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HERZATTACKE –LÄUFER IN GEFAHR?


aktiv Laufen - epaper ⋅ Ausgabe 5/2021 vom 13.08.2021

HERZ

Artikelbild für den Artikel "HERZATTACKE –LÄUFER IN GEFAHR?" aus der Ausgabe 5/2021 von aktiv Laufen. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bildquelle: aktiv Laufen, Ausgabe 5/2021

Uns allen stockte der Atem, als Christian Eriksen bei der Fußball-EM zusammenbrach und reanimiert werden musste. Glücklicherweise passieren Herzstillstände beim Sport selten. Ins öffentliche Bewusstsein gelangen sie nur, wenn Spitzenathleten betroffen sind. Doch darf nicht verdrängt werden, dass es auf allen Leistungsebenen zu kardialen Ereignissen kommen kann, die mit lebenslangen gesundheitlichen Folgen und leider auch mit dem Schlimmsten enden können. Die genauen Ursachen für Eriksens Herzunregelmäßigkeiten, ob eine unentdeckte Herzmuskelentzündung (Myokarditis) im Spiel war, unterliegen der ärztlichen Schweigepflicht. Laufen hat andere Anforderungsprofile als Fußball, doch gab es besonders bei Langdistanzwettkämpfen vergleichbare Unfälle zu beklagen, die zu verstärkten Forschungen über mögliche Herzgefahren von „Marathon und mehr“ Anlass gaben. Wann wird Laufen riskant für das Herz? Gibt ...

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... es Warnsignale, typische Vorzeichen und vor allem präventive Richtlinien für Training und Wettkampf?

AUS HEITEREM HIMMEL

Gab es denn keine Vorzeichen, die bei medizinischen Checks hätten auffallen müssen? Diese Frage stellt sich immer, wenn ein Sportler wie aus heiterem Himmel kollabiert und im Nachhinein eine Myokarditis oder ein angeborener Herzfehler diagnostiziert wird. Aber tatsächlich offenbaren sich hier die Grenzen der medizinischen Prädiagnostik. In einer 2017 im „New England Journal of Medicine“ publizierten Analyse kommt Studienleiter Dr. Cameron Landry von der Universität Toronto zu dem Schluss, dass sich über 75 Prozent der insgesamt seltenen plötzlichen Herzstillstände bei Sportlern aus dem Nichts heraus ereignen. Es ließen sich keine Herzerkrankungen oder Strukturveränderungen entdecken, die in voraus-gegangenen kardiologischen Untersuchungen hätten auffallen müssen. Somit lassen sich sogar bei Profisportlern, die wie Christian Eriksen den strengen medizinischen Überwachungsvorgaben in Italien unterliegen, solche Unglücksfälle nicht ausschließen. Umso mehr gilt das für ambitionierte Amateure, auch im Laufsportbereich. Myokarditis, unentdeckte Vorerkrankung oder akute Stoffwechselentgleisungen – das Ursachenspektrum für dramatische Herzereignisse ist vielgestaltig.

„Wir fanden keine Hinweise für eine dauerhafte Schädigung, krankhafte Vergrößerung oder Funktionseinschränkung der rechten oder linken Herzkammer durch langjährig betriebenen intensiven Ausdauersport.“

Studienautor Dr. Philipp Bohm

SELTENE UNGLÜCKSFÄLLE

Nach einer kanadischen Fallanalyse kommt ein Herzstillstand auf etwa 130.000 Sportlerjahre, wobei ausdauersportliche Wettkämpfe und Sportarten mit Zweikampfkontakten häufiger betroffen sind.

