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HERR DER BLASEN


manager magazin - epaper ⋅ Ausgabe 12/2018 vom 23.11.2018

VISION FUND Mit seinem Wagnis kapitalfonds pumpt der japanische Selfmade milliardär Son weltweit Bewertungen von Techunternehmen auf. Seine Geheimwaffe: die berüchtigtsten Ex-Trader der Deutschen Bank.


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Bildquelle: manager magazin, Ausgabe 12/2018

Masayoshi Son (61), Herr über den größten Techfonds der Geschichte, empfängt seine Besucher gern in einem Konferenzzimmer im 23. Stock der Softbank-Zentrale mit Blick über Tokio. Im Raum steht ein rie si - ger Tisch für 50 Personen, erzählt ein CEO, der dort vorgesprochen hat. Aber nur einer sitzt da: Son, genannt „Masa“. In Fünf- Zehen-Socken.

Son hat sein 100-Milliarden-Dollar- Vehikel Vision Fund ...

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... genannt. Doch es sei ein Fehler, ihm dort mit Visionen zu kommen, sagt jemand, der das versucht hat. „Das interessiert ihn null.“ Son könne dann ziemlich unwirsch werden.

Was Son wissen will: Wie schnell kann das Unternehmen skalieren, wie rasant die Marktführerschaft in welchen Regionen erobern? Vor allem: Würde nicht alles viel schneller gehen, wenn ich dir statt 200 Millionen eine halbe Milliarde Dollar gebe?

Willkommen im Softbank-Zeitalter, in dem Start-ups nicht mehr an die Börse gehen müssen, um ihr Wachstum zu finanzieren. Sondern zu Son pilgern. Seine Finanzspritzen, raunt die Investorenszene, sind „die neuen IPOs“ (Initial Public Offerings).

Der Softbank-Gründer hat so viel Geld in so viele defizitäre Start-ups gesteckt und deren Wert damit nach oben getrieben wie niemand vor ihm – und das in nur zwei Jahren. Die Wagniskapitalszene ist aus den Fugen: Bislang wurde sie von der Haute - volee des Silicon Valleys dominiert, jetzt wird ein Großteils des Marktes von Tokio aus regiert.

Der Taxidienst Uber hat 9,3 Milliarden Dollar von Son bekommen, sein chine - sischer Konkurrent Didi 9,5 Milliarden, WeWork, das weltweit Büroplätze ver - mietet, 7,4 Milliarden. Weitere Milliarden hat er an Onlineshops, Softwareunternehmen und Marktplätze verteilt, darunter auch 560 Millionen Dollar an den Gebrauchtwagenhändler Auto1 aus Berlin. Und das ist nur ein kleiner Ausriss aus Sons Scheckbuch.

Softbank hat elementare Regeln der Branche umgeschrieben. Früher galt es als außergewöhnlich, wenn Gründer in einer Finanzierungsrunde 100 Millionen Dollar einsammelten. Inzwischen ist das Standard. Allein im letzten Quartal gab es nach der Zählung des Datenhauses CB Insights 109 solcher Deals – fast viermal so viele wie vor vier Jahren. Die Bewer - tungen von Start-ups steigen dadurch so schnell nach oben wie kochende Milch auf dem Herd. Viel Schaum, und am Ende werden sich sehr viele Leute daran verbrannt haben.

Manches erinnert an die letzten Jahre vor der Finanzkrise 2008. Damals waren es Häuser, die Monat um Monat im Preis zulegten – egal, ob sie jemand brauchte. Heute sind es Unternehmen, deren Wert mit jeder neuen Finanzierungsrunde steigt, fast egal, ob sie erfolgreich sind. Und auch die Akteure haben einschlägige Erfahrung: Die wildesten Investmentbanker von gestern sind die führenden Wagniskapital - finanzierer von heute.

Operativ wird Sons Vision Fund von einer Gruppe Trader um den früheren Deutschbanker Rajeev Misra (56) geführt, der damals besonders findig darin war, wertlose Immobilien so lange in neue Derivate zu verpacken, bis selbst Profis nicht mehr wussten, in was sie da investierten. Jetzt breiten sich Misras Leute von London, Tokio und San Carlos (Kalifornien) in der Techszene aus, sehr aggressiv und mit sehr ungewöhnlichen Methoden. Gründer klagen über Sondergarantien, die dem Vision Fund fürstliche Renditen sichern sollen. In der Softbank-Gang geben Finanzingenieure den Ton an und nicht, wie sonst üblich, Technologieexperten.

