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HERZ IM HALS


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Bücher - epaper ⋅ Ausgabe 4/2022 vom 25.05.2022
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Bildquelle: Bücher, Ausgabe 4/2022

Bilder stehen zwischen uns und der Realität. Es kommt also auf uns an, was wir als Realität wahrnehmen, die stellvertretend durch diese Bilder über uns kommt. Vielleicht sollten wir ihnen tatsächlich nicht glauben? Glauben wir ihnen, müssen wir zugeben, dass sich die Welt unwiderruflich verändert hat. Es ist nun eine Welt, in der es geschehen konnte, was diese Bilder zeigen. Auch wir die Betrachtenden, unterstehen dem Zwang der Veränderung“, dieser Text von Tanja Maljartschuk erschien am 29. April im österreichischen Standard. Es ist der Tag, bevor der ukrainischen Schriftstellerin im festlichen Ambiente des Ahlbecker Hofs der Usedomer Literaturpreis 2022 überreicht wird. Texte wie diesen über die brutalen Kriegsbilder, die ihr täglich die Zerstörung ihrer Heimat vor Augen führen, schreibt Maljartschuk seit Kriegsbeginn für deutschsprachige Medien. Sie kommentiert, diskutiert und liest auf ...

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... Solidaritätsveranstaltungen, gibt Interviews im Radio und Fernsehen. Unermüdlich und bis zur völligen Erschöpfung ist sie eine Botschafterin und Netzwerkerin zwischen den Kulturen – zwischen ihrer Heimat und ihrer Wahlheimat, in deren Sprache sie ebenso zu Hause ist.

Am Vorabend der Preisverleihung sitzt Tanja Maljartschuk in den Kaisersälen im Publikum der Lesung von Olga Tokarczuk, der diesjährigen Juryvorsitzenden. Es ist die Premierenlesung der deutschen Neuübersetzung von „Anna In – Aus den Katakomben der Welt“, ein Roman, den Tokarczuk 2006 geschrieben hat, und den sie im Angesicht der aktuellen Weltlage mit Manfred Osten diskutiert. Denn Tokarczuks Nacherzählung des sumerischen Urmythos „Inanna“ aus dem alle folgenden Erzählungen der Menschheit entstanden sind, ist zeitlos aktuell. Als Manfred Osten eine Stelle im Buch, in der das gewaltvolle Treiben der Dämonen beschrieben wird, mit den Bildern aus Butscha vergleicht, ist die Antwort der Literaturnobelpreisträgerin: „Die Bilder der Gewalt sind universell. Gewalt sieht immer gleich aus.“ Sie habe sich einen Krieg im 21. Jahrhundert lange als Cyberkrieg vorgestellt habe, doch die Bilder aus der Ukraine haben ihr die Zeitlosigkeit der menschlichen Abgründe vor Augen geführt. Was die Welt retten kann? Eine neue Kraft, der es gelingt, sich aus der kausalen und patriarchalen Perspektive zu lösen. „Erst wenn es uns gelingt, die lebendige Welt zu sehen, erst dann wird der Tod verschwinden“, sagt Tokarczuk. Denn der Tod sei natürlich im Kreislauf des Lebens eingebunden, nur das Leiden und die Gewalt verkörpern das Böse, das von Menschen gemacht ist. Und so gibt sie uns einen Funken Hoffnung mit auf den Weg und eine große Aufgabe. Denn es sei möglich die Weltordnung neu zu denken. Diese friedliche Revolution des Denkens scheint gerade jetzt, im Angesicht von Putins Angriffskrieg, so weit weg wie nie zuvor. Doch wie auch Tanja Maljartschuk schreibt, wir müssen uns verändern angesichts der bildgewaltigen Realitäten aus der Ukraine – und zwar fundamental. Fotos: Geert Maciejewski / Usedomer Literaturtage; Tina Schraml

SEELENFORSCHUNG UND SELBSTKRITIK

Eine schmerzhafte Seelenforschung und kritische Selbstbefragung ist auch der Ausgangspunkt von Tanja Maljartschuks Roman „Blauwal der Erinnerung“. Denn es waren Recherchen zu der ersten ukrainischen Exilantenwelle in den 1920er Jahren nach Wien, der Stadt, in der sie selbst seit 2011 lebt, die Maljartschuk auf die Spur von Wjatscheslaw Lypynskyj brachten: „Lypynskyj gehört zur Reihe dieser vergessenen Aktivsten und Politiker in der Ukraine Anfang des 20. Jahrhunderts. Seine Besonderheit war, dass er sich als politischen Ukrainer erklärte – aus logischen Gründen hat er immer darauf beharrt, dass zwischen Polen und Russland ein ukrainischer unabhängiger Staat existieren muss.

