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„Heute schaffe ich es, mein inneres Kind zu beruhigen“


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flow - epaper ⋅ Ausgabe 70/2022 vom 22.11.2022

Lebenslauf

Artikelbild für den Artikel "„Heute schaffe ich es, mein inneres Kind zu beruhigen“" aus der Ausgabe 70/2022 von flow. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bildquelle: flow, Ausgabe 70/2022

JENNIFER EGAN (Chicago, * 1963) ist eine US-amerikanische Schriftstellerin. 1995 debütierte sie mitDieFarbederErinnerung(dt. 1999), und 2010 gelang ihr der Durchbruch mit dem Roman DergrößereTeilderWelt,für den sie 2011 den Pulitzer-Preis erhielt. Als Journalistin hat sie für die NewYorkTimeshauptsächlich über psychosoziale Themen berichtet. Vor Kurzem wurde ihr neuer Roman TheCandyHouseveröffentlicht, der eng an DergrößereTeilderWeltanknüpft. Jennifer Egan lebt mit ihrem Mann, dem Theaterregisseur David Herskovits, und ihren Söhnen Manuel (Manu) und Raoul in New York.

VERGANGENHEIT

„WENN ICH NICHT SCHLAFEN KANN, STELLE ICH MIR VOR, ZU HAUSE BEI MEINEN GROSSELTERN ZU SEIN. ES WAR DER EINZIGE ORT MEINER KINDHEIT, DER KONSTANT BLIEB.“

„In letzter Zeit habe ich oft über meine Kindheit nachgedacht; sie ist zu einer Art mythischer Landschaft geworden. Die ersten sieben ...

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... Jahre meines Lebens habe ich in Chicago verbracht, meine allerersten Erinnerungen stammen jedoch aus Las Vegas. Meine Mutter flog mit mir dorthin, als ich zwei Jahre alt war, weil sie sich von meinem Vater scheiden lassen wollte. Im Flugzeug schaute ich aus dem Fenster und sah, wie die Welt immer kleiner wurde. An die Zeit direkt nach der Scheidung erinnere ich mich ebenfalls sehr deutlich. Vor allem an die Sonntage, die ich mit meinem Vater verbrachte. Morgens gingen wir immer in die Kirche. Mein Vater war irisch-amerikanischer Abstammung und sehr religiös. Nach dem Gottesdienst haben wir dann etwas Schönes unternommen, sind Hamburger essen oder in ein Kuriositätenmuseum gegangen.

Die allerschönsten Erinnerungen habe ich jedoch an meine Großeltern und ihr Haus in Rockford, Illinois. Es war der einzige Ort in meiner Kindheit, der konstant blieb. Da meine Mutter mit meinem Stiefvater oft unterwegs war, verbrachte ich viel Zeit bei meinen Großeltern. Eine Zeit ging ich bei ihnen zur Schule. Ich denke oft an ihr Haus zurück; es war geräumig, hatte einen großen Garten. Meine Oma liebte Gartenarbeit, und ich half ihr dabei. Ich war lange ihr einziges Enkelkind, weil meine Mutter mich schon mit 24 bekommen hatte. Wir standen uns sehr nahe. Im Haus gab es besondere Wandmalereien vom Vater meines Opas, der künstlerisch begabt war. Die Garage war wie ein ägyptisches Grab gestaltet, das Badezimmer wie ein Aquarium, und das Treppenhaus schmückte eine japanische Landschaft. Manchmal, wenn ich heute nicht schlafen kann, stelle ich mir vor, wie ich durch die Räume wandere. Dann kann ich mich an jedes Detail erinnern. Ich öffne eine Schublade und weiß genau, was sich darin befindet. Sogar den Geruch erinnere ich.

