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Herdenschutzhunde:Hund im Schafspelz


natur - epaper ⋅ Ausgabe 8/2019 vom 19.07.2019

Mit der Rückkehr der Wölfe erlebt auch der Pyrenäenberghund eine kleine Renaissance. Doch die Schäfer fühlen sich beim Schutz ihrer Herden von der Politik im Stich gelassen


Artikelbild für den Artikel "Herdenschutzhunde:Hund im Schafspelz" aus der Ausgabe 8/2019 von natur. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bildquelle: natur, Ausgabe 8/2019

Der Eindruck täuscht: Die Herdenschutzhunde sind weit davon entfernt, ein Kuscheltier zu sein. Ihre Aufgabe ist es, die Herde gegen Fremde zu verteidigen


Das ist er also, der beste Schutz für Schafe und andere Nutztiere, die das ganze Jahr über auf der Weide stehen: noch ziemlich klein, sehr flauschig und extrem verspielt. In einem offenen Stall, auf einer dicken Lage Stroh steht schwanzwedelnd ein kleiner weißer Hund und stürzt sich ...

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... kurze Zeit später auf seine vier Geschwister. Die Welpen purzeln durcheinander, knabbern sich gegenseitig an den Ohren, stolpern über übergroße Pfoten, kuscheln sich an.

Knut Kucznik - Anfang 50, kräftige Statur, Arbeitshose mit Hosenträgern, Mütze mit Ohrenklappen - steigt mit geübtem Schwung über den Zaun am Eingang und wird stürmisch von den Kleinen begrüßt

Ziegen und Schafe, die ebenfalls hier zu Hause sind, bleiben lieber ein bisschen auf Distanz.

Die Welpen sind zehn Wochen alte Pyrenäenberghunde, beinahe noch genauso breit wie lang. Aber an ihrer Mutter kann man gut erkennen, zu was für stattlichen Hunden sie bald heranwachsen werden. Wenn sie zwei Jahre alt sind, werden sie draußen in einer Herde leben und diese bis aufs Blut vor Wölfen, Füchsen, Greifvögeln und auch Menschen verteidigen. Das wird ihre Aufgabe sein.

Kucznik ist derzeit der einzige Züchter in Brandenburg, der im Jahr bis zu zehn Herdenschutzhunde ausbildet und verkauft. Er ist auch Vorsitzender der Arbeitsgemeinschaft Herdenschutzhunde, welche die Zucht der Gebrauchshunde deutschlandweit koordi- niert. Auf seinem weitläufigen Grundstück am Rand von Altlandsberg, einer kleinen Stadt im Osten Ber- lins, gibt es mehrere solcher Ställe mit Hunden, die später einmal Schafe, Ziegen, Rinder oder Hühner beschützen sollen.

Kucznik züchtet die Hunde seit 2002. Damals hat- ten sich gerade die ersten Wölfe in der sächsischen Oberlausitz niedergelassen und nach kurzer Zeit auch Brandenburg erobert. Mit aktuell 37 Rudeln lebt dort heute fast die Hälfte aller Wölfe in Deutsch- land. Ein guter Schutz mit Elektrozaun oder eben Herdenschutzhunden ist da extrem wichtig. Aber wie zieht man sich einen Hund heran, der später verläss- lich die Herde beschützt

Prägung beginnt im Mutterleib
„Das Wichtigste ist, dass ich den Tieren keinen Blöd- sinn beibringe“, sagt Kucznik zur Ausbildung der Tiere und lacht. Die Hunde sollen später ja fast ihr ganzes Leben eigenständig bei den Herden verbrin- gen. Deshalb sind sie vom Charakter her nicht unbedingt dazu geeignet, bei Fuß zu gehen und auf Kommando Sitz oder Platz zu machen. Ein paar grundlegende Dinge müssen sie trotzdem lernen, allein schon, damit sie später alltagstauglich bleiben: Sie müssen ihrem Herrchen folgen und sich problemlos ins Auto oder einen An- hänger bugsieren lassen. Sie müssen ab und an eine Leine akzeptieren und dürfen auch nicht ausrasten, wenn es mal zum Tierarzt geht. Der Rest ist Prägung und die beginnt im Grunde genommen schon im Mutterleib. „Die Hunde werden direkt hier im Stall geboren und wachsen auch dort auf', sagt Kucznik. Weil sie von An- fang an von Schafen und Ziegen umgeben sind, kann sich der angeborene Beschüt- zerinstinkt für diese Tierarten bestmög- lich entfalten.