Umstritten sind auch manche Finanziers. Neben Apple oder Daimler, die relativ kleine Summen überwiesen, stammt der Großteil des Geldes vom saudischen Königshaus. Darüber sah man lange hinweg, bis im Oktober der „Washington Post“- Kolumnist Jamal Khashoggi im saudi-arabischen Konsulat in Istanbul ermordet wurde.

EINE LIGA FÜR SICH

Softbanks Vision Fund ist nicht nur der größte Techfonds aller Zeiten – er ist auch mehr als viermal so groß wie die größten Private- Equity-Fonds der Welt, die weniger riskante Investments in etabliertere Firmen tätigen.
Angaben in Milliarden Dllar

Softbank Vision Fund Techfonds 96,7

Seitdem steigt der Druck auf Sons Megafonds. Kritiker sehen sich bestätigt. Entsteht da ein giergetriebenes Gebilde, das die Bewertungen künstlich erhöht und damit viele Unternehmen und deren Investoren in den Crash treibt?

Sicher ist: Son kennt sich mit platzenden Blasen aus. Im Jahr 2000, während des Dotcom-Booms, galt er drei Tage lang als reichster Mann der Welt. Schon damals investierte er mit vollen Händen in junge Technologieunternehmen. Mit dem Crash verlor er 70 Milliarden Dollar Privatvermögen.

Damit sich das nicht wiederholt, hat Son Misra engagiert, einen Schulfreund von Ex-Deutsche-Bank- Chef Anshu Jain (55). Misra galt als „Gehirn der Bank“, er steht Son in seinem Hang zur Extravaganz in Nichts nach.

Misra empfängt Gründer in seinem Büro in London gern barfuß. „Aus Naturverbundenheit“, erklärt er Besuchern dann. Der Inder und seine Mannschaft residieren in einem Townhouse mit dicken Teppichen im noblem Stadtteil Mayfair. Während der Meetings, berichten Besucher, lege er schon mal die Füße auf den Tisch oder schneide sich die Fingernägel, damit niemand vergisst, wer der Herr im Raum ist.

Misra selbst sagt von sich, dass er „der aggressivste Investor“ der Deutschen Bank gewesen sei. Damit könnte er richtigliegen. Immerhin haben seine Deals das Kreditinstitut fast vernichtet.

Als Chef des Kredithandels trieb Misra das Geschäft mit Immobilienschrottpapieren und anderen strukturierten Kreditprodukten so wild wie kaum eine anderer. Aber er war auch schlauer als fast alle anderen. Er ließ am Ende gegen den Immo - bilienmarkt wetten. Als die Blase platzte, konnte die Deutsche Bank so rund 1,5 Milliarden Dollar am Crash verdienen.

Misra war schon damals bekannt dafür, dass er sich kaum kontrollieren ließ. Wenn er einen heißen Deal witterte, schlug er zu, egal in wessen Bereich er wilderte. Seine Mitarbei ter führte er, indem er den Konkurrenzkampf anheizte. Manche Posten besetzte er einfach doppelt. Dann gab es eben zwei Italien-Chefs.

AM TROPF
WeWork-GründerAdam Neumann (o. l.) war dringend auf Softbanks Milliar den - spritzen angewiesen. Auch Uber-CEODara Khosrowshahi (M.), Auto1-BossHakan Koç und Didis ChefinLiu Qing gleichen ihre Verluste mit Investitionen des Vision Fund aus.

Für den Fonds hat der Inder eine ganze Armada an früheren Bankerbuddys angeheuert. Darunter Colin Fan (45), zwischenzeitlich Chef des Investmentbankings. Bei der Deutschen Bank wurden sie die „Merrill-Lynch-Gang“ genannt, sie wechselten, weil sie bei der Deutschen noch mehr Geld witterten. „Hypersmarte Typen, aber grenzenlos in ihrer Gier“, urteilt ein früherer Kollege.

Masayoshi Son begegnete Misra, als er in einer misslichen Lage war: Das Geld war knapp, mal wieder, und Son wollte Voda fone Japan übernehmen. Misra strukturierte Softbanks Schulden geschickt um, damit der Konzern die Akquisition 2006 dennoch schultern konnte.

Acht Jahre später holt Son ihn zu Softbank, um ein wesentlich komplexeres Finanzmanöver auszuführen: Misra sollte einen Weg finden, wie Son seine ambitionierten Ex - pansionspläne umsetzen und gleichzeitig die Verschuldung reduzieren kann. Mehr Geld ausgeben und dabei sparen – eigentlich paradox.

