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HERRSCHAFT: Ergebenst dienen zum eigenen Vorteil


Spiegel Geschichte - epaper ⋅ Ausgabe 6/2019 vom 26.11.2019

DieHabsburger Monarchen regierten mithilfe loyaler Adeliger wie der Familie Liechtenstein. Es war ein Geschäft auf Gegenseitigkeit – dessen Regeln sich immer wieder änderten.


Es ging um alles für Rudolf von Habsburg am 26. August 1278. Um seine Macht, seinen Titel, sein Leben. Jahrelang hatte der inzwischen 60-Jährige mit dem böhmischen König Ottokar II. Premysl gestritten, denn der wollte die Wahl Habsburgs, des Emporkömmlings aus dem Alemannischen, zum König des Heiligen Römischen Reichs nicht akzeptieren. Nun kämpften die Rivalen auf dem Marchfeld nahe der österreichischen Stadt Dürnkrut die ...

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... entscheidende Schlacht.

Getümmel
Die Schlacht auf dem Marchfeld 1278 gilt als eine der größten Ritterschlachten Europas (Darstellung von Julius Schnorr von Carolsfeld, 1835).


Getreuer
Karl I. von Liechtenstein wurde als erstes Mitglied seiner Familie in den »Orden zum Goldenen Vlies« aufgenommen, den Ritterorden der Habsburger. In Österreich galt das als Höhepunkt der Adelskarriere (Porträt, um 1625).


Zu verdanken hatte der Monarch den Triumph vor allem den loyalen Adeligen, die ihn mit Geld, Truppen und eigenem Einsatz unterstützt hatten. Wie das Haus Liechtenstein, das die Dynastie von ihrem Aufstieg bis zum Absturz 1918 begleitete, ihr diente und so zu einer der ersten Familien in der Donaumonarchie avancierte.

Die enge Symbiose aus Aristokratie und Herrscherhaus folgte Regeln, die im mittelalterlichen Lehnswesen wurzelten: Adelige sicherten dem König Treue und militärischen Beistand zu und erhielten umgekehrt Schutz und Mitspracherechte auch in der Politik. Der Monarch gewährte der Oberschicht zahlreiche Privilegien. So durften die Adeligen zum Beispiel Gericht halten, hatten die Hoheit über Jagd- und Fischgründe inne, mussten keine Steuern zahlen und bildeten die adeligen »Stände« im Reichs- oder im Landtag, die unter anderem die Steuern für den Herrscher bewilligten (siehe Seite 43).

Die Adeligen zogen im Gegenzug von ihren Untertanen die Abgaben für den obersten Herrscher ein. Über Jahrhunderte bestimmte die Aristokratie auf diese Weise weitgehend das politische, wirtschaftliche und gesellschaftliche Geschehen in den österreichisch-böhmischen Erblanden, die zum Heiligen Römischen Reich gehörten.

Im 16. Jahrhundert erreichten die adeligen Stände den Zenit ihrer Macht. Viele von ihnen hatten die Lehren Martin Luthers begeistert aufgenommen und waren konvertiert – auch um ihre Eigenständigkeit gegenüber den streng katholischen Habsburgern zu zeigen. Die Liechtenstein holten evangelische Pfarrer aus dem Reich, und auch die wohlhabende Magnatenfamilie Esterházy in Ungarn, das mittlerweile ebenfalls von den Habsburgern regiert wurde, wandte sich dem neuen Glauben zu. In ihrem Gebiet, im Südosten, rückten die Osmanen bedrohlich nah. 1529 zogen diese sogar bis vor Wien. Um Geld für den Krieg, die sogenannte Türkensteuer, bewilligt zu bekommen, gestand Kaiser Karl V. den Lutheranern kurzzeitig widerwillig Religionsfreiheit zu, die auf dem Reichstag von Augsburg 1555 bestätigt wurde.

Doch langfristig wollten die Herrscher, die auch politisch eng mit der katholischen Kirche verbunden waren, die Religionsvielfalt nicht hinnehmen. Vom Beginn des 17. Jahrhunderts an betrieben sie die Gegenreformation. So erhoben die habsburgischen Kaiser beispielsweise gezielt Katholiken in den Adelsstand, um die Stände zu spalten, und besetzten offene Stellen in ihren Ämtern bevorzugt mit Glaubensbrüdern. Viele führende Familien der Donaumonarchie kehrten in dieser Zeit zum alten Christentum zurück. Einer profitierte davon besonders: Karl von Liechtenstein.