Die Zucht ist mittlerweile so gut, dass alle Tiere später auch als Herdenschutz-hunde eingesetzt werden können. Das bundesweite Netzwerk hilft dabei, die Tiere ihren Neigungen und Fähigkeiten nach richtig einzusetzen: Wenn ein Hund für sein Leben gern Löcher buddelt, sollte er besser keine Schafe auf dem Deich beschützen. In einer trockenen Heidelandschaft bereitet seine Leidenschaft fürs Erdreich dagegen keine Probleme. Ein Hund, der nur zu gerne über den Weidezaun springt, sollte vielleicht eher Schafe beschützen, die das Gras in einem Feld mit Solaranlagen kurz halten. Da sind die Zäune nämlich deutlich höher.

„Bislang haben wir wirklich noch für jeden Hund die passende Beschäftigung gefunden“, sagt Kucznik.beruf und mit ganzer Leidenschaft ist er selbst Schäfer. Schon früh in der Kindheit war der Berufswunsch geklärt: „Damals kam der Schäfer ab und zu bei uns im Dorf vorbei. Ein Kerl, so groß, dass sich die Sonne verdunkelte, zwei Höllenhunde an seiner Seite, niemandem verpflichtet, nur sich selbst und seiner Herde. So wollte ich später auch mal werden“, sagt Kucznik und lacht erneut.

Unter Schafen: Auch die kleinen Herdenschutzhunde leben schon im Stall. So kann sich ihr Beschützerinstinkt optimal entwickeln


Foto: Ralf Stork (2)

Mit 17 beginnt er seine Ausbildung zum Schäfer, macht in der Wendezeit seinen Meister und arbeitet bis 1994 als Genossenschaftsbauer im Norden Brandenburgs. Seit 1997 ist er selbstständig. In verschiedenen Herden hält und züchtet er heute rund 450 Schwarzköpfige Fleischschafe, außerdem 80 Skudden und 40 Wasserbüffel.

Sein unangepasstes Wesen hat Knut Kucznik sich bewahrt. Alleine draußen mit seinen Tieren zu sein, genießt er in vollen Zügen. Völlig frei und ungebunden ist er natürlich trotzdem nicht. Seit sechs Jahren ist er Vorsitzender des Schafzuchtverbandes BerlinBrandenburg. Auch auf Bundesebene setzt er sich für die Belange seines Berufsstands ein. Der Wolf spielt dabei eine größere Rolle.

Von Schafen und Wölfen
„Die wirtschaftliche Situation vieler Schäfer ist schon lange angespannt. Durch die notwendigen Herdenschutzmaßnahmen wird es jetzt zum Teil existenzbedrohend“, sagt Kucznik. Auf den Wolf hätten deshalb alle Schäfer gut verzichten können. „Für uns ist der Wolf nur ein weiterer Parasit, der die Herde gefährdet“, sagt Kucznik. Eine große Mehrheit der Schäfer hätte wahrscheinlich kein Problem damit, wenn die Wölfe wieder vollständig aus Deutschland verschwinden würden.

„Aber auch Wölfe haben Rechte. Streng geschützt sind sie sowieso“, sagt Kucznik. Von den Forderungen vieler Jäger und Politiker, regelmäßig Wölfe schießen zu dürfen, hält er wenig. „So lange es Wölfe da draußen gibt, brauchen wir die Herdenschutzmaßnahmen. Der Abschuss einiger Exemplare bringt den Schäfern gar nichts. Das ist reiner Populismus, um von den wirklichen Missständen abzulenken“, sagt Kucznik. Schwierig war die Situation der Schäfer auch ohne Wölfe schon. „Das Problem ist, dass wir kein richtiges Produkt haben, mit dem wir Geld verdienen können“, sagt Kucznik. Für die Wolle finden sich kaum Abnehmer (s. Spezial S. 48). Es kann sogar Vorkommen, dass die Schäfer noch dafür bezahlen müssen, dass ihre Schafe geschoren werden und sie die Wolle loswerden. Auch die Vermarktung des Fleisches ist schwierig. Mit den niedrigen Preisen, die für Schafe aus Neuseeland bezahlt werden, können hiesige Schäfer jedenfalls nicht mithalten.

