Lesezeit ca. 6 Min.
arrow_back

HERAUSFORDERUNG: 100 % – BIOFÜTTERUNG


Logo von #Ö - ökologisch erfolgreich
#Ö - ökologisch erfolgreich - epaper ⋅ Ausgabe 3/2021 vom 15.09.2021

Artikelbild für den Artikel "HERAUSFORDERUNG: 100 % – BIOFÜTTERUNG" aus der Ausgabe 3/2021 von #Ö - ökologisch erfolgreich. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.
Hirse hat in der Ökogeflügelfütterung großes Potenzial, ist jedoch noch zu wenig verbreitet.

Mit Inkrafttreten der neuen EU-Öko-Verordnung ab 1. Januar 2022 ändern sich die Vorgaben für die Fütterung von Biogeflügel und -schweinen. Erwachsene Tiere müssen dann – wie Wiederkäuer schon seit längerer Zeit – mit Rohstoffen gefüttert werden, die zu 100 Prozent aus ökologischer Erzeugung stammen. Lediglich für Jungtiere gelten Übergangsregelungen: Ihr Futter darf voraussichtlich zunächst maximal fünf Prozent konventionelle Bestandteile enthalten. Dieser Anteil wird vermutlich langsam reduziert. Das Höchstalter für „Jungtiere“ ist zum aktuellen Zeitpunkt noch nicht festgelegt. Beim Schwein dürfte die Grenze beim Ende des Ferkelstadiums liegen.

Die ausschließliche Biofütterung von Geflügel gestaltet sich hinsichtlich der Versorgung mit essenziellen Aminosäuren wie Methionin und Lysin schwieriger als die von Schweinen. Eine ausgewachsene Legehenne hat einen Bedarf von mindestens 3 Gramm Methionin ...

Weiterlesen
epaper-Einzelheft 8,99€statt 9,99€
NEWS Jetzt gratis testen
Bereits gekauft?Anmelden & Lesen
Leseprobe: Abdruck mit freundlicher Genehmigung von #Ö - ökologisch erfolgreich. Alle Rechte vorbehalten.
Lesen Sie jetzt diesen Artikel und viele weitere spannende Reportagen, Interviews, Hintergrundberichte, Kommentare und mehr aus über 1050 Magazinen und Zeitungen. Mit der Zeitschriften-Flatrate NEWS von United Kiosk können Sie nicht nur in den aktuellen Ausgaben, sondern auch in Sonderheften und im umfassenden Archiv der Titel stöbern und nach Ihren Themen und Interessensgebieten suchen. Neben der großen Auswahl und dem einfachen Zugriff auf das aktuelle Wissen der Welt profitieren Sie unter anderem von diesen fünf Vorteilen:

  • Schwerpunkt auf deutschsprachige Magazine
  • Papier sparen & Umwelt schonen
  • Nur bei uns: Leselisten (wie Playlists)
  • Zertifizierte Sicherheit
  • Freundlicher Service
Erfahren Sie hier mehr über United Kiosk NEWS.

Mehr aus dieser Ausgabe

Titelbild der Ausgabe 3/2021 von LIEBE LESERINNEN & LESER. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
LIEBE LESERINNEN & LESER
Titelbild der Ausgabe 3/2021 von 3 FRAGEN AN: DR. STEFAN HÖRTENHUBER. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
3 FRAGEN AN: DR. STEFAN HÖRTENHUBER
Titelbild der Ausgabe 3/2021 von DATENBANK FÜR BIOTIERE. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
DATENBANK FÜR BIOTIERE
Titelbild der Ausgabe 3/2021 von HECKEN SCHÜTZEN DAS KLIMA. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
HECKEN SCHÜTZEN DAS KLIMA
Mehr Lesetipps
Blättern im Magazin
ÖKOLOGISCHE TIERHALTUNG WÄCHST
Vorheriger Artikel
ÖKOLOGISCHE TIERHALTUNG WÄCHST
OBSALIM – MIT KÜHEN ÜBER IHR FUTTER SPRECHEN
Nächster Artikel
OBSALIM – MIT KÜHEN ÜBER IHR FUTTER SPRECHEN
Mehr Lesetipps

... pro Kilogramm Futter (Tabelle 1). Das entspricht ungefähr dem Bedarf eines Ferkels. Junges Geflügel hat einen deutlich höheren Bedarf.