Meine Großeltern sind schon vor vielen Jahren verstorben. Mit acht zog ich mit meiner Mutter und meinem Stiefvater nach San Francisco, danach besuchte ich sie seltener. Auch zu meinem Vater fuhr ich nicht mehr. Er hatte wieder geheiratet, und seine neue Frau untergrub meine Beziehung zu ihm. Sie war unglaublich gemein zu mir; ich hatte das Gefühl, ihr wäre es lieber gewesen, wenn ich nicht existiert hätte. In gewisser Weise bekam sie ihren Willen; irgendwann hatte ich keinerlei Kontakt mehr zu meinem Vater. Meine Mutter bekam mit meinem Stiefvater ein zweites Kind, meinen Bruder Graham. Mit ihm habe ich mich gut verstanden und wir vier waren wie eine richtige Familie.

Die Pubertät war schwierig für mich. Ich war unsicher, entwickelte mit dreizehn eine Essstörung und litt unter Angstzuständen. Damit hatte ich lange zu kämpfen. Mit 18, nach dem Highschool-Abschluss, nahm ich mir ein Jahr Auszeit und reiste zweieinhalb Monate durch Europa. Das war im Sommer 1981. Ich startete in England, fuhr von da mit dem Schiff in die Niederlande, reiste dann weiter nach Belgien, Frankreich und Italien. Es fiel mir nicht leicht, denn ich hatte immer wieder Panikattacken, ohne benennen zu können, was mit mir los war. Ich befürchtete tatsächlich, wahnsinnig zu werden oder mein Gehirn mit den großen Mengen an Drogen, die ich auf der Highschool konsumiert hatte, zerstört zu haben. Ich hatte nie Angst, wenn ich mit anderen zusammen war, aber natürlich war ich oft allein.

Während der Reise führte ich Tagebuch, darin habe ich die Panikattacken beschrieben. Ich nannte sie „The Terror“, in Großbuchstaben.Das Tagebuch habe ich meinem ersten Buch zugrunde gelegt, DieFarbederErinnerung.Darin geht es um eine junge Amerikanerin, die durch Europa reist und herauszufinden versucht, warum sich ihre ältere Schwester das Leben genommen hat. Es ist nicht meine Geschichte, aber die Protagonistin folgt derselben Reiseroute. Ich hatte mir so vieles aufgeschrieben! Auf dieser Reise beschloss ich, Schriftstellerin zu werden. Ich hatte nie besonderes Talent bewiesen oder war durch meinen Schreibstil aufgefallen. Es war eine innere Stimme, und ich hörte auf sie.“

GEGENWART

„ICH WOLLTE MEINEN KINDERN AUF KEINEN FALL SO EIN CHAOS WIE IN MEINER JUGEND ZUMUTEN. DAVID UND ICH KONNTEN IHNEN DIE STABILITÄT BIETEN, DIE ICH NIE GEKANNT HABE.“

„Auch die Grundidee für mein neuestes Buch,TheCandyHouse,entstand auf meiner Europareise. Ich bin damals sehr vielen Leuten begegnet und habe mich bei einigen oft gefragt, wie es ihnen im Leben ergangen ist. Doch ich wusste nicht genug über sie, um sie ausfindig zu machen. Ich habe mir dann eine Maschine vorgestellt, in die man Erinnerungen einspeisen und so Menschen wiederfinden kann, die die gleichen Situationen erlebt haben. TheCandyHousenun handelt von einer App, die Erinnerungen ins Netz hochlädt und für andere sichtbar macht. So kann man sie immer wieder durchleben – entweder die eigenen oder auch fremde Erinnerungen. Ein gefährliches Glück, wie sich im Roman herausstellt.

Einmal habe ich ein Buch über mein Leben angefangen und bin auf einige hundert Seiten gekommen. Als ich aber mit 23 meinen Mann kennenlernte, hatte ich kein Bedürfnis mehr weiterzumachen. Auf einmal passte alles: ich wusste, was ich wollte und mit wem ich zusammen sein wollte. Die Geschichte meiner Kindheit und Jugend kam mir langweilig vor. Es gab so viele andere Geschichten zu erzählen. Dass ich bis heute mit David zusammen bin, macht mich stolz. Ich habe mir das so sehr gewünscht! Keinesfalls wollte ich meinen Kindern so ein Chaos wie in meiner Jugend zumuten. Ich schätze mich glücklich, dass ich den richtigen Partner gewählt habe, und bin überzeugt, dass wir gut zusammenpassen.

