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Herz & Horrror


Rolling Stone - epaper ⋅ Ausgabe 3/2019 vom 28.02.2019

Der erfolgreichste Regisseur des Landes,Fatih Akin , hatHeinz Strunk s traurig-grotesken Bestseller „Der goldene Handschuh“ über den Hamburger Serienmörder Fritz Honka verfilmt. Ein Gespräch über das Böse, die enthemmende Kraft des Alkohols, das wilde Hamburg, die langweilige Mittelschicht und den deutschen Schlager


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Bildquelle: Rolling Stone, Ausgabe 3/2019

Autor & Adept: Heinz Strunk und Fatih Akin (v. l.) im Februar 2019 in Hamburg-Ottensen


Strunk und Akin beim Fotoshoot des ROLLING STONE


FATIH AKIN & HEINZ STRUNK

DIE GRAUEN WÄNDE DER KLEINEN MANSARDEN wohnung sind mit Bildern nackter Frauen tapeziert. Säuberlich aus den „St. Pauli ...

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DIE GRAUEN WÄNDE DER KLEINEN MANSARDEN wohnung sind mit Bildern nackter Frauen tapeziert. Säuberlich aus den „St. Pauli Nachrichten“ herausgetrennt. Auf dem grauen Sofa sind Puppen drapiert. Auf dem Boden liegt eine nackte Frau. Man sieht ihren Körper, nicht ihren Kopf. Ein buckliger Mann in schmuddeliger Unterwäsche beugt sich über sie, in einer Hand hält er eine Säge. Er kniet außerhalb des Bildes nieder. Man hört ein Schmatzen, ein Ruckeln und ein Stöhnen. Blut spritzt auf die nackten Brüste.

Bilder aus einem Horrorfilm. Das Grauen findet vor allem in unseren Köpfen statt. Es hat allerdings so oder so ähnlich tatsächlich stattgefunden. Im Hamburger Stadtteil Ottensen, Bezirk Altona. Im Dezember 1970. Der Werftarbeiter Fritz Honka, 35 Jahre alt, geboren in Leipzig, hat in seiner Wohnung in der Zeißstraße 74 die 42-jährige Friseurin und Gelegenheitsprostituierte Gertraud Bräuer heitsprostituierte ermordet und zersägt. Vorher hat er versucht, mit ihr zu schlafen. Er hatte einige Flaschen Korn intus. Sein Blutalkoholspiegel lag zum Tatzeitpunkt bei etwa vier Promille.

Niemand hat von dem Mord etwas mitbekommen. Etwa ein Jahr später fand der Hausmeister eines stillgelegten Fabrikgebäudes in der Nähe der Zeißstraße beim Laubharken Gertraud Bräuers Kopf. Mit diesem Fund beginnt der 2016 erschienene Roman „Der Goldene Handschuh“ des Autors Heinz Strunk. Der südlich der Elbe in Harburg aufgewachsene 56-Jährige, der zum Komiker-Trio Studio Braun gehört, ist seit seinem autobiografischen Roman „Fleisch ist mein Gemüse“ von 2004 der melancholisch-komische Chronist der deutschen Trostlosigkeit und der alltäglichen Perversionen.

„Der goldene Handschuh“ ist allerdings ein sehr trauriges Buch, in dem Strunk das tiefschwarze Innenleben des Hamburger Kiezmilieus seziert, das geschundene Seelen wie Honka hervorbrachte. Der kleine, verkrüppelte und entstellte Mann, den die nur noch im Zustand des „Schmiersuffs“ existierenden Kreaturen am Tresen seiner vom zweifachen Box-Europameister im Leichtgewicht, Herbert Nürnberg, betriebenen Stammkneipe Zum Goldenen Handschuh nahe der Reeperbahn nur Fiete nannten, tötete zwischen 1970 und 1975 vier mittelalte, mittellose Frauen, die er im Goldenen Handschuh aufgelesen hatte. Drei der zerstückelten Leichen lagerte er in der Abseite seiner Wohnung. Den bestialischen Gestank bekämpfte er mehr schlecht als recht mit Fichtennadelduftsteinen und -spray. Bei einem Wohnungsbrand im Juli 1975 wurden die Leichenteile entdeckt. Er wurde zu 15 Jahren Haft verurteilt, „eine schwere seelische Abartigkeit mit Krankheitswert“ hatte sich strafmildernd ausgewirkt.