Softbank liebt derlei Formen der Geldgewinnung. Um im heimischen Mobilfunkmarkt trotz der Schuldenlast die Konkurrenz zu übertrumpfen, finanzierten die Japaner die für ihre Vertragskunden subven - tionierten Handys lange Zeit mit Spezialanleihen, die sie am Finanzmarkt platzierten. So viel Chuzpe hatte man im Telekomgeschäft zuvor nicht gesehen.

„Wir brauchten Geld, um schnell zu wachsen. Also mussten wir innovativ sein“, erinnert sich in der Softbank-Zentrale Finanzchef Kazuhiko Fujihara (59), ein Char meur, der eine grüne Krawatte mit Ele - fantenmuster trägt. Softbank sei bis heute ein „sehr flexibles“ Unternehmen, sagt er.

Etwas anderes bleibt den Japanern auch nicht übrig. Mit 115 Mil - liarden Dollar sind Softbanks Schulden so gigantisch, dass sich weitere Zukäufe eigentlich verbieten. Misra präsentierte mit dem Vision Fund eine Lösung für Sons Problem. Das Investmentvehikel wurde so konstruiert, dass die Kontrolle bei Softbank liegt – während externe Investoren die dringend benötigte Feuerkraft liefern. So fließt ein Großteil der externen Gelder als kredit ähnliche Anleihen in den Fonds, für die 7 Prozent Rendite jährlich fällig werden. Eine hoch - riskante Konstruktion für einen Wagniskapitalfonds, der in defizitäre Unternehmen investiert. Entsprechend hoch ist der Druck.

Immerhin wusste Misra, wo er den Großteil der Milliarden besorgen würde. Es sind weitere ehemalige Deutsche-Bank-Trader, denen dabei die Schlüsselrolle zukommt: Nizar Al-Bassam, Dalinc Ariburnu und im Hintergrund Michele Fais - sola – was Softbank bestreitet. Der von ihnen gegründete Hedgefonds Centricus sitzt nur zehn Minuten Fußweg vom Londoner Softbank- Büro entfernt. Misra engagierte sie, um an die Milliarden des saudischen Königshauses zu kommen.

Das eigentliche Problem war, überhaupt das Ohr der Scheichs zu gewinnen. Der Fonds, in dem die Saudis ihre Ölmilliarden bunkern, ist ein komplexes Konstrukt mit unzähligen Verantwortlich - keiten. „Jeder kleine Prinz“ habe da seine Einflusssphäre, stöhnt ein Insider.

Misra-Buddy Nizar Al-Bassam wusste, wie er vorgehen muss. Sein Vater Nabil war Finanzer beim Öl - giganten Saudi Aramco gewesen. Schon zu Deutsche-Bank-Zeiten waren die Familienverbindungen Gold wert, erinnert sich ein Ex-Kollege. Nun verschaffte der Trader Misra und Son die richtigen Termine.

So gelang es Son schließlich bei einer Tokio-Visite des saudischen Königshauses, eine Privataudienz bei Kronprinz Mohammed bin Salman (33), kurz MBS, zu ergattern – also bei dem Mann, der als Draht - zieher der Hinrichtung Khashoggis gilt, was er abstreitet. Um den Scheich zu beeindrucken, fand das Meeting im Akasaka-Palast statt, einer ehemaligen Kaiserresidenz, in der sonst hohe Gäste der Regierung untergebracht werden. Es habe ihm „45 Milliarden in 45 Minuten“ ein - gebracht, freute sich Son später.

Auch nach dem Foltermord an Khashoggi hält Son zum saudischen Königshaus. Neue Vision-Fund-Büros in Riad und Abu Dhabi stehen kurz vor der Eröffnung. Die Allianz ist für ihn alter - nativlos. Es gibt sonst niemanden, der ihm so viel Geld anvertrauen würde. Also hofft man in Tokio, dass der Sturm sich wieder legt. Und setzt darauf, dass sich auch im Silicon Valley bislang nie jemand wirklich dafür interessierte, woher die ganzen Milliarden eigentlich kommen.

