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Herdenschutz zur Vorbeugung von Wolf- Weidetier-Konflikten


Naturschutz und Landschaftsplanung - epaper ⋅ Ausgabe 9/2021 vom 29.08.2021

Eingereicht am 19. 11. 2020, angenommen am 24. 04. 2021

Abstracts

Weidetierhaltern kommt in der Erhaltung und Pflege von naturschutzfachlich wertvollen Offenlandbiotopen eine Schlüsselrolle zu. Mit zunehmender Anzahl von Wölfen in Deutschland steigt das Konfliktpotenzial mit Weidetierhaltern. In vielen Regionen Deutschlands wird befürchtet, dass durch die Einwanderung des Wolfs Weidetierhalter ihre Arbeit aufgeben und dadurch wertvolle Offenlandlebensräume verbrachen oder gemulcht werden und sich so zu naturschutzfachlich weniger wertvollen Lebensräumen entwickeln. Räumliche Habitatanalysen legen nahe, dass geeignete Wolfshabitate in Baden-Württemberg in Landkreisen liegen, die auch eine hohe Anzahl an Schafen aufweisen. Damit sind Konflikte zwischen Weidetierhaltern und Wolf abzusehen.

Ziel dieser Studie ist es, am Beispiel Baden-Württembergs, dem Bundesland mit der zweithöchsten Anzahl gehaltener ...

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... Schafe in Deutschland, Probleme in der Umsetzung wirkungsvoller Herdenschutzmaßnahmen zu analysieren und Maßnahmen für eine effektive Unterstützung der Weidetierhalter zu ermitteln. Die Untersuchung hierfür wurde in Form einer Onlineumfrage bei 146 Weidetierhaltern im Juni 2019 durchgeführt. Laut den Ergebnissen der Umfrage unterschätzen Weidetierhalter teilweise den Konflikt zwischen Wolf und Weidetierhaltung und sind aufgrund mangelnder Zeit und Arbeitskraft kaum in der Lage, ihre Tiere ausreichend vor dem Wolf zu schützen. Dazu kommen in manchen Regionen erschwerte topografische Bedingungen, was den Arbeitsaufwand zusätzlich erhöht. 71 % der befragten Weidetierhalter aus Baden- Württemberg sprechen sich für die Einrichtung eines Herdenschutzkompetenzzentrums aus. Dieses könnte gemeinsam mit Herdenschutzberatern ein entscheidender Baustein sein, um die wertvolle Arbeit der Weidetierhalter aufrechtzuerhalten.

Livestock protection for the prevention of wolf-livestock conflicts –a needs analysis of parties affected using Baden-Württemberg as an example Pasture-based livestock farming plays a key role in conservation and management of High Nature Value (HNV) farmland. Due to the increasing number of wolves recorded in Germany in recent years, the number of conflicts with livestock farmers is rising. In many regions of Germany, wolf recovery might lead to abandonment of livestock farming and thus to degradation of HNV farmland. The state of Baden-Württemberg, which has the second highest number of sheep in Germany, was used as an example in this study. Spatial analysis suggests that suitable wolf habitats in Baden-Württemberg are located in those districts which also have a high number of sheep. Thus, numerous conflicts between wolves and farmers with grazing livestock are most likely.

The aim of this study was to analyse the sensitivity of the livestock farmers towards wolves returning to Baden-Württemberg and problems with effective livestock protection measures. This was done by conducting an online survey among 146 livestock farmers in June 2019. According to the results of the survey, livestock farmers partly underestimate this possible conflict and are largely unable to sufficiently protect their animals against the wolf due to limited financial and human resources. Additionally, in some regions, the effort needed to protect livestock is high due to difficult topographical conditions, such as stony and steep terrain. The majority of the livestock farmers would welcome the establishment of a competence centre on herd protection. This centre, in addition to a state-wide network of voluntary wolf commissioners, would be important in maintaining the work of the livestock farmers for nature conservation despite a possible increase in the wolf population.

1 Einleitung

Die Ausbreitung des Wolfes seit den 2000er- Jahren stellt in Deutschland sowohl ein Potenzial als auch eine beachtliche Herausforderung für den Natur- und Artenschutz dar. Auf der einen Seite sind Wölfe Teil des natürlichen Räuber-Beute-Systems und können sich wie andere Prädatoren insbesondere in Großschutzgebieten positiv auf die Biodiversität auswirken (Estes et al. 2011, Fritts et al. 1994, Ripple & Beschta 2003). Auf der anderen Seite stellen sie vor allem Weidetierhalter vor eine enorme Herausforderung, die noch dadurch verschärft wird, dass infolge der jahrhundertelangen Abwesenheit des Wolfes in Deutschland keinerlei Schutzmaßnahmen gegenüber großen Prädatoren notwendig waren und solche Maßnahmen deshalb weitgehend fehlen. Die heutigen Zäune dienen vorwiegend dem Zusammenhalten der Weidetiere sowie dem Schutz vor Füchsen oder wildernden Haushunden. Herdenschutzhunde, wie sie in Europa über 6.000 Jahre hinweg üblich waren (Rigg 2001), oder wirksame wolfsabweisende Schutzzäune (zum Beispiel durch Einhaltung einer definierten Zaunhöhe und elektrischen Spannung; Bruns et al. 2020, Reinhardt et al. 2011) sind zurzeit noch nicht flächendeckend zu finden.

