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HENRIK GRYSBJERG


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Tattoo Kulture Magazine - epaper ⋅ Ausgabe 2/2022 vom 04.03.2022

"EINE LEINWAND IST EINE FLACHE OBERFLÄCHE BEGRENZT DURCH EINEN RAHMEN, DER MENSCHLICHE KÖRPER IST EINE KOMPLEXE OBERFLÄCHE, DIE SICH BEWEGT UND KEINEN RAHMEN BESITZT. DIE HERANGEHENSWEISE IN SACHEN KOMPOSITION UND DYNAMIK HAT DAMIT ÜBERHAUPT NICHTS ZU TUN. DER AUFBAU EINES TATTOOS IST VIEL KOMPLEXER UND BENÖTIGT EINIGES AN FORSCHUNGSARBEIT, DAMIT DAS PROJEKT AUCH GELINGT. "

HENRIK GRYSBJERG

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Bildquelle: Tattoo Kulture Magazine, Ausgabe 2/2022

T rotz seines vollen Terminkalenders nahm sich der französische Tattookünstler Henrik, bekannt für seine spektakulären großformatigen Stücke, Zeit für dieses lange Interview.

Text: Pascal Bagot

Du bist ein eher diskreter Künstler, gelassen aber hart arbeitend. Ich kann mir vorstellen, dass die Zeit der Einschränkungen aus kreativer Sicht eine positive Erfahrung war. Wie ging es dir?

Ja, das stimmt, ich liebe meinen Frieden und meine Ruhe. Ich arbeite sehr gerne in einer ruhigen Umgebung, ...

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... damit ich mich auf meine Projekte konzentrieren kann. Es ist auch wahr, dass ich nichts von mir außerhalb des Tattoorahmens in den Sozialen Medien preisgebe. Die Einschränkungen waren für mich, wie für jeden anderen auch, eine extrem seltsame Zeit. Es war das erste Mal in meinem Leben, dass ich beruflich gesehen so lange nichts getan habe. Es hat mir ermöglicht, mehr Zeit mit dem Malen zu verbringen und ich nahm die Gelegenheit wahr, eine Serie von Gemälden herzustellen. Es hat mich auch motiviert, der Malerei mehr Wichtigkeit in meiner künstlerischen Karriere zu geben.

Du scheinst viel Energie hineinzustecken, welchen Platz nimmt das in deinem Leben ein?

Es ist eine Aktivität, die viel Zeit in Anspruch nimmt und es ist nicht immer einfach, meine anderen Tätigkeiten (Illustration, tätowieren, verschiedene Projekte in der Entwicklung technischen Trainings und Bücher, die ich seit Jahren im Kopf habe…) unter einen Hut zu bringen. Ich arbeite auf verschiedenen Medien, digitales und traditionelles Malen aber auch gerne mit verschiedenen Medien, egal ob es Wasserfarben, Öl oder Acryl ist. Manchmal mische ich die verschiedenen Techniken. Manchmal beginne ich mit Acryl und mache mit Ölfarben weiter. Im Moment experimentiere ich mit neuen Dingen und an der Zusammenstellung von Materialien auf Leinwänden, auf welche ich verschiedene Elemente auftrage, um unterschiedliche Ebenen zu erhalten. Ich befinde mich zur Zeit auf der experimentellen Stufe, die Ergebnisse können sich sehen lassen, ich glaube, ich werde bald verschiedene großformatige Projekte angehen.

Wie zufrieden bist du damit?

Malen ist ein Medium des künstlerischen Ausdrucks, welches, meiner Meinung nach, keine Codes oder Limits besitzt, es erlaubt einem, verschiedene Versuche zu machen, zu experimentieren und sich frei auszudrücken. Aus künstlerischer Sicht ist es das Medium, das dir die meiste Freiheit lässt. Du kannst Texturen und Materialien hinzufügen, du kannst deine Farben mit Sand, Papier oder Baumwolle vermengen, du kannst mit Gips modellieren, du kannst sogar außerhalb des Rahmens gehen, wenn du verrückt bist =)

Wenn ich mich recht erinnere, hat damals, als wir das Interview mit Tattoo Magazine vor 14 Jahren gemacht haben, deine Frau gemalt!

Ja, 14 Jahre ist das nun schon her, das macht uns nicht gerade jünger! Und ja, damals war es Vilay, die gemalt hat. Sie war sehr gut darin. Sie hat vor einigen Jahren damit aufgehört, um sich mehr mit der Musik zu befassen, denkt aber daran, wieder damit anzufangen. Ich glaube, dass wir in naher Zukunft einige gemeinsame Projekte angehen werden.

Half dir das Malen dabei, dich an große Formate zu gewöhnen, für die du in der Welt des Tätowierens bekannt geworden bist?

Nein, das Arbeiten auf Leinwand und das Arbeiten auf einem menschlichen Körper sind zwei komplett verschiedene Dinge. Eine Leinwand ist eine flache Oberfläche begrenzt durch einen Rahmen, der menschliche Körper ist eine komplexe Oberfläche, die sich bewegt und keinen Rahmen besitzt. Die Herangehensweise in Sachen Komposition und Dynamik hat damit überhaupt nichts zu tun. Der Aufbau eines Tattoos ist viel komplexer und benötigt einiges an Forschungsarbeit, damit das Projekt auch gelingt.