Die Saudi-Milliarden haben es Son ermöglicht, die Wagniskapitalszene zu dominieren und zu ver - ändern. Nun gilt im Valley: Es verliert, wer sparsam agiert. „Wenn Ihr Konkurrent 150 Millionen Dollar aufnimmt, Sie aber konservativ sein wollen und nur 20 Millionen Dollar aufnehmen, kommen Sie schlichtweg unter die Räder“, erklärte Bill Gurley jüngst der „New York Times“. Der Investmentguru des legendären Risikokapitalgebers Benchmark hat unter anderem früh in Uber und WeWork investiert.

FINANZ - INGENIEUR Rajeev Misra managt für Softbank von London aus den Vision Fund. Früher galt der Trader als „Gehirn der Deutschen Bank“. Nun heuert er seine Ex-Kollegen wieder an.

START-UPJÄGER Colin Fan ,Ex- Chef des Investmentbankings bei der Deutschen Bank, gehörte zu Misras Tradertruppe. Jetzt jagt er für ihn Start-ups.

Für Gurley ist klar, dass die Unvernunft gesiegt und er sich geirrt hat. Vor drei Jahren warnte er noch vor „toten Einhörnern“: Start-ups mit Milliardenbewertung, die zu viel Geld zu Fantasiebewertungen aufnehmen würden – und denen beim nächsten Konjunktureinbruch ein bitteres Erwachen drohe. „Alle diese privaten Bewertungen sind ein Fake“, zürnte Gurley damals.

„Ein Mythos“, der bloß „auf Papier“ existiere.

Zu dem Zeitpunkt hätten eigentlich alle geglaubt, die immer höheren Bewertungen hätten ihre Grenze erreicht, sagt Tim Connors, Investor von PivotNorth Capital. „Und dann kam Softbank.“

Niemand drückt die Milliarden so brutal in den Markt wie Son. Seine Besucher stellt er schon mal vor die Wahl: Nimmst du mein Geld, oder soll es dich erdrücken? So erging es im Frühjahr 2015 Fintech-Gründer Mike Cagney. Er werde eine Milliarde Dollar in die Onlinekreditvergabe investieren, verkündete Son. Entweder in Cagneys SoFi – oder eben in einen Konkurrenten. Die Entscheidung liege natürlich beim CEO, sagte Son und machte damit ein Angebot, das der nicht ablehnen konnte.

Niemand kann dem Sog der Megarunden entkommen. „Man muss sich der Realität anpassen – und mitmachen“, rät Gurley seinen Gründern heute.

Das Machtmonopol der USA ist gebrochen. Aus Sicht von Investorenlegenden wie Klaus Hommels (51, Lakestar) hat Son mit dem Vision Fund eine „geopolitische Waffe“ gebaut.

Die Alte Welt bemüht sich, nicht weiter zurückzufallen. Die Partner bei Benchmark oder Sequoia, den altehrwürdigen Investoreninsti- tutionen in Palo Altos Sand Hill Road, müssen mit ansehen, wie ihr Lebenswerk an Relevanz verliert. Sie haben früh das Potenzial von Facebook, Google oder Apple erkannt – aber Sons Angriff haben sie wenig ent gegenzusetzen.

DER LANGE ARM DER DIKTATUR
Der saudische KronprinzMohammed bin Salman (r.) istSons wichtigster Finanzier

Sequoia sammelt jetzt einen Acht-Milliarden-Fonds ein – viermal größer als jeder Fonds der Kali for - nier zuvor. Eigentlich sind solche Sprünge ein No-Go für seriöse Investoren. Doch anders können die Risikokapital veteranen nicht mehr mithalten.

Auch in Berlin spürt man Sons Einfluss. Bislang ist der Vision Fund nur beim Gebrauchtwagenmarktplatz Auto1 investiert. Doch das dürfte sich bald ändern. Die Softbank- Partner kreisen über den besten deutschen Technologieunternehmen. Beim Künstliche-Intelligenz- Vorreiter Arago, dem Fernbusmonopolisten Flixbus, dem Onlineversicherer Wefox oder der Reiseplattform GetYourGuide haben sie bereits Interesse bekundet. Selbst bei Babbel, einer Berliner Sprachlern-App, die bislang überhaupt nur 33 Millionen Dollar Risikokapital aufnahm, hat Softbank vorgesprochen.

Sons Vision-Team, inzwischen auf rund 250 Mitarbeiter angewachsen, hat sich in so kurzer Zeit in die Techszene gebohrt wie kein Investor zuvor. Während deutsche Konzerne noch mit Start-up-Inkubatoren experimentieren, baut Son sein Mobilfunkunternehmen zur mächtigen Di gitalholding um. Und sichert sich Aufsichtsratsplätze bei den ehrgei - zigsten Technewcomern weltweit.

