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Herzlichen Glückwunsch, Steve!


blickpunkt musical - epaper ⋅ Ausgabe 3/2020 vom 26.05.2020

Hommage an Stephen Sondheim zum 90. Geburtstag auf broadway.com


Artikelbild für den Artikel "Herzlichen Glückwunsch, Steve!" aus der Ausgabe 3/2020 von blickpunkt musical. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Alle Mitglieder der Broadway Community sangen zum Abschluss ›I‘m Still Here‹ aus »Follies«


Foto: Broadway.com

Vorsehung gibt es sogar bei einer Pandemie. Das sehnlich erwartete Event dieser Broadway Spielzeit hätte die New Yorker Premiere der geschlechter-adaptierten Version von »Company« am 22. März sein sollen, Stephen Sondheims Geburtstag. Das Coronavirus hat sie vereitelt. Stattdessen feierten die größten Broadway-Talente, unter Produzent Raúl Esparza, am 26. April 2020 den Geburtstag des Meisters im Rahmen einer ...

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... Live-Stream-Tribute-Aufführung – genau 50 Jahre und einen Tag nach der Broadway Premiere der Originalfassung von »Company«.

Die Show war sowohl ein Zeugnis des andauernden Einflusses von Sondheims Werk wie auch eine Bekräftigung des Musiktheaters als Teil des uns bekannten Lebens. Tatsächlich könnte der Titel der Show »Take Me to the World« aus Sondheims frühem Werk »Evening Primrose« (Musik und Liedtexte 1951, ursprünglich als TV-Musical im Auftrag von ABC Network verfasst, 1966) – ein eindringliches Plädoyer für die Normalität einer junge Frau, die 13 Jahre lang das Haus nicht verlassen hat – metaphorisch gesehen nicht passender sein.

Nach einem holprigen Start (technische Schwierigkeiten beim Hochladen des Live-Programms auf broadway.com und YouTube), wurde die zwei Stunden und zwanzig Minuten dauernde Ehrung angemessen von Komponist Stephen Schwartz am Piano mit dem meisterhaften ›Prologue‹ aus »Follies« eröffnet, gefolgt von der Up-Beat, Blech-lastigen Ouvertüre aus »Merrily We Roll Along« (mit 21 Musikern in der Zoom-Matrix, welche wir schon zu gut kennengelernt haben).

Die folgenden 31 Songs, großteils vorab von den Darstellern zu Hause aufgenommen – meist mit Piano- oder Keyboard-Begleitung – wurden gekonnt zu einem Ganzen zusammengefügt, das die Stimmung dieser Zeit widerspiegelte. Und die Gemeinschaftsauftritte machen dieses Konzert (so sollten wir es wirklich nennen) wenn nicht zum besten, dann sicherlich zu einem der besten Überblicke über Sondheims Werk, und im Laufe der Jahrzehnte gab es viele.

Sondheims dramatische Songs neigen dazu, zutiefst nachdenklich zu sein. Die künstlerische Auswahl der Show beinhaltete einige von Sondheims wehmütigsten Kompositionen, ausgehend von seinen früheren, weniger bekannten Werken wie »Evening Primrose« oder »Anyone Can Whistle« (das 1964 nur neun Aufführungen überstand), bis hin zu seinen späteren, emo-tionsgeladenen Musicals wie »Sunday in the Park With George« und »Into the Woods«.

Die nachdenklichen Songs – gemischt mit kurzen Verweisen auf die Charity für ASTEP (Artists Striving to End Poverty, übersetzt: »Künstler, die darum kämpfen, Armut zu beenden«) und einer Handvoll nicht-musikalischer anerkennender Worte – spannten einen emotionalen Bogen. Unterbrochen wurde diesernur von einigen unerwarteten Interpretationen der Sondheim-Klassiker. Am einfallsreichsten warKatrina Lenk (die bei der Premiere die weiblicheBobbie in der neuen Version von »Company« verkörpert hätte): Sie spielte auf der Gitarre eine fesselnde, originelle Version von ›Joanna‹ aus »Sweeney Todd«. Elizabeth Stanley (derzeit Hauptrolle in »Jagged Little Pill«) bot eine außer-gewöhnliche Interpretation von ›The Miller‘s Son‹ aus »A Little Night Music«, mit der präzisesten lyrischen Klarheit, die ich je gehört habe.

Zur Hälfte des Programms erklangen ein, zwei druckvolle Takte durch zwei von Sondheims hinreißend melodischen Balladen. Zuerst präsentierte Lea Salonga mit einer wunderschön kalibrierten Intensität ›Loving You‹ aus »Passion«. Anschließend folgte Laura Benanti mit einer glühenden Interpretation von ›I Remember‹ aus »Evening Primrose«.

»And at times I think, I would gladly die. For a day of sky.« (»Und manchmal denke ich, ich würde liebend gern sterben. Für einen Tag des Himmels.«)

Sondheims einfachste Texte gehen zu Herzen.Leichte humorvolle Sequenzen durchbrachen den nachdenklich, bittersüßen Tenor. Neil Patrick Harris stellte sich der gesanglichen Herausforderung von ›The Witch‘s Rap‹ (»Into the Woods«), angestachelt von seinen zwei Kindern. Randy Rainbow definierte ›By the Sea‹ neu und trug dabei Mrs Lovetts Schlafhaube. Maria Friedman schmetterte ein überschwängliches, freudvolles ›Broadway Baby‹. Alexander Gemignani übertrieb es fröhlich mit seinem im Vaudeville-Stil dargebotenen ›Buddy‘s Blues‹.