Gefürsteter
Der kaiserliche Feldmarschall Paul I. Esterházy de Galán -tha wurde 1687 in den Fürstenstand erhoben, ab 1712 durfte seine Familie den Titel vererben. Der Fürst spielte auch Cembalo und komponierte (Gemälde von Benjamin von Block, 1655).


Karl von Liechtenstein galt als weitsichtig, kaltblütig und entschlossen.


Nach seiner Konversion 1599 hatte er unter den Kaisern Rudolf II., Matthias und Ferdinand II. Karriere gemacht, war zum Geheimen Rat berufen worden und später sogar zum Obersthofmeister – nun stand kein Beamter dem Monarchen näher als er. Immer wieder hatte der Finanzexperte, wie schon seine Väter und Brüder, dem klammen Hof Geld geliehen. Zum Dank erhob der Kaiser ihn 1608 in den erblichen Fürstenstand.

Gerissen und skrupellos, weitsichtig und reaktionsschnell, kaltblütig und entschlossen – so wird Karl beschrieben. Dem Ruf wurde er im Dreißigjährigen Krieg gerecht. Aus Protest gegen die prokatholische Politik des Kaisers Ferdinand II. waren die Stände der böhmischen Länder gegen den Monarchen ins Feld gezogen. Karl half entscheidend, den Aufstand am 8. November 1620 bei der Schlacht am Weißen Berg nahe Prag militärisch niederzuschlagen. Kurz darauf verhängte er als Vorsitzender eines Strafgerichts drakonische Urteile wegen Hochverrat gegen mehrere sogenannten Rebellen. 27 Adelige und Bürger wurden unter seiner Aufsicht am 21. Juni 1621 von einem einzigen Henker öffentlich auf dem Altmarkt hingerichtet. Die Köpfe von zwölf Getöteten stellte man anschließend am Altstädter Brückenturm zur Schau, zehn Jahre mussten sie dort zur Abschreckung hängen bleiben.

Reihenweise wurden nun die Güter von geflohenen oder bestraften Adeligen in Böhmen und Mähren konfisziert und billig verkauft. Und kaum einer nutzte die Gelegenheit so konsequent wie die Familie Liechtenstein, allen voran Fürst Karl. Rasant stieg die Sippe zu einem der reichsten Adelsgeschlechter Mährens auf, sie gebot nach dem Krieg über fast ein Fünftel des Landes, außerdem besaß sie Güter in Schlesien, Böhmen und natürlich ihren Stammsitz in Niederösterreich.

Der Sieg über die aufrührerischen Stände ließ die adelige Opposition in den böhmischen und österreichischen Erblanden weitgehend verstummen. Wer nicht konvertieren wollte, wanderte aus. Die Güter übernahmen vielfach Edelleute aus dem Reich, Italien oder Spanien. Sie waren katholisch, akzeptierten die Regeln der Habsburger und hatten meist kein großes Interesse an starken föderalen Ständevertretungen, wie es die Reichs- und Landtage waren.

Die großen Dynastien wie die Liechtenstein besaßen Ländereien in mehreren habsburgischen Gebieten, deshalb waren auch sie nur noch bedingt regional verwurzelt. So regte sich kaum Widerstand, als die Regenten im 17. Jahrhundert die einst so starken Landtage weitgehend entmachteten und die Regierungsgewalt immer weiter in ihre Hand nahmen.

Viel interessanter wurde für die Aristokraten nun der Hof in Wien. Er entwickelte sich immer stärker zum politischen Zentrum der Monarchie. Gerade für viele nachgeborene Söhne, die keine Familiengüter übernehmen würden, gab es jetzt nur ein Ziel: einen Posten in der kaiserlichen Verwaltung zu ergattern. Denn die Präsenz am Hofe versprach Einfluss, Ruhm und Kontakte.

Die Habsburger förderten diese Entwicklung, denn sie profitierten aus vielerlei Gründen von diesem Sog. Indem sie die wichtigsten Familien um sich versammelten und politisch einbanden, konnten sie deren Einfluss nutzen und ihre Interessen in deren Herrschaftsbereichen durchsetzen.

Zudem strömten Adelige aus allen Teilen des habsburgischen Machtbereichs an den Hof: Tschechen, Italiener, Ungarn, Deutsche, Spanier und Österreicher. In diesem Vielvölkerhofstaat im Herzen des Reichs vernetzten Vertreter aus den verschiedenen Regionen die unterschiedlichen Teile des Habsburgerreichs miteinander.

