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Herkunft ungewiss


ÖKO-TEST Ratgeber Kosmetik und Wellness - epaper ⋅ Ausgabe 94/2012 vom 14.06.2012

Nicht immer steht der Hinweis „Made in Germany“ dafür, dass wirklich in Deutschland produziert wurde. Denn verbindliche Richtlinien für diese Kennzeichnung gibt es bisher nicht.


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Foto: ÖKO-TEST

Wer wissen will, woher die Bluse oder die Bettwäsche stammt, und das Etikett studiert, wird meistens nicht fündig. Denn das Herkunftsland muss nach dem Textilkennzeichnungsgesetz nicht deklariert werden. Erst im vergangenen Sommer haben sich die EU-Mitgliedsstaaten dagegen ausgesprochen, eine verpflichtende „Made in“-Kennzeichnung für Textilien einzuführen.

Manchmal findet man in einem Textil jedoch den Hinweis „Made in Germany“ oder auch „Hergestellt in Deutschland“. Diese Angabe ist freiwillig – wer sie benutzt, muss allerdings korrekte Angaben machen. Beruft sich ein Hersteller auf „Made in Germany“, verspricht er sich davon Verkaufsvorteile. Denn das Vertrauen der Verbraucher in Produkte aus Deutschland ist groß. Und diese Wertschätzung hat Tradition.

Beabsichtigt war allerdings das Gegenteil, als im Jahre 1887 in Großbritannien der sogenannte Merchandise Act ins Leben gerufen wurde. Durch die Herkunftsbezeichnung „Made in“ wollte sich die britische Wirtschaft vor Konkurrenzprodukten aus dem Ausland schützen. Doch die Rechnung ging nicht auf. Das Ziel, unter anderem deutsche Produkte vom britischen Markt fernzuhalten, kehrte sich ins Gegenteil um. Schon nach wenigen Jahrzehnten hatte sich „Made in Germany“ zu einem Siegel entwickelt, das Qualität bescheinigte.

Doch für gute Qualität muss „Made in Germany“ heutzutage nicht mehr stehen. 1,3 Millionen Herkunftslabel werden in Deutschland jährlich für den Export ausgestellt. Bisher gilt in der EU die Regel, dass das Land als Herkunftsland gilt, in dem die letzte wesentliche Beund Verarbeitung vorgenommen wurde. In der Praxis heißt das: Es reicht, wenn an eine im Ausland gefertigte Tasche die typischen Knöpfe eines Herstellers in Deutschland angenäht werden, um das Produkt als „deutsch“ zu deklarieren. Das wäre nicht mehr möglich, wenn ein neuer Vorschlag der Europäischen Kommission umgesetzt wird. Demnach sollen nur noch solche Produkte „Made in Germany“ sein, die zu mindestens 45 Prozent tatsächlich aus Deutschland stammen. Bei dieser Änderung hat die Brüsseler Behörde indes nicht die Interessen der Verbraucher im Visier, sondern Zollvorschriften.

Gerade bei Textilien ist die Einordnung „Made in Germany“ schwierig. Denn in der Regel reist ein Kleidungsstück einmal um die ganze Welt, bis es schließlich im hiesigen Kleiderschrank landet.

Wege eines Textils: einmal um die ganze Welt

Längst werden Textilien in der Regel nicht mehr nur in einem Land gefertigt, sondern an vielen verschiedenen Stationen über den gesamten Globus verteilt. Jeder Arbeitsschritt wird dort ausgeführt, wo er am wenigsten kostet. Die Kampagne für saubere Kleidung, die sich für faire Bedingungen in der Textilproduktion engagiert, hat einmal eine exemplarische Weltreise einer Jeans zusammengestellt: Leicht 19.000 Kilometer kann nach dieser Auflistung der Weg vom Rohprodukt bis zur Jeans betragen, die aus rund 21 Einzelteilen besteht. Findet die Produktion in anderen Ländern statt, kann sich der Weg auch schon mal verdoppeln.

▀ Die Baumwolle wird in Kasachstan oder in Indien geerntet und anschließend nach China versandt.

▀ In China wird sie mit Schweizer Ringspinnmaschinen versponnen.

▀ Auf den Philippinen wird die Baumwolle mit chemischer Indigofarbe aus Deutschland gefärbt.

▀ In Polen verwebt man sie mit deutschen Webmaschinen. Innenfutter und Label kommen aus Frankreich, Knöpfe und Nieten aus Italien.

▀ Der Stoff und alle Zutaten werden wieder auf die Philippinen geflogen und dort zusammengenäht.

▀ Die Endverarbeitung mit Bimsstein findet in Griechenland statt.

▀ Verkauft und getragen wird die Hose in Deutschland.

▀ Die gebrauchte Jeans wird gespendet und in einem großen Sortierbetrieb in Holland gesondert.

▀ Mit dem Schiff und per Lkw wird sie auf den afrikanischen Kontinent gebracht und dort auf Kleidermärkten verscherbelt.

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