Honka wurde eine Hamburger Berühmtheit und ging in die Folklore der Stadt ein. Ein Sänger, der sich Harry Horror nannte, hatte 1975 einen Clubhit mit dem Song „Gern hab ich die Frauen gesägt“, und über der Tür des Goldenen Handschuh steht heute auf einem Schild „Honka-Stube“. Fatih Akin, im Honka-Bezirk Altona geboren und aufgewachsen, hat den Bestseller nun verfilmt. Dunkel, dreckig, grotesk. Es ist schwer hin-, und es ist schwer wegzugucken, Kneipengeruch und Leichengestank steigen einem in die Nase und gehen auch nach Ende des Films nicht weg; die Bilder von welken, hässlichen, schmutzigen, zerstückelten Körpern bleiben ebenfalls.

Nach dem Erfolg von Akins letztem Film, „Aus dem Nichts“, der einen Golden Globe gewann, ist „Der Goldene Handschuh“ ein ziemliches Wagnis. Ein paar Tage vor der Berlinale, wo der Film im Wettbewerb seine Premiere feiert, spürt man bei jedem Mitarbeiter aus Akins Produktionsfirma Bombero die Anspannung. Der Film ist auf den letzten Drücker fertig geworden, aber jeder hat ihn in zig Vorstufen und Schnittfassungen gesehen. Auch Heinz Strunk, der eine Viertelstunde vor dem Interview in einem Fotostudio ums Eck von Honkas ehemaliger Wohnung eintrifft und ziemlich angetan scheint. Und das, obwohl Akin in seinem Drehbuch eine Nebenhandlung eingedampft und die schlimme, demütigende Vergangenheit Honkas, die im Roman als Schlüssel zur Psyche des Serienmörders dient, vollkommen ausgespart hat. Der Autor wirkt lockerer als die Filmleute, die ich an diesem Tag getroffen habe. „Ich muss ja nicht mehr angespannt sein, ich habe das alles bei der Buchveröffentlichung vor zwei Jahren durchgemacht. Jetzt ist der Meister dran.“

Der Meister, Fatih Akin, trifft eine halbe Stunde später mit ein paar Armani-Einkaufstaschen in den Händen und tief über die Stirn gezogener Wollmütze ein. Man merkt dem 45-Jährigen den wenigen Schlaf der letzten Tage an. Die Begrüßung der beiden ist herzlich. „Hey, Alter!“ Sie haben viel Zeit miteinander und in den Gedanken des anderen verbracht. Akin ist den Weg des Autors in die fififinstere Hamburger Unterwelt nachgegangen. Nun sollen wir folgen.

„Der goldene Handschuh“ verlangt einem einiges ab. Der Film ist eine ziemliche Zumutung. Warum sollte man sich das als Zuschauer antun?
fatih AKIN: Dieser Film ist mit Sicherheit eine Achterbahnfahrt. Wenn Leute sich gerne gruseln, wenn Cineasten das Gefühl haben, das Kino muss ihnen körperlich was bieten – dann ist mein Film genau richtig. Ich finde, Kino ist heutzutage dann gut, wenn es sich vom Fernsehen und vom Streaming von Serien unterscheidet. Das Kino muss herausfordernd sein, um attraktiv zu sein. Das Kino muss ein Ereignis sein. Und ich habe eben versucht, ein solches Ereignis zu schaffen. Ein körperliches Ereignis. Das ist mit Sicherheit nicht jedermanns Sache. Aber ich glaube, wer sich diesen Film anschaut, wird daraus etwas mitnehmen. Man muss sich mit diesem Film auseinandersetzen.

