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»Hey, ich bin normal!«


sozialmagazin - epaper ⋅ Ausgabe 2/2020 vom 17.02.2020

Das Antonia-Werr-Zentrum nahe Schweinfurt ist eine der wenigen Jugendhilfeeinrichtungen, die in ihrer Konzeption zentral auf die Partizipation der Adressat_innen setzt. Diese Expert_innen haben in Zusammenarbeit mit Anja Sauerer, der Leiterin der Einrichtung und der Gründerin des Fachverbandes Traumapädagogik, Wilma Weiß, ein Buch geschrieben, in dem es vor allem darum geht, was wirklich hilft, zurechtzukommen. Wer hier der oder die Profi, Expert_in und Fachkraft ist, wird damit ordentlich infrage gestellt. Im Interview sprechen die Autor_innen über dieses neue Rollenverständnis, wie es sich damit lebt ...

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Bildquelle: sozialmagazin, Ausgabe 2/2020

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... und vor allem: wie es positiv auf die Expert_innen, ehemals Adressat_innen wirkt.


Marilena de Andrade: Liebe Expertinnen, liebe Frau Weiß und liebe Frau Sauerer, Ihr Buch mit dem Titel »Hey, ich bin normal!«? (Weiß/Sauerer 2018) hat im Bereich der stationären Jugendhilfe ein großes Echo ausgelöst. Worum geht es dort?

Wilma Weiß, Anja Sauerer, Expertinnen: Dieses Buch wurde von sogenannten »Expertinnen« und »Profis« gemeinsam gestaltet. Uns ist wichtig, dass die jungen Expertinnen, die herausfordernde Lebensumstände bewältigt haben, gleichberechtigt mit Professionellen zu Wort kommen, um über Themen wie zum Beispiel Trauma, Traumapädagogik und Traumabewältigung und auch andere Themen, die eng damit zusammenhängen, zu sprechen. Das Schöne an dem Begriff »Expertinnen« ist meiner Meinung nach, dass er bei den Lesenden für einen Perspektivwechsel sorgt und dabei hilft, bestehende oder festsitzende Blickwinkel auf junge Menschen zu überprüfen. Eines der Ziele für dieses Buch war für uns alle außerdem, durch die persönlichen und mutigen Berichte der Expertinnen auch anderen (jungen) Menschen für ihre eigenen Wege Mut zuzusprechen. Inhaltlich ist es eine Mischung aus Beschreibungen von herausfordernden Lebensereignissen der Expertinnen, Fachwissen von Expertinnen und Professionellen und Tipps für das Verständnis und auch eventuell für die Hilfe bei herausfordernden Lebensereignissen.

d.A.: Liebe Expertinnen, wie kam denn dieses ungewöhnliche Buch zustande?
Exp.: Zum 50. Jubiläum des Antonia-Werr-Zentrums, also der Einrichtung, in der wir arbeiten und wohnen, hat Wilma eine Rede gehalten, die sehr viel bewegt hat. Wilma hat die jungen Menschen zu Beginn mit dem Begriff »Expertinnen für herausfordernde Lebensumstände« begrüßt und deutlich gemacht, dass sie in ihren jeweiligen Leben schon viel geleistet haben und dementsprechend völlig normal auf extreme Umstände reagiert haben bzw. reagieren. Nach dieser Rede hat sich der dortige Heimrat zusammengesetzt und beschlossen, mithilfe von Wilma und Anja dieses Buch herauszubringen. Wir haben dann die Themen, die jetzt im Buch gesammelt sind, in mehreren gemeinsamen Workshops intensiv nachgearbeitet, bis das Buch fertig war.

d.A.: Liebe Frau Weiß, Sie sind durch das Buch »Philip sucht sein Ich« (Weiß 2003/2016) bekannt geworden, gelten als Mitbegründerin der Traumapädagogik und arbeiten bis heute sowohl aktiv im Fachverband Traumapädagogik als auch im Expert_ innenrat des Fachverbandes mit. Was ist für Sie das Besondere an diesem Buch?