Extensive Beweidung, unabhängig von der eingesetzten Tierart, ist ein sehr wichtiges Instrument des Naturschutzes, da sie zu einer hohen Artenvielfalt beiträgt (Bunzel-Drüke et al. 2019). Ebenso sind verschiedene Lebensraumtypen (LRT) und Arten, die teilweise von internationaler Bedeutung sind und der FFH-Richtlinie unterliegen, von einer Beweidung abhängig. In diesem Artikel soll beispielhaft die Situation in Baden-Württemberg betrachtet werden, da hier zum einen nach Bayern die größte Anzahl an Schafen gehalten wird (Tab. 1) und zum anderen besonders viele Lebensräume auf Beweidung angewiesen sind. So besitzt Baden-Württemberg zum Beispiel einen hohen Anteil an Kalkmagerrasen, welche auch die für das Bundesland charakteristischen Wacholder- heiden (Abb. 1) umfassen, deren Artenreichtum von der Beweidung abhängt (Plachter & Beinlich 1995). Zu den FFH- Lebensraumtypen des Anhang I, die auf eine regelmäßige Beweidung angewiesen sind, zählen unter anderem LRT 5130 – Wacholderheiden, LRT 6210 – Naturnahe Kalk-Trockenrasen (orchideenreiche Bestände) und LRT 6230 – Artenreiche Borstgrasrasen (Sturm et al. 2018). Die beiden letzteren LRT sind prioritäre Lebensraumtypen, die vom Verschwinden bedroht sind und für die die Europäische Gemeinschaft eine besondere Verantwortung zu deren Erhaltung hat.

Ohne die Arbeit der Weidetierhalter und den Beitrag ihrer Tiere sind diese Lebensräume in Baden-Württemberg zusätzlich gefährdet. Mit Ausbreitung des Wolfes ist es zum einen möglich, dass manche Weidetierhalter ihren Betrieb oder Teile ihrer Flächen aufgeben. Zum anderen könnten Menschen, die mit dem Gedanken spielen, einen Weidetierbetrieb aufzubauen, abgeschreckt werden (Schoof et al. 2021).

Im Gegensatz zu den Bundesländern Brandenburg (32 Rudel), Sachsen (25 Rudel), Niedersachsen (31 Rudel) und Sachsen-Anhalt (13 Rudel) (DBBW 2020 a) ist die Anzahl von Wölfen in Baden-Württemberg derzeit noch gering und beschränkt sich auf Einzeltiere. Seit 2015 halten sich in Baden-Württemberg regelmäßig Wölfe auf. So wurden laut dem Ministerium für Umwelt, Klima und Energiewirtschaft (UM BW) acht verschiedene Individuen in Baden-Württemberg erfasst, darunter drei territoriale männliche Einzeltiere (UM BW 2021 a). Jeweils eines im Nord- und Südschwarzwald sowie im Odenwald. Die Wölfe stammen zum Teil aus Niedersachsen (Schneverdinger Rudel), aus der Schweiz (Calandarudel), der dinarischen Population sowie entweder aus der Alpenoder der Italienpopulation (UM BW 2021 a). Laut Kramer-Schadt et al. (2020) bietet Deutschland ein Habitatpotenzial für bis zu 1.400 Wolfsrudel, das ebenso weite Teile des Schwarzwaldes als auch der Schwäbischen Alb einschließt. Auch wenn unklar ist, welche Bereiche dieser Regionen vom Wolf wann besiedelt werden, ist mit einer Ausbreitung der Art in den kommenden Jahren zu rechnen. Bei einer angenommen Territoriengröße von 200 km 2 bietet Baden-Württemberg in diesen Regionen ein Habitatpotenzial für maximal 138 Wolfsterritorien.

Tab. 1: Schafbestand in Deutschland 2019 (Statistisches Bundesamt 2020). Nicht enthalten sind Schafherden von bis zu 20 Schafen.

Aufgrund des europäischen Schutzstatus (FFH-Richtlinie Anhang II und Anhang IV), den der Wolf genießt (IUCN 2021), ist ein wirksamer und flächendeckender Schutz der Weidetiere die einzige Möglichkeit, Weidetierverlusten durch große Beutegreifer vorzubeugen (Sandrini 2020). Solche Schutzmaßnahmen stellen die Weidetierhalter jedoch vor eine große Herausforderung, da ihre schlechte wirtschaftliche Situation eine Umsetzung wirksamer Maßnahmen ohne Förderungen nahezu unmöglich macht. Zäune durchschneiden Landschaften und Erholungsgebiete. Wanderwege oder Mountainbiketrails, die durch eine Weidefläche führen, erschweren die Umsetzung von Herdenschutz zusätzlich, da notwendige Durchgänge in Elektrozäunen häufig Schwachstellen bedeuten (Verband der Elektrotechnik Elektronik Informationstechnik e.V. 2020). Vor allem in touristisch stark frequentierten Gebieten stellt es sich oft als schwierig heraus, Herdenschutzhunde einzusetzen (Álvares & Blanco 2014, Reinhardt et al. 2011), da sie aufgrund ihres stark ausgeprägten Schutzund Territorialverhaltens gegenüber Spaziergängern und Radfahrern, die sich ihrer Herde nähern, aggressiv reagieren können.