Beispiel Mobilität: Son besitzt Anteile an den führenden Taxidiensten in China (Didi), Südostasien (Grab), Indien (Ola) und den USA (Uber). In Wolfsburg, München oder Stuttgart schauen sie wie ohnmächtig zu, wenn in Tokio die Mobilitätswelt von morgen auf geteilt wird.

Son trifft jeden Gründer persönlich, sobald es ernst wird. Sonst investiert er nicht. Am Tag hat er oft zehn, 15 Meetings mit CEOs potenzieller Port - foliounternehmen. In Tokio oder in seiner Villa im kalifornischen Woodside, wo etwa der Gründer und CEO der Bürochat-Software Slack, Stewart Butterfield (45), die Zusage für 250 Millionen Dollar erhielt. Auf Socken, versteht sich.

Um Synergien mit anderen Portfoliounternehmen, von denen Son gern öffentlich schwärmt, ging es dabei kaum. Masa erhoffte sich einfach „eine gute Rendite“, erinnert sich Butterfield.

„Ob die Technologie skaliert, hat sein Team überprüft“, sagt ein Gründer, der ebenfalls in Woodside vorgesprochen hat. „Masa will ein Gefühl dafür bekommen, ob man es durchzieht.“ Son, ein Star-Trek-Fan, wolle „die Energie spüren“, sagt ein anderer. Ob es einen Deal gibt, erfährt der Gründer mehr oder weniger sofort.

BLUTGELD INSIDE

Anteilseigner des Softbank Vision Fund nach Investitionssumme

Son erzählt gern, dass er nach bloß zwei Minuten entschieden habe, in Jack Ma (54) zu investieren, den Alibaba-Gründer, der damals ein Unternehmen ohne jede Umsätze führte. Aus dem 20-Millionen-Dollar- Investment wurde ein Anteil, der heute 107 Milliarden Dollar wert ist; es der wichtigste Stützpfeiler des Softbank-Imperiums und Sons legendärster Handschlag.

Damals war es nur ein Bauchgefühl, jetzt kommt die kalte Mechanik des 100 Milliarden Dollar schweren Vision Fund dazu. Seine Wette wird zur selbsterfüllenden Prophezeiung.

Schon vor Gründung des Vision Fund testete Son dessen Ver - drängungsstrategie. Nach Softbanks Milliardeninvestment in Grab, einen Uber-Klon in Südostasien, sei klar gewesen, dass das Original keine Chance haben würde, Grab dort von der Bildfläche zu verdrängen, erzählt ein Uber-Investor. Inzwischen hat Uber sein Südostasien- Geschäft an die Softbank-Beteiligung verkauft.

Es ist die Methode Shock and Awe. Ein Kapitalblitzkrieg, der ein Unternehmen schnell so groß machen soll, dass andere Risikokapitalgeber nicht dagegenwetten wollen – oder gar davor zurückschrecken, überhaupt noch Unternehmen in einer Region oder Branche zu finanzieren.

„Mit einer großen Menge Geld können Sie mehr Entwickler einstellen und das Produkt schneller entwickeln“, erzählt Jeff Household, einer der Managing Partner des Vision Fund, bei einer Veranstaltung mit anderen Investoren in San Francisco. Für Unternehmen würde die Softbank-Finanzspritze zum „strategischen Hauptunterscheidungsmerkmal“.

Der Vision Fund dränge die Startups dazu, aggressiver vorzugehen und größer zu denken, sagt CEO Misra. Rund die Hälfte der Portfoliofirmen habe mehr Kapital aufgenommen als eigentlich geplant.

Beispiel Wag, eine Plattform, die Hundesitter vermittelt. Bevor Softbank kam, hatte das Unternehmen gerade mal rund 50 Millionen Dollar eingesammelt. Das Start-up verhandelte mit Kleiner Perkins und anderen Risikokapitalgebern, um eine 100-Millionen-Runde abzuschließen. Son überzeugte die Hundesitter, das Dreifache aufzunehmen – und zwar komplett von Softbank. Das Kalkül: die Konkurrenz abschrecken, den Markt monopolisieren.

Bei Marktplatzmodellen wie Wag oder Taxidiensten wie Uber sind die Netzwerkeffekte besonders stark. Der Größte kann das beste Angebot machen, zieht dadurch noch mehr Nutzer an und verdrängt die Konkurrenz. Facebook oder Airbnb haben das schon vor Jahren vorgemacht.