Für die Schauspieler gab es beim Dreh psychologische Betreuung, stand im Abspann.
AKIN: Das war die Idee meiner Produzentin, Nurhan Sekerci-Porst. Die sagte: Hey, für diese heiklen Szenen sollten wir jemanden haben, an den sich die Schauspieler und das Team wenden können. Ich habe das total unterschätzt: Warum? Wieso? Wozu? Ich habe immer gerne kleine Sets, so wenige Leute wie möglich, um schnell zu sein. Aber Nurhan hat drauf bestanden – zu Recht, muss ich sagen. Während der Dreharbeiten muss ein Filmteam auch so was wie ein soziales Zuhause sein. Und wenn man so extreme Szenen zu leisten hat, ist es gut, wenn man so einen menschgewordenen Kummerkasten hat. Am Set habe ich das dann auch sofort verstanden. Allein schon weil ich diese Person dann selbst aufgesucht habe. Nach dem vorletzten Mord, dem Erwürgen – das hat mich selbst so fertig gemacht, mein eigenes Zeug, dass ich zu ihr gegangen bin und gesagt habe: Kann ich mit dir reden?

Herr Strunk, hatten Sie beim Schreiben des Romans auch das Bedürfnis nach professioneller psychologischer Betreuung?
heinz STRUNK: Nö. Ich wurde oft gefragt, ob das belastend war. Aber ich habe immer eine professionelle Distanz gehabt. Ich schreibe ja immer so 17 oder 18 Fassungen von einem neuen Roman, so was in der Größenordnung, und taste mich mit jedem neuen Arbeitsgang stilistisch dichter ran. Das ist meine Aufgabe. Und was die Morde angeht, stand zu jedem in der Prozessakte ungefähr eine Seite. Da konnte man dann nachlesen: Opfer hat ins Bett geschissen. Oder: Das Opfer hat dem Honka die Genitalien mit Senf beschmiert. Daraus musste ich dann für den Roman jeweils eine Geschichte von vier oder fünf Seiten bauen. Das war eher eine technische Sache für mich.

Was hat Sie an dem Roman gereizt, Herr Akin?
AKIN: Ich bin ein großer Charles-Bukowski-Fan, und der war auf jeden Fall ein ganz wesentlicher Teil meiner kulturellen Sozialisation …
STRUNK: … meiner auch im Übrigen …
AKIN: Und da habe ich eine Verwandtschaft gesehen, zwischen „Der Goldene Handschuh“ und Bukowski. Interessanterweise habe ich die erste Fassung des Drehbuchs während der Oscar-Kampagne für „Aus dem Nichts“ in Hollywood geschrieben – Bukowksi kommt ja aus Los Angeles. Und sein Roman über die Dreharbeiten von „Barfly“ heißt ja „Hollywood“.

War ein Film wie „Barfly“ auch eine filmische Referenz für „Der Goldene Handschuh“?
AKIN: „Barfly“ weniger, weil ich die Verfilmung für nicht so geglückt halte. Es waren eher die Österreicher: Uli Seidl und Michael Haneke. Das war schon prägend, weil ich fififinde, dass das eigentlich Horrorfilmregisseure sind, vor allem Haneke.

„Die Gratwanderung ist geglückt.“ Fatih Akin und Heinz Strunk


STRUNK: An die Österreicher habe ich auch gedacht, als ich zum ersten Mal in den Handschuh gekommen bin, also deinen für den Film nachgebauten Handschuh, und die Leute da gesehen habe. Da habe ich gedacht: Ist ja der Wahnsinn, wo du die herhast! Bei Seidl finde ich das irre, wie er diese Mischung aus Top-Profis und Amateuren hinkriegt … Man checkt irgendwie nicht, wer wer ist. Also ich jedenfalls nicht.

Haben Sie beim Film auch mit Amateuren gearbeitet, Herr Akin?
AKIN: Klar! Viele aus dem Milieu. Die beiden Frauen, die Korn-Uschi und Cola-Rum-Waltraud spielen zum Beispiel, sind Original-Kneipenfrauen aus St. Pauli.