In der vorliegenden Studie wurde die Idee eines Herdenschutzzentrums und die Einrichtung einer Fachstelle aufgegriffen, wie sie zum Beispiel in der Schweiz durch AGRIDEA und in deutschen Bundesländern mit langjähriger Wolfserfahrung umgesetzt wird (AGRIDEA 2016, DBBW 2020). Ein Herdenschutzzentrum soll als erste Anlaufstelle für Weidetierhalter dienen und die verschiedenen Aufgabenbereiche (Herdenschutzberatung und -entwicklung, Öffentlichkeitsarbeit, Rissgutachten, Antragsstellung etc.) bündeln, um effizient und kompetent Unterstützung leisten zu können. Bisher haben nur wenige Bundesländer Herdenschutzzentren geschaffen oder diese umfassend ausgestattet (Tab. 2). In Baden-Württemberg werden diese Aufgaben teilweise durch die Forstliche Versuchs- und Forschungsanstalt Baden-Württemberg (FVA) abgedeckt (UM BW 2020). Unterstützung erhält die FVA von den Wildtierbeauftragten der Landratsämter, welche beispielsweise in der Antragsstellung von Förderungen und in der Rissbegutachtung eingesetzt werden, sowie von den Herdenschutzberatern, die den Weidetierhaltern Unterstützung direkt vor Ort anbieten (MLR 2009).

Die Herdenschutz-Förderprogramme der Bundesländer in Deutschland unterscheiden sich stark voneinander, weshalb der NABU (2020) einen Vergleich durchgeführt und auf ihre Verbesserungsfähigkeit hin überprüft hat. In acht Bundesländern ist bereits eine landesweite Förderung unterschiedlichster Herdenschutzmaßnahmen möglich (NABU e.V. 2020). Baden-Württemberg gehört nicht dazu. Zwar sei hier eine gute Basis vorhanden, Optimierungen seien aber notwendig. So werden Herdenschutzmaßnahmen umfangreich gefördert, allerdings nur im Rahmen sogenannter Förderkulissen, die erst dann ausgewiesen werden, wenn ein Wolf mindestens ein halbes Jahr in der gleichen Gegend nachgewiesen wurde (UM BW 2021 b). Bis dahin kann es aber bereits zu erheblichen Konflikten zwischen Wolf und Weidetieren gekommen sein.

Um den Schutz der Weidetiere sicherzustellen, ist es notwendig herauszufinden, in welchen Gebieten zukünftig verstärkt mit Konflikten zu rechnen ist und in welchen Bereichen die größten Probleme für die Weidetierhalter auftreten. Dadurch lassen sich zum einen die Gebiete ermitteln, in denen prioritär gehandelt werden muss, zum anderen kann eine praxisnahe und geeignete Hilfestellung für Schutzmaßnahmen vor dem Wolf entwickelt werden, die auch von den Weidetierhaltern angenommen wird. In der nachfolgenden Studie werden die Ergebnisse einer Bedarfsanalyse basierend auf einer Umfrage unter den Weidetierhaltern dargestellt. Ziel der Untersuchung ist es, mögliche Hilfsmaßnahmen zu optimieren und damit die Beweidung als ein wichtiges Naturschutzinstrument zur Offenhaltung der Landschaften zu erhalten.

2 Methodik

Das Risiko von möglichen Übergriffen des Wolfes auf Weidetiere hängt unter anderem von der Eignung einer Landschaft als Wolfshabitat sowie von der Anzahl und der Art der Haltung der Weidetiere (etwa Schafe, Ziegen, Kälber) ab. Um dieses Risiko abzuschätzen, wurden beispielhaft für das Bundesland Baden-Württemberg räumliche Informationen zur potenziellen Eignung als Wolfshabitat von Kramer-Schadt et al. (2020) genutzt und der Anzahl der Schafe pro Landkreis (Statistisches Landesamt Baden-Württemberg 2017, Tierseuchenkasse Baden-Württemberg 2021) gegenübergestellt. Im Modell wurde die Habitateignung pro 10×10km-Rasterzelle der beiden von Kramer-Schadt et al. (2020) berechneten statistischen Modelle summiert und der Mittelwert der Eignung aller Baden- Württemberger Landkreise als Wolfshabitat berechnet. Ermittelt wurde ein maximal erreichbarer Habitateignungswert von 1,79. Für die Habitateignung spielen nach Kramer- Schadt et al. (2020) vor allem die Umweltvariablen Landnutzung und Einwohner - dichte sowie die Entfernung zu Siedlungen und Straßen eine Rolle. Die Anzahl von Wild- oder Weidetieren als mögliche Beutetiere des Wolfes sowie Herdenschutzmaßnahmen wurden in den Modellen nicht berücksichtigt.

Um herauszufinden, welche Einstellungen Weidetierhalter gegenüber dem Wolf und gegenüber möglichen Präventivmaßnahmen haben, wurde im Juni 2019 eine Onlineumfrage unter Weidetierhaltern in Baden-Württemberg durchgeführt. Da keine Adressliste aller in Baden-Württemberg lebenden Weidetierhalter erhältlich war, ist die Grundgesamtheit unbekannt. Dadurch konnte keine repräsentative Umfrage erstellt werden. Um möglichst viele Weidetierhalter zu kontaktieren, wurde der Aufruf zur Teilnahme an der Onlineumfrage aktiv an fünf Nutztierverbände und deren Mitglieder geschickt und diese wurden wiederum gebeten, den Link mit der Umfrage an weitere potenzielle Teilnehmer weiterzuleiten. Befragt wurden alle Weidetierhalter, unabhängig von der gehaltenen Nutztierart. Da regionale Unterschiede hinsichtlich der Umsetzungsmöglichkeit von Herdenschutzmaßnahmen zu erwarten waren, wurden die Ergebnisse den Naturräumen (nach Ssymank 1994) zugeordnet. Dadurch konnten die Daten naturraumspezifisch wie auch landesweit ausgewertet werden.