Mit tadellos routiniertem Timing gelang Linda Lavin eine Punktlandung mit ›The Boy From…‹, einer Parodie auf den internationalen Hit aus den 1960ern, ›Ipanema‹, den Sondheim 1966 gemeinsam mit seiner langjährigen Freundin Mary Rodgers für die Off-Broadway-Musical-Revue »The Mad Show« schrieb.

Der überraschendste humoristische Moment derShow entstand mit der komischen Interpretation von ›Ladies Who Lunch‹ (eine der zugkräftigsten Schlussnummern aller Zeiten). Die Nummer, die typischerweise als existenzielle, bösartig betrunkene Mitleidsparty inszeniert wird, wird bemerkenswerterweise all ihres Zynismus‘ entkleidet (es gibt keinen Tropfen davon irgendwo in dieser Hommage) und von drei beschwipsten Diven – Christine Baranski, Audra McDonald und Meryl Streep – in Form eines Split-Screen-SingAlong zur Belustigung aller gespielt. Noch ein Wodka Stinger? Warum nicht.

Das Programm umging das offenkundig Politische (genug mit dem orangenen Elefanten im Raum!), aber Brian Stokes Mitchell präsentierte pointiert ›The Flag Song‹ aus Sondheims deutlich politischem Werk »Assassins«. Weniger bekannt, außer unter Sondheim-Anhängern, ist die Tatsache, dass der Song aus der Originalproduktion gestrichen wurde. Doch Sondheims Aussage darüber, was Patriotismus wirklich ist, ist aktueller denn je:

1. ›The Flag Song‹ aus »Assassins« – Brian Stokes Mitchell


2. ›Move on‹ aus »Sunday in the Park With George« – Jake Gyllenhaal & Annaleigh Ashford


3. Neil Patrick Harris sang …


4. … mit seinen Kindern Gideon Burtka-Harris und Harper Burtka-Harris – ›The Witch‘s Rap‹ aus »Into the Woods«


5. ›Broadway Baby‹ aus »Follies« – Maria Friedman


6. ›By the Sea‹ aus »Sweeney Todd« –Randy Rainbow


Fotos (6): Broadway.com

»We can change ourselves tomorrow, we‘re in charge, we‘ve a voice, an idea about tomorrow. To remember when the flag has gone by.« (dt.: »Wir können uns morgen ändern. Wir haben das Sagen, wir haben eine Stimme, eine Vorstellung von Morgen. Um sich zu erinnern, wenn die Flagge vorbeigezogen ist.«)

Mit Entschuldigung an all die Interpreten, die in dieser Rezension nicht erwähnt werden: jede Performance hatte ihren ganz eigenen, unverwechselbaren Wert. Unter den Auftritten der männlichen Darsteller besonders hervorzuheben sind Brandon Uranowitz‘ ›With So Little to Be Sure Of‹ (aus »Anyone Can Whistle« und einer meiner bevorzugten Sondheim-Songs), Michael Cerveris‘ starkes ›Finishing the Hat‹ (»Sunday in the Park With George«) sowie Chip Ziens›No More‹ (eine Reprise der Nummer, die er in der Originalfassung von »Into the Woods« 1987 präsentiert hat). Dazu die leidenschaftliche Darbietung des Moderators Raúl Esparza von ›Take Me to the World‹ und Josh Grobans wunderbare Zusammenführung von ›Children Will Listen‹ (»Into the Woods«) und ›Not While I‘m Around‹ (»Sweeney Todd«).

In echter Broadway-Showmanier hob sich das Programm das Beste bis zum Schluss auf. Klugerweise ließ Produzent Esparza ›Being Alive‹ aus (obwohl Aaron Tveit zu einem früheren Zeitpunkt im Programm bereits eine brillante Darbietung von ›Marry Me a Little‹ aus »Company« abgeliefert hatte), da dies viel zu offensichtlich gewesen wäre. Die drei letzten Nummern enthielten eine Steigerung der emotionalen Kraft. Angefangen mit einem inspirierenden ›Move On‹ aus »Sunday in the Park With George«, interpretiert von Annaleigh Ashford und Jake Gyllenhaal, die eigentlich in diesem Sommer in dessen Londoner Premiere hätten spielen sollen, über Patti LuPones ergreifende Darbietung des Titelsongs aus »Anyone Can Whistle« (ein weiterer meiner Favoriten), bin hin zu der fantastischen, durchdringenden A-Capella-Version von ›No One Is Alone‹ (»Into the Woods«) von Bernadette Peters.

Es kommt nichts an das Theatererlebnis heran – das Gefühl, wenn man eine Aufführung live sehen kann. Doch – ob aus einem emotionalen Bedürfnis heraus oder aus der Krisensituation – wie Sondheim in ›With So Little to Be Sure Of‹ schreibt: »We had a moment, a wonderful moment.«

Die Sondheim Hommage sollte noch auf broadway.com und YouTube zu sehen sein. Bleiben Sie bis nach dem Abspann der Credits dabei, denn Dutzende Mitglieder der Broadway-Community, auf vielen verschiedenen Bildschirmen, von vielen verschiedenen Orten aus, getrennt durch die Zeitzonen, kommen für ein gemeinsames ›I‘m Still Here‹ zusammen. Sondheims Vermächtnis hat Bestand, ebenso wie das Musiktheater, das sein Werk für immer prägt.

1. ›The Ladies Who Lunch‹ aus »Company« – Meryl Streep, Christine Baranski & Audra McDonald


2. ›No One Is Alone‹ aus »Into the Woods« – Bernadette Peters


3. ›Anyone Can Whistle‹ aus dem gleichnamigen Musical – Patti LuPone


4. Produzent Raúl Esparza bat um Spenden an »ASTEP«


Fotos (4): Broadway.com