Herr Strunk, Sie sind durchaus in diesem Milieu unterwegs, oder?
STRUNK: Ich bin 2009 zum ersten Mal in den Handschuh gegangen. Aber das war eigentlich mehr oder weniger ein Zufall. Ich bin da rein, und dann hat mich Sascha(Nürnberg, Enkel von Herbert und einer der beiden heutigen Betreiber) angesprochen, der kannte mich wohl von „Fleisch ist mein Gemüse“ und hat gemeint, dass es so viele Geschichten gibt, die da passieren, und er hat eigentlich eine Art Ghostwriter gesucht für die ganzen Anekdoten und lustigen und bizarren Begebenheiten, die sich da ereignet haben und immer noch ereignen. Aber als Roman funktioniert so eine Anekdotensammlung aus einer Kneipe nicht unbedingt. Und nach einem Jahr ist dann der Groschen gefallen, und ich dachte: Ja, Honka ist der richtige Aufhänger. So konnte ich anhand der Honkl-ueschichte auch den Handschuh erzählen.

Waren Sie auch mal da, Herr Akin?
AKIN: Ich habe den Handschuh erst durch Heinz entdeckt. Meine Frau hat mal auf St. Pauli gewohnt, und ich habe dann da mitgehaust und war vielleicht mal Zigaretten ziehen im Handschuh, weil nichts anderes mehr aufhatte. Aber sonst war das nicht so mein Milieu. Ich gehe schon in Bars und Kneipen, aber um diese typischen Stammkneipen habe ich immer eher einen Bogen gemacht.
STRUNK: Er wusste damals noch gar nicht, ob er den Film überhaupt machen wollte, und dann haben wir uns getroffen, und er hat gesagt: Ich muss da mal hin, ich muss das fühlen. Und dann sind wir da zusammen hingegangen. Und das war wie aus der Zeit gefallen, da hat sich so eine ältere, vielleicht fallen, 70-jährige Frau zu uns gesetzt, die dann irgendwie nach einer Stunde angefangen hat zu weinen und erzählt hat, dass ihr Mann sie verlassen hat oder so was. Und das war halt total berührend. Das hätte sich da auch vor 40 Jahren so ereignen können. Das hat dich dann auch überzeugt …
AKIN: Ja. Diese Begegnung war entscheidend. Das Elend dieser Frau, das hat mich total runtergezogen. Das hat mich deprimiert. Eine Außenseiterin eben. Die hat mein Herz berührt, anders kann ich das nicht beschreiben. Und am nächsten Tag bin ich aufgewacht und hatte den Blues wegen der Begegnung. Und am übernächsten Tag immer noch. Und ich dachte: Was ist das für ein Schmerz, der mich da so berührt hat? Und aus der Erfahrung weiß ich: Da, wo Schmerz ist, da ist irgendwo auch ein Drama, da gibt es etwas zu erzählen.

Sind Sie danach noch oft in den Handschuh zurückgekehrt?
AKIN: Ständig! Viel! Vor den Dreharbeiten, während der Dreharbeiten, nach den Dreharbeiten.
STRUNK: Das war immer sehr familiär. Ich war in den Jahren, in denen das Buch entstanden ist, so von 2010 bis 2014, bestimmt hundertmal da, und das Verhältnis ist ganz freundschaftlich geworden. Bei Fatih ging das dann im Zeitraffer, weil die Beschäftigung mit dem Laden sich über ein Jahr abgespielt hat. Ich gehe nicht mehr viel weg, aber wenn ich weggehe, bin ich immer da. Ich habe das Gefühl, da bin ich gern gesehen, und das ist irgendwie immer ganz schön. Und der Sascha, der eine von den Nürnberg, war auch ganz oft am Set und hat beratend mitgewirkt und hat auch eine kleine Szene im Film.
AKIN: Was mich an Hamburg stört, ist, dass die Stadt ihre Krallen verloren hat. Im Zuge des Immobilienbooms oder der Gentrifizierung oder was. Diese Stadt, die mal als raue Stadt galt. Ich komme aus Hamburl-ultona. Ich bin hier geboren und aufgewachsen. Und wenn du in den Achtzigern gesagt hast, du kommst aus Altona – was weiß ich, wenn ich irgendwelche Mädchen kennengelernt habe aus Blankenese oder so –, dann war das immer so ein bisschen assig und verpönt. Und das ist heute überhaupt nicht mehr so, das ist ja total aufgewertet worden. Und das ist überall so. St. Pauli wird halt auch immer glatter und teurer, und bald ist das Raue komplett weg. Und der Handschuh ist halt noch so eine winzige Insel, wo das Raue und Gefährliche noch zu finden ist, wo man die Krallen noch spürt. Deswegen gehe ich da doch noch gerne hin. STRUNK: Und direkt vis-à-vis ist ja noch der Elbschlosskeller, das ist mir dann doch …
AKIN: … zu heftig!(Lacht)
STRUNK: Während der Handschuh mittlerweile auch von Touristen und Szenegängern okkupiert wird, ist der Elbschlosskeller immer noch sehr pur, so wie der Handschuh zu Honkl-ueiten. Ich war zwei-, dreimal kurz davor, aufs Maul zu kriegen. Ich habe mich mit so ’m Typen unterhalten, so ’m Saufheini – wenn man sich da hinsetzt, setzt sich sofort jemand dazu, Berührungsängste gibt’s da nicht. Und man unterhält sich – natürlich hatte ich auch einen im Tee und so, aber nicht schlimm –, und plötzlich, aus dem Nichts, hat der mich richtig bedroht. Und da habe ich gedacht: Oh nee, das ist mir jetzt wirklich zu spooky!

