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HERAUSFORDERUNG


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Wohn!Design - epaper ⋅ Ausgabe 2/2022 vom 23.02.2022

MONCALIERI

Artikelbild für den Artikel "HERAUSFORDERUNG" aus der Ausgabe 2/2022 von Wohn!Design. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Schwebende Anemonen, glitzernde Tänzerinnen, goldene Gänseblümchen, funkelnde Scheiben und spektakuläre Supernovas. Der Künstler und Designer Jacopo Foggini kehrt nach Jahrzehnten in sein Elternhaus in Moncalieri in den Turiner Hügeln zurück. Wie ein Forscher, der von einer Expedition nach Hause kommt und ein „Gepäck“ voller Wunder mit sich führt: eine erstaunliche Sammlung von Objekten und Werken – oder anders ausgedrückt – das Ergebnis von mehr als 20 Jahren kreativer Arbeit.

Die Reise von Foggini hatte genau auf diesen Hügeln begonnen. Noch im Kindesalter entdeckt er damals für sich Methacrylat als Material, das in der Fabrik seines Vaters verwendet wird, um Autoteile wie Rückleuchten und Reflektoren herzustellen. Ein glasartiger Werkstoff, der bei Lichteinfall funkelt, im flüssigen Zustand leicht formbar ist und nach Abkühlung extrem widerstandsfähig wird. Fogginis Leidenschaft für ...

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... Methacrylat entwickelt sich in einer Zeit, in der er im Familienbetrieb arbeitet, um einem väterlichen Wunsch zu entsprechen. Trotz steter Versuche gelingt es ihm nicht, sich in der industriellen Welt seines Erzeugers zurechtzufinden. Doch genau hier, vor den Augen seines Vaters und mit der Komplizenschaft eines Ingenieurs, der von Fogginis Ideen fasziniert ist, erfindet er eine Maschine. Sie ist in der Lage, Methacrylat zu „spinnen“ und ermöglicht es Foggini, den Werkstoff frei zu formen. Die Anlage eröffnet ihm eine enorme Bandbreite für verschiedenste Experimente. „Methacrylat war kein neues Material, und doch erkannte ich, dass ich die Chance hatte, Dinge zu tun, die noch nie jemand zuvor getan hatte“, erinnert sich der italienische Gestalter, der zu den Stars der Designnation zählt.

Angetrieben von dieser neuen Errungenschaft verlässt Foggini Turin und geht nach Mailand, wo die künstlerische Szene zu jener Zeit viel inspirierender ist. Es ist Ende der 1990er-Jahre, als der Designer Romeo Gigli, eine der avantgardistischsten Persönlichkeiten der Mailänder Bohème von damals und Fogginis Freund, diesen bittet, einige Stücke für seine Modenschau zu entwerfen. Kurz darauf veranstaltet Foggini in Giglis Showroom seine erste Solo-Show. Sein Atelier lag in dieser Zeit dort, wo sich heute das „goldene Gebäude“ der Fondazione Prada befindet. Eine Industriebrache, hinter der sich ein Lagerhaus befand, in dem früher Zucker gelagert wurde. „Ein monumentaler Raum, dunkel und wunderbar“, erinnert sich der Designer. „Damals war meine Familie enttäuscht von mir. Ich war ein Rebell. Sie haben mich verstoßen. Mit großer Anstrengung überzeugte ich die Banker, dass ich 20 Meter hohe leuchtende Quallen entwerfen musste, um sie im Lagerhaus zu installieren. Ich war mir so sicher bei dem, was ich tat, dass sie mir irgendwie vertrauten.“

Die Quallen waren der Erfolg. Es folgten Fische, Blumen, fliegende Herzen und eine ganze Reihe von außergewöhnlichen Themenwelten, die diese gemeinsame Matrix aus Licht und Farben teilten. Für die Eröffnungsfeier der Olympischen Spiele in Turin schuf Foggini 2006 einen riesigen Kronleuchter. Er funkelte über dem Orchester, als der letzte öffentliche Auftritt von Supertenor Pavarotti stattfand. Seine traumhaften und majestätischen Installationen, die auch mehrere Jahre lang während der Mailänder Designwoche bestaunt werden konnten, brachten ihm internationale Anerkennung ein und ebneten den Weg für eine lange und erfolgreiche Reihe von weltweit ortsspezifischen Projekten, die für öffentliche und private Auftraggeberinnen und Kunden entstehen.