Von den 146 Teilnehmern der Umfrage bewirtschafteten 137 neun Regionen Baden- Württembergs. Für die naturraumspezifischen Auswertungen der Schwierigkeiten in der Umsetzung des Herdenschutzes blieben 22 Teilnehmende unberücksichtigt, da sie mehrere Flächen in verschiedenen Naturräumen besitzen und eine regionale Zuordnung deshalb nicht möglich war (Tab. 3). Ebenso wurden Naturräume mit weniger als zehn Teilnehmenden in der naturraumspezifischen Auswertung nicht berücksichtigt. In Darstellungen der Ergebnisse ohne naturraumspezifischen Bezug wurden alle 137 Teilnehmer berücksichtigt.

Um Auskunft über die beweideten Regionen sowie Umfang und Zweck der Weidetierhaltung zu erhalten, wurden im Rahmen der Umfrage allgemeine Angaben zum Betrieb, zu den landschaftlichen und wirtschaftlichen Rahmenbedingungen (etwa die Gewerbeart), zu den eingesetzten Tierarten sowie zur beweideten Gesamtfläche erhoben. Wurden für die Fragen zu den Rahmenbedingungen lediglich Einzelantworten zugelassen, konnte für die tierbezogenen Fragen zwischen mehreren Antworten gewählt werden. Zusätzlich gab es für die Frage nach den gehaltenen Weidetierarten die Möglichkeit, eine zusätzliche Tierart anzugeben, sollte die Art nicht aufgelistet sein.

Tab. 2: Bundesländer und ausgewählte Staaten, die ein landesweites Herdenschutzkompetenzzentrum unterhalten, sortiert nach Gründungsjahr. Bundesländer und Staaten mit dezentralen Beratungsstellen wurden nicht berücksichtigt.

Tab. 3: Anzahl Befragter mit Weideflächen nach den neun ausgewerteten Naturräumen basierend auf Ssymank (1994).

Ebenso sollten die Teilnehmer einschätzen, welchen prozentualen Anteil ihrer Weideflächen sie als schwer zu schützen einschätzen. Hierfür konnten die Teilnehmer ganze Zahlen zwischen 0 und 100 angeben. Die Gründe dafür konnten die Befragten aus einer vorgegebenen Liste wählen (etwa hohes Gehölzvorkommen, sumpfiges Gelände, steiles Gelände). Zudem wurde ein Feld für eine offene Antwort zur Verfügung gestellt. Die individuellen Antworten wurden thematisch zu den vorgegebenen Kategorien oder bei geringer Anzahl ähnlicher Nennungen unter „Sonstiges“ zusammengefasst. Da es zwischen erholungssuchenden Personen und Weidetierhaltern, die ihre Herden beispielsweise mithilfe von Herdenschutzhunden vor dem Wolf schützen wollen, zu Interessenskonflikten kommen kann, wurde gefragt, ob sich die beweideten Flächen in einem stark touristisch genutzten Bereich befinden. Die Antworten wurden danach differenziert, ob Touristen lediglich am Zaun entlanglaufen oder diese die Weiden durchqueren.

Ob sich die Befragten Hilfe durch ein landesweites Herdenschutzkompetenzzentrum wünschen, wurde mit einer geschlossenen Entscheidungsfrage (Ja/Nein) ermittelt. Für die Frage, wie stark sich die Befragten in ihrer Existenz als Weidetierhalter durch den Wolf bedroht sehen, wurde eine Punkteskala von 1, überhaupt nicht bedroht, bis 10, stark bedroht, verwendet. Im Gegensatz dazu standen den Teilnehmern bei der Frage, welche Art von Unterstützung sie sich wünschen würden, zwölf Antwortmöglichkeiten und zusätzlich die Möglichkeit, einen Freitext einzugeben, zur Verfügung.

Tab. 4: Zweck der Weidetierhaltung im Untersuchungsgebiet (n = 137, 275 Antworten, da Mehrfachnennungen möglich). Unter Sonstige Zwecke fallen zum Beipiel Tierschutzhof, Arterhalt, Umweltbildung.

Tab. 5: Lebensräume der Landschaftspflegeflächen von 67 Befragten, die angaben, Landschaftspflege zu betreiben. Mehrfachantworten sowie Individualantworten waren möglich. Unter Sonstige Flächen fallen Lebensräume, die weniger als zehnmal genannt wurden (etwa Ausgleichsflächen, Waldweiden).

Die Angaben zur Anzahl der Schafe pro Landkreis basieren auf Daten des Statistisches Landesamtes Baden-Württemberg (2017), die Informationen der FFH-Lebensraumtypen auf Daten des LUBW (2020).

38 % aller Befragten betreiben die Nutztierhaltung im Haupterwerb, 34,3 % im Nebenerwerb und 27,7 % als Hobby. Die 137 Umfrageteilnehmer beweiden Flächen zwischen 0,2–300 ha Größe (Median = 11,5 ha) und einer Gesamtfläche von 4.085 ha. Die am häufigsten genannten Nutztierarten sind Schafe (51 %), Rinder (40,1 %) und Pferde (35 %). Etwa die Hälfte der Befragten gaben an, mindestens zwei verschiedene Nutztierarten zu besitzen.

3 Ergebnisse

3.1 Umfang und Zweck der Weidetierhaltung

Der Hauptzweck der Nutztierhaltung liegt bei mehr als 50 % der Befragten gleichermaßen in der Fleischproduktion als auch in der Landschaftspflege. Die Anzahl der Teilnehmer, die Wolle produzieren, ist dagegen mit einem Anteil von 12,4 % gering (Tab. 4).