Das ist doch die von Fatih Akin beschworene Wildheit oder Echtheit. Also will man die eigentlich doch nur aus der Ferne?
AKIN: Da geht es halt um Respekt. Man will den Leuten den Raum ja auch lassen. Ich weiß gar nicht, wie diese Welt das findet, dass wir da auftauchen – fühlen die sich wie im Zoo, oder was? Eigentlich soll das nicht so sein, und ich versuche die Leute auch nicht so zu behandeln, als wären sie irgendwelche Tiere im Zoo, die man anglotzt. Aber ich suche halt Geschichten. Und ich kann keine Geschichten über die gehobene Mittelschicht von Ottensen erzählen. Kann man bestimmt auch, die haben bestimmt auch sexuelle Probleme, und die Kinder und die Kitas, und der Kinderwagen funktioniert nicht. Aber das sind nicht die Geschichten, die mich interessieren. Andere Leute mag das interessieren, aber …
STRUNK:(lacht) Wenn der Kinderwagen nicht funktioniert, das ist schon deep, du!
AKIN: Mich interessiert das nicht, ich guck so was nicht, ich les so was nicht, und ich erzähle so was auch nicht. Dann schon lieber die Außenseiter, die Serienmörder. Was hat der Serienmörder mit mir zu tun? Gibt’s einen Moment, wo der mir nah ist? Und ich schwör dir: Wenn genug Alkohol im Spiel ist, dann kann jeder zum Honka werden.

An einer Stelle im Roman sagt der 17-jährige Reedersohn Wilhelm Heinrich, der sich in den Handschuh verirrt hat: „Werde ich auch so, wenn ich nur lange genug hier sitze?“
STRUNK: Genau. Als ich mich früher mit dem Nationalsozialismus beschäftigt habe, war das für mich eine Welt, die mehrere Lichtjahre entfernt war. Aber irgendwann fragte ich mich bei jedem, der mir über den Weg lief, was der im Dritten Reich wohl für eine Karriere gemacht hätte. SS … SA … Wir kommen in der Welt, in der wir alle leben, nur ganz selten in solche Grenzsituationen, wo man wirklich mit seinen Abgründen konfrontiert wird.