Er hat versucht, eine Idee zu finden, welche für diese vielen Völker, die dort damals auf diesem Territorium lebten, eine Grundlage für das Zusammenleben sein konnte.“

Lypynskyj war der erste Botschafter des ukrainischen Staates in Wien und als Tanja Maljartschuk immer wieder auf seinen Namen stieß, begann sie seine Briefe und Schriften zu lesen – und fühlte eine große Nähe. „Wir sind uns so ähnlich, er war so kompromisslos, so unglaublich stur. Und gleichzeitig war er so enorm poetisch in seinen Texten, klug und selbstkritisch – eine Eigenschaft, die ich am meisten an Menschen bewundere. Den Ukrainern fehlte das sehr oft.

Lypynskyj hat später schreckliche Sachen über die Ukrainer geschrieben, was mir auch sehr gefallen hat“, bekennt sie schmunzelnd.

Tanja Maljartschuk holte Wjatscheslaw Lypynskyj aus der Vergessenheit zurück und verwebt seine Biografie mit einer Ich-Erzählerin in der Gegenwart, in der wiederum autobiografische Bezüge aus Maljartschuks Familie fiktionalisiert sind. „Irgendwann als ich mit dem Buch zu 40 Prozent fertig war, konnte ich plötzlich nicht mehr schreiben, quälte ich mich mehrere Monate sehr. Doch dann habe ich verstanden, dass Lypynskyjs Geschichte zu wenig für mich ist. Dass ich gleichzeitig die Geschichte meiner Familie erzählen muss, um dieses 20. Jahrhundert zu verstehen“, so die Schriftstellerin. „Ich musste die Ereignisse beschreiben, die für die Ukraine im 20. Jahrhundert so prägend waren.

Und das war eben auch die Holodomor-Geschichte von der Oma der Protagonistin. Ich wollte unbedingt davon erzählen, auch wenn es sehr schwierig ist über eine Hungersnot überhaupt zu schreiben.“ Maljartschuks Großmutter überlebte die von Stalin künstlich organisierte Hungersnot 1932/33, in deren Verlauf mehr als 3,5 Millionen Menschen in der Ukraine gestorben sind. Und sie habe immer nur die gleichen sinnlosen Sätze wiederholt, dass die Menschen in diesem oder jenen Dorf Kinder gegessen hätten, aber in ihrem Dorf nicht. „Wichtiger ist, was die Ukrainer nicht erzählt haben während des 20. Jahrhunderts, was sie nicht erzählen konnten, weil das so schrecklich ist. Genau das gleiche passiert jetzt. Wie kann man über die Ereignisse des Krieges im Moment schreiben – das kann man nicht.“

WIDER DIE VERGESSENHEIT

„Das menschliche Leben ist ihre Nahrung. Die Zeit verschlingt Millionen Tonnen davon, zerkaut, zermalmt sie zu einer gleichmäßigen Masse wie ein gigantischer Blauwal das mikroskopisch kleine Plankton – ein Leben verschwindet spurlos, um einem andern, dem nächsten in der Kette, eine Chance zu geben. Mich bedrückte weniger das Verschwinden selbst als die Spurlosigkeit des Verschwindens“, sinniert die Ich-Erzählerin im Roman.

Was Maljartschuk in all ihren sieben Erzählbänden und Romanen erschaffen hat, ist ein eigenes Universum, bevölkert von einfachen, oft randständigen Existenzen wie dem Froschpark-Kehrer Petro aus ihrer Erzählung „Frösche im Meer“, mit der sie 2018 den Ingeborg Bachmann Preis gewonnen hat. Es ist ihre Gabe diese Menschen so gnadenlos genau und liebevoll anzuschauen und zu beschreiben, dass sie diese der Vergessenheit einreißt.