DEHYDRATATION UND ELEKTROLYTENTGLEISUNG

Wenn auf langen Läufen Schwindel, Kopfschmerzen oder Kreislaufprobleme auftreten, muss immer an Flüssigkeitsdefizite (Dehydratation) und Elektrolytverschiebungen gedacht werden. Dass eine durch Flüssigkeitsmangel bedingte Blutverdickung einen gerade ausgelasteten Herzmuskel durch steigenden Pumpwiderstand überfordern kann, ist leicht nachzuvollziehen. Geraten kritische Elektrolyte wie Natrium und Kalium, die in die Erregungsleitung im Herzmuskel involviert sind, aus der Balance, wird es brenzlig. Die richtige Kaliumkonzentration ist für die Generierung des Herzschlags im sogenannten „Sinusknoten“ des Herzmuskels essenziell. Kommt es hier zu einer Verschiebung, beginnt das Herz zu stottern (Rhythmusstörung), und im „worst case“ werden gar keine Impulse mehr gebildet. Genug solch dunkler Gedanken mit dem nachdrücklichen Hinweis, Missempfindungen beim Laufen, seien es Schwächegefühle, Herzstolpern, Kaltschweiß oder „nur“ Kopfschmerzen ernst zu nehmen – auch wenn sie im wichtigsten Wettkampf eintreten. Hier den Helden zu spielen, zeugt nicht von Kampfgeist. Also bitte keinen falschen Ehrgeiz!

LÄSST ZU VIEL LAUFEN DEN HERZMUSKEL VERNARBEN?

Gerade für die Herz-Kreislauf-Gesundheit sind die Positiva regelmäßigen Laufens evident. Doch bei Bildern völlig erschöpfter Marathonis stellen sich Fragen zu medizinischer Begleitung und Dosierung der sportlichen Aktivitäten. Vier Jahrzehnte „Breitensport-Marathon“ sind eine tolle Sache, mahnen aber auch zum Gefahrenbewusstsein. Die Diskussion, ob zu häufige/intensive Läufe jenseits der 30-Kilometer-Marke die positiven Wirkungen ins Negative verkehren, ist nicht neu. 2009 deutete eine Studie der TU München mit 250 langjährigen Marathonläufern auf strukturelle Veränderungen am Herzen hin. Jeder zehnte Ü50-Marathoni wies über den Herzmuskel verteilte Narben auf, wie sie nach Herzmuskelentzündungen zurückbleiben. Als Relikte abgestorbener Zellen können diese Narben Rhythmusstörungen bis hin zur irreversiblen Herzschwäche verursachen. Die resultierende Minderversorgung der Organe versucht der Herzmuskel durch eine krankhafte Erweiterung (dilative Kardiomyopathie) zu kompensieren, die aber mit einer leistungssteigernden Größenzunahme – dem sogenannten Sportherz – nichts zu tun hat.

UNSER EXPERTE DR. STEFAN GRAF

Alter: 58

Wohnort: Berlin

Sportliche Erfolge: Passionierter Läufer und Fußball-Vizemeister im Hochschulsport

Beruf: Molekularbiologe und Fachzeitschriftenredakteur

SPORTHERZ:

• Physiologische Anpassung ans Ausdauertraining

• Muskel wächst in gesunden Proportionen

• Steigerung von Pumpkraft und Auswurfvolumen

• Bessere Blutversorgung der Organe

• Ruhepuls und Blutdruck sinken (Gefäßschutz, „Herz-Anti-Aging“)

DILATIVE KARDIOMYOPATHIE:

• Krankhafte Herzkammererweiterung als Reaktion auf Herzmuskelschwäche

• Unproportionale Größenzunahme

• Abnahme von Pumpkraft und Auswurfvolumen

• Verschlechterung der Blutversorgung aller Organe

• Puls- und Blutdruckanstieg

Bei einer mehrstündigen Ausdauerbelastung muss das Herz ein enormes Blutvolumen durch den großen Körper- und den kleinen Lungenkreislauf pumpen. Dies kann besonders in der rechten Herzhälfte, die das Blut in den Lungenkreislauf treibt, zu einem Rückstau führen, der die Herzkammer geringfügig erweitert. Durch jahr(zehnt)- elanges Langdistanzlaufen könnte sich diese Erweiterung manifestieren und die Arbeit des in derselben Region gelegenen Rhythmusgebers des Herzens (Sinusknoten) beeinträchtigen. Die Folge wären Rhythmusstörungen in Form von Extraschlägen oder Vorhofflimmern. Liegt hier ein Schlüssel für den plötzlichen Herztod beim Marathon?