David ist Theaterregisseur. Bevor wir geheiratet haben, waren wir schon lange zusammen, und dann haben wir noch lange gewartet, bevor wir Kinder bekamen. Ich war 38, als Manu auf die Welt kam. Damals lebten wir in Paris, daher sein französischer Name. Im Grunde war es David, der unbedingt Kinder wollte. Ich war durchaus dafür, aber mehr theoretisch. Mein Kinderwunsch war nicht so ausgeprägt; ich habe nicht davon geträumt, Mutter zu werden. Außerdem wollte ich schreiben, dieses Bedürfnis war viel stärker. Aber als Manu dann geboren wurde, dachte ich: Wow, das ist das größte Abenteuer meines Lebens!

Es bedeutet mir viel, dass David und ich unseren Söhnen die Stabilität bieten konnten, die ich als Kind nie gekannt habe. Echte Traumata haben meine Kinder nicht erlitten; die Pandemie war die erste einschneidende Erfahrung in ihrem Leben, und da waren sie schon älter. Ich denke oft darüber nach, wie meine Mutter es fertigbrachte, einfach mit mir nach San Francisco zu ziehen oder wie der Kontakt zu meinem Vater vollkommen abreißen konnte. Meine Eltern konnten sich nicht ausstehen.

Dass Manu und Raoul noch zu Hause bei uns in New York wohnen, ist vielleicht das Beste, was ich erreicht habe. Wir haben nur ein bisschen umgebaut, weil der Jüngere eine Freundin hat und unsere Schlafzimmer direkt nebeneinanderlagen. Deshalb hat er sein Zimmer jetzt im Dachgeschoss, und der Ältere hat mein Arbeitszimmer bekommen. Seine Beine wurden zu lang, er passte einfach nicht mehr in sein Kinderzimmer.

Ich stehe meinen Söhnen sehr nahe. Als sie klein waren, brauchten sie nur ‚Mama‘ zu rufen, schon war ich zur Stelle. Ich wollte ihnen unbedingt das Gefühl geben, dass ich jederzeit für sie da bin.Lustigerweise will einer von ihnen – ausgerechnet! – Schriftsteller werden. Neulich hat er eine Kurzgeschichte mit dem Titel Weißtdu,wiesehrichdichliebe?geschrieben. Das habe ich früher oft zu meinen Kindern gesagt. Mein Sohn hat mich gefragt: ,Warum hast du nicht einfach gesagt, dass du uns lieb hast?‘ Ich konnte es ihm nicht genau erklären. Aber irgendwie hatte ich wohl das Gefühl, nachfragen zu müssen. Da zeigte sich meine Unsicherheit als Mutter. Die Kurzgeschichte meines Sohnes nun handelt – von einer überfürsorglichen Mutter! Es ist ein guter Titel, etwas bedrohlich, und die Frau in der Geschichte ist auch etwas bedrohlich. Ja, da zeigt sich meine tolle Erziehung! Demnächst beginnt bei uns wieder eine neue Phase: Auch der Jüngere geht an die Universität. Dann wird es leer bei uns.“

ZUKUNFT

„ALS SCHRIFTSTELLERIN ERFOLGREICH ZU SEIN, BETRACHTE ICH ALS BESONDERES GESCHENK. ICH DACHTE IMMER, DASS ERFOLG NUR ETWAS FÜR ANDERE IST.“

„Meine Kinder haben ein gutes Verhältnis zu meiner Mutter, so wie ich es zu meiner Großmutter hatte. Darüber bin ich froh. Inzwischen verstehe ich mich auch sehr gut mit ihr. Während meiner Pubertät war es eine Zeit lang schrecklich. Ich konnte sie nicht ausstehen und wollte auf keinen Fall so sein wie sie. Meine Mutter war – und ist – sehr schön, gepflegt und stilvoll. Nur liebevoll war sie kein bisschen. Außerdem fand ich, dass sie zu sehr auf Männer fixiert war und keine eigene Persönlichkeit hatte. Aber jetzt ist sie großartig, und ich liebe sie. Mit etwas über vierzig wurde sie Kunsthändlerin, und zwar eine ziemlich erfolgreiche. Das ist für mich ein gutes Beispiel und eine Inspiration.