Von den 78 Befragten, die angaben, Landschaftspflege zu betreiben, machten 67 Angaben zu den Lebensräumen. Die Weideflächen betrafen vor allem Streuobstwiesen, Steilhänge und Wacholderheiden (LRT 5130) oder mageres Offenland (LRT 6210) (Tab. 5).

3.2 Abschätzung des Risikos von Übergriffen des Wolfs auf Schafe

Besonders gefährdet gegenüber Wolfsübergriffen erscheinen Weidetiere im Landkreis Reutlingen sowie im Zollernalbkreis, wo zum einen viele Schafen gehalten werden und zum anderen eine hohe Habitateignung für den Wolf vorzufinden ist (weiße Punkte in Abb. 2). Zwischen der Anzahl an Schafen pro Landkreis und der Eignung des Landkreises als Wolfshabitat in Baden-Württemberg besteht eine signifikant positive Korrelation (Spearman Korrelation r = 0,54, p = 0,00017).

Trotz dieser möglichen Gefahr gab ein Großteil der im Jahr 2019 Befragten an, keine Bedenken (28,5 %, Stufe 1 und 2 in Abb. 3) gegenüber einer möglichen Rückkehr des Wolfes zu haben. 25,5 % der Befragten fühlten sich stark in ihrer Existenz als Weidetierhalter bedroht (Stufe 9 und 10 in Abb. 4). Dies betraf besonders solche Betriebe, die im Nebenerwerb wirtschaften oder Weidetierhaltung als Hobby betreiben (Abb. 4).

3.3 Erschwerte Bedingungen für den Herdenschutz

75,9 % der Befragten (n = 137) gaben an, schwer zugängliche Flächen zu besitzen. Von diesen 75,9 % schätzten 60,6 % mindestens ein Viertel ihrer Weideflächen als schwer zu schützen ein. Die am häufigsten genannte Schwierigkeit bezüglich der Umsetzung von Herdenschutz auf den Flächen ist die steile Lage des Geländes. Dies gaben vor allem die Teilnehmenden aus den Naturräumen Schwarzwald, Neckar- und Tauber-Gäuplatten sowie Schwäbische Alb an. Sumpfiges Gelände wurde vor allem im voralpinen Hügel- und Moorland als Schwierigkeit genannt (Abb. 5).

Bezüglich der touristischen Nutzung der Weideflächen gaben 59,1 % der Befragten an (n = 137), dass an ihren Weideflächen Spaziergänger entlanggehen, bei 13,9 % der Befragten werden die Flächen von diesen zusätzlich durchquert. 39,4 % der Befragten besitzen Weideflächen, die nicht von Personen frequentiert werden. 1,5 % der Befragten machten hierzu keine Angaben.

3.4 Hauptgründe für mangelhaften Herdenschutz

Die bei Weitem größten Schwierigkeiten beim Umsetzen der empfohlenen Herdenschutzmaßnahmen bereitet mit 62 % der Zeit- und Kostenaufwand (Abb. 6). Vor allem der Aufwand für die Instandhaltung des Zauns und die Pflege des Herdenschutzhundes wird als hoch eingeschätzt. Daraus resultiert der hohe Bedarf an Arbeitskräften.

3.5 Wunsch nach Unterstützung durch ein Herdenschutzzentrum

70,8 % aller Befragten befürworteten die Einrichtung eines landesweiten Herdenschutzzentrums. Durchschnittlich nannten die Teilnehmer jeweils sechs verschiedene Leistungen, die ein solches Zentrum anbieten sollte (Abb. 7).

4 Diskussion

Die Gegenüberstellung der Wolfshabitateignung mit der je Stadt- und Landkreis gehaltenen Anzahl an Schafen gibt wichtige Anhaltspunkte dafür, in welchen Landkreisen mit erhöhtem Konfliktpotenzial zu rechnen ist. Ein besonderes Konfliktpotenzial stellen in Baden-Württemberg Kleinherden von bis zu 20 Schafen mit einer Gesamtanzahl von 38.733 Tieren dar. Laut Informationen der Tierseuchenkasse Baden-Württemberg verteilen sich diese auf über 5.500 Betriebe. Der Schutz all dieser Betriebe stellt eine besondere Herausforderung dar. Eine genauere räumliche Abgrenzung der Konflikträume mit Handlungsbedarf für einen Herdenschutz ließe sich erreichen durch eine höher aufgelöste Habitateignungskarte (Raster < 10 × 10 km), durch Daten zu Weidetieren und deren Haltungsformen auf Gemeindeebene sowie durch Daten zur Bereitschaft, Herdenschutzmaßnahmen umzusetzen. Trotzdem sollte beachtet werden, dass Wölfe Habitatgeneralisten sind und wandernde Wölfe auch in anderen Gebieten auftauchen können.

Im Rahmen dieser Studie konnte keine repräsentative Umfrage durchgeführt werden. Hierfür wäre ein zufallsgesteuertes Auswahlverfahren notwendig gewesen und ein Verzeichnis aller Weidetierhalter Baden-Württembergs. Da ein solches nicht zur Verfügung stand, konnte in der vorliegenden Untersuchung ein zufallsgesteuertes Auswahlverfahren nicht realisiert werden. Die Umfrage liefert allerdings wichtige Einblicke in das Meinungs- und Stimmungsbild der Betroffenen. Um ein möglichst umfassendes Meinungsbild zu erhalten, wurde ein Umfang von 100 Teilnehmern angestrebt. Dadurch sollte verhindert werden, dass das Ergebnis zu stark durch Einzelmeinungen beeinflusst wird (Jacob et al. 2013). Die vorliegende Umfrage unter Weidetierhaltern eröffnet Handlungsmöglichkeiten und zeigt Wege zu konkreten Hilfsmaßnahmen auf.