Ob das auch ihre Motivation ist, die sie in den letzten zwei Monaten antrieb, sich selbst so sehr der Öffentlichkeit auszusetzen? Damit wir die einzelnen Schicksale anschauen, die der Krieg jeden einzelnen Tag zerstört. Auf meine Nachfrage, was sie antreibt, trotz der Sorge um ihre Familie und Freunde in der Ukraine, antwortet sie entwaffnend selbstkritisch: „Es ist eine Illusion, etwas bewirken zu können, meinen Beitrag zu leisten, der zusammen mit Millionen von Beiträgen anderer diesen Krieg stoppen könnte. Das ist naiv, ich weiß, oder egoistisch sogar. Das Sprechen über den Krieg hilft vor allem mir selbst, ihn durchzuhalten.“

ZWISCHEN OSTEN UND WESTEN

Der Historiker Andreas Kossert, neben Manfred Osten und Olga Tokarczuk Mitglied der Jury, hat mit „Flucht – Eine Menschheitsgeschichte“ ein Werk geschaffen, das statt einer großen Draufsicht, die einzelnen Fluchtschicksale beschreibt.

Er hält die Laudatio und führt das Gespräch mit der Preisträgerin. Ein Schlüsselmoment im Gespräch ist Kosserts selbstkritische Frage, warum wir Deutschen uns bisher so wenig für die Ukraine interessiert haben, er fragt sich, ob es an dieser komplexen nicht aufgearbeiteten Geschichte liegen könnte.

Tanja Maljartschuk gibt diese Frage ganz zu Recht zurück und sagt, dass es nicht ihre Aufgabe ist, diese Frage zu beantworten, sondern die der hiesigen Intellektuellen. Und sieht doch einen wichtigen Aspekt, wie es so weit kommen konnte: „Die Ukraine war immer zwischen dem Westen und dem Osten und dieses Land ist voll von vergessener Gewalt.

Alle haben Gewalt ausgeübt auf dem Territorium der Ukraine, die Russen, die Deutschen.“ Sie erzählt von dem Dorf ihrer Großeltern, in dem im Zweiten Weltkrieg zu 90 Prozent Juden gelebt hatten und dass es dort die Österreicher waren, die das Dorfzentrum anzündeten. Als sie zu dieser Geschichte recherchierte, erkannte sie, dass viele Soldaten auch damals schon keine Ahnung hatten, wohin sie fuhren.

Es waren Schutzpolizisten aus Wien – von Beruf Schlosser oder Metzger, ganz einfache Menschen. „Das zu erfahren war für mich ein Schock, weil ich ja jetzt selbst in Wien lebe.

Und ich liebe Österreich, ich liebe Wien. Auch damals schon war dieser Osten etwas weit Entferntes, wo man alles ungestraft machen kann. Das war das Schwierigste für mich, zu verstehen, dass der Holocaust zum Teil auch möglich war, weil der Westen den Osten nie auf Augenhöhe wahrgenommen hat“, erinnert sich Maljartschuk. „Jetzt ist es vielleicht anders, ich hoffe, dass es anders ist. Seit dem 24. Februar gibt es plötzlich dieses Aufwachen, so groß und so schmerzhaft – auch im Westen.“

Woher der russische Hass auf die Ukraine kommt, ist Maljartschuk zwar unerklärlich, doch auch hier sieht sie soziale Gründe, tief vergrabene Ursachen. Sie erzählt von einem Foto aus Butscha, wo auf die Ruine eines Hauses geschrieben steht „Wer hat euch das Recht gegeben, besser zu leben?‘. „Es ist tatsächlich so, dass Russland das einzige Imperium ist, das schlechter lebt, als die Kolonien. Ich bin überzeugt, dass das Regime in Russland jetzt sehr faschistoid ist, auch weil Russland nie bestraft wurde. Nicht für die Taten während des Zweiten Weltkrieges, nicht für die schrecklichen Morde und Überfälle vorher und nachher. Vor allen in diesen Kolonien rundherum gab es immer schon diese Massengräber, immer wieder neue Schichten.“