Das Leben meiner Mutter war nicht leicht. Mein kleiner Bruder Graham litt lange unter psychischen Problemen. Gerade er, der immer so selbstbewusst gewesen war, charismatisch, stark und sportlich, entwickelte an der Uni Psychosen und schließlich eine Schizophrenie. Er nahm sich 2016 das Leben. Das war ein schwerer Schlag für uns alle. Dass er solche Schwierigkeiten hatte und nicht ich, ist mir immer noch ein Rätsel. Ich war die mit Ängsten, der verkorksten Kindheit, einer bösen Stiefmutter. Es ist ein Wunder, dass ich nicht in einer Anstalt gelandet bin. Im Gegensatz zu meinem Bruder habe ich auch keinen Hang zur Alkoholsucht, obwohl mein Vater ein Alkoholproblem hatte. Mit 60 wurde er auf einer Fahrradtour von einem Lkw erfasst und war sofort tot. Ironie des Schicksals: Damals war er seit acht Jahren trocken; mit Anfang fünfzig hatte er aufgehört zu trinken. Leider konnte er sein neues Leben nur für kurz genießen. Was mit ihm und meinem Bruder passiert ist, hat mir gezeigt, wie relativ alles ist.IchhabekeineAngstvordemTod,abereinstarkesBedürfnis,dieZeit,dieichhabe,sinnvollzunutzen.Ichfühlemichkörperlichfitundhoffe,dassichgesundbleibe,produktivbinunddasLebennochlangegenießenkann.Abermiristbewusst,dassesplötzlichvorbeiseinkann.

Als Schriftstellerin erfolgreich zu sein, betrachte ich als besonderes Geschenk. Ich dachte immer, dass Erfolg nur etwas für andere ist. Ich bin ja eine Spätzünderin, doch das war auch gut so. Ich hatte schon eine Menge geschrieben, alsDergrößereTeilderWelt2010 herauskam und zum Bestseller wurde. Danach war es eine Zeit lang schwierig. Die Erwartungen an mich waren so hoch – auch meine eigenen. Zum Glück hatte ich es schon oft geschafft, nach dem Abschluss eines Buches ein neues zu beginnen. Als unerfahrene Schriftstellerin wäre ich vielleicht nicht in der Lage gewesen weiterzumachen.

Erfolg kann auch ein Hindernis sein. Heute wird so viel Wert auf Äußerlichkeiten gelegt, jeder will berühmt sein. Für mich bedeutet mein Beruf als Schriftstellerin, dass ich mich immer weiter verbessern will. Man muss sein Bestes geben und darf sich nicht vom schönen Schein ablenken lassen, vom Anspruch, den nächsten Bestseller zu liefern. Ich frage mich oft, ob ich Schriftstellerin geworden wäre, wenn ich heute aufgewachsen wäre. Ich glaube nicht. Es war die Einsamkeit, besonders die auf meiner Europa-Reise, die den inneren Drang in mir wachrief. Wer erlebt das noch auf diese Art und Weise?

Meine Panikattacken sind im Laufe der Jahre weniger geworden. Ich glaube, das Älterwerden hat dazu beigetragen, das Alter und die Erfahrung. Man hat die Panik schon so oft erlebt und weiß, dass sie bisher jedes Mal vorübergegangen ist. Manchmal passiert es mir trotzdem noch, dass sich eine Attacke ankündigt. Aber es ist keine überwältigende Panik mehr, bei der ich denke: Alles läuft schief, die Welt wird untergehen. Inzwischen weiß ich: Heute ist es mal wieder so weit. Und sage mir, wie wenn ich krank bin: Lass es heute einfach mal ruhig angehen. Ich glaube, Mutter zu sein hat auch dazu beigetragen, dass ich mir inzwischen so gut zureden kann. Dass ich es schaffe, mein inneres Kind zu beruhigen. In meiner Kindheit habe ich das nicht gelernt. Aber zum Glück konnte ich es meinen Söhnen beibringen.

TEXT CLEMENTINE VAN WIJNGAARDEN