Wie profitieren deine Tattoos von deiner Malerei?

Auch wenn die Regeln unterschiedlich sind, bleibt das Tätowieren ein Medium. In anderen Worten ausgedrückt, es spielt keine Rolle, welches Medium du verwendest, es wird immer etwas dabei herauskommen. Wenn du eine Verknüpfung zwischen dem Malen und dem Tätowieren suchst, denke ich, dass Wasserfarben aufgrund ihrer Transparenz der aufeinanderfolgenden Lagen dem am Nächsten kommen … und der Unmöglichkeit, im Nachhinein etwas zu ändern =)

Stilistisch gesehen kommst du Cartoonisten und Illustratoren sehr nahe. Erzähl uns doch bitte mehr über deine Einflüsse.

Dankeschön, ich weiß diesen Vergleich sehr zu schätzen. Ich würde mich als Illustrator bezeichnen. Ich bin unglaublich froh darüber, Menschen zu treffen, die mich mich selbst ausdrücken lassen. Mich interessieren viele verschiedene Künstler in sehr unterschiedlichen Registern. Natürlich folge ich einigen Tätowierern und weiß deren Arbeiten sehr zu schätzen, interessanter jedoch finde ich Maler, Zeichner oder Grafikdesigner. Aus verschiedenen Gründen. Erstens habe ich eine generelle Vision von der bildenden Kunst, ich versuche, mich nicht auf das Tätowieren zu begrenzen. Zudem denke ich, dass es zu gefährlich ist, sich zu sehr mit der Bilderwelt der Tattoos zu beschäftigen, da es deine Sicht auf die Dinge zu stark beschränken kann und somit jedermanns Arbeiten standardisiert. Was Tätowierer angeht, schätze ich die Western Canadian School, Steeve Moore oder James Tex zum Beispiel sind in meinen Augen herausragende Illustratoren. Mir gefällt auch die Neo-Japanische Methode südkoreanischer Künstler wie Hajin oder Gen. Im malerischen Bereich gefallen mir meine Freunde Guil Zekri, Dimitri HK oder Julien Thibers, exzellente Maler in unterschiedlichen Bereichen. Ich mag die Arbeiten meines Kunden Clément Verdiere sehr und ermutige die Leser der Zeitschrift Inkers dazu, sich seine Arbeiten anzuschauen.

Die Themen, mit denen du dich beschäftigst, blieben mehr oder weniger die gleichen (asiatisch, Comic, kundenspezifisch usw.), aus technischer Sicht jedoch wurden sie durch eine Arbeit im Stil des Realismus bereichert. Wie kam es dazu?

Ich bleibe bei einer eindeutig asiatischen Vorgabe, meine Methode ist jedoch sehr illustrativ. Realismus selbst interessiert mich selbst wenig. Ich habe mich einmal daran versucht, finde es aber künstlerisch kastrierend. Wenn ich einmal die grundlegenden Konstruktionstechniken angepasst habe, ist es einfach nur methodisch. Ich verurteile keine Künstler, die sich auf diesem Gebiet spezialisiert haben, einige von ihnen haben einen beeindruckenden technischen Hintergrund, ich persönlich empfinde es aber als Reduzierung der Kreativität. Auf der anderen Seite ermöglicht dir das Studieren des Realismus, die Arbeit von Volumen, Tiefen und Licht anzupassen und viel über die Handhabung von Werten und Farben zu lernen. Am Realismus zu arbeiten öffnet die Türen, um dreidimensionale Werke zu verstehen und die Bedeutung von Licht zu verstehen. Mein Freund Kore Flatmo nennt es den dramatischen Aspekt. Eine gewisse Genauigkeit ohne eine Kopie herzustellen ist eine Übung, die viel Arbeit und Zeit erfordert. Was mich betrifft, ist dieser Aspekt der interessanteste an der kreativen Arbeit.

Große Tattoos bedeuten nicht unbedingt mehr Details, warum diese Einfachheit?

Eines der Dinge, die ich über die Jahre gelernt habe ist, dass Einfachheit die größte Schwierigkeit überhaupt ist. Als ich damals anfing, an meinen Werken zu arbeiten, dachte ich, ich könnte Kathedralen erschaffen. Damit meine ich, dass ich auf der Suche nach absoluter Komplexität war. Eines Tages, vor ungefähr zehn Jahren, tätowierte ich einen Musiker. Ich fand den Typen extrem interessant. Er bat mich, ihm ein Motiv mit Händen und Gitarren zu stechen und das Wort “Simplify” einzuarbeiten. Es sollte bedeuten, dass das Vereinfachen für einen künstlerischen Prozess essentiell ist. Ich habe Jahre gebraucht. um zu verstehen, was er damit meinte. Heute bin ich jedoch davon überzeugt, dass er recht hatte.

