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Herausfordernde Altbaumpflege


TASPO BAUMZEITUNG - epaper ⋅ Ausgabe 6/2018 vom 07.12.2018

Der Green-Wood-Friedhof in Brooklyn gilt als einer der größten und schönsten historischen Friedhöfe der Welt. Um den alten Baumbestand zu sichern, läuft seit 2017 ein mehrjähriges Baumpflegeprojekt.


Bei seiner Gründung im Jahr 1838, in einer Zeit rasanter Verstädterung, sollte der Green-Wood-Friedhof als einer der ersten Parkfriedhöfe Amerikas einen erholsamen Kontrast zur hektischen Großstadt bieten – eine ländliche Idylle mit schöner Natur, vergleichbar englischen Parklandschaften. Der Name war Programm und schon damals wurde viel Wert auf den Erhalt ursprünglicher Vegetation gelegt. Zudem wurden ...

Artikelbild für den Artikel "Herausfordernde Altbaumpflege" aus der Ausgabe 6/2018 von TASPO BAUMZEITUNG. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bildquelle: TASPO BAUMZEITUNG, Ausgabe 6/2018

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... zahlreiche Neupflanzungen vor genommen. Das Gelände bot mit seinen Hügeln, Tälern, Teichen und der reichhaltigen Vegetation ohnehin schon vielfältige Reize. Die nachfolgende Gestaltung diente dazu, es noch malerischer zu machen. Mäandernde Wege luden zu Kutschfahrten und Spaziergängen ein – dank der exponierten Lage mit beeindruckenden Aussichten, zum Beispiel auf die Freiheitsstatue, Manhattan und den Atlantik.

Imposanter Altbaumbestand, der besondere Maßnahmen erforderte.


Foto: Sara Evans

Ambitionierter Pflegeeinsatz für Altbäume

Bei den diesjährigen Deutschen Baumpflegetagen in Augsburg hielt Phillip Kelley (North American Training Solutions) einen Vortrag hierzu. Obwohl er seit 25 Jahren in den USA als Baumpfleger arbeitet, war er zunächst unsicher, inwiefern die zum Teil schon sehr angegriffenen Bäume (etwa massiver Pilzbefall, vor allem durch Hypoxylon- und Phytophtera-Arten, strukturelle Defekte, große abgestorbene Bereiche, Höhlungen) vor der Fällung bewahrt werden könnten. Nach einer umfassenden Sichtung vorliegender Forschung und Erfahrungsberichte speziell zum Erhalt von Altbäumen (von der es jedoch nicht viel gab), holte er sich zusätzlich Rat und Unterstützung bei Mark Bridge (treemagineers), einem weiteren sehr erfahrenen Baumpfleger aus der Schweiz. Gemeinsam begannen sie vergangenen November das auf mehrere Jahre angelegte Projekt. Auch für Mark Bridge boten die Bäume zunächst ein einschüchterndes Bild – anders als hierzulande, wo Bäume im Rahmen der Verkehrssicherung fortwährend auf Risiken geprüft und entsprechende Maßnahmen ergriffen beziehungsweise „Problembäume“ beseitigt werden, gab es auf dem Friedhof viele sehr große, ausladende und zugleich stark geschädigte Altbäume.

Tatsächlich hielten die Bäume einige Überraschungen für sie bereit – manch sicher geglaubte Kandidat erwies sich beim Hineinklettern doch als hoffnungsloser Fall (da zum Beispiel erst dann das ganze Ausmaß der Totholzbildung ersichtlich wurde), manch verloren geglaubter Baum ließ sich bei näherem Hinsehen und kreativer Herangehensweise doch retten. So kann unter Umständen auch eine äußere Stabilisierung des Baumes oder einzelner ausladender Äste helfen, die Risiken soweit zu minimieren, dass der Baum erhalten werden kann. Dabei ist es wichtig, so wenig invasiv wie möglich vorzugehen und etwa hydraulische Stützen zu verwenden, bei denen sich die Äste noch bewegen können.

Ein Kletterer bereitet den Abtransport eines Astes vor.


Der Friedhofsstiftung und dem Gartenbaudirektor Joseph Charap liegt der Erhalt der Bäume nicht nur auf kurze Sicht, sondern im Geiste der Friedhofstradition auch für kommende Generationen sehr am Herzen. Dennoch lässt sich nicht jeder alte oder geschichtsträchtige Baum erhalten. Zum einen müssen Risiken für die vielen Besucher so weit wie möglich minimiert werden, vor allem aber muss der Baum selbst noch über ausreichend Vitalität verfügen – ansonsten ist über kurz oder lang jeder Einsatz vergeblich und keine noch so gute Schnitttechnik in der Lage, den Baum zu retten.

