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Her mit den Nadeln


ÖKO-TEST Ratgeber Kosmetik und Wellness - epaper ⋅ Ausgabe 98/2011 vom 16.09.2011

Wer hätte das gedacht: Junge Frauen, ja sogar junge Männer, stricken, häkeln und nähen wieder. Warum? Weil es Spaß macht. Weil es entspannt. Und weil Handgemachtes anders ist als Billigmode.


Artikelbild für den Artikel "Her mit den Nadeln" aus der Ausgabe 98/2011 von ÖKO-TEST Ratgeber Kosmetik und Wellness. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Foto: Cordula Kropke

Häkeln? Ist doch einfach, sagen die, die es mal gelernt haben. Aber wer könnte schon auf Anhieb erklären, wie man die Anfangsschlaufe hinkriegt? Anne Meyer kann es. Neben ihr wickelt ein junger Mann wieder und wieder das Ende eines Wollknäuels um seine Hand und blickt sie fragend an. Sie schlingt den Faden einmal um die Hand, hält das Faden ende geschickt mit dem Daumen fest, wickelt den Faden ...

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Häkeln? Ist doch einfach, sagen die, die es mal gelernt haben. Aber wer könnte schon auf Anhieb erklären, wie man die Anfangsschlaufe hinkriegt? Anne Meyer kann es. Neben ihr wickelt ein junger Mann wieder und wieder das Ende eines Wollknäuels um seine Hand und blickt sie fragend an. Sie schlingt den Faden einmal um die Hand, hält das Faden ende geschickt mit dem Daumen fest, wickelt den Faden ein zweites Mal um die Hand, kreuzt dabei die erste Schlinge und zieht den Faden durch. Oh Wunder! Es entsteht ein Knoten. Festziehen. Fertig.

Anne und ihr Häkelschüler sitzen am Ende eines langen Holztisches im Konsumkulturhaus Lokal. Über der Theke zur Küche hängt eine Markise, die aus Bindfaden gestrickt ist, die Hocker sind im Stäbchenmuster behäkelt, auf den vergilbten Putz der Wände ist Lokal e.V. gestempelt. Die abrissreife Stadtvilla in Hamburg-Altona ist ein Treffpunkt für junge Leute, die ein Faible für Mode und Design, Stoffe und Garne und vor allem für Handgemachtes haben. „Wir wollen zeigen, dass Konsum anders geht“, sagt Projektleiterin Anne Meyer. Mit „anders“ meint sie „nachhaltig und cool“. Das Lokal organisiert Designmärk- te, lädt ein zum Klamottentausch oder zu Etsy Labs, Bastelnächten, in denen alle ausprobieren, was man so alles selbst machen kann: Lampignons, Cocktails, Schmuck aus Leder oder echten Bad Taste wie Seidenmalerei und Batiken. Einmal im Monat trifft sich der Strickklub.

Stricken kann so gesellig sein. Im Kulturkonsumhaus Lokal in Hamburg stricken und häkeln die Handarbeiterinnen einmal im Monat gemeinsam.


Gemeinsam stricken macht mehr Spaß

Nach und nach trudeln vor allem junge Frauen ein, kramen ihr Strickzeug hervor und legen los. Antje strickt mit einer Rundnadel einen Schal, den sie sich über den Kopf ziehen kann. „Sieht raffinierter aus, als es ist“, sagt sie und hält ein Karomuster hoch: „Das sind nur rechte und linke Maschen.“ Das Stricken hat sie von ihrer Oma gelernt. Manchmal häkelt sie auch, oder sie näht, ganz wie sie Lust hat. Marlies setzt sich dazu und fischt eine angefangenen Babysocke aus ihrer selbstgenähten Tasche. Die Ferse ist das Problem. Flugs fliegt der Schal auf den Tisch und Antje schnappt sich das Nadelwerk. Ob Maschen anschlagen oder Perlmuster stricken, Armbänder häkeln oder Mützen stricken – im Strickklub zeigen sich Strick- und Häkelsüchtige gegenseitig, wie es geht.