Doch nicht jedes Geschäftsmodell eignet sich dafür. Schwierig wird es etwa für WeWork, den Anbieter von Coworking-Plätzen, der sich Büroflächen mit Langzeitverträgen sichert, sie Hipster-kompatibel mit Wifi, Zapfhähnen und wuchtigen Espressomaschinen ausstattet, um sie teurer weiterzuvermieten.

Die durch Softbank finanzierte massive Expansion hat WeWork als Marke bekannt gemacht. Aber die Netzwerkeffekte sind äußerst begrenzt, sagt Peel-Hunt-Analyst Andrew Shepherd-Barron, der die Branche seit Langem beobachtet.

Um seine Flächen zu füllen, werden die schicken Büros an Konzernkunden teils zwölf Monate lang mietfrei vergeben. Auch in Deutschland locke WeWork neue Mieter mit Rabatten von bis zu 50 Prozent, be - richten Insider. Das Start-up gebe deutlich mehr für die Kundenakquisition aus als Konkurrenten.

Dennoch investierte Softbank Mitte November zu einer Bewertung von 45 Milliarden Dollar. Das ist mehr als doppelt so viel wie noch vor einem Jahr – und mehr als das 20-Fache des im Gegensatz zu WeWork profitablen Konkurrenten IWG.

Kurzfristig sorgen solche „Wertsteigerungen“ bei Softbank für enorme Buchgewinne. Son konnte gerade vermelden, dass der Vision Fund den Wert seiner Investments um über sieben Milliarden Dollar gesteigert habe. Softbanks Aktienkurs schnellte in die Höhe.

Doch am Ende müssen die Japaner die Papierprofite in reale Erlöse ummünzen. Sonst drohen heftige Abwertungen.

Softbank versucht sich mit allerlei Klauseln dagegen abzusichern, und andere Investoren lassen sich darauf ein, um im Sternenschweif des japanischen Mutterplaneten nach oben zu steigen. Attraktiv ist das sogar für börsennotierte Un - ternehmen wie den Autokonzern GM. Nachdem man ein 2,3-Milliarden-Dollar- Investment von Softbank in Cruise, die GM-Tochter für autonomes Fahren, hatte bekannt geben können, legte der Kurs blitzartig um 13 Prozent zu – ein Anstieg um fast sieben Milliarden Dollar.

Doch im Kleingedruckten, heißt es, sei festgehalten, dass bei einem Verkauf von Cruise zuerst Softbank sein Geld bekommt – vor GM und allen anderen Aktionären.

Und bis dahin wird Softbank eine Mindestverzinsung von 7 Prozent garantiert. Sollte ein Börsengang innerhalb von drei Jahren stattfinden, muss GM etwaige Verluste der Japaner ausgleichen.

Beim Onlinelebensmittelshop Brandless hat sich Softbank zusichern lassen, dass sich die Bewertung bis zum Börsengang mindestens verdoppelt haben muss – sonst bekomme der Vision Fund zulasten der anderen Investoren weitere Anteile.

Softbank wollte sich auf Anfrage nicht zu den Sonderkonditionen äußern.

Fest steht: Verlieren könnten am Ende vor allem alle anderen Geldgeber, die sich auf die Bewertungstreiberei des Vision Fund eingelassen haben. Rajeev Misra wirke oft wie ein Cowboy, aber man sollte sich nicht täuschen lassen, erzählt einer seiner Vertrauten. Der Inder habe sehr klar im Blick, dass sich die makroökonomischen Bedingungen plötzlich rapide verschlechtern können. Das sei schon immer seine Stärke gewesen.

Im Zweifel, sagt ein Ex-Kollege, werde Misra schon einen Weg finden, wieder short zu gehen zu den eigenen Exzessen. So wie damals. Als es mit MBS schon einmal rasant nach oben ging – und dann in den Ruin. Das Kürzel stand seinerzeit noch nicht für Mohammed bin Salman. Sondern für Mortgage Backed Securities – hypo - thekenbesicherte Wertpapiere, die Brandbeschleuniger der Finanzkrise.

GELDREGEN

Anzahl der Start-up-Finanzierungsrunden in Höhe von mindestens 100 Millionen Dollar


Foto: [M] Ryan Pfluger / August

Fotos: Peter Prato / NYT / Redux / Laif, Daniel Hambury / Evening Standard / Eyevine / Intertopics, Kai Müller für mm, Visual China Group / Getty Images

Foto: Jeenah Moon / Bloomberg