Es ist total berührend zu hören und zu lesen, wie dankbar die jungen Expertinnen auf die Aussage reagieren, sie seien »normal«.


W.W.: Es ist total schön und berührend, immer wieder zu hören und zu lesen, wie dankbar die jungen Expertinnen auf die Aussage reagieren, sie seien »normal«. Das eine Zitat – recht am Anfang des Buchs, in dem eine junge Expertin sagt, dass sie jetzt endlich weiß, dass sie normal ist, weil sie normal auf »Un-Normales« reagiert hat, und dass sie sich bis zu dem Tag, an dem ich das gesagt habe, nicht getraut hat zu denken, dass sie normal ist – bewegt mich bis heute immer wieder sehr. Nach dem Vortrag im Antonia-Werr-Zentrum und der bewegenden Sitzung des Heimrats war für mich klar, dass ich dieses Buch gerne machen möchte, auch wenn es in der Entstehung ein eher ungewöhnliches Buch ist. Die gemeinsame Arbeit geht seither weit über die Produktion des Buches hinaus und hilft, Traumapädagogik nah an den Bedarfen der Expertinnen zu gestalten. Während unseres gemeinsamen Arbeitens habe ich so viel von Expertinnen gelernt und auch aufgrund dieser Erfahrung meinem Fachverband vorgeschlagen, einen Expert_innenrat als fachlichen Beirat zu gründen.

d.A.: Liebe Frau Sauerer, im Kapitel »Was hilft?« geht es viel um die »konsequente Anerkennung der Expertenschaft « (Weiß/Sauerer 2018, S. 84) – was ist damit genau gemeint?
Anja Sauerer: Damit meinen wir, dass Professionelle die jungen Menschen, die herausfordernde Lebensumstände überstanden haben, jederzeit wirklich ernst nehmen und mit ihnen in gewisser Weise auf Augenhöhe kommunizieren sollen, natürlich ohne ihre Verantwortung als Fachkraft außer Acht zu lassen. Fachkräfte sollen im Alltag stärker ihre eigene Haltung hinterfragen und häufiger berücksichtigen, dass jedes Verhalten einer inneren Logik folgt, die von außen oft gar nicht sofort begreifbar ist. Sie sollen sich also stärker den guten Grund für alle Handlungen vergegenwärtigen. Im Grunde geht es immer um eine Haltung, die sorgfältig zwischen der Begleitung der Selbstbemächtigung der Expertinnen und unserer Verantwortungsübernahme als Profis balancieren kann. Ich finde zum Beispiel, dass eine Vermittlung von Fachwissen durch Expertinnen viel besser funktioniert, weil es in der Pubertät viel leichter von Gleichaltrigen angenommen wird als von uns als Fach kräften, weil sie sich gegenseitig viel mehr glauben als Erwachsenen. Das Konzept zur Selbstverletzung (ebd., S. 112–118) ist ein schönes Beispiel für die Bedeutung der Expertenschaft. Ohne unser Wissen und die Anerkennung unserer Expertenschaft wäre das Konzept zum Umgang mit selbstverletzendem Verhalten nicht so erfolgreich.


Wir Expertinnen haben feine Antennen und checken sofort, wenn da was komisch rüberkommt.