„Stricken ist meditativ. Es ist eine Art, sich mit sich selbst zu beschäftigen“, sagt Anna Nimmo. „In einer Zeit, in der alles schnell läuft, kommt man dabei runter.“ Sie selbst strickt Mützen und verkauft sie, sie engagiert sich als Vorstand im Verein Lokal und hat den Strickklub gegründet. Denn Stricken hat noch einen weiteren Vorteil: Wer nicht gerade Maschen zählt oder aufnimmt, kann dabei auch wunderbar klönen. Statt allein zu Hause im Internet unterwegs zu sein, lassen sich die jungen Strickerinnen im Lokal ein Bier oder einen Milchcafé einschenken und plaudern nadelklappernd drauflos. „Schon in den 20er-Jahren gab es Stricktreffs“, sagt Anna, die gera- de ihre Diplomarbeit über den Wandel der Strickkultur geschrieben hat. Früher aber war es anders: „Da mussten die Mädchen stricken, sie durften nicht untätig sein.“ Heute tun sie es, weil es Spaß macht und weil sie lieber originelle, handgemachte Einzelstücke tragen als die H&M-Billigmode, die für Hungerlöhne in asiatischen Sweatshops genäht wird.

Neues Verständnis: Früher mussten die Mädchen stricken; sie durften nicht untätig sein. Heute tun sie es, weil es Spaß macht.


Aller Anfang ist schwer. Doch wer erst einmal Feuer gefangen hat, hört nicht wieder auf.


Alle Fotos: Cordula Kropke (9)

Zehn Jahre lang war Handarbeit out

Es ist schon merkwürdig. In den 70er-Jahren häkelten Hippies kunterbunte Umhängetücher, in jeder Vorlesung klapperten die Nadeln, junge Frauen strickten ihren Liebsten meist übergroße Pullis. Die trugen sie klaglos. Wer es etwas schicker haben wollte, brauchte nur die nächste Frauenzeitschrift voller Anleitungen zu kaufen oder konnte die Strickmuster in den Schaufenstern der Modegeschäfte abgucken. Wollläden gab es an jeder Ecke. Anfang der Achtziger strickten rund 80 Prozent aller Mädchen und Frauen; bundesweit gab es etwa 6.000 Handarbeitsgeschäfte, schätzt die Ini tiative Handarbeit – ein Zusammenschluss von Firmen, die Handarbeitsgarne und Zubehör herstellen. Anfang der Neunziger war alles vorbei. Läden verschwanden, Verlage nahmen Handarbeit-Titel vom Markt, die Garnhersteller bangten. Ein Jahrzehnt lang war Stricken und Häkeln out.

Heute nennen es die Hersteller Needle-Work-Design. Seit 2003 steigern sie ihre Umsätze jährlich um mehr als zehn Prozent. „Angefangen hat es damit, dass die Leute, die während der Boomphase jung waren, die Nadel wieder entdeckt haben. Das sind die heute 40- bis 50-Jährigen“, sagt Angela Probst-Bajak, Sprecherin der Initiative Handarbeit. Damals hätten italienische Modeunternehmen wie Prada und Dolce Gabbana hoch- wertige Stricksachen auf den Markt gebracht. Und die Frauen hätten gedacht: „Das kann ich auch.“

Guck mal, so geht das! Im Strickklub zeigt eine erfahrene Strickerin, wie ein Schal mit rechten Maschen geht. Ist ganz einfach, oder?

Do it yourself – die Mitmachrevolution

Der Slogan „Do it yourself“ meint heute viel mehr als Sägen und Schrauben im Heimwerkerkeller. Ob Design, Konsum, Arbeitsleben oder Medien – Do it yourself ist überall angesagt. Das Museum für Kommunikation widmet dem Selbermachen deshalb eine Ausstellung. Von den Amateurkulturen des 19. Jahrhunderts bis zur Web-2.0-Nutzung der Gegenwart zeigt sie die Vielfalt und Bedeutung des Selbermachens. Gemäß dem Ausstellungstitel wird Mitmachen großgeschrieben, zum Beispiel im Tüftlerlab.
Termine
■ Vom 25. August 2011 bis 19. Februar 2012 im Museum für Kommunikation, Frankfurt.
■ Vom 29. März 2012 bis 2. September 2012 im Museum für Kommunikation, Berlin.

Anna Nimmo (links) hat den Strickklub gegründet. Anne Meyer (rechts) leitet das Projekt „Konsumkulturhaus Lokal“.