Der Alkoholexzess ist so eine Grenzsituation.
STRUNK: Das meiste, was ich mal geschafft habe, war ’ne halbe Flasche Schnaps oder so. Aber die Mengen aus dem Roman, die der Honka da wegkippt, habe ich mir ja nicht ausgedacht: Zwei Flaschen Korn – für mich nicht vorstellbar, in welche Zustände man da gerät. Ich wohne auch in so einer gentrifizierten Straße, da ist ein Schandfleck, der sogenannte Mistralbunker, ein Schutzbunker aus dem Zweiten Weltkrieg, in dem Leute mit Drogen- und Alkoholvergangenheit untergebracht sind. Man sieht also diese gehobene Mittelschicht mit ihren Kinderwägen, und dazwischen laufen zombiesk diese Leute rum und schämen sich für ihre eigene Existenz. Diese Maulwurfsmenschen versuchen den Lichtmenschen nicht in die Quere zu kommen. Und in der „Morgenpost“ gab es dann die Meldung, dass einer zu Tode gekommen ist. Der hat mit einer Bewohnerin aus dem fünften Stock getrunken und sich mit der gestritten. Dann hat die Alte einfach die Tür abgeschlossen. Und der Typ wollte raus und hat ein paar Laken aneinandergeknotet und versucht, sich abzuseilen. Und ist dann halt abgestürzt. Wenn man drei Flaschen Whiskey getrunken hat, kommt man vielleicht auf solche Gedanken. Vielleicht würde ich das auch.


„Aus Erfahrung weiß ich: Da, wo Schmerz ist, da ist irgendwo auch ein Drama, da gibt es etwas zu erzählen“


In Ihrer beider Werk spielen Außenseiter eine große Rolle. Bei Ihnen, Herr Akin, haftet demAußenseitertum immer eine gewisse Coolness an.
AKIN: Natürlich. Außenseiter, Verlierer – alles, was nicht die Gewinner und Sunnyboys sind. Find ich im echten Leben scheiße und in der Kunst sowieso. STRUNK: Ist einfach so, dass das Leben der Reichen, Schönen und Gesunden a) langweilig ist und b) literarisch und filmisch uninteressant.
AKIN: Das ist für die „Gala“. Und wo liest man die „Gala“? Aufm Klo.(Beide lachen)

Herr Strunk, bei Ihnen sehe ich selten was Romantisierendes – eher was Mitfühlendes.
STRUNK: Ach, ich weiß nicht – mitfühlend? Was mir bei meinem neuen Buch, „Das Teemännchen“, gut geglückt ist, sind präzise Zustandsbeschreibungen. Mir wird gelegentlich vorgeworfen, die Figuren, die ich zeichne, seien zu schwarz oder irgendwie alle hässlich und monströs oder deformiert. Aber den Leuten, die das sagen, kann ich nur raten, mal einen Tag in einer deutschen Autobahnraststätte zuzubringen oder einmal übern Dom zu latschen oder durch eine Einkaufsstraße – was einem da so begegnet … Und mein Interesse liegt darin, möglichst genau zu sein und möglichst nicht wertend.

Aber in „Der Goldene Handschuh“ gibt es viel Empathie für den Serienmörder Honka.
STRUNK: Das war kein Vorsatz. Das war nicht vorher geplottet, das entwickelt sich während des Schreibens. Die Faszination, die von Serienmördern ausgeht, ist ja enorm, und die werden immer als das abgrundtief Böse gesehen. Man will auch gar nicht, dass da noch was anderes ist. Wenn man aber 18 Prozessordner studiert hat, ergibt sich ganz automatisch ein komplexeres Bild und man findet Hinweise darauf, wie es dazu kommen konnte.

Zu Beginn des Romans zitieren Sie den Serienmörder Jürgen Bartsch: „Das Furchtbare, was geschehen ist, und das können Sie mir glauben, das kam nicht von meiner Seele.“
STRUNK: Das ist aus der tollen Doku „Nachruf auf eine Bestie“. Die arbeitet mit ganz vielen Interviews, das ist irrsinnig berührend. Bartsch ist eigentlich der interessantere Fall, aber für einen Roman kam der nicht infrage, weil, es heißt ja, man soll nur über das schreiben, wovon man Ahnung hat. Es mag Leute geben, die sich überall reinfinden können – ich kann das nicht. Ich kann mit Essen Ende der 50er-Jahre nicht viel anfangen. Und im Unterschied zu Honka war der Bartsch ein echter Sexualmörder, und bei den echten Sexualmördern geht es eben nicht darum, dass sie Geschlechtsverkehr ausüben oder vergewaltigen, da findet das oftmals gar nicht statt.

