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HEYM DOPPELBÜCHSE 89B: Boxlock im Heimatrevier


Halali - epaper ⋅ Ausgabe 4/2020 vom 29.10.2020

Über mehr als 150 Jahre hinweg haben Generationen von Büchsenmachern die Technologie und Funktion der Doppelbüchse perfektioniert. HALALI-Autor Theo Fischer führt durch die Welt der Boxlock-Modelle von Heym.


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Bildquelle: Halali, Ausgabe 4/2020

Nicht nur in Afrika sind die Boxlock-Doppelbüchsen beliebt. Auch im heimischen Revier spielt die 89B ihre Vorteile aus.


Die schlanke Doppelbüchse hat ihren Schwerpunkt genau unter den Laufhaken: perfekte Balance für den freihändigen Schuss.


Es ist ein lauer Sommerabend, an dem ich tagträumend über den milchreifen Weizen der kargen Emsländer Sanderflächen in den Sonnenuntergang schaue. Das warme ...

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... rötliche Licht belebt die kontrastreiche Maserung und die buntgehärtete Basküle auf dem Gewehr vor mir wie ein loderndes Lagerfeuer in der Savanne Kenias. Afrika-Feeling auf norddeutschem Karnickelsand. Das passt zum diesjährigen Fernweh in der Corona-Zeit.

Da erinnere ich mich an die Worte von Thomas Wolkmann, der sich einst mit mir eine Mittagsration Mailänder Schnitzel in der Kantine brüderlich teilte und dabei sagte: „Wir stellen uns einfach vor, wir sitzen in Afrika im Camp am Lagerfeuer und teilen uns die Beute.“ Das Gewehr, das vor mir auf der Brüstung liegt, ist sein Ein und Alles, seine Doppelbüchse 89B in 7 x 57 R. Eines von nur drei Jagdgewehren, die der Geschäftsführer der Firma Heym, neben einer Seitenschlossflinte 88F und einer weiteren 89B, jedoch in .450/.400 N. E., auf der Jagd führt. Thomas Wolkmann lebt für seine Doppelbüchsen, und in seinen Augen strahlt die Begeisterung für das nun wohl vollkommenste Modell aus dem tief verwurzelten Familien-Stammbaum der Heym Doppelbüchsen.

Bei Heym entstand das Modell 88B, das, in großen Stückzahlen gefertigt, unter dem zugegeben unverdienten Pseudonym „Entenschnabel“ einen großen Wiedererkennungswert für die Marke Heym erzielte. Auch heute noch prägt die nach hinten verlängerte Kante der Baskülenoberseite der 88B das Antlitz luxuriöser Seitenschlossdoppelbüchsen. Doch der eingeschworene Kreis von Gralshütern der klassischen Doppelbüchsen wie Tom Turpin, Mark Sullivan, Ron Peters oder Patrick Beyeler zeigte sich mit der Zeit zunehmend weniger begeistert gegenüber dem typisch mitteleuropäischen, funktionsorientierten Technikdesign. Schließlich war die Technik ja nach rund 150 Jahren fortwährender Entwicklung mehr als ausgereift. Es entstand über die Jahrzehnte der immer größer werdende Durst nach einer ästhetischen Renaissance der leichten und elegant gestalteten Boxlock-Modelle altbekannter englischer Waffenschmieden aus der Zeit um 1905.

Dieser Herausforderung stellten sich Thomas Wolkmann und Chris Sells von Heym USA in einem fast zehn Jahre währenden Reifungsprozess. Angefangen bei aufwendigen Designstudien alter englischer Modelle wie beispielsweise von Webley & Scott in Birmingham, mündete das Projekt bald in einer aufwendigen Verschmelzung von deutscher Ingenieurskunst, englischer Nüchternheit und Etikette und interkontinentaler Vielfalt und Individualität.

Dem Auftraggeber einer 89B bleibt es dabei überlassen, sowohl durch die Auswahl von Kaliber, Schaft und Oberflächendesign der Basküle als auch durch Formulierung individueller Sonderwünsche seiner Doppelbüchse einen einzigartigen Charakter zu verleihen. Die einzigartige Rezeptur dieses Charakters wird bei Heym in zwei Laufkarten festgehalten, einer Art schriftgewordenem Bauplan individueller Interpretation eines zeitlosen Designs. In den Laufkarten wird jedes noch so kleine Detail, jeder Wunsch, jede Gravur, werden alle Ideen und Vorstellungen des Kunden minutiös festgehalten.

Bei der Gestaltung der Basküle unterscheiden sich grob drei grundsätzlich verschiedene Charaktere. Die in der Regel luxuriöseste Ausführung ist die vollflächige, tiefgestochene Gravur mit Goldeinlagen. Dieser Typus lässt sich besonders gut mit langen Seitenplatten der Sidelock-Ausführungen verpaaren. Besonders durch die reichhaltigen, aufwendigen Gravuren erhält das Gewehr einen Selbstwert als Kunstobjekt des Jagdwaffenhandwerks.