d.A.: Liebe Expertinnen, welche Rolle hat die Partizipation bei der Expert_ innenschaft?
Exp.: Das ist das Herzstück von Expertenschaft! Nicht umsonst gibt es zu diesem Thema ein recht langes Kapitel in dem Buch (ebd., S. 88–98), in dem wir über unsere zentralen Rechte, über Beschwerderecht, Beschwerdemanagement und Möglichkeiten der konkreten Beteiligung berichten. Die Erzählungen vom LuiRat (also dem Heimrat), die danach kommt (ebd., S. 98–108), schildert ja auch wirklich, wie ernst wir diese Aufgabe und Position im Antonia-Werr-Zentrum nehmen. Das Konzept, wie in Situationen mit uns umgegangen wird, wenn wir uns z. B. selbst verletzen, das in enger Zusammenarbeit mit uns erstellt wurde, ist beispielsweise eines der Ergebnisse aus der konsequenten Partizipation. Es hat zwar einige Zeit gedauert, bis das Konzept fertig war, aber inzwischen wird es vom Lui Rat selbst und einer Betreuung vermittelt und ist meiner Meinung nach äußerst wertvoll. Die Mädchen in den Gruppen vertrauen uns. Auch wurden sie bei der Erstellung und werden noch bei der regelmäßigen Überprüfung einbezogen, ob es noch passt. Schwierig war für uns, den Erzieherinnen und den Psychologinnen zu erklären, dass sich manche Sachen anders anfühlen und dass der gut gemeinte nächste Schritt so nicht geht. Es war für die Profis schon schwer, unsere Vorschläge und Ideen anzunehmen. Klar gab es welche, die es besser verkraftet haben. Aber es gab auch welche, die sich das anhörten und dachten »ist mir egal«. Wir Expertinnen haben feine Antennen und checken sofort, wenn da was komisch rüberkommt. Aber auch das haben wir gut vermitteln können und wurden sehr ernst genommen.

d.A.: Liebe Frau Sauerer, was verändert sich in der Arbeit mit jungen Menschen, die herausfordernde Lebensumstände überwunden haben, wenn Ihnen mit der konsequenten Anerkennung der Expert_innenschaft begegnet wird?


Ich fühle mich herausgefordert, mit meinen Mitarbeiter_ innen auch über ihr Gestellt-Sein in der Welt zu diskutieren.


A.S.: Erst mal ist ganz wichtig, dass es zwischen den Expertinnen und den Profis weniger Macht gibt, wenn die Expertenschaft konsequent anerkannt wird. Der brasilianische Pädagoge Paolo Freire (u. a. 1970/1975) hat zum Beispiel immer gefordert, dass sich Lehrende gegenüber Lernenden nicht als ranghöher betrachten, damit die Hierarchie und damit die Macht von Lehrenden gegenüber Lernenden geringer wird. Natürlich sind klare Machtstrukturen manchmal einfacher, ganz besonders im Alltag. Aber sie verhindern eben, dass es Raum für ein gemeinsames Sich-Bemühen und ein Ringen um eine Verständigung zwischen beiden Individuen gibt. Diese Bemühungen umeinander empfinde ich jedoch als einen wirklich wichtigen Punkt in der Arbeit mit jungen Menschen. Erst in diesem Sich-Umeinander-Bemühen und durch das Verstehenwollen der anderen Person entsteht meiner Meinung nach eine wirkliche Überprüfung der eigenen Haltung – aber natürlich ist das wesentlich schwieriger und mit mehr innerer Arbeit verbunden. Auch ich habe nicht immer die Zeit und die Kraft im Alltag, dieser Haltung des wertfreien neugierigen Erkundens ausreichend Raum zu geben, aber ich weiß, dass wir auf alle Fälle auf beiden Seiten gewinnen, wenn es gelingt! Risikoreiches entsteht aus meiner Sicht nicht, da wir das Konzept stetig überprüfen und nach Bedarf neu diskutieren. Ich fühle mich von diesen Prozessen herausgefordert, uns zu hinterfragen in unseren Haltungen und in der wahrhaftigen Beantwortung in der Beziehung. Ich fühle mich herausgefordert, mit meinen Mitarbeiter_innen auch über ihr Gestellt-Sein in der Welt zu diskutieren und darüber, wie sie in Resonanz mit den Fragen der Mädchen gehen können. Es macht mich demütig und lässt auch mich meine Haltungen neugierig erkunden und weiterentwickeln.


