begann, musste die Therapie wegen der Bomben immer wieder unterbrochen werden – eine lebensgefährliche Situation für das Kind. Seine Mutter Yuliia Borkun entschloss sich zur Flucht, um ihrem Sohn die Weiterbehandlung zu ermöglichen. Ihr Mann, ihre Mutter und der Bruder blieben in Kiew. Vadym und seine Mutter sind in Essen untergekommen. Am Uniklinikum wird der Junge nun mit Protonen bestrahlt – eine hochmoderne Behandlungsart, die es in Kiew nicht gab. „Wir sind unendlich dankbar“, sagt Yuliia Borkun. Im Elternhaus der spendenfinanzierten „Essener Elterninitiative zur Unterstützung krebskranker Kinder e. V.“ fand sie außerdem ein Zuhause auf Zeit, ganz in der Nähe der Klinik. 35 Zimmer stehen hier betroffenen Familien zur Verfügung und garantieren, dass Eltern und Kinder während der Therapie ganz nah beieinander sein können. „Mein größter Wunsch ist die Genesung für Vadym und Frieden in der Ukraine“, sagt die Mama.

„Wir flohen kurz vor der Geburt“

Daniel wurde in Sicherheit geboren, weil seine Mutter Anna Marchenko den Mut hatte, hochschwanger aus der Ukraine zu flüchten. „Ich hatte Glück. Aber mein Herz ist schwer“, sagt sie nach den Strapazen, die hinter ihr liegen. Mit ihrem älteren Sohn Volodimir (17) setzte sie sich in einen Bus Richtung polnische Grenze. Es sei schrecklich gewesen, erzählt Anna: „In Schytomyr wurden wir fast von einer Rakete getroffen.“ In Polen wartete ihr in Bad Oeynhausen lebender Ehemann Denis. Die Fahrt nach Deutschland war lange geplant, aber unter anderen Umständen. Anna Marchenko kam nach zwei Tagen und Nächten am 2. März in ihrem neuen Zuhause an, am 4. März gegen halb drei Uhr morgens wurde ihr Sohn geboren, drei Kilo schwer und 51 Zentimeter groß. „Daniels Geburt, dass es ihm und seiner Familie hier gut geht – das ist ein echter Lichtblick“, betont Gynäkologe Manfred Schmitt, Direktor der Klinik für Frauenheilkunde und Geburtshilfe vom Krankenhaus Bad Oeynhausen.

Ab welchem Alter mit Kindern über Krieg reden?

Die Psychologin Silvia Schneider rät:„Im Prinzip kann man über Krisen, ob nun Krieg oder Corona, in altersgerechter Weise reden, sobald das Kind sprechen kann. Das heißt nicht, dass man Dreijährigen zwingend schon erklären muss, dass Krieg herrscht und ganz viele schreckliche Dinge passieren. Es geht mehr darum, die Themen entsprechend zu erläutern oder zu erklären, wenn das Bedürfnis des Kindes da ist. Viele Eltern und Bezugspersonen haben die Sorge, dass sie ihrem Kind nichts Schwieriges, Negatives oder sogar Grausames erzählen dürfen. Es ist aber so, dass Kinder eine Menge verstehen und aushalten können, wenn es ihnen in altersgerechter Weise vermittelt wird. Die Forschung zeigt auch, dass es für Kinder sehr wichtig ist, wie Eltern sich zu einer Situation positionieren und wie gut sie selbst damit umgehen.“