Die Anwesenheit vieler hochrangiger Geschlechter wertete das Wiener Regierungszentrum auf. So schrieb ein Beobachter 1729, der Kaiserhof könne zwar nicht mit Prachtbauten wie in Frankreich aufwarten, doch werde man »seine Augen nicht wenig ergötzen, wenn man um Ihro Kayserliche Majestät und bey Hofe überhaupt lauter grosse Printzen, Grafen und Herren siehet, welche nicht nur gantz ausserordentliche meriten haben, sondern auch grosse Länder und vieles Reichthum besitzen und daher die Magnificence des Kayserlichen Hofes sehr vermehren«.

So entwickelte sich die alte Symbiose zwischen Adel und Monarch weiter: Die Aristokratie stützte die Macht des Herrschers – und der entlohnte die Loyalität nun mit Posten und Titeln, Geld und Ländereien.

Rund 2000 Personen zählte der Wiener Hofstaat zu Beginn des 18. Jahrhunderts, doch die Zahl der einflussreichen Ämter war begrenzt. So entstand ein ständiger Wettkampf unter den Adeligen. Den Monarchen konnte dies recht sein, denn nun stritten die hohen Herren sich nicht mit ihnen, sondern untereinander. Die Herrscher verschärften die Konkurrenz noch dadurch, dass sie zahlreiche Bürger nobilitierten, die sich um den Staat verdient gemacht hatten. Dieser Briefadel versuchte, den alten Erbadel zu imitieren und ihm so seinen Platz streitig zu machen.

Mit eher mäßigem Erfolg. Am Hof gaben weiterhin vor allem Abkömmlinge der ganz alten Elite den Ton an: Angehörige der Liechtenstein, Schwarzenberg und Auersperg. Sie besetzten über Generationen fast ausnahmslos die höchsten Positionen, wie die des Obersthofmeisters, Oberstkämmerers oder Obersthofmarschalls, und hatten so direkten Zugang zum Kaiser.

Doch auch eine ungarische Dynastie konnte sich bei Hofe etablieren: die Esterházy. Seit Jahrzehnten hatte sich die rekatholisierte Grafenfamilie im Grenzschutz gegen die Türken bewährt und 1652 sogar vier Männer auf einmal in einem Gefecht verloren. Erst drei Monate später waren sie beerdigt worden, angeblich weil die Osmanen ihre Köpfe nicht eher herausgegeben hatten.

Gesponsert
Anlässlich der Krönung des Habsburgers Joseph II. 1764 auf dem Römerberg in Frankfurt (Gemälde von Martin von Meytens, 1764) ließ Fürst Nikolaus I. von Ester házy spekta -kuläre Lichtspiele inszenieren.


»… Printzen, Grafen und Herren, welche grosse Länder besitzen«.


Grandezza
Nikolaus I. von Esterházy trug den Beinamen »der Prachtliebende«. Er beschäftigte an seinem Hof den Komponisten Joseph Haydn als Kapellmeister (zeitgenössisches Porträt).


»… ein schönes modell, Fürstlich zu leben und hauß zu halten«.


Paul I., der danach als 17-Jähriger an die Spitze des Hauses gerückt war, hatte um 1670 fest an der Seite der Habsburger gestanden, als ungarische Adelige gegen den Herrscher in Wien rebellierten. Als die Türken 1683 vor Wien standen, war er es, der die ungarischen Kroninsignien in Sicherheit brachte. Doch vor allem hatte er später die stets widerspenstigen Stände des Landes dazu bewegt, den Erbanspruch der Habsburger auf die Königskrone des Landes anzuerkennen.

Am 7. Dezember 1687 empfing er den höchsten Lohn dafür: Kaiser Leopold I. erhob ihn in Pressburg zum Fürsten – eine seltene Ehre für einen Ausländer, der im Reich keine Ländereien besaß. Nun gehörten die Esterházy zum europäischen Hochadel. Als Zeichen der Verbundenheit mit den Habsburgern zeigte ihr Wappen fortan ein »L«, die Initiale des Kaisers. Den Titel gab es jedoch nicht umsonst: In seinen Unterlagen notierte Paul, dass allein die Auslagen dafür 27000 Gulden überschritten – immerhin so viel Geld, wie ihm die Herrschaft Eisenstadt im Burgenland in einem Jahr einbrachte.