Was treibt die an?
STRUNK: Bei Bartsch war die größte Wunschvorstellung, einen Jungen bei lebendigem Leib zu schlachten. Für ihn war der Mord ein stundenlanger Orgasmus im Kopf – ich kann nicht nachvollziehen, wie das abläuft. Aber da verbietet sich Humor. Ich versuche ja in meine Bücher immer eine humoristische Grundierung reinzubringen. Was die Leute so sagen im „Goldenen Handschuh“, ist ja schon komisch, wenn auch nicht auf Pointe. Die sind einfach so, und man findet das in der Betrachtung auf Distanz ganz lustig. Das habe ich bei Bartsch nicht gesehen. Honka dagegen war sicher sexuell motiviert, aber man hat die Morde später als Situations- oder Milieutaten eingestuft, die nur unter bestimmten Umständen passieren konnten, unter anderem eben dem, dass immer mehrere Flaschen Korn konsumiert wurden. Erstaunlich, dass der noch einen hochgekriegt hat! AKIN: Bei mir kriegt er keinen mehr hoch …

Sie sehen Honka mit einem anderen Blick. Sie versuchen nicht zu erklären, warum er so geworden ist, wie er ist. Im Film ist er definitiv ein Täter, während er im Roman auch ein Opfer ist.
AKIN: Der Unterschied zwischen Literatur und Film beim „Handschuh“ ist, dass Heinz ein Buch über eine Kneipe und ein bestimmtes Milieu geschrieben hat. Und mein Film ist ein Horrorfilm über einen Serienmörder. Mich hat das Monströse an Honka interessiert. Deswegen habe ich viele Klassiker studiert, Sachen, die mich verstört haben, als ich sie das erste Mal gesehen habe. „Henry: Portrait of a Serial Killer“ von John McNaughton und „Der Glöckner von Notre Dame“, sowohl in der Literatur von Victor Hugo als auch die Verfilmungen von Dieterle und die von Jean Delannoy mit Anthony Quinn. Dann „Frankenstein“, der alte Film von James Whale von 1931, weil der Honka eben auch ein Monster war und doch noch auf eine gewisse Weise – na ja, nicht liebenswert, aber auch nicht von Grund auf böse. Ich habe intensiv studiert, wie es kommt, dass Frankensteins Monster so eine Figur der Populärkultur geworden ist, wie viele Serienmörder seit Jack The Ripper ja auch.

Ihre Besetzung des Honka ist interessant: Sie haben keinen Haudegen genommen, der dem durch Alkoholkonsum stark gealterten Mitt- bis Enddreißiger Honka ähnlich sieht, sondern Jonas Dassler, der ist gerade mal Anfang 20.
AKIN: Wenn man so was in Deutschland besetzen will, kommen natürlich sofort die üblichen Verdächtigen in den Sinn. Ich will jetzt keine Namen nennen … Ich hab diese Leute auch alle getroffen, und die haben das auch alle sehr gut gemacht, aber ich kam mir halt vor wie jemand, der einen typischen deutschen Film macht, und das wollte ich eben nicht. Ich wollte etwas Außergewöhnliches machen. Als ich das Drehbuch geschrieben habe, kam gerade „The Darkest Hour“ ins Kino, in dem Gary Oldman Winston Churchill spielt – und da ist die Maske der eigentliche Star des Films. Mir gefällt das, weil es etwas Technisches ist, weil es mit Verkleidung zu tun hat, und so was wollte ich immer schon mal machen. Honka war einfach extrem hässlich. Und da sehe ich eben die Verbindung zu „Der Glöckner von Notre Dame“ mit Anthony Quinn. Die haben auch viel Maske benutzt, und ich weiß noch, wie mich das erschrocken hat, als ich den Film als Kind zum allerersten Mal gesehen habe, wie mich das nicht mehr losgelassen hat bis heute. So einen Effekt wollte ich auch schaffen.