Das hat mich dazu gebracht, ein gewisses Paradoxon zu entwickeln. Je öfter ich gefragt werde, ein Großformat herzustellen, desto mehr versuche ich, den Bildaufbau zu vereinfachen. Das mag seltsam erscheinen, ist aber absolut logisch. Wenn du ein Backpiece stichst, ist es wichtig, dass es aus einer Entfernung von 50 Fuß lesbar ist und Feinheiten und Details in der Licht-und Kontrastarbeit aus der Nähe erkennbar sind. Komplexe Arbeiten beeinträchtigen die Möglichkeit, die Struktur zu erkennen, zu viele Details töten die Einzelheiten. Das Auge verliert sich und das Gehirn hat Schwierigkeiten, herauszufinden, was es da gerade sieht.

Im letzten Interview hast du gesagt: “Das Wichtigste ist die Bewegung. Es muss sich mit dem Körper bewegen.” Bist du immer noch der Meinung?

Ja und nein. Die Dynamik der Arbeit kann sehr effektiv sein, wenn es ordentlich ist, anders ausgedrückt, es funktioniert, wenn es nicht von zu vielen äußeren Elementen beeinflusst ist. Eine große Welle, die sich um den Körper schlingt, ist sehr effektiv, wenn du jedoch ein Muster davor oder dahinter legst, erschlägst du damit komplett den Effekt. Noch einmal, es funktioniert, wenn deine Arbeit einfach ist. Eine dynamische Bewegung muss atmen. Wenn man sich Filip Leu’s Werke ansieht, erkennt man, dass er oft große Lücken und große Bewegungen in den Hintergründen benutzt, und das Ergebnis ist unverkennbar.

Der Schwerpunkt auf Dynamik erklärt die genaue Sicht der Dinge, die du auf deine Tattoos hast. Das Spiel mit Volumen, das dem Betrachter den Eindruck vermittelt, mittendrin zu sein.

Ich glaube, du redest eher von Tiefe als von Dynamik. Ich denke, dass es beim dynamischen Arbeiten darum geht, Bewegungen darzustellen, die sich um den Körper schmiegen. Wenn du versuchst, in deiner Arbeit eine Szene darzustellen -die Interaktion zwischen zwei Charakteren zum Beispiel -redest du von etwas anderem, von Tiefe. Es geht um die Perspektive und/oder den Blickwinkel, der deine Wahrnehmung beeinflusst. Diese Methoden werden von Filmemachern oder Cartoonisten verwendet.

Für einige Tätowierer ist das Stechen von Motiven, die in einer Sitzung fertig sind, sehr befriedigend, jedoch nicht für dich.

Ich mag es, an großen Formaten zu arbeiten, fange jedoch an, kleinere Motive anzunehmen. Auf der anderen Seite mache ich keine bzw. nur sehr wenige One-shot-Designs. Ich kann durchaus verstehen, dass es angenehm ist, da man ein Projekt direkt zu Ende bringen kann. Ich persönlich bevorzuge mehrere Sitzungen, einerseits, weil es mir die Möglichkeit gibt, einen Schritt zurückzugehen und andererseits, da ich mehrere Methoden nutze. Zuerst arbeite ich an meinen Volumen in Schwarz und Grau, dann kommt die Farbe darüber. Für die Haut ist es extrem traumatisch, wenn verschiedene Schichten in einer einzigen Sitzung aufgebracht werden. Es ist machbar, der Heilungsprozess kann aber sehr abenteuerlich werden.

Wie lange brauchst du für ein großes Motiv?

Das ist sehr unterschiedlich. Es kommt auf das Muster an. Ich habe in drei Tagen am Stück einen farbigen Hintern bei einem englischen Kunden tätowiert und einmal sechs Sitzungen für eine extrem detaillierte, farbige Illustration von Manschetten gebraucht, es ist schwierig, diese Frage zu beantworten. Ich glaube, ich habe für mein verrücktes Ludos`s Shiva Projekt sechs Sitzungen gebraucht.

An wie vielen großen Motiven arbeitest du gerade?

An so einigen. Mit meinem Zeitplan und den drei aufeinanderfolgenden Schließungen aufgrund von Covid ist die Anzahl der Stücke erheblich. Darum poste ich auch nicht jeden Tag in den Sozialen Netzwerken.

Mittlerweile kannst du dir deine Projekte aussuchen. Wie gehst du vor?

Ich erhalte alle neuen Projektanfrage über ein Kontaktformular auf meiner Website. Ich nehme mir die Zeit, um alle Anfragen durchzulesen. Dann suche ich mir diejenigen heraus, die mich am meisten inspirieren oder die mit Dingen zu tun haben, mit denen ich arbeiten möchte. Das dauert manchmal eine gewisse Zeit und ich bin den Leuten für ihre Geduld sehr dankbar, da ich sehr lange arbeite und dafür recht wenig Zeit habe. Es kann unter Umständen Wochen dauern, bis sie eine Antwort erhalten.

HENRIK GRYSBJERG

henriktattoo

www.henrik-tattoo.com