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Herzenssache


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L-MAG - epaper ⋅ Ausgabe 6/2022 vom 28.10.2022
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Bildquelle: L-MAG, Ausgabe 6/2022

Er findet sie, sie findet ihn, der erste Kuss am mondbeschienenen Boulevard, sie verlieben sich, die Hochzeitsglocken läuten – Happy End! So wird bis heute die romantische Liebe medial präsentiert: erst leidenschaftliches Ringen, dann in der Ehe verbunden, zumeist natürlich hetero. Vermittelt werden idealisierte Bilder von Liebe und Beziehung – die auch viele Lesben und Queers mit Romantik verbinden. Doch woher kommt der Begriff Romantik eigentlich? Und wie hat sich seine Bedeutung über die Jahrhunderte gewandelt?

Romantik als zeitliche Epoche

Während verschiedene Ideen von Liebe wohl seit jeher bestehen – schon Sappho (um 612–557 v. Chr.) beschrieb in ihren Dichtungen eindringlich ihre Sehnsüchte nach Liebe, Lust und der Geliebten –, unterscheiden sich ihre Ausdrucks- und Beziehungsformen über Zeiten und Räume hinweg enorm. So ist die romantische Liebe, wie wir sie heute kennen, historisch ...

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... betrachtet ein recht junges Konzept. Der Begriff Romantik besteht zwar schon länger: Er leitet sich aus dem Altfranzösischen „romanz“ ab und bezeichnete ursprünglich einen höfischen Versroman, der in der romanischen Volkssprache gedichtet wurde. Heute ist als „die Romantik“ allerdings die vielfältige Stilepoche bekannt, die sich vom 18. bis in das 19. Jahrhundert erstreckte – in dieser Zeit wurde das Bild romantischer Liebe geprägt.

Auch in Schriften der Aufklärung finden sich leidenschaftliche Zuneigungsbekundungen. Die Schriftstellerin Luise Gottsched (1713–1762) zum Beispiel schrieb an ihre Freundin Dorothee Henriette von Runckel (1724–1800): „Kurz, ich lebe nur für Sie, um Sie zu lieben.“ Erst im späten 18. Jahrhundert verfestigt sich aber – vor allem über die Literatur in Europa und Nordamerika – auch das Konzept romantischer Liebe.

Sinnlichkeit und Kunst

Ihre Anfänge findet die frühromantische Bewegung Ende des 18. Jahrhunderts in Jena, mitgeprägt von Friedrich Schiller und dem Jenaer Kreis. Der Strenge der Klassik und der Vernunftsbetonung der Aufklärung setzen sie Kunst und Sinnlichkeit entgegen. Vor allem Poesie und Prosa erzeugen in dieser Zeit einen Sog ... und feiern große Erfolge! Auch in anderen Kunstformen werden Gefühle, das Individuelle, Schöpferische und Fantasievolle betont.

Als das Feudalsystem im Zuge von Aufklärung und industrieller Revolution fundamental erschüttert wird, wandeln sich auch die Gesellschaft und die darin gelebten Beziehungen. Neu ist, neben den individuellen Freiheitsrechten, auch die Vorstellung unkontrollierbarer Verliebtheit sowie die Verbindung von emotional-sexueller Anziehung und Partnerschaft – ein radikal neuer Gedanke.

Beziehungen zwischen Frauen

Dabei war die romantische Liebe auch damals keine alleinige Domäne der Heteros: Gerade in die Epoche der Romantik fallen vielfältige Experimente zu Gefühl, Liebe und Geschlechterrollen wie auch zu Lebens- und Gesellschaftsreformen.

Es gibt viele Beispiele für Freundinnenschaften, innige Beziehungen, Liebe und Leidenschaft auch zwischen Frauen. In Briefen wurden Paarfantasien entwickelt, der Wunsch vom Eins-Sein mit der umschwärmten Person wurde zu Papier gebracht. Diese Zeugnisse der Zuneigung zwischen Frauen sind oft noch kaum bekannt, kaum aufgearbeitet oder kommen erst mit der Zeit ans Licht.

Ein Beispiel, das zumindest schon hinlänglich erforscht ist: die intensive Freundschaft zwischen der Schriftstellerin Bettina von Arnim (1785–1859) und der Dichterin Karoline von Günderrode (1780–1806). Von Arnim schrieb: „[J]eder Augenblick den ich leb ist ganz Dein, und ich kanns auch gar nicht ändern daß meine Sinne nur blos auf Dich gerichtet sind [...]. Nur um Deinetwillen leb ich – hörst Dus?“ Eine Fülle an Material belegt von Arnims Freundschaft zu Günderrode, ermöglicht Deutungen als Art Liebesbeziehung mit erotischem Anklang – und macht sie zu einem der bekanntesten Frauenpaare in der deutschen Literaturgeschichte.