4.1 Unterstützung der Weidetierhalter

Der Großteil der Befragten gab Landschaftspflege als Zweck ihrer Weidetierhaltung an. Dies zeigt, dass Weidetierhalter die Beweidung insbesondere für die Pflege von Streuobstwiesen, Steilhängen, Wacholderheiden oder magerem Offenland einsetzen, auch wenn sich der Pflegeerfolg an dieser Stelle nicht messen lässt. Gerade auf solchen Flächen sind viele FFH-Lebensraumtypen zu finden, deren Erhalt von der Pflege durch Beweidung abhängig ist (Sturm et al. 2018). Allerdings besteht gerade auf diesen Flächen ein erhöhtes Risiko, dass der Wolf einwandert, da sie aufgrund verschiedener Umweltfaktoren – unabhängig von ihrem Besatz an Weidetieren – ein geeignetes Wolfshabitat darstellen. Hier ist in absehbarer Zeit mit einem erhöhten Risiko für Übergriffe einwandernder Wölfe auf Weidetiere zu rechnen. Dieses Risiko scheint aber die Weidetierhalter kaum zu beunruhigen, was daran liegen könnte, dass die Eintrittswahrscheinlichkeit, also die Wahrscheinlichkeit, dass ein Wolf ausgerechnet die eigenen Weidetiere angreift, unterschätzt oder ignoriert wird (bekannt als „the Neglect of Probability“), (Peyrolón 2020).

Die naturraumspezifische Auswertung der Umfrageergebnisse zeigt, dass die Schwierigkeiten bei der Umsetzung der Herdenschutzmaßnahmen je nach Naturraum variieren. Auch wenn die Einschätzung der Schwierigkeiten (etwa was von den Befragten als „sehr steiles“ oder „steiniges“ Gelände angesehen wird) eine subjektive Einschät- zung ist, die vor Ort nicht verifiziert wurde, ergeben sich wichtige Anhaltspunkte für naturraumspezifische Unterschiede. Während beispielsweise in den Naturräumen Schwarzwald und Schwäbische Alb vor allem das steile Gelände Probleme bereitet, müssen die Weidetierhalter im Naturraum Voralpines Hügel- und Moorland auch mit sumpfigem Gelände umgehen können. Die naturräumlichen Unterschiede müssen in der Entwicklung von Lösungen berücksichtigt werden. Ebenfalls berücksichtigt werden muss, dass die besonders konfliktreichen Gebiete Reutlingen und Zollernalbkreis zum Teil mit den laut Umfrageergebnissen schwer zu schützenden Flächen der Schwäbischen Alb zusammenfallen. Die Schwierigkeiten liegen hier beispielsweise im steilen und steinigen Gelände, aber auch in der starken touristischen Nutzung der Flächen.

Die Ergebnisse der Umfrage zeigen auch, dass Weidetierhalter, unabhängig von der gehaltenen Tierart, hauptsächlich aufgrund des Mangels an Zeit und Arbeitszeitkraft sowie aufgrund der hohen Kosten Schwierigkeiten sehen, ihre Tiere effektiv vor dem Wolf zu schützen. Hinzu kommen in den Mittelgebirgszonen erschwerte topografische Bedingungen, hauptsächlich infolge von steilem und steinigem Gelände, was zusätzliche Arbeitserschwernis bedeutet. Da ein Großteil der zu schützenden Flächen in schwer zu bewirtschaftenden Lagen liegt, ist neben der Erstattung von Materialkosten für effiziente Schutzmaßnahmen eine aufwandsbezogene Förderung sinnvoll.

Ein Beispiel für konkrete Lösungen in Baden-Württemberg sind die zusammen mit dem Landesschafzuchtverband und dem NABU speziell entwickelten Weidezäune, die sich durch ihre leichte und stabile Bauweise besonders für Steilhänge eignen und die Umsetzung von Herdenschutzmaßnahmen

erleichtern. Solche Innovationen werden vom Land gefördert und kommen im Bereich der Förderkulisse bereits zum Einsatz (Sandrini 2020).

Sinnvoll erscheint die finanzielle Förderung von Aufwendungen für die Anschaffung und den Unterhalt von wolfsabweisenden Zäunen in allen Regionen Deutschlands, da der Wolf als Habitat- und Nahrungsgeneralist sehr anpassungsfähig ist und manche Individuen sehr weite Strecken zurücklegen können. Besonderes Augenmerk sollte jedoch auf Gebieten mit erhöhtem Konfliktpotenzial liegen, zum Beispiel Regionen mit hoher Wolfshabitateignung und hohem Weidetierbestand. Eine Ansiedlung eines Wolfrudels mit Vorliebe für Weidetiere könnte zu starken Konflikten führen. Würden Präventionsmaßnahmen flächig umgesetzt, ließe sich damit vermeiden, dass zuwandernde Wölfe überhaupt erst lernen, dass Weidetiere leichte Beute sind. Verstärkte Übergriffe von Wölfen auf Weidetiere gibt es meist dort, wo sich Wölfe in neuen Territorien etablieren und sich die Weidtierhalter noch nicht auf deren Anwesenheit eingestellt haben. Eine Ausdehnung der Förderkulisse auf ganz Baden-Württemberg, oder besser auf das gesamte Bundesgebiet, scheint unumgänglich. Zudem lässt sich durch solche Förderprogramme die existenzielle Sorge der Weidetierhalter im Hinblick auf die Bedrohung durch den Wolf deutlich verringern oder sogar ganz nehmen. Die Bereitstellung oder zumindest die finanzielle Förderung von Arbeitskräften erscheint notwendig, um auch älteren Weidetierhaltern oder den zahlreichen nebenberuflich Tätigen einen effektiven Herdenschutz zu ermöglichen.

