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Heute mache ich: Nichts!


myself - epaper ⋅ Ausgabe 11/2019 vom 09.10.2019

Der moderne Mensch hetzt durch Job und Freizeit. Dabei hater eines verlernt: das gepflegte Rumhängen. Schade, findet unsere Autorin Marija Latkovic


Erwachsen ist erst, wer nicht mehr auf sich selbst reinfällt. Nur kann das eine Weile dauern, länger als 18 Jahre sowieso, manche schaffen es nie: Weil sie laufend damit beschäftigt sind, allen anderen (und sich selbst) klarzumachen, wie spannend das eigene Leben doch ist. Also geht man abends in Bars, obwohl man lieber in der Badewanne liegen würde. Stellt den Wecker am Samstagmorgen auf 5.30 Uhr: Saisoneröffnung an der Zugspitze.

Doch genau da liegt das ...

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Bildquelle: myself, Ausgabe 11/2019

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... Problem. Denn dieser Aktionismus gepaart mit dem Sofortismus unserer Zeit kann auf Dauer nicht gut gehen. Psychologen bezeichnen dieses Phänomen als Freizeitstress und raten als Gegenmittel zum regelmäßigen Nichtstun: einen Tag oder, noch besser, ein ganzes Wochenende zu vertrödeln. Sogenannten Drinnis, also Menschen, die sich gern einigeln, fällt so was leicht, weil sie mit der Vorstellung, das wahre Leben spiele sich nur draußen ab, noch nie viel anfangen konnten. Früher wurden sie dafür belächelt und als Stubenhocker beschimpft. Seit ein paar Jahren versucht die halbe westliche Welt, es ihnen gleichzutun, nennt das seit Neuestem aber lieber „niksen”, was aus dem Niederländischen kommt und „herumhocken” bedeutet. Erste Ratgeber zur niederländischen Art, sich gepflegt zu langweilen, sind in Vorbereitung. Man könne sich zum Beispiel einfach mal auf eine Bank setzen und die Umgebung beobachten, im Zug aus dem Fenster starren oder abends den Sternenhimmel betrachten. Als wüsste der Mensch das nicht auch so. Andererseits: anscheinend nicht.

Wem langweilig ist, dem kommen oft die besten Ideen.


Die Sehnsucht nach der organisierten Langeweile kann man albern finden und belächeln. Oder man erkennt darin den verzweifelten Versuch, zwei Dinge zu vereinen, die in unserer Zeit nicht gut zusammengehen: auf der einen Seite die Notwendigkeit, sein System ab und an runterzufahren, auf der anderen Seite die ständigen Versuchungen der Welt. Um eine Erklärung dafür zu finden, müsse man noch nicht einmal den obligatorischen Steinzeitmenschen bemühen, sagt Tristan Garcia, der vor zwei Jahren einen klugen Essay mit dem Titel „Das intensive Leben” veröffentlicht hat (Suhrkamp). Darin geht der französische Philosoph der Frage nach, warum Menschen sich heute von einem Kick zum nächsten arbeiten, um bloß nicht in der Häkeldeckchen-Idylle früherer Generationen zu landen. Die Antwort des 38-Jährigen: Mit der Elektrizität zog im 18. Jahrhundert die Sehnsucht nach dem „Mehr” ins Leben ein – mehr Abwechslung, mehr Spaß und vor allem mehr Spannung. Gleichzeitig verschwand die Religion aus dem Leben vieler Menschen. Plötzlich durfte sich jeder selbst aussuchen, worin sein Glück liegt. Die meisten entschieden sich, lo- gisch, für ein möglichst intensives Leben. Schnell wurde das Nichtstun zum Inbegriff für Mittelmaß und Langeweile.

Das Schöne und gleichzeitig Blöde daran ist nur: Es lässt sich unendlich steigern. Wem Netflix nicht reicht, der nimmt Amazon Prime dazu. Wer es nicht ins Fitnessstudio schafft, turnt zu Hause vor dem iPad rum. Manche können ein solches Tempo ein Leben lang durchhalten, viele aber nicht. „Ich würde nicht sagen, dass unser heutiger Lebensstil uns per se krank macht”, sagt Iris Hauth, Vorständin der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie, Psychosomatik und Nervenheilkunde (DGPPN). „Aber er bewirkt Verhaltens- und emotionale Veränderungen, die zum Risikofaktor für zahlreiche Krankheiten werden können.”