Die Fütterung von erwachsenem Geflügel und Schweinen mit 100-Prozent-Biorationen ist fachlich ohne größere Probleme möglich, sofern die erforderlichen Futtermittel in der dafür benötigten Menge und Qualität zur Verfügung stehen.

Was gilt es zu beachten?

Die höher konzentrierten konventionellen Futtermittel Maiskleber und Kartoffeleiweiß – Nebenprodukte der Stärkeherstellung – werden durch Futtermittel mit geringerer Konzentration an essenziellen Aminosäuren ersetzt. In der Regel sind das ökologische Ölkuchen aus der Pressung von Sojabohnen, Sonnenblumen, Raps, Leinsamen, Leindotter, Hanf oder Sesam. Wegen des geringeren Gehalts an limitierenden Aminosäuren wie Methionin muss ein höherer Prozentsatz dieser Futtermittel zur Deckung des Bedarfs eingesetzt werden. Da die Ölsaaten zum größten Teil aus dem Ausland stammen und in den benötigten Mengen aus heimischer Erzeugung nicht zur Verfügung stehen, sinkt in den 100-Prozent-Biorationen meistens der Anteil an einheimischen Komponenten. Zweitens ist bei hundertprozentiger Biofütterung darauf zu achten, dass der Rohproteingehalt der Ration insgesamt nicht zu stark steigt. Ein ungünstiges Verhältnis von Rohprotein zu Methionin kann zu einer Belastung des Stoffwechsels und höheren Stickstoff-Ausscheidungen führen. Ob Genetiken, die besser an die Bedingungen des Ökolandbaus angepasst sind, geringere Ansprüche an die Inhaltsstoffe im Futter haben, ist nicht abschließend geklärt. Es gibt widersprüchliche Ergebnisse. Grundsätzlich können wir jedoch festhalten, dass Tiere, die mehr fressen, mit einer niedrigeren Konzentration der Inhaltsstoffe zurechtkommen, um trotzdem ihren Bedarf decken zu können.

Probleme mit 100-Prozent-Biorationen gibt es insbesondere bei jungen Puten und bei Junghennen. Diese sind wegen der zu erwartenden Übergangsregelungen zwar nicht unmittelbar von den neuen Vorgaben betroffen, es sind aber auch mittelfristig noch keine Lösungen in Sicht. Hier steht die ökologische Geflügelwirtschaft vor einer Herausforderung, es herrscht weiterhin großer Forschungsbedarf. Bei den Jungtieren der Puten geht es vor allem um deren hohe Ansprüche an die Aminosäuren. Bei den Junghennen sollte die Fütterung zwar auf dem Papier klappen, aber in der Praxis gibt es immer wieder Probleme. So können kleine Abweichungen in der Futteraufnahme der Junghennen offensichtlich nicht kompensiert werden, was große Auswirkungen auf das Körpergewicht, die Leistung und das Verhalten der späteren Legehennen zu haben scheint.

Reichen die Rohstoffe?

Schon jetzt sind „sichere“ Herkünfte der klassischen Komponenten wie Ölkuchen nicht im Überangebot vorhanden. Im Moment hängt die Verfügbarkeit der Bioölkuchen auch von der Vermarktung des Ökospeise- und -futteröles ab. Diese Koppelung könnte durch eine Preiserhöhung des Ölkuchens vermindert werden. Dennoch sind Zweifel an der ausreichenden Verfügbarkeit von europäischen Herkünften berechtigt. Die Mengen der gesamten europäischen Erzeugung reichen schon jetzt nicht für den europäischen Bedarf aus. Die künftig zu erwartenden zusätzlich benötigten Mengen an Eiweißkomponenten sind hoch. Hinzu kommen Unsicherheiten durch Wetterextreme. Es wäre insgesamt eine deutliche Steigerung der Anbauflächen notwendig, um eine sichere Bedarfsdeckung zu gewährleisten.