Vermögen war eine entscheidende Voraussetzung, um in den höchsten Kreisen mithalten zu können. Die Esterházy lagen nach Besitz und Einkünften im Habsburgerreich auf dem zweiten Platz hinter der Familie Liechtenstein. Im 18. Jahrhundert besaßen sie 400000 Hektar Land, eine Fläche fast so groß wie das Saarland, Hamburg und Berlin zusammen, und nahmen pro Jahr 700000 Gulden ein. Im selben Zeitraum musste ein Tagelöhner mit höchstens 30 Gulden auskommen.

Doch selbst sechsstellige Einkommen reichten oft kaum aus, um den aufwendigen Lebensstil des Hochadels zu finanzieren. Getrieben vom Konkurrenzkampf bei Hofe, gaben viele Aristokraten Unsummen für steinerne Statussymbole aus: Rund um die Hofburg des Kaisers in Wien entstand ein Barockpalast nach dem anderen.

Maßstäbe setzte dabei das Majoratspalais der Familie Liechtenstein in der Bankgasse: Fürst Johann Adam, der »Krösus von Österreich«, kaufte den Rohbau 1694 und ließ das Gebäude zum modernsten Stadtschloss Wiens vollenden. Mit seiner Fassade im klassisch-strengen Stil wurde das Gebäude zum Urtyp fortschrittlicher Palastarchitektur.

Das »Fürstliche hauß Liechtenstein giebet Fürstenpersonen in Teutschland ein schönes modell, Fürstlich zu leben und hauß zu halten«, schrieb der zeitgenössische Autor Zacharias Zwantzig über dieses Schloss und den prächtigen Gartenpalast, den der Fürst in der Rossau vor den Toren der Stadt errichten ließ. Regelmäßig zogen sich die adeligen Familien in solche Lustschlösser außerhalb zurück, um ihre Unabhängigkeit zu demonstrieren. Und manchmal folgten ihnen die Monarchen sogar – um den Prunk zu bewundern.

Im September 1773 besuchte Maria Theresia, Erzherzogin von Österreich und Königin von Ungarn und Böhmen, den Großmeister des Pomps unter ihren Untertanen: Fürst Nikolaus I. von Esterházy, auch der Prachtliebende genannt. Neun Jahre zuvor hatte er für Maria Theresias Sohn Joseph II. in Frankfurt eine spektakuläre Feier zur Krönung inszeniert. Johann Wolfgang von Goethe hatte hinterher vom »Esterházyschen Feenreich« geschwärmt. Jetzt empfing der Fürst die Regentin in seiner opulenten Schlossanlage Esterházy, die er in Fertöd nahe dem Neusiedler See bauen ließ. Gerade war die Bagatelle, ein Lusthaus im chinesischen Stil, vollendet worden. In der 8000 Menschen fassenden Schlossanlage verzauberte er Maria Theresia mit einem gigantischen Fest – zwei Tage lang.

Mit Esterhazy lustwandelte sie durch die Gärten, hörte im Opernhaus »L’infedeltà delusa« unter Leitung des hauseigenen Kapellmeisters Joseph Haydn und vergnügte sich abends beim Maskenball in der Bagatelle. Als sie eigenhändig ein Feuerwerk entzündete, erstrahlte das ungarische Wappen und darüber glitzerten die Buchstaben VMT: Vivat Maria Theresia.

Nikolaus’ Liebe zur Pracht kam die Esterházy teuer zu stehen: Als er 1790 starb, hinterließ er seinen Nachkommen 3,8 Millionen Gulden Schulden.

Doch der Einsatz lohnte sich, noch immer. Die Habsburger hatten die Aristokratie zwar geschwächt, doch nicht völlig entmachtet. Der Adel regierte weiterhin maßgeblich mit – nun nicht mehr gemeinsam in den Ständeversammlungen, sondern als Berater des Kaisers in Wien. Das war auch so geblieben, nachdem Maria Theresia mit ihrer Staatsreform 1749 die Adelsprivilegien weiter beschnitten hatte: Die Familien verloren die oberste Gerichtshoheit und mussten Verwaltungskompetenzen an die neuen Kreisämter abgeben. Und statt wie bisher der Monarchin jährlich die Steuern zu bewilligen, mussten die Aristokraten jetzt längerfristige sogenannte Rezesse verabschieden – und sogar selbst Abgaben zahlen.