Diese Maske, von der man weiß, dass sich dahinter ein junger Mann verbirgt, macht den klassischen Horror vielleicht sogar noch größer.
AKIN: Das ist irre! Durch die Jugend berührt einen dieser Honka doch. Dabei habe ich eigentlich versucht, alle Elemente, die irgendwie um Empathie buhlen, rauszunehmen, es sollte nicht so ein manipulatives Scheißding werden. Es sollte „the real deal“ werden – aufrichtig. Aber dennoch muss man dem zuschauen wollen. Und die Zerbrechlichkeit, die die Figur mitbringt, die hat, glaube ich, mit der Jugend des Schauspielers zu tun, die sich, ob man will oder nicht, irgendwie in diesen Film hineinschmuggelt. Und dann ist die Jugend doch was Konstruktives für die Empathieentwicklung beim Zuschauer.

Entscheidend für die Empathieentwicklung ist auch die Musik, glaube ich. Die Schlager von Heintje, Freddy Quinn und Adamo.
AKIN: Die kommen direkt aus dem Roman. Da sind die ein wesentlicher Teil, und ich wollte daher, dass die Musik im Film mitspielt. Man musste eine Balance finden, um das Ganze nicht ins Lächerliche zu ziehen. Es gab schon die Versuchung, bei bestimmten Morden Roberto Blancos „Ein bisschen Spaß muss sein“ laufen zu lassen oder „Fiesta Mexicana“, aber das wäre dann genau der Klamauk geworden, den ich nicht wollte. Ich wollte keine Komödie machen. STRUNK: Ich finde, die Gratwanderung ist geglückt. Und wenn dann Heintjes „Du sollst nicht weinen“ läuft und die ganze Kneipe anfängt zu weinen …

Diese Traurigkeit liegt auch über dem Roman. Honka sieht sich als „trauriger, trauriger Mensch“.
STRUNK: Meine Nachbarin früher in der Zwergensiedlung in Harburg, eine ganz einfache Frau, die hat immer Heintje gehört und dazu geweint. Heintje war für sie der Größte. Der hatte eine enorme Bedeutung für ältere Frauen. Das geht weit darüber hinaus, dass es im Schlager um die heile Welt geht. Ich weiß, dass die Frauen damit unendlich viel verknüpft haben.
AKIN: Ich habe mich viel mit Fassbinder beschäftigt, um das Zeitdekor richtig hinzubekommen. Wenn es einen Filmemacher gibt, der einen in diese Nachkriegszeit schauen lässt, dann ister das. Und bei „Händler der vier Jahreszeiten“ kommt dieser Song von Rocco Granata vor(„Buona Notte Bambina“) . Und der Held, der sich später totsäuft, hört diesen Schlager wieder und wieder. Und „Lola“ von Fassbinder, der in den Fünfzigern spielt, beginnt mit einem Song von Freddy Quinn: „Unter fremden Sternen“. Ein Porträt von Adenauer an der Wand und der Song von Freddy Quinn. Da merkt man, wie viel Schlager mit dem Nachkriegsdeutschland zu tun haben. Das war so was wie der Soundtrack. Und deswegen war es wichtig, dass diese Musik bei bestimmten Szenen während des Drehs lief, quasi als Kommentar zur Handlung. Die Musik ist ein Teil der Erzählung.
STRUNK: Es gibt einen tollen Satz von Peter Handke, der lautet: „Als ob man, wenn man alles durchdacht hätte, wieder bei den Schlagertexten ankommen würde.“ Und ich bin mal in einem anderen Buch drauf gekommen, dass, wenn es in Kneipen langsam spät wird, so zwei, drei Uhr nachts, dass Schlager dann wahr werden. Da ist sehr viel Wahres dran.

Wird es denn eine Vorführung im Goldenen Handschuh geben?
AKIN: Dafür ist der Laden zu klein. Abgesehen davon: Das Ding ist ’ne Kneipe. Das ist kein Poetry-Slal-uaden oder ein Kino. Das ist ’ne Kneipe, die Leute wollen da einfach saufen. Die wollen nicht, dass wir da antanzen mit ’nem Projektor und da läuft ein Film. Die Leute wollen da saufen. Das sollen sie da auch tun in Gottes Namen!


FOTOS VON SANDRO BAEBLER