Foto: Cordula Kropke

Renate Augustin hat ihren Wollladen Purpur vor 27 Jahren eröffnet – kurz vor dem Absturz. Überlebt hat sie die Flaute, weil die mode- und ökobewussten Frauen und jungen Mütter im Hamburger Stadtteil Eimsbüttel in den Ladenregalen fanden, was sie suchten: hochwertige, reine Garne wie Merino, Alpaca, Cashmere, Mohair oder Seide. Als sich Ende der Neunziger die Zeitschrift Brigitte in einer Spinnerei extra dicke Wolle in Trendfarben spinnen ließ, verschickte Augustin bundesweit Nadeln Stärke 20. Die gab es anderswo nicht. Wenig später kamen die ersten Hersteller mit dicken Garnen auf den Markt, die Models trugen Grobstrick über den Laufsteg, Julia Roberts outete sich als eine, die am Set zur Entspannung strickt, und das Geschäft boomte: „Vergangenes Jahr war der beste Winter, den ich je erlebt habe“, sagt Augustin.

Überall klappern die Nadeln. Ihre Kundinnen seien zwischen 10 und 90 Jahre alt, erzählt Renate Augustin. Junge Frauen stricken und häkeln gern Mützen, Schals oder Jacken – am liebsten Grobstick mit Docht wolle. Viele Mütter stricken Pullover und Decken für ihre Kleinen. Stilbewusste Frauen stricken neuerdings 200 Euro teure Decken, die im Designermöbelladen das Vierfache kosten würden. Homing nennen Marktforscher den Trend zum kuscheligen Wohnen, der angeblich das Cocooning ablöst. Die Menschen ziehen sich nicht mehr nur zurück und stricken zur Entspannung. Sie laden nun auch auch gern Freunde ein.

Während die 40-Jährigen die zeitweilig verpönten Stricknadeln aus den Nähkästchen kramen, lernen viele junge Frauen erst, wie man Maschen aufnimmt, Stäbchen häkelt oder Zickzack näht. Bei ihren ersten Schals und selbstgenähten Taschen greifen sie auf Vertrautes zurück: auf das Internet. In unzähligen Blogs, Communitys und Youtube-Filmen erklären passionierte Selbermacherinnen, wie es geht. Ideen holt sich die Szene auch im gedruckten Magazin Cut, dass fünf Münchnerin- nen entwickelt haben, weil ihnen die üblichen Schnittmuster nicht gefielen. Seit März 2009 erscheint es zweimal pro Jahr mit Modestrecken, Designerporträts, Städtetipps und selbstgemachter Mode inklusive Anleitungen und Schnittmuster.

Mit Nadel und Garn lässt sich beinahe alles einkleiden. Diese Hocker im Lokal sind mit dickem Jerseygarn behäkelt.


Foto: Cordula Kropke

Anleitungen aus dem Internet

Bisher nur als digitale Zeitschrift und Blog erscheint das Eigenwerk-Magazin. Von Stoff bis Faden, von Erde bis Recycle zeigt es, was die Do-it-yourself-Szene mit ihren Händen schafft. Gleich im ersten Heft wird klar: Ausgerechnet das, was ihre Mütter gehasst haben, zieht die Eigenwerkerinnen von heute an – Granny-Squares, bunt gehäkelte Quadrate, die sie zu Decken oder Kissen zusammennähen. Auch für die Mädels vom Lokal sind solche Muster eine echte Neuentdeckung. Sogar einen gehäkelten Überzug für die Klopapierrolle könnten sie sich auf der Toilette des Hauses vorstellen. Der müsste dann allerdings neonfarben sein.

„Durch die Handmadeszene und die Events wie den Stricktreff hat das Handarbeiten sein verstaubtes Image verloren“, findet Sophie Pester, Stammgast im Lokal. Sie hat sich die neue Rolle Jerseygarn und eine dicke Häkel nadel geschnappt, hockt auf dem Sofa und probiert das Material aus. „Es gibt tolle Farben, tolle Materia lien“, schwärmt sie, „die Leute denken sich die tollsten Sachen aus.“