Spitzenreiter Rispenhirse

Um das Puzzle der 100-Prozent-Biofütterung erfolgreich zu lösen, müssen weitere Strategien umgesetzt werden. So ist es zum Beispiel notwendig, alle Futterkomponenten bei der Berechnung einzubeziehen und zu bewerten. Die klassischen Energiefuttermittel wie Mais oder Weizen liefern Methionin-Gehalte von 1,7 bis 1,8 g/kg Frischmasse (Tabelle 2, S.14). Sowohl Dinkel im Spelz, Nackthafer, Nacktgerste und Buchweizen liefern Gehalte von 2 bis 2,5 g/kg. Spitzenreiter ist die Rispenhirse mit Gehalten von bis zu 3,5 g/kg. Sie könnte daher in Zukunft eine größere Rolle spielen.

Zu beachten bei der Rispenhirse ist zwar der relativ niedrige Gehalt der Aminosäure Lysin. Hier kann man jedoch in den Rationen mit den lysinreichen heimischen Körnerleguminosen Erbsen oder Ackerbohnen gut gegensteuern. Der einfachste Weg in der Rationsgestaltung wäre, konventionellen Maiskleber und Kar- toffeleiweiß durch ökologischen Maiskleber und Kartoffeleiweiß zu ersetzen. Die eiweißhaltigen Bestandteile fallen aber nur im geringen Prozentsatz bei der Stärkeherstellung an. Bisher sind nur in Österreich geringe Mengen von Maiskleber und Kartoffeleiweiß aus der ökologischen Stärkeherstellung erhältlich. Mit einem weiteren Wachstum des Ökoanteils im Lebensmittelmarkt könnten aber neue Produkte auf den Markt kommen.

Protein aus Klee und Kleegras

Verschiedene Forschungsprojekte im In- und Ausland befassen sich mit der Verwertung von Klee und Kleegras für Monogastrier. Dieser Ansatz ist naheliegend, da diese Leguminosen nicht nur in der Tierfütterung, sondern auch im Ackerbau sinnvoll sind. Die bisher übliche Verarbeitung ist die Trocknung in speziellen Anlagen, wobei auch die Nutzung von Abwärme aus Biogasanlagen möglich wäre. Damit können bei frühzeitigem Schnitt Qualitäten bis knapp über 3 Gramm Methionin erreicht werden. Die Nutzung der Blätter mit speziellen Erntemaschinen brachte in Versuchen zwar eine Erhöhung im Gehalt der wichtigen Aminosäuren, aber bei Luzerne auch die Erhöhung unerwünschter Saponine. Rot- und Weißklee sind bisher weniger untersucht, könnten aber geringere Gehalte an den unerwünschten Saponinen aufweisen. In Dänemark wird Kleegras über einen Verarbeitungsprozess zu einem Konzentrat mit Inhaltsstoffen auf dem Niveau von Sojakuchen verarbeitet. Im Herbst soll die erste Anlage im großtechnischen Umfang starten. Ob und wie sie sich bewährt wird spannend – und damit verbunden die Frage, ob die Anlage Vorbild für andere Länder sein kann.