Zunächst also galt es, die betreffenden Bäume genau zu inspizieren: Essentiell ist der Zustand der Wurzeln, deshalb wurde am Anfang der Wurzelraum untersucht – denn liegen hier Schäden vor, hat der Baum weder ausreichend Ressourcen noch Kraft, um eine lebensfähige und genügend produktive Alterskrone auszubilden und weitere Jahrzehnte bis Jahrhunderte zu bestehen. Geprüft wurde dabei auch, ob der Wurzelraum ausreichend groß und nicht zu verdichtet war. Zum Teil wurden zu Beginn des Projektes im November, noch vor Beginn der Schnittmaßnahmen, diesbezüglich unterstützende Maßnahmen vorgenommen, wie etwa eine Nährstoffanreicherung des Bodens oder das Anlegen eines Mulchbettes um den Baum herum.

Kritischer Blick in die Krone

Der nächste Blick ging in die Krone: Der so genannte Kronenrückzug ist Teil des natürlichen Alterungsprozesses bei Bäumen. Hierbei reduziert der Baum, unter anderem gesteuert durch Veränderungen im Hormonhaushalt, nach und nach die Größe seiner Krone und verstärkt beziehungsweise bildet durch Neuaustriebe eine Sekundärkrone im inneren und unteren Bereich der alten Krone, die den Baum fortan versorgt. Totholzbildung, vor allem am Rand der Krone, ist ein normaler Bestandteil dieses Prozesses. Die Baumpfleger achteten vor allem darauf, ob der jeweilige Baum diesen Prozess schon begonnen hatte und gutes sekundäres Wachstum zeigte – wie beim Wurzelbereich gilt auch hier: Entscheidend ist die Vitalität, die der Baum noch in sich trägt. Man kann den Baum in seinem natürlichen Prozess unterstützen, aber ihn weder hineinzwingen noch ihm diesen abnehmen.

Weitere Faktoren zur Beurteilung der Bäume waren die Menge an Totholz, vorhandene Beschädigungen und die Reaktionen des Baumes hierauf, Höhlungen, der Befall durch Pathogene und der Zustand des Stammes. Nur die Bäume, bei denen die Vitalität in all ihren Aspekten und ihr Gesamtzustand als ausreichend eingestuft wurden, kamen als Kandidaten für so genannte Kronenrückzugsschnitte infrage. Dieser speziell für alte Bäume entwickelte Pflegeansatz unterstützt den oben genannten natürlichen Prozess beziehungsweise. ahmt diesen nach und ist keinesfalls mit Kappungen oder anderen unprofessionellen Herangehensweisen zu verwechseln.

Besondere Herausforderungen für die Baumkletterer

Im nächsten Schritt stand eine umfassende Risikobewertung der anstehenden Arbeiten an – diese musste hier besonders sorgfältig vorgenommen werden, da viele der Arbeiten durch Baumkletterer ausgeführt werden sollten – das Gelände war in weiten Teilen für Maschinen ungeeignet oder nicht zugänglich. Alte Bäume bergen für Kletterer aufgrund ihrer Vorschädigungen und dem Verfall der äußeren Krone besondere Risiken – zugleich müssen die Kletterer für die der speziellen Pflegemaßnahmen gerade in den Randbereichen des Baumes arbeiten.

Der natürliche Kronenrückzug ist ein langwieriger Prozess und kann sich über Jahrzehnte erstrecken – will man diesen baumpflegerisch begleiten, müssen die Bäume entsprechend lange stabil genug sein, um den Einsatz von Baumkletterern ohne unverantwortliche Risiken zu ermöglichen – anderenfalls bleibt doch nur die Fällung. Für Kelley ist es sehr wichtig, dass alle Beteiligten an der Risikobewertung und -diskussion mitwirken – so haben Kletterer einen anderen Blick auf den Baum als diejenigen, die nur vom Boden aus arbeiten. Zudem bringt jeder andere Erfahrungen mit.

Die anschließende Dokumentation des Besprochenen ist ebenfalls wichtig, nicht nur für die laufenden Arbeiten, sondern auch für kommende Generationen von Baumpflegern, die die Arbeit gegebenenfalls noch für Jahrzehnte fortführen sollen. Die Unterzeichnung des Dokuments durch alle Beteiligten soll die Verbindlichkeit der Absprachen noch steigern.

Wenn die Arbeiten beginnen, ist auch eine tagesaktuelle Risikobewertung unerlässlich: Wie fühlen sich die Kletterer des Teams, wer traut sich welche Aufgabe an dem jeweiligen Baum zu? Dies kann sich durchaus im Tagesverlauf ändern, so dass ein fortwährender ehrlicher Austausch unabdingbar ist. Phillip Kelley musste sich selber eingestehen, dass er den Aspekt der persönlichen Kompetenz und wie sehr diese von der Tagesform und Stimmung abhängig ist, bislang nicht angemessen berücksichtigt und sich tendenziell eher überschätzt hatte.