Auf meine Nachfrage, wie sie die deutsche Unterstützung der Ukraine und die gesellschaftliche Diskussion wahrnimmt und wie sich diese von Österreich unterscheidet, findet sie klare Worte: „Die Deutschen zögern und haben Angst – vor Russland, vor dem eventuellen Atomkrieg, vor dem eigenen verdrängten Totalitarismus. Sie tun weniger, als sie könnten, um die Ukraine zu unterstützen, diskutieren dafür mehr als notwendig. Im neutralen Österreich sind die Diskussionen nicht so heftig, weil man hier über die Waffenlieferung keine Entscheidungen treffen muss. Beide Länder sind vom russischen Gas sehr abhängig. Darum verhalten sich ihre Politiker ein bisschen wie Natter auf der heißen Pfanne (ein ukrainisches Sprichwort): trotz der lebensbedrohlichen Hitze versuchen sie, zu manövrieren, anstatt die Quelle der Hitze auszuschalten. Was man aber verstehen muss: die Welt, die Russland für uns alle vorbereitet, wird kein schöner Ort sein.“

SCHLÜSSEL ZUR GESCHICHTE

In seiner Laudatio beschreibt Kossert den Roman „Blauwal der Erinnerung“ als einen Schlüssel, um die Geschichte der Ukraine zu verstehen. Es ist auch eine Geschichte der transgenerationalen Traumata. Die Panikattacken ihrer Protagonistin, die Maljartschuk „Herz im Hals“ nennt, führen dazu, dass diese das Haus nicht mehr verlassen kann, immer weitere Zwänge entwickelt. „Ich bin aufgewachsen in einer einfachen sowjetischen Familie, deren wichtigste Botschaft durch Generationen weitervererbt war: möglichst leise zu bleiben, um keine Schwierigkeiten zu bekommen. Für die Generation meiner Großeltern war es die wichtigste Aufgabe zu überleben. Für die Generation meiner Eltern: nicht ins Gefängnis zu kommen oder nach Sibirien verbannt zu werden.“

Bis vor Kurzem sah es Tanja Maljartschuk als die Aufgabe ihrer Generation an, die Vergangenheit zu verarbeiten, über die Traumata zu schreiben. In ihrer Dankesrede erzählt sie, dass sie sehr früh damit begonnen hat zu schreiben, und dass es von Anfang an ihr innigstes Bedürfnis war, Menschen mit Texten glücklich zu machen, sie zu trösten und zum Lachen zu bringen. Denn wenn Menschen glücklich waren, brüllten und prügelten sie nicht. „Ich habe diesen schlauen Plan, seitdem ich sechs Jahre alt war, brav befolgt und damit großen Erfolg. Wenn meine Eltern am Abendbrottisch wegen dem stets mangelnden Geld stritten, kam ich wie eine Superheldin heran mit den ersten Gedichten über Kakerlaken. Sie streichelten meinen Kopf und versprachen, am Wochenende Wassermelone zu kaufen. Dafür war ich bereit, bis ans Ende meines Lebens über die Kakerlaken zu dichten. Früh habe ich also gelernt, zu kollaborieren.“ Geboren wurde Tanja Maljartschuk 1983 in Iwano-Frankiwsk im westlichen Teil der Ukraine. Sie studierte dort Philologie an der Universität der Vorkarpaten und arbeitete danach als investigative Journalistin in Kiew. Bereits mit 21 Jahren erschien ihr erster Erzählband. „Ich war nie eine gute Journalistin, denn ich war viel zu emotionell. Gott sei Dank bin ich rechtzeitig aus diesem Beruf geflohen, bevor der Journalismus mich zermalmte“, erklärt sie auf die Nachfrage, warum sie diesem Beruf den Rücken kehrte. „An Geschichten interessieren mich weniger die Fakten selbst, weniger die Realität, sondern die Emotionen, die sie auslösen, und die Schönheit ihrer Form.“