Zusätzlich erscheint eine finanzielle Förderung zur Anschaffung und zum Unterhalt von Herdenschutzhunden bedeutsam. Gut ausgebildete Herdenschutzhunde bieten zwar – unabhängig von ihrer Rasse – einen effektiven Schutz gegenüber Prädatoren (Kinka & Young 2018, van Bommel & Johnson 2012), aufgrund ihrer hohen Anschaffungs- und Unterhaltungskosten sind sie aber ohne finanzielle Förderung ökonomisch kaum rentabel (Saitone & Bruno 2020). In der Umfrage stellte sich ferner heraus, dass sich auf den Weideflächen oder in der Nähe oft Spaziergänger aufhalten. Daher kann der Herdenschutz mithilfe von Herdenschutzhunden, die ein ausgeprägtes Schutz- und Territorialverhalten zeigen, je nach Ausbildung und Rasse des Hundes zu Konflikten führen. Um die Furcht der Spaziergänger und Radfahrer vor Herdenschutzhunden zu reduzieren, sind Aufklärung und Information, beispielsweise in Form von Hinweisschildern in betroffenen Regionen notwendig (Abb. 8). Vor allem in touristisch stark genutzten Gebieten sind solche Aufklärungsmaßnahmen zur Verbesserung der Akzeptanz von Herdenschutzmaßnahmen wichtig.

Neben den möglichen Konflikten zwischen Herdenschutzhunden und fremden Personen können auch tierschutzrechtliche Bedingungen zur Haltung der Hunde im Freien zu Schwierigkeiten führen. Beispielsweise ist das Halten von Hunden in einem elektrisch eingezäunten Bereich (§ 6 Tierschutz- Hundeverordnung) sowie ohne Witterungsschutz und ohne wärmegedämmten Liegeplatz (§ 4 TierSchHuV) nicht zulässig. Für den Schäfer bedeutet diese gesetzliche Regelung einen deutlichen Mehraufwand.

4.2 Herdenschutzkompetenzzentrum

Das Bündeln verschiedener Aufgabenbereiche (Herdenschutzberatung und -entwicklung, Öffentlichkeitsarbeit, Rissgutachten, Antragsstellung, Forschung etc.) in einer einzigen Institution ermöglicht eine schnelle und unkomplizierte Unterstützung der Betroffenen sowie eine effiziente Verknüpfung von aktuellen Erfahrungen mit bereits bekanntem Wissen. Ein Kompetenzzentrum auf Landesebene kann die durch den Wolf betroffenen Personenkreise (hierzu zählen neben den Weidetierhaltern auch beispielsweise Tourismusverbände und besorgte Bürger) informieren, beraten, Entschädigungszahlungen durchführen und Herdenschutzmaßnahmen finanzieren. Ein Kompetenzzentrum auf Bundesebene könnte unter anderem wichtige Vernetzungsaufgaben zwischen den einzelnen Landeszentren sowie auf internationaler Ebene erfüllen, um Erfahrungen auszutauschen. Ebenso könnten Best-practice-Beispiele aufgezeigt sowie wissenschaftliche Arbeiten initiiert und fachlich begleitet werden.

Fazit für die Praxis

• Die räumliche Analyse geeigneter Wolfshabitate im Zusammenhang mit der Anzahl an gehaltenen Schafen lässt abschätzen, in welchen Regionen mit Konflikten zu rechnen ist.

• Weidetierhaltern, ob im Hobby oder im Beruf, sollte vermittelt werden, dass das Risiko von Wolfsübergriffen stets besteht und Herdenschutz unumgänglich ist.

• Da Wölfe nicht lernen dürfen, dass Weidetiere leichte Beute sind, sollten Weideflächen sicheren Herdenschutz aufweisen. Von Nachbarschaftshilfe zwischen Weidetierhaltern können alle profitieren.

• Gute Zusammenarbeit ist auch zwischen Weidetierhaltern und Herdenschutzzentrum wichtig. Dafür ist ein beiderseitiges Grundvertrauen Voraussetzung.

• Zusätzliche Maßnahmen zum Schutz der Weidetiere werden ohne fachliche und finanzielle Unterstützung zu Betriebsaufgaben führen, was den Zustand geschützter FFH-Lebensraumtypen d eutlich verschlechtern könnte. Denn zur Erhaltung dieser LRT ist Beweidung vielfach notwendig. Maschinelles Offenhalten, etwa durch Mulchen, ist hier natur schutzfachlich kein Ersatz.

• Gezielte Information der Weidetierhalter und die flächendeckende landesweite Förderung von Herdenschutzmaßnahmen sind notwendig, um Weidetierhalter vom Aufgeben abzuhalten und so wertvolle Naturschutzflächen zu erhalten.

• Weidetierhalter wünschen sich Unterstützung in Form eines Herdenschutzkompetenzzentrums. Neben einer solchen bundes- und landesweiten Institution ist eine fachliche Unterstützung vor Ort durch ein Netz aus Herdenschutzberatern notwendig.