Günderrode war selbst Dichterin und wird auch die „Sappho der Romantik“ genannt. Ihre freien emanzipatorischen Gedanken musste sie zeitlebens unterdrücken. Ihre Werke behandelten Themen wie die Rolle der Frau („Ich habe keinen Sinn für weibliche Tugenden, für Weiberglückseligkeit. Nur das Wilde, Große, Glänzende gefällt mir.“) oder auch unerfüllte Liebe: „Die wahre, echte Liebe ist meist eine unglückliche Erscheinung.“

Dringend genauer unter die Lupe genommen werden sollten die Frauenbeziehungen weiterer Vertreterinnen der Romantik: zum Beispiel Rahel Varnhagen, die sich für die jüdische Emanzipation und die Emanzipation der Frauen einsetzte, oder Annette von Droste-Hülshoff (1797–1848), eine der bekanntesten Dichterinnen des 19. Jahrhunderts. Dass die unverheiratete Droste-Hülshoff ihr Leben hindurch intensive Freundschaften zu Frauen pflegte, ist von der Forschung selten zur Kenntnis genommen worden. „Du hast es nie geahndet, nie gewußt, Wie groß mein Lieben ist zu dir gewesen“, schrieb sie in einem Gedicht an eine ihrer Freundinnen, die Dichterin Katharine Schücking (1791–1831).

Freundschaft und Liebe wurden noch nicht klar voneinander getrennt

Die Strukturen dieser Zeit blieben trotz aller Veränderung patriarchal. Besondere Bedeutung kam der Freundschaft zu, die sich in der Romantik auch nicht als zwingend asexuell verstand: Dieser Bedeutungswandel ergab sich erst im 20. Jahrhundert. Freundschaft, Liebe und Leidenschaft waren in der Romantik nahezu untrennbar – und ermöglichten auch frauenliebenden Frauen Daseinsräume in einer Zeit, in der Sexualität zwischen Frauen undenkbar schien und teils rigide bestraft wurde. Die Freundschaft galt als eine Beziehung, in der die Beteiligten gleichberechtigt waren; entgegen der konventionellen Ehe, die als rechtliche Institution oft alleinige Existenzsicherung bot. Für viele frauenliebende Frauen war die Ehe mit einem Mann daher so selbstverständlich wie notwendig.

Die Frauenbeziehungen vieler Romantikerinnen sind – leider! – bis heute zu wenig erforscht. So wie die von Rahel Varnhagen (re.), Bettina von Arnim (li.) oder Karoline von Günderrode (Mitte). Von Arnim und Günderrode zum Beispiel verband eine innige Freundschaft ... und vermutlich noch mehr als das

„Nur um deinetwillen leb ich, hörst dus?“, schrieb Bettina von Arnim an ihre Freundin Karoline

Dabei sparten die emanzipierten Frauen in ihren Schriften nicht an Kritik: „[Ü]ber ein Gedicht von Schiller sind wir gestern fast von den Stühlen gefallen vor Lachen“, spottete die Salonière Caroline Schlegel-Schelling (1763–1809) in einem Brief über Schillers „Lied von der Glocke“, das bis heute zum Kanon der Schulliteratur gehört ... bereits damals aber aufgrund seines starren Frauenbildes für Hohn sorgte.

„Toxische Romantik“?

„Liebe ist Erkenntnis“, schwärmte Bettina von Arnim. In der Liebe spiegelte sich in der Romantik nicht nur die eigene Individualität, sondern auch die ganze Welt, und verfolgte dabei einen universellen, fast ewigen Anspruch. Diese Vorstellung machte die Romantik salonfähig – und wirkt bis heute. Nicht ohne jedoch weitere Wandlungen zu erfahren: So traten mit der fortschreitenden Emanzipation und der Vielfalt von Identitäten, Lebensund Gesellschaftsentwürfen auch weitere Liebeskonzepte neben das Romantische, die zum Beispiel eher sachlich, partnerschaftlich oder eher temporär ausgelegt sind.

Viele zeitgenössische feministische Autor:innen wenden sich gegen das romantische Konzept. „Wir leiden für die romantische Liebe. Die Liebe rechtfertigt alles, denn sie ist heilig“, schreibt die Journalistin Şeyda Kurt in ihrem aktuellen Buch und bezeichnet diesen Umgang mit der Liebe als „toxische Romantik“. Damit liegt sie auf einer Linie mit der Literaturwissenschaftlerin bell hooks (1952–2021), die sich explizit für eine Liebe frei von Gewalt und Dominanz – und damit normativer und patriachaler Zuschreibung – aussprach. hooks plädierte für eine Ethik und Politisierung der Liebe. „Wenn wir lieben, bringen wir offen und aufrichtig Fürsorge, Zuneigung, Verantwortung, Respekt, Hingabe und Vertrauen zum Ausdruck“, schrieb sie. Etwas, das nicht naturgegeben ist, sondern aktiv verwirklicht werden muss, unabhängig von Beziehungsform und -verhältnis. Liebe bezog hooks dabei nicht allein auf die Paarbeziehung – darin lässt sich eine unerwartete Gemeinsamkeit mit dem Liebesverständnis der Frauen der Romantik sehen.

Romantische Liebe ist bis heute ein sehr präsentes, aber nicht das alleinige Konzept von Liebe und Beziehung. Sie dient bis heute als Projektionsfläche für all die Sehnsüchte in Bezug auf Freundschaft, Gefühl und Liebe, die in einer patriarchal normierten Hetero-Welt nicht selbstverständlich gelebt werden durften und dürfen. Eine Liebe mit einem besonderen Anspruch an Wahrheit und Tiefe, mit Leidenschaft bis Sprengkraft ... die damals wie heute eben nicht nur gemäß Klasse, Gender und gesellschaftlicher Anerkennung existiert.

// Steff Urgast