GUTE NACHRICHTEN VOM MRT

Der möglichen Kausalität zwischen langjährigem Marathonlaufen und einer Schädigung der rechten Herzkammer sind Saarbrücker Sportmediziner 2016 in einer Studie mit 33 ehemaligen Spitzenathleten der Marathon-und Ironmanszene auf den Grund gegangen. Die Herzgesundheit der im Schnitt 47 Jahre alten „Ex-Cracks“ wurde mit modernen leistungsdiagnostischen sowie bildgebenden Verfahren untersucht und mit einer Kontrollgruppe aus Freizeitsportlern abgeglichen.

Neben sportherztypischen Anpassungen wies keiner der Spitzenathleten krankhafte Herzveränderungen auf. Ein ursächlicher Zusammenhang zwischen einem langjährigen Marathoni-Dasein und einer krankhaften Erweiterung der rechten Herzkammer wurde somit nicht bestätigt. Doch sollte das niemand als Freifahrtschein zum unbedachten „Drauflostrainieren“ interpretieren. „Marathon & more“ bleibt etwas Extremes, das eines durchdachten Trainingsregimes bedarf.

MYOKARDITIS – OFT ZU SPÄT ERKANNT

Sie tut nicht weh und wird oft erst erkannt, wenn sich das Kind schon im freien Brunnenfall befindet. Obwohl jeder Sportler um die Gefahr einer Herzmuskelentzündung weiß, werden banal anmutende Infekte – das „Grippchen“, Halsschmerzen, ein pochender Zahn – zu oft mit Ignoranz gestraft. Zwar bedeutet ein kleiner Huster und jedes „Hatschi“ nicht, dass sofort jede sportliche Aktivität eingestellt werden muss. Aber Vorsicht ist geboten, und auf erschöpfende Belastungen sollte schon bei ersten Infektzeichen verzichtet werden. Ein Erregerübertritt auf den Herzmuskel – meist handelt es sich um Viren, seltener um Bakterien – verursacht keine spezifischen Symptome. Der Herzmuskel schmerzt nicht, wie wir es von den Skelettmuskeln bei grippalen Infekten kennen, und etwas Abgeschlagenheit, Kopfschmerz oder fehlender Appetit bringt kaum ein trainierter Sportler mit seinem Herz in Verbindung. Das macht die Myokarditis so gefährlich. Sie macht sich oft erst in einem bedrohlichen Stadium mit Brustenge, Herzstolpern und Luftnot bemerkbar. Um das zu vermeiden, gibt es klare Handlungsempfehlungen, wenn ein Infekt im Anflug ist.

TRAININGSSTOP

Mit einem grippalen Infekt, Fieber, einer Zahnwurzel- oder Halsentzündung zu trainieren oder gar „ASS-gedopt“ an den Wettkampfstart zu gehen, multipliziert das Risiko eines Erregerübertritts auf den Herzmuskel! Hier gilt absolutes Sportverbot!