Bei Sophie Pester laufen in Sachen Handmade viele Fäden zusammen. Erst hat die Kommunikationsdesignerin Textilien bestickt und bedruckt und ein eigenes Label gegründet. Dann hat sie via Blog andere Designer und Macher gesucht und schließlich im Herbst 2010 für 67 Handmade-Labels, die sie zuvor nur via Internet kannte, den realen Designmarkt „Hello Handmade“ organisiert. Der Erfolg war so groß, dass sich vor der Hamburger Kampnagelfabrik Schlangen bildeten. Im Herbst findet der nächste Markt statt, im Frühjahr einer in München. Sophies Vorbilder sind unter anderem die Märkte und Festivals der Handmade bewegung in den USA, die der Film Handmade Nation porträtiert. Sophie Pester steht für vieles, was die neue Handmadeszene umtreibt: Dem Arbeitsalltag vor dem Rechner entkommen, die eigenen Talente entdecken und gleichzeitig über Blogs und in der realen Welt einer kreativen Stadt vernetzt sein. Sie habe im Job den ganzen Tag am Rechner gesessen, oft ohne richtige Erfolgserlebnisse zu haben, erzählt die Kommunikationsdesignerin. Handarbeit sei da ganz anders: „Nach drei Stunden habe ich das Gefühl, ich habe etwas geschafft.“

Sie selbst hat mit der Handarbeit begonnen, nachdem sie eine Jugendstil-Tischdecke entdeckte, die ihre Oma in ihrer Jugend selbst bestickt hatte. „Eine Wahnsinnsarbeit und wunderschön“, sagt sie. Als sie dann auch noch alte Leinentischdecken mit aufgedruckten Muster und passenden farbigen Garnen fand, fing sie an zu sticken. Sie bestellte sich Stickmusterbücher aus aller Welt und bewunderte alte Stickereien in Museen. Sie sei süchtig nach Handarbeiten geworden, sagt Sophie und entwickelte ihr eigenes Label.

Der Traum von der eigenen Marke

„Junge Frauen sehen in Design und Handmade ganz klar eine Businessoption, sich selbstständig zu machen“, sagt die Do-it-yourself-Expertin Verena Kuni. Großstädte fördern das Kreativbusiness als Standortfaktor. Berlin wurde sogar als Unesco-Stadt des Designs ins weltweite Netzwerk der kreativen Städte aufgenommen. Das Klima macht Mut, es selbst zu versuchen. Viele der ersten Selbstmach lädchen in größeren Städten seien Ich-AG-Gründungen gewesen, sagt Kuni. Auch die neue Handmadebewegung in den USA habe wirtschaftliche Hintergründe. Als im Silicon Valley die IT-Blase platzte, wurden viele Leute aus dem IT-Business arbeitslos und hatten auf einmal Zeit: „Die haben sich gesagt, ich kann ja noch etwas.“ Da schließt sich wieder der Kreis zum Internet: Der Verkauf ist heute über Online shops in alle Welt möglich.

Für die meisten Frauen und die wenigen Männer bleibt die Handarbeit aber ein Hobby. Sie stricken Mützen, häkeln Handytaschen und erwirt schaften sich damit bestenfalls einen Neben verdienst auf Internetplattformen wie Dawanda oder Etsy. Wie Swetlana Niki tenko, die als Sachbearbeiterin arbeitet. „Strickt dagegen – gegen Ramsch, Gedöns und Massenware“ nennt sie ihren Dawanda-Onlineshop. Sie hat ihn im vergangenen Herbst eröffnet – ihre Tochter hat es ihr geraten. Schon als Kind hat die 44-Jährige ihre Puppen bestrickt; als Jugendliche lernte sie Nähen, weil es in der Sowjet union keine schönen Sachen für Jugendliche gab. Heute lebt sie in Berlin und strickt Berliner Freaks – kleine Figuren in allen Hautfarben als originelle Hüllen für Sticks und Handys – oder skurrile Eier wärmer, beispielsweise ein Hähnchen, mit prallen rechts gestrickten Schenkeln und einer Brust im Perlmuster. Alles Unikate. Sie will zeigen, dass man durch Handarbeit auch kritisch und witzig sein kann.

Leben können nur wenige von ihrem Strick- und Häkelwerk. „Es ist Luxus, wieder Sachen selber machen zu können“, sagt Anna. Reich wird sie damit nicht, aber glücklich.

Buchtipp

Das Buch Craftista! Handarbeit und/als Aktivismus: Kunst – Mode – DIY-Kultur erscheint im Herbst 2011 im Ventil-Verlag, Mainz. Herausgeberinnen sindSonja Eismann ,Elke Gaugele ,Verena Kuni undElke Zobl .