Also doch besser niksen. „Anstatt dass wir uns auf etwas fokussieren, erlaubt es uns, die Gedanken wandern zu lassen”, sagt Ruut Veenhoven, Soziologe und Glücksforscher an der Erasmus-Universität Rotterdam. Nachdenken ist dabei genauso erlaubt wie tagträumen, eigentlich geht fast alles – solange niemand dafür vom Sofa aufstehen oder aus dem Bett muss. Und das Beste daran: Wer durchhält, wird reichlich belohnt. US-amerikanische Neurologen haben in einer Studie herausgefunden, dass beim Nichtstun gleich mehrere Gehirnregionen auf Hochtouren laufen. Mit der Folge, dass einem ausgerechnet dann häufig die besten Ideen kommen. Zum Beispiel für großartige Texte. Davon kann auch der Sänger Olli Schulz ein Liedchen singen. Wie hat er uns in seinem Song „Bettmensch” verraten? „Mit einem großen Spannbettlaken / Bin ich immer gut beraten / Und ich mach es mir gemütlich / Zwischen Daunen und Federkern / Lieg ich wirklich gern / Hier ist meine Welt noch friedlich / Und bitte jetzt nicht stören / Ich will Brian Wilson hören.”

INTERVIEW

„Abenteuer lassen sich auch in der eigenen Stadt erleben”
Autorin Harriet Köhler verbringt ihre Ferien immer zu Hause – jetzt hat sie ein Buch darüber geschrieben. Ihre besten Tipps für den perfekten Heimaturlaub

Warum denken so wenige Leute über einen Urlaub zu Hause nach?
Ich habe manchmal den Eindruck, dass es ein Automatismus ist, den man nicht hinterfragt. Man fliegt weg, weil es alle anderen auch machen. Außerdem passt das Reisen zum Selbstbild des kosmopolitischen Menschen. Und dann ist da noch das Fernweh: die Sehnsucht, aus dem Alltag auszubrechen und für eine gewisse Zeit jemand anders zu sein. Das kenne ich auch, frage mich aber lieber: Welche neuen Seiten kann ich auch zu Hause an mir entdecken? Welche Abenteuer kann ich in meiner Heimat erleben?
Abenteuer in der eigenen Stadt: Geht das wirklich?
Auf jeden Fall. Ich liebe es zum Beispiel, einfach mal in eine Richtung loszulaufen und zu schauen, wo ich lande. Unterwegs entdecke ich oft total spannende Kleinigkeiten oder komme mit Leuten ins Gespräch, die ich sonst nie kennengelernt hätte, was sehr inspirierend ist! Oder wie wäre es zum Beispiel damit, ins Museum zu gehen und sich nur ein einziges Bild anzuschauen – dafür aber ganz in Ruhe? Oder eine Stadtführung durch das eigene Viertel zu buchen?
Welche Vorteile hat der Heimurlaub noch?
Mal abgesehen vom positiven Effekt auf das Klima spart man viel Geld und Zeit. Die ewige Recherche im Vorfeld fällt weg, die oftmals anstrengende An- und Abreise auch. Das macht den Heimaturlaub weniger stressig, gerade wenn Kinder im Spiel sind. Und man hat bereits alles da, was man zum Glück braucht: das perfekte Bett, die richtige Kaffeemaschine, einen Schrank voll sauberer Kleidung.
Was geht zu Hause besonders gut?
Schlafen. Essen gehen auch, denn man kennt die besten Restaurants in der Stadt ja bereits. Und natürlich Nichtstun. Zu Hause kann man sich viel besser vom Druck frei machen, zwanghaft etwas erleben zu wollen.
Gerade das Nichtstun fällt uns ja besonders schwer.
Ich finde es gar nicht so schwer. Morgens bleibe ich zum Beispiel einfach mal im Bett liegen und schaue der Sonne zu, wie sie durchs Zimmer wandert. Dem Impuls, aufs Handy zu schauen oder mir einen Kaffee zu kochen, widerstehe ich ganz bewusst. Das ist irre entschleunigend.
Und wenn man nicht entspannen kann, weil man ständig das Gefühl hat, etwas erledigen oder sich mit jemandem treffen zu müssen?
Erster Tipp: keinem verraten, dass man zu Hause bleibt. Zweiter: das Handy für ein paar Tage ausgeschaltet lassen. Wem es extrem schwerfällt, zum Beispiel die Wäscheberge zu ignorieren, kann für eine Nacht in ein Hotel in der eigenen Stadt umziehen. Das liebe ich sehr.

Harriet Köhler, 42,
lebt mit ihrer Familie in Berlin. Ihr neues Buch heißt „Gebrauchsanweisung fürs Daheimbleiben” (Piper, 15 Euro).