Während er seine Arbeit transversal fortsetzt und die Grenzen zwischen Kunst und Design überschreitet, beginnt 2009 die Zusammenarbeit mit der ambitionierten Designschmiede Edra. Das erste Projekt war der Tisch „Capriccio“, dem eine lange und fruchtbare Produktion folgt: „Gina“, „Gilda“, „Ella“ und „Margherita“ sind nur einige der originellen Sitzmöbel, die für das toskanische Unternehmen entstehen. „Edra war die einzige Firma, mit der ich zusammenarbeiten wollte. Ein Unternehmen, das mir völlige Freiheit gab und noch immer gewährt. Ein Unternehmen, das die instinktive, kreative und freie Geste mehr fördert als das Projekt“, so Foggini. Mit Edra präsentiert er auf der Mailänder Designwoche 2021 eine Outdoor-Kollektion mit dem Namen „A'mare“ (benannt nach ei-nem Wortspiel zwischen Mare – das Meer – und Amare – lieben), die mit ihrer türkisen Farbe und ihrer weichen Textur Fogginis Liebe für das aquatische Element feiert.

Heute finden wir diese Stücke in den Außenbereichen von Fogginis Familienhaus, das von einem alten Park umgeben ist. „Es ist schon eine Weile her, dass ich meine Sammlung zu Hause integrieren wollte“, gesteht Foggini. „In meinem Elternhaus gab es nichts, was jünger war als 1700. Alles, was modern war, wurde mit Abneigung und Misstrauen betrachtet. Doch als ich meine Stücke hierher brachte, stellte ich fest, dass sie perfekt in diese historische Umgebung passen, als ob sie schon immer dazugehört hätten.“

Wenn man Fogginis vielfarbiges Werk in diesem Gebäude aus dem späten 17. Jahrhundert sieht, das ehemals ein Mönchskloster beherbergte und die Ebene überblickt, die sich südlich der Turiner Hügel erstreckt, kann man deutlich die Synthese zweier konträrer Welten erkennen, die trotz Unterschieden zueinander gehören.

In den hellen Räumen, die reich an Details und Erinnerungsstücken sind, werden die vom Künstler und Designer geschaffenen Objekte zu Akteuren und Erzählern einer beeindruckenden Geschichte über Schönheit. Zwischen einem Marmorkamin und alten Seekarten erhellt der goldgelbe Sessel „Margherita“ den Atelierraum und bricht das durch die Fenster einfallende Licht. Von der hölzernen Kassettendecke des Esszimmers hängt „Brilli“, einer der von Foggini geschaffenen Skulpturen-Kronleuchter, während darunter der Tisch „Egeo" aus geschliffenem Glas mit seinen gezackten Konturen zum Blickfang des Raumes wird, umgeben von Perserteppichen und Ölgemälden.

Im Wohnzimmer, neben einer Sammlung von Keramik-Apotheker-Vasen, leuchtet eine „Disco Millefili“ in gelbem und olivgrünem Licht, die über dem Kamin hängt. Im Hauptschlafzimmer, uber den Brokatstoffen an den Wänden, bringt die Wandskulptur Tondo“, ein verschlungenes Labyrinth aus türkisfarbenen Fäden, ie Aufmerksamkeit zurück in die Gegenwart. oggini denkt gerne an die Jahre, in denen er im Haus der Familie ebte, an das Leben unter freiem Himmel, an das Fischen und an ie Nachmittage im Wald, an denen er Hütten baute. „Ich habe eine Geschicklichkeit im Freien erworben. Ich hatte das Glück, m Grünen aufzuwachsen.“ Doch an kreativem Gespür und einem unken Genialität mangelt es in der Familie nie: „In meiner Familie ibt es Schriftsteller, Dichter, Seeleute und Bildhauer. Meine Mutter st selbst Bildhauerin, und mein Vater, als er merkte, dass ich nie in eine Fußstapfen treten würde, verkaufte die Firma und widmete ich der Entdeckung der Sahara, seiner größten Leidenschaft, und urde ein berühmter Archäologe.“ Es kommt tatsächlich manchal vor, dass das Brechen von Regeln und Mustern Aktionen und ettenreaktionen mit unvorhersehbaren Folgen auslöst. Als sich herausstellte, dass der rebellische Jacopo tatsächlich glaubwürdig war und einen respektablen Erfolg als Künstler hatte, versöhnten sich Vater und Sohn, und während einer Reise durch das Große Sandmeer, in einem Gebiet der Sahara, das Ägypten mit Libyen verbindet, entdeckten die beiden gemeinsam eine Stätte mit Tausenden von Höhlenmalereien, die 12.000 Jahre alt sind und heute als „Sixtinische Kapelle“ des prähistorischen Ägyptens gelten.

„Für mich schloss sich damit ein Kreis in der Geschichte zwischen mir und meinem Vater. Dass ich aus der Familie floh, um meinen Leidenschaften zu folgen, ermöglichte es ihm irgendwie, dasselbe zu tun und seinem eigenen Ruf zu folgen. Wäre ich geblieben und hätte im Familienbetrieb gearbeitet, wäre ich unglücklich gewesen, und er hätte auf zwanzig Jahre Abenteuer verzichtet.“ Und wenn schon ein Künstler sich nicht traut, Regeln zu brechen, wer wird es dann jemals tun?