Wir denken, dass viele Profis gar nicht wirklich daran glauben, dass wir stark sind.


d.A.: Liebe Expertinnen, was denkt ihr, warum fällt dieses Arbeiten Profis häufig so schwer?
Exp.: Wir glauben, dass es für manche Profis gar nicht so leicht ist, das Konzept anzuwenden, weil es oft ziemlich schwer ist, sich ständig hinterfragen zu lassen und miteinander zu diskutieren. Viele von uns waren vorher schon in anderen Einrichtungen und haben erlebt, dass uns eher etwas erklärt wurde, anstatt uns nach unserer Meinung zu fragen und uns wirklich mitbestimmen zu lassen. Wir denken, dass viele Profis gar nicht wirklich daran glauben, dass wir stark sind. Und manchmal denken wir auch, dass Profis zu oft und zu viel durch die Diagnose-Brille schauen, anstatt nach dem guten Grund zu fragen. Es war für manche Fachkräfte oft schwierig, unser Wissen und unsere Meinung anzunehmen, weil sie sich als Fachkraft angegriffen fühlten, sie konnten sich nicht emotional abgrenzen. Es gibt klar viele Profis, die es draufhaben, aber auch welche, deren Methoden ich als Expertin hinterfrage. Jetzt, wo ich einen sozialen Beruf lerne und auch Pädagogik und Psychologie, hinterfrage ich es noch mehr. Als das Buch herauskam, konnten einige das Geschriebene nicht so annehmen, weil das bedeutet hätte, sich sich selbst stellen zu müssen und auch wirklich ihre Arbeit zu hinterfragen.

d.A.: Was würdet ihr abschließend stationären Kinder- und Jugendhilfeeinrichtungen empfehlen?
Exp.: Wir würden uns wünschen, dass alle Menschen, die in Kinderund Jugendhilfeeinrichtungen arbeiten, die Expertenschaft so konsequent anerkennen wie das Antonia-Werr-Zentrum. Es ist zwar eine schwierige Situation, sich als 30-jährige Erzieherin von einer 13-Jährigen Tipps geben zu lassen, aber das ist Partizipation. Es macht eine gute Fachkraft aus, dass sie noch etwas lernen möchte. Und dass sie menschlich bleibt. Wir glauben, dass es damit sowohl den Expert_innen als auch den Profis besser geht, weil alle sich weiterentwickeln und damit stärker werden. Gerade wir Expertinnen haben so viel erlebt und können am besten sagen, was wir brauchen – wenn uns wirklich zugehört wird und wir in den Dingen unterstützt werden, die wir für die Arbeit und das Miteinander in der Einrichtung brauchen. Probiert es doch mal aus, wir sind sicher, es kommt etwas Schönes und Wertvolles für alle dabei her

Literatur

Freire, P. (1975): Pädagogik der Unterdrückten. Bildung als Praxis der Freiheit. ungek. Ausg. Reinbek: Rowohlt. Portugiesisches Original erschienen 1970.

Weiß, W. (2016): Philipp sucht sein Ich. Zum pädagogischen Umgang mit Traumata in den Erziehungshilfen. 8., durchgesehene Auflage. Weinheim: Beltz Juventa. Erstauflage erschienen 2003.

Weiß, W./Sauerer, A. (Hrsg.) (2018): »Hey, ich bin normal!« Herausfordernde Lebensumstände im Jugendalter bewältigen. Perspektiven von Expertinnen und Profis. Weinheim: Beltz Juventa.

Zur Person

Zur Person

Marilena de Andrade ist Mitarbeiterin im Bereich Psychosoziale Diagnostik und Intervention an der Alice-Salomon-Hochschule Berlin. E-Mail: marilena.deandrade@ash-berlin.eu

Wilma Weiß, Dipl.-Päd./Dipl.-Soz.-Päd., ist Mitglied im Vorstand und Expert_innenrat des Fachverbandes Traumapädagogik und langjährige Fachbuchautorin. E-Mail: wilmaweigmx.de

Zur Person

Anja Sauerer, Diplom-Sozialpädagogin (FH), staatlich anerkannte Erzieherin, Systemische Beraterin (DGsP), Traumapädagogin (DeGPT). Geschäftsführerin und Gesamtleiterin der Antonia-Werr-Zentrum GmbH. E-Mail: anja.sauerer@antonia-werr-zentrum.de


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© Antonia-Werr-Zentrum

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