„BLINDER EHRGEIZ SCHADET NUR“

Das deutsche „Sudden Cardiac Death Register“, eine von Dr. Philipp Bohm betreute Datenbank, die alle plötzlichen Todesfälle sowie überlebte Herzstillstände beim Sport erfasst, zeigt, dass besonders ein Zuviel an hohen Belastungsintensitäten die Gefahr für ein plötzliches Herzereignis deutlich erhöht. Risikokandidaten sind besonders männliche Freizeitsportler mit unzureichendem Trainingszustand, die ohne hinreichende medizinische Begleitung eine deutliche Schieflage zwischen Belastung und Regeneration aufweisen. „Unsere Daten zeigen, dass der plötzliche Herztod beim Sport fast ausschließlich ambitionierte Freizeitsportler betrifft“, referierte Dr. Bohm auf der Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Kardiologie (2017). Männer im fünften Lebensjahrzehnt trifft es am häufigsten. Die absoluten Herztodzahlen beim Sport sind aber sehr niedrig. Vernünftig dosiert bleibt das Laufen der Herzprotektor Nummer eins!

TIPP

Für jeden ambitionierten Sportler gilt: Regelmäßige sportmedizinische Untersuchungen – auch wenn keine subjektiven Beschwerden vorliegen – minimieren das Risiko für ein akutes Herzereignis.

NEUE GEFAHR DURCH SARS-COV-2?

Die Befürchtungen waren groß, dass auch eine SARS-CoV-2-Infektion die Myokarditisgefahr massiv erhöht. Gerade die recht hohe Zahl von symptomfrei Infizierten könnte bei ungebremster sportlicher Aktivität in erhöhter Gefahr sein, dass SARS-CoV2 auf den Herzmuskel übertritt. Mit der heutigen Erfahrung aus eineinhalb Jahren Pandemie kann zumindest ein wenig Entwarnung gegeben werden. Die im „Herzbericht 2020“ der Deutschen Herzstiftung veröffentlichten Studiendaten sprechen dafür, dass es im Vergleich zu anderen Virusinfektionen keine erhöhten Risiken für einen direkten Befall des Herzmuskels mit SARS-CoV-2 gibt. „Fulminante Virusmyokarditiden – wie sie bei anderen systemischen Infektionen mitunter vorkommen – sind bei SARS-CoV-2-Infektion eher selten“, wird Prof. Dr. Andreas Zeihe von der Universitätsmedizin Frankfurt am Main zitiert. Allerdings hat die jüngst vom „Scripps Research Translational Institute“ in Kalifornien publizierte Datenanalyse „DETECT“ (Digital Engagement and Tracking for Early Control and Treatment) gezeigt, dass die Ruheherzfrequenz nach COVID-19 deutlich häufiger und länger erhöht bleibt als nach anderen Infektionen mit Atemwegsbeteiligung. Durchschnittlich 79 Tage (maximal >130 Tage) dauerte es, bis sich der Ruhepuls – bekanntlich ein aussagekräftiger Ausdauerindikator – nach COVID- Beginn normalisierte. Ähnliche Erfahrung musste auch Ironmansieger Patrick Lange machen.

Der Herzmuskel braucht offenbar länger, um sich von COVID-19 zu erholen, und sollte nicht durch zu schnelle Wiederaufnahme harter Trainingseinheiten gefährdet werden.

Ein niedriger Ruhepuls zeigt einen guten Ausdauerzustand an. Nach COVID-19 bleibt er oft zwei bis drei Monate lang erhöht. Daher unbedingt behutsam auf niedrigem Level das Training wiederaufnehmen!

DIE GESÜNDESTE SPORTART

Vernünftig dosiert, an die individuellen Voraussetzungen und an realistische sportliche Ziele angepasst, bleibt Laufen für das Herz-Kreislauf-System die wohl gesündeste Sportart überhaupt. Wer das beherzigt, wird sich seine Bewegungsfreude erhalten und mit geringen Risiken für dramatische Herzereignisse belastet sein. Alles Gute für Christian Eriksen und alle, denen Ähnliches widerfahren ist!

„Ich war sehr gut in Form, aber nach der Infektion hatte ich bei gleicher Belastung plötzlich zehn bis fünfzehn Herzschläge mehr. Es hat lange gedauert, bis ich wieder richtig in Tritt kam, rund sechs Wochen.“

Patrick Lange, Interview „FAZ“