Als sie beschloss, Schriftstellerin zu werden, las Tanja Maljartschuk viele ukrainische Schriftsteller und stellte fest, dass die meisten eines unnatürlichen Todes gestorben sind. Allein in den 1930er-Jahren wurden über 300 Künstler während der stalinistischen Repressionen umgebracht. In den Geschichtsbüchern erhielten sie den Namen die „Erschossene Wiedergeburt“. „Mein Lieblingsdichter Wassyl Stus starb 1985 im Lager für besonders gefährliche Wiederholungstäter. Diese Liste kann ich unendlich weiterführen, egal über wen ich erzähle – er ist ein Kollaborateur oder ein Märtyrer gewesen. So war die Welt der ukrainischen Kulturszene immer aufgeteilt, so ist das Schicksal eines unterdrückten Volkes. Ich war und bin ein Teil davon – mit der Hoffnung, in meiner Generation dieses Verhängnis stoppen zu können. Eine erneute literarische Wiedergeburt fand gerade statt, als die Ukraine am 24. Februar angegriffen wurde. Seitdem ist mein Herz gebrochen. Alle meine Kollegen und Kolleginnen sind seitdem im Krieg oder helfen hinter der Front.“

Die Schlussworte von Tanja Maljartschuk zeugen von ihrem gebrochen Herzen, aber auch von ihrem Mut und ihrer Überzeugung, dass wir keine Angst haben dürfen.

„Im Krieg verstummt die Literatur, sie hilft den Zuschauern, aber nicht den Beteiligten. Man ist kein Schriftsteller, kein Künstler mehr, sondern ein Soldat oder eine Soldatin.

Eine Zeitenwende passiert gerade, die unsere Zukunft bestimmt, wie wir jetzt handeln, darüber werden wir in Zukunft Bücher schreiben.“

TANJA MALJARTSCHUK:

Blauwal der Erinnerung Übersetzt von Maria Weissenböck

Kiepenheuer & Witsch, 288 Seiten, 22 Euro TB-Ausgabe 14 Euro

Erstverkaufstag: 6. Juni

BÜCHERmagazin und Kiepenheuer & Witsch verlosen fünfmal „Blauwal der Erinnerung“.

Teilnahmebedingungen auf S. 4. Viel Glück!

DIE USEDOMER LITERATURTAGE EINE LITERARISCHE BRÜCKE IN DEN OSTEN Der Grundgedanke des Usedomer Literaturfestivals, das seit 2009 das Usedomer Kulturjahr eröffnet, ist es, Talente von Autor:innen zu fördern. Der Vorstand des Fördervereins der Usedomer Musikfreunde, allen voran der Hotelier Rolf Seelige-Steinhoff und der Intendant des Usedomer Musikfestivals Peter Hummel, legten von Anfang an Wert auf ein Konzept, das von Literaturkennern gestaltet wird. Nach langjähriger Zusammenarbeit mit Hellmuth Karasek und Denis Scheck, besteht die Jury 2022 aus der Literaturnobelpreisträgerin Olga Tokarczuk, dem letztjährigen NDR-Sachbuch-Preisträger Andreas Kossert und der Kulturhistoriker-Legende Manfred Osten. „Die Usedomer Literaturtage sind auch eine literarische Brücke nach Polen und zu den Nachbarn im östlichen Europa“, erklärt Andreas Kossert. Basierend auf dieser Ausrichtung, werden jährlich Literat:innen ausgezeichnet, die sich in hohem Maß dem Europäischen Dialog in Geschichte und Gegenwart verpflichtet fühlen. Der mit 5000 Euro dotierte Usedomer Literaturpreis beinhaltet darüber hinaus einen vierwöchigen Aufenthalt im Seehotel Ahlbecker Hof. „Wir wollen ganz einfach Zeit schenken, um neue Perspektiven zu finden – wir laden die Schriftsteller ein, bei uns zu arbeiten, fern ihres Alltags“, erklärt der Hotelier Rolf Seelige-Steinhoff.

Preisträger:innen wie Olga Tokarczuk (2012) oder Ilija Trojanow (2018) reihen sich ein in die in die große literarische Tradition der Insel auf der schon Thomas Mann an seinem „Zauberberg“ arbeitete. Und einige von ihnen wie Radka Denemarková (2011) oder Jaroslav Rudiš (2014) verewigen ihre Eindrücke von der Insel in kleinen Episoden oder Passagen in ihren Romanen und schreiben sich so selbst ein in den literarischen Kosmos der Inselwelt. usedomerliteraturtage.de