Ökologisches Insekteneiweiß

Die EU wird in absehbarer Zukunft die Herstellung von ökologischem Insekteneiweiß regeln. Einen Entwurf hierzu gibt es schon. Der wichtigste Kandidat für die Fütterung ist derzeit die Larve der Hermetia-Fliege. Amerikanische Forscher haben herausgefunden, dass sich die Inhaltsstoffe der Larven entsprechend der Inhaltsstoffe des Futters der Larven verhalten. Das bedeutet, dass für die Erzeugung von hochwertigem Insekteneiweiß die Verwendung von hochwertigen Futtermitteln notwendig ist, zum Beispiel sehr gute Kleegrassilage. Diese könnte man aber auch direkt an die Tiere verfüttern. Ein problematisches Detail im Entwurf der Insekten-Richtlinien der EU-Öko-Verordnung liegt darin, dass er in der Fütterung von Insekten die Verwendung von zugelassenen Futtermitteln vorschreibt. Damit könnten die Insekten ihren zentralen Vorteil nicht ausspielen, dass sie auch mit Nicht-Futtermitteln wie Kompost gefüttert werden können. Diesen Vorteil, auch andere Nahrungsquellen nutzen zu können, haben die Insekten in vielen Ländern außerhalb der EU. So aber stehen sie in Konkurrenz mit allen anderen Optionen der Verwertung von Futtermitteln.

Weitere Konzentrate

Um mehr Spielraum in der Gestaltung von Rationen und damit auch dem Einsatz von einheimischen Rohstoffen zu bekommen, wäre die Entwicklung von hochkonzentrierten Eiweißquellen sinnvoll. In der konventionellen Landwirtschaft wird dafür synthetisches Methionin eingesetzt. Das ist keine Option für den Ökolandbau. Es könnte aber innerhalb der Ökorichtlinien Bakterienmasse mit erhöhten Gehalten an Aminosäuren erzeugt werden. Es gibt Bakterien, die mehr Methionin anreichern können als andere. Ein erstes Forschungsprojekt in Deutschland zu diesem Thema war zwar leider noch nicht erfolgreich, aber es wäre notwendig und aussichtsreich, diesen Weg weiter zu verfolgen. Auch wenn ein Futtermittel auf dieser Basis relativ teuer wäre, könnte es in kleinen Mengen in der Fütterung der ganz jungen Tiere eingesetzt werden und wäre damit ein wichtiges Puzzleteil zur Deckung des hohen Bedarfs. Für eine ausgewogene Ernährung sind die Mengen, die aus dieser Quelle gebraucht werden, dann auch nicht sehr hoch.

An allen Schrauben drehen

Um die 100-Prozent-Biofütterung bei Geflügel und Schweinen erfolgreich zu gestalten, muss an allen zur Verfügung stehenden Schrauben gedreht werden.

Auch wenn die Herausforderungen an die Eiweißversorgung beim Geflügel deutlich höher einzustufen sind, ist angesichts der insgesamt knappen Versorgung und der Konkurrenz um die gleichen Futtermittel gleichzeitig auch die Versorgung der Schweine zu beachten. Die Forschungsaktivitäten dazu haben inzwischen erfreulicherweise auch auf internationaler Ebene zugenommen. Viele Futtermittel sind aber noch in viel zu begrenztem Umfang erhältlich. Es sind weitere Anstrengungen notwendig, um jenseits der bislang bereits erfolgreichen Umsetzung auf Einzelbetrieben auch flächendeckend und mit dem nötigen Sicherheitspuffer Rationen gestalten zu können, die gut für die Tiere und für die Umwelt sind. Eine Fütterung, die insgesamt auf Kante genäht ist und bei jeder Gelegenheit an einzelnen Stellen zu reißen droht, kann sich niemand wünschen. ■

Kurz zusammengefasst

• Die größten Herausforderungen liegen in der Fütterung von jungem Geflügel, das einen besonders hohen Bedarf an Methionin hat.

• Maiskleber und Kartoffeleiweiß müssen durch Ölkuchen aus Sojabohnen, Sonnenblumen, Raps, Leinsamen, Hanf oder Sesam ersetzt werden.

• Es bedarf dringend Forschung, um die niedrigeren Methioningehalte alternativer Futtermittel auszugleichen.

• Weitere Alternativen müssen vorangetrieben werden, zum Beispiel Protein aus Kleegras, Insekteneiweiß und konzentrierte Eiweißquellen wie Bakterienmasse.