Auch das Militär reformierte die Habsburgerin, Untertanen konnten als Soldaten nun zwangsrekrutiert werden, die lokalen Adeligen hatten keine Mitspracherechte mehr. Wer es jedoch wie Fürst Josef Wenzel von Liechtenstein geschickt anstellte, konnte seinen Einfluss durchaus behaupten. Im österreichischen Erbfolgekrieg 1741/42 hatte Österreich eine herbe Niederlage gegen Preußen erlitten. Fürst Josef Wenzel erkannte als Generalissimus der Regentin die entscheidende Ursache für die eklatante Schwäche der österreichischen Armee: die veraltete Artillerie.

Gefällig
Die Gartenseite des Rokokoschlosses Esterházy lässt die Pracht des An -wesens ahnen. Mit seinem riesigen Schlosshof und dem ausgreifenden Park gilt der huf -eisenförmige Bau als ungarisches Versailles (Gemälde, 18. Jahrhundert).


Im Auftrag der Kaiserin, mithilfe ausländischer Experten und eigenem Geld entwickelte der Fürst neuartige Feldstücke, Haubitzen und Mörser. Jährlich zog er das Artilleriekorps zu Gefechtsübungen zusammen und verteilte Lehrschriften zur Handhabung der Geschütze, die er auf eigene Kosten neu herausbrachte.

Uneigennützig war der Einsatz jedoch nicht: Als privater Unternehmer produzierte Josef Wenzel in seinen neuen böhmischen Manufakturen jene Waffen für die Armee, die er als staatlicher Generaldirektor der Artillerie entwickelt hatte.

Das österreichische Heer rüstete auf, bis Maria Theresia schließlich im Siebenjährigen Krieg Rache an Preußen nahm. 1757 schlugen ihre Truppen den Gegner bei Kolin – dank der überragenden Geschütze. Der preußische König Friedrich II. nannte Josef Wenzel daraufhin anerkennend einen »Pionier der modernen Artillerie«.

Die Familie Liechtenstein hatte nun fast alles erreicht, was man als Adelsgeschlecht erreichen konnte. 1719 waren ihre Territorien rund um Schloss Vaduz am Rhein zum Reichsfürstentum erhoben worden, damit wurden die Fürsten in den Reichsfürstenrat des Reichstags aufgenommen. Jetzt durften sie also nicht mehr nur an der Politik in den Habsburgischen Landen mitwirken, sondern auch im Reich.

Mochten die Staaten auch zunehmend auf eine moderne Verwaltung durch Berufsbeamte setzen, mochten Unternehmer und Bankiers durch eigene Verdienste gesellschaftlich aufsteigen, die alten Titel und die Versprechen, die mit ihnen einhergingen, zählten weiterhin. Und so bemühte sich auch die Familie Esterházy hartnäckig darum, endlich auf eine Stufe mit ihren Konkurrenten, den Liechtenstein, zu gelangen, Sitz und Stimme im Reichsfürstenrat zu erhalten.

Wie sein gleichnamiger Großvater gab auch das amtierende Oberhaupt des Hauses, Fürst Nikolaus II., das Geld mit beiden Händen für Kunst, Neubauten und einen luxuriösen Lebenswandel aus. Trotzdem gelang es ihm, die Reichsgrafschaft Edelstetten in Bayern für eine jährliche Leibrente von 11 000 Gulden zu kaufen. Am 20. Juni 1804 nahm der Ungar die Herrschaft in Empfang, ein knappes halbes Jahr später wurde sie von Kaiser Franz II. zur gefürsteten Reichsgrafschaft erhoben. Nikolaus II. hatte es geschafft: Er war nun unmittelbarer Reichsfürst und damit endlich den Liechtenstein, den Schwarzenberg und den anderen führenden Adelsgeschlechtern in der Habsburgermonarchie ebenbürtig.

Auf der Bank des Reichsfürstenrats saß er jedoch nie. Am 6. August 1806 legte Franz II. die römisch-deutsche Kaiserkrone auf Druck Napo -leons nieder. Das Heilige Römische Reich deutscher Nation war nach 844 Jahren Geschichte.

Für die Familie Liechtenstein hingegen zahlten sich die Investitionen der vergangenen Jahrhunderte aus: Mit dem Fall des Reichs wurde ihr Fürstentum souverän, nun war der Fürst selbst oberster Regent in seinem Land.

Bis heute existiert der Kleinstaat als konsti -tutionelle Erbmonarchie. Und bis heute stellt die Familie der Liechtenstein den regierenden Landes -fürsten.