Hund im Schafspelz:Natürlich weiß niemand, ob sich der Hund für ein Schaf hält. Aber er sieht sich als Teil der Herde-und die verteidigt er unbedingt


Bleibt noch der Beitrag für den Artenschutz, den die Schafherden leisten. „Schäferei ist gelebter Naturschutz“, sagt Kucznik. Die rund 1,2 Millionen Schafe in Deutschland tragen ganz erheblich dazu bei, Heide und andere ökologisch wertvolle Landschaften zu erhalten. Über unterschiedliche Förderprogramme bekommen die Schäfer zwar Geld für diese Leistung, aber das reiche nicht, um wirklich wirtschaftlich arbeiten zu können. „Wenn die Gesellschaft findet, dass der Wolf geschützt werden soll, dann sollte sie auch die Schafe ausreichend schützen, weil die für den Erhalt ganz vieler Rote-Listen-Arten wichtig sind“, sagt Kucznik.

Wenn sich also schon die Wölfe überall im Land frei vermehren können, dann sollten die Länder wenigstens die kompletten Kosten für den Herden- schutz übernehmen und die Naturschutzleistung an- gemessen honorieren. Passiert das nicht, braucht sich auch niemand darüber zu wundern, dass der Wolf ein Hassobjekt für viele Schäfer bleibt und dass immer mehr Betriebe aufgeben. In den vergangenen zehn Jahren hat sich der Schafbestand in Deutsch- land von rund drei Millionen auf heute 1,2 Millio- nen Tiere mehr als halbiert.

„Dabei ist schon jetzt klar, dass wir mehr Schafe in der Landschaft brauchen“, sagt Kucznik: In den 90er Jahren hat Deutschland große Offenlandschaften als Naturschutzgebiete an die EU gemeldet, mit der Ver-pflichtung, diese zu erhal-ten. Ohne den Einsatz von ausreichend Schafen wachsen viele dieser Flächen wieder zu. Und weil der Zustand der Schutzgebiete nicht so ist wie vereinbart, drohen Deutschland in Zukunft Strafzahlungen in Millionenhöhe.

Knut Kucznik hat mittlerweile seine zwei Hütehunde losgemacht und in einen Anhänger verfrachtet. Er fährt gut 30 Kilometer zu einer seiner Herden: Am Rande eines großen Waldgebietes stehen hier 450 Mutterschafe hinterm Weidezaun. Hinter dem ausgedehnten Wald öffnet sich die Landschaft zu einer Reihe von leicht hügeligen Feldern. Das nächste Dorf liegt in Sichtweite.

Man kann sich gut vorstellen, dass sich Wölfe hier wohlfühlen und gut zurechtfinden. In etwa zehn Kilometern Entfernung hat sich vor Kurzem ein Wolfspaar gefunden. Gut möglich, dass sich in diesem Jahr der erste Nachwuchs einstellt.

Aber die Herde ist gut beschützt: Fünf ausgewachsene Pyrenäenhunde leben zwischen den Schafen und passen auf. Jeder, der dicht an den Zaun herantritt, wird lautstark verbellt

Wer den Wolf in der Landschaft will, muss den Weidetierhaltern helfen. Dazu gehört auch, Herdenschutzmaßnahmen ernst zu nehmen


Foto: Klemens Karkow / NABU, Ralf Stork, Sebastian Hennigs / NABU


»Es ist klar, dass wir mehr Schafe in der Landschaft brauchen«

Knut Kucznik, Schäfer


Von der Zukunft für einen schönen Beruf
Während die Herdenschutzhunde ihr Futter bekom- men und eine Pause im Autoanhänger machen kön- nen, öffnet Kucznik den Zaun und führt die Schafe auf das nahegelegene Feld, wo sie sich über wild gewachsenen Raps hermachen. Im Wechsel darf einer der beiden Hütehunde die Herde Zusammenhalten und mit hechelnder Zunge hin und her über die Wei- de wetzen. Knut Kucznik stützt sich auf seinen Schäferstab. „Ich kann mir keinen schöneren Beruf vorstellen“, sagt er und schaut zufrieden auf die Herde. „Das Glücksgefühl, das die Leute beim Anblick von Schafen haben, ist mit Geld nicht aufzuwiegen. Ohne uns gäbe es doch kaum noch Tiere auf den Weiden“, sagt er. Für ein paar Stunden täglich hütet er die Schafe. Und wird das auch in Zukunft tun, allen Schwierigkeiten zum Trotz. In ein paar Jahren - da ist Kucznik sich ziemlich sicher - werden sich die Bedingungen für Schäfer wieder spürbar bessern. Wenn konkrete Strafzahlun- gen drohen, weil die Schutzgebiete zuwuchern, werden sich Bund und Länder wieder daran erin- nern, wer am besten in der Lage ist, Heide und ande- re offene Landschaften zu erhalten: Schäfer und ihre Schafe nämlich. So lange will Knut Kucznik unbe- dingt noch durchhalten.