Der Einsatz auf dem Green-Wood-Friedhof steckt aber so voller Herausforderungen, dass sich alle aufeinander verlassen können müssen. Hier gibt es keine Standardverfahren, stattdessen muss permanent überlegt und diskutiert werden: Welcher Schnitt ist wirklich nötig für das, was wir für diesen Baum erreichen wollen und können – und dies wiederum aus den verschiedenen Perspektiven betrachtet, die die Kletterer haben, die gemeinsam, aber an unterschiedlichen Stellen im Baum arbeiten. Klettertechnisch geht es in Grenzbereiche. So gibt es zum Teil nur dünne Äste zum Sichern oder die Kletterer arbeiten deutlich oberhalb des Ankerpunktes, an dem ihr Halteseil befestigt ist – das (unter Umständen sogar doppelte) Versagen des Ankerpunktes ist ein sehr präsentes Risiko. Auch hier muss das Team sich immer wieder austauschen, inwiefern die Lage noch als sicher genug einzuschätzen ist.

Zudem ist es entscheidend, den Innenbereich des Baumes mit der (sich entwickelnden) Sekundärkrone möglichst wenig zu beschädigen – weder beim Klettern noch beim Abtragen der abgesägten Äste. So mussten für Letzteres baumschonende Techniken angewandt werden, die zwar arbeits- und kostenintensiv, in diesem Fall aber alternativlos sind. Zudem durfte das abgesägte Holz natürlich auch keine Grabsteine oder Mausoleen beschädigen. Es wurde anders als sonst oft üblich also nicht herabgeworfen, sondern kontrolliert erst mit Seilen zur Seite gezogen und dann zur Erde dirigiert oder gleich über eine Art Seilbahn bis zum nächsten befestigten Weg befördert.

Bereits zu erkennen: die Sekundärkrone


Foto: Phillip Kelley

Mark Bridge und Phillip Kelley (rechts) bei der Risikobewertung

DIE AUTORIN

Bianca Borowski ist Dipl.-Umweltwissenschaftlerin und arbeitet als freie Journalistin und Buchautorin.

Solche Baumstütze ist geplant.


Kontrollierter Abtransport abgesägter Äste per Winde.


Fotos: Phillip Kelley

Besonderes Augenmerk musste auch auf die Grabmale gelegt werden.


Zeuge der Vergangenheit: ein eindrucksvoller Baumrest.


Fotos: Phillip Kelley

Aus Baumsicht handeln lernen

Die Ausführungen von Kelley in Augsburg zeigten, dass es noch viel Forschungs bedarf zum Thema Pflege und Erhalt von (sehr) alten Bäumen gibt. Sie sind auf unseren Schutz angewiesen – und doch werde aufgrund von Ängsten und Fehleinschätzungen viel zu oft vorschnell und zu stark beschnitten oder gar gefällt und zu wenig auf die Bedürfnisse der Bäume selbst geschaut.

Tatsächlich waren bei diesem Pflegeeinsatz 90 Prozent der zunächst angedachten Schnitte nur aus Kletterersicht sinnvoll oder hilfreich – für den Baum selbst jedoch nicht das Beste oder unnötig. Kelley erinnerte daran, was für beein druckende und lang lebige Organismen Bäume sind und wie wenig wir eigentlich von ihnen wissen. Baumpfleger sollten sich weniger von den Idealbildern in ihren Köpfen leiten lassen. So gäbe es in der freien Natur immer wieder Bäume in „falscher“ Form, mit Defekten oder an einem „schlechten“ Standort, die keine Verkehrssicherheitsprüfung überstehen würden und doch Sturm um Sturm trotzen und ein hohes Alter erreichen. Die Lebensspanne und Entwicklungszeiträume von Bäumen fordern unser oftmals kurzfristig orientiertes Handeln heraus. Selbst ein mehrjähriges ambitioniertes Pflegeprojekt wie in Green-Wood ist daran gemessen viel zu kurz.

Allerdings betont der Gartenbaudirektor Joseph Charap, dass sie ihre Verantwortung für die (sehr) alten Bäume auf dem Friedhof ernst nehmen. Daher gibt es auch noch keinen festen Endpunkt des Projektes und es soll fortlaufend im Blick behalten werden, was die alternden Bäume an spezialisierter Pflege benötigen – für die Baumkletterer werden in jedem Fall noch einige Einsätze anstehen.