Ein Kompetenzzentrum auf Landesebene bietet allerdings den Vorteil, näher an den Betroffenen zu sein. Zusätzlich kann es sich intensiver für die regionalen Bedürfnisse einsetzen und Lösungen vor Ort entwickeln. Der Blick auf die nördlichen Bundesländer Deutschlands sowie auf die Schweiz und Österreich, die sich bereits seit Längerem mit dem Wolf auseinanderzusetzen haben, zeigt, dass sich generell eine Zentralisierung und Bündelung der Kompetenzen abzeichnet. Als Begründung für die Errichtung eines solchen Zentrums heißt es zum Beispiel in einer Stellungnahme der Landesregierung Sachsen- Anhalts: „Die Bildung des Wolfskompetenzzentrums dient dazu, aus Gründen der Verwaltungseffizienz die Zuständigkeiten stärker zu konzentrieren und zugleich spezielle Fachkompetenz weiterhin zu nutzen“ (Landtag von Sachsen-Anhalt 2017).

Die in der vorliegenden Untersuchung durchgeführte Umfrage zeigt, dass ein Herdenschutzkompetenzzentrum den Weidetierhaltern die Dringlichkeit von Herdenschutzmaßnahmen durch ein reichhaltiges Informationsangebot näherbringen und sie bei der Umsetzung solcher Maßnahmen gezielt unterstützen kann. Auch Informationen zur Ausbreitung des Wolfs wären in diesem Zusammenhang durchaus wichtig, da laut Umfrage ein Drittel der Weidetierhalter der Meinung ist, dass es keines Schutzes vor dem Wolf bedarf, obwohl vieles dafürspricht, dass in Zukunft häufiger mit einem Auftreten von Wölfen zu rechnen ist. Zusätzlich könnten Weidetierhalter möglicherweise einfacher dazu bewegt werden, Herdenschutzmaßnahmen umzusetzen, wenn sich für sie sowohl Aufwand und Kosten in Grenzen halten oder sie hierbei signifikante Unterstützung erhalten. Würden die Erfahrungen der bereits bestehenden Herdenschutzkompetenzzentren berücksichtigt, ließen sich in Bundesländern, in denen solche Einrichtungen bislang fehlen, die „Konflikte zwischen Mensch und Wolf“ deutlich reduzieren.

Zur Erhöhung der Akzeptanz könnte eine solche Einrichtung durch ein Netz von ausgebildetem (teilweise auch ehrenamtlich tätigem) Fachpersonal mit landwirtschaftlicher Erfahrung unterstützt werden, so wie es unter anderem die Schweiz mit ihren kantonalen Wolfsberatern oder Brandenburg mit seinen ehrenamtlichen Wolfsbeauftragten handhabt.

Rechtlich gesehen besteht für die Lebensraumtypen der FFH-Richtlinie ein Verschlechterungsverbot von Seiten der Europäischen Union. Dies umfasst insbesondere jene LRT, die auf besondere Bewirtschaftungsformen angewiesen sind (Bunzel-Drüke et al. 2019). Eine Beweidung ist für 13 LRT erforderlich oder sie wird empfohlen, und es ist hinlänglich bekannt, dass die Aufgabe landwirtschaftlicher Nutzung ein entscheidender Gefährdungsgrund für terrestrische Offenlandbiotope darstellt (Heinze et al. 2019). Der Wolf ist über den Anhang IV der FFH-RL besonders und dementsprechend nach § 44 BNatSchG streng geschützt. Deutschland ist laut FFH-RL verpflichtet, dafür Sorge zu tragen, dass Wölfe langfristig einen lebensfähigen Bestand aufbauen können. Beiden rechtlichen Verpflichtungen, der Erhaltung der LRT wie auch dem Schutz des Wolfes, kann über einen finanziell und personell gut ausgestatteten Herdenschutz in vielen Regionen Genüge getan werden. Passiver Herdenschutz ist hierzu das einzige legitime Werkzeug.

Dank

Dank gebührt sowohl Frank Lamprecht als auch Rainer Luick, die die Idee zu dieser Studie hatten und hilfreiche Anregungen gaben. Für die kritische Durchsicht des Manuskripts und den wertvollen Hinweisen sei Albert Reif, Judith Streiling, Susi Hensel und einem unbekannten Gutachter gedankt.

Herzlichen Dank auch an Stephanie Kramer-Schadt vom Leibniz Institut für Zoound Wildtierforschung (IZW), die die Habitateignungskarte für den Wolf zur Verfügung stellt, sowie an Jutta Bass von der Tierseuchenkasse Baden-Württemberg, die uns die Daten zur Anzahl gehaltener Schafe pro Landkreis von Betrieben mit bis zu 20 Schafen lieferte.

Literatur

Aus Umfangsgründen steht das ausführliche Literaturverzeichnis unter Webcode NuL2231 zur Verfügung.

KONTAKT

B. Sc. Jana Niedermayer ist Masterstudentin für Umweltwissenschaften an der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg. Bachelorstudium Forstwirtschaft an der Hochschule für Forstwirtschaft in Rottenburg.

> jana.niedermayer@gmx.de

Prof. Dr. Thomas K. Gottschalk hat seit 2012 die Professur für Naturraum-und Regionalentwicklung an der Hochschule für Forstwirtschaft Rottenburg inne. Studium an der Technischen Hochschule Bingen, Promotion an der Hochschule Vechta und Habilitation in Landschafts-und Tierökologie an der Justus-Liebig-Universität Gießen. Tätigkeit als Landschaftsplaner zwischen 1995 und 2002. Forschungsschwerpunkte: Landschaftsökologie, Naturschutz, Habitatmodellierung, Tierökologie.

> gottschalk@hs-rottenburg.de