Der zweite Charakter ist die klassische buntgehärtete Boxlock-Basküle mit dezenter Arabeskengravur. Hierbei versteht es Heym perfekt, den lebhaften Kontrast von fast karibisch anmutendem Azurblau und den lodernden flammenfarbenen Rotabstufungen in den Anlassfarben zu verwirklichen. Dieses mystisch anmutende Farbenspiel weckt die Assoziation zu Feuer und Wasser, die als Gegenspieler und Naturgewalten das natürliche Gleichgewicht, das Yin und Yang, oder den Status quo von Raubtier und Beute widerspiegeln.

Der dritte Charakter ist der schwierigste und wird deshalb von den meisten Doppelbüchsen-Mitbewerbern elegant gemieden. Wenn die Metallteile überwiegend weißfertig bleiben oder nur auf den Seitenflächen durch kleine Floralgravuren garniert werden, lenkt nichts mehr vom eigentlichen Boxlock-Design und von der Linienführung von Schaft, Basküle und Laufbündel ab. In einer solchen Ausführung wird das Auge auf die ungestörte Linienführung und die wohlgestalteten Übergänge zwischen den einzelnen Schaft-und Systemteilen der 89B gelenkt. Hierbei offenbart sich eine Symbiose von Schaftholz und Stahl, die von einer gestochenen Kordel-Linie auf den Seiten der Basküle gekrönt wird, bei der man auf den ersten Blick nicht sagen kann, ob sie im Holz oder auf der Basküle graviert wurde. Dieses raffinierte Designelement wird durch eine Tropfnase am Übergang zum Pistolengriff ergänzt, die an frühe Doppelbüchsen von Purdey aus Zeiten der Jahrhundertwende erinnert. Ebenso bezeugen die bei genauerer Betrachtung erkennbaren Unregelmäßigkeiten an den auslaufenden Fischhautlinien die Verwendung klassischer handgeführter Schneidwerkzeuge. Die Auswahl des Schaftholzes wird durch einen Kommentar von Dagobert Lindlau in einem Film über Heym aus dem Jahre 1984 unübertroffen präzise beschrieben:

„Was wir suchen, ist ein 400 Jahre alter Baum, der für Eingeweihte von außen erkennen lässt, dass das Holz seines Wurzelstocks eine Maserung mit tiefem Kontrast hat, gelockt oder gewölbt ist und sich so schneiden lässt, dass sich das Holz in Richtung auf die Metallteile des Gewehrs beruhigt und damit fest wie Stahl wird. Ein Holz, das nach dem Trocknen und Ölen vielleicht sogar im Licht changiert, also den köstlichen Katzenstrich zeigt, den sogenannten Geigenrücken, der schimmert wie der Bauch einer Forelle.“ Ergänzt wird dieser Duktus durch die begrifflich als „Birdseye“ geprägten Vogelaugen-Verwirbelungen, die im Holz der äußerst rar gesäten Maserknollen der maritimen Walnuss zu finden sind.

Die Übergänge zwischen Schaft und Basküle zeigen ein überaus ansprechendes Design.


Zusammenfassend kann man sagen: Es ist keine Kunst, den Preis einer Luxuswaffe durch einen Schaft der Holzklasse 20, eine nahezu fotografische Gravur der größten und gefährlichsten Tiere der sieben Kontinente, den Stahl eines versunkenen Schlachtschiffes und eine überschwängliche Menge an Goldeinlagen in die Höhe zu treiben. Dies macht eine Waffe zwar teuer, aber wertvoll wird sie erst durch die von ihren Schöpfern eingehauchte Seele und ihrem dadurch verliehenen einzigartigen Charakter. Letzteres ist der Firma Heym mit den Unikaten des Modells 89B gelungen, zumindest wenn man den eingeschliffenen Boxlock-Experten Glauben schenken darf. Dazu meint Mark Sullivan, mit der 89B sei nun endlich die Waffe gebaut worden, die er seit Jahren gefordert habe. Und Tom Turpin toppt dies noch mit der Aussage, jetzt könne er in Frieden sterben, denn seine Mission sei beendet, und er müsse Heym nicht mehr auf die Füße treten.

Die Marke Heym hat es durchaus in den vergangenen Jahren geschafft, sich nicht mehr dem Technologiewettlauf deutscher Waffenschmieden aussetzen zu müssen, sondern seine eigene Position an der internationalen Spitze der Doppelbüchsenhersteller zu behaupten. In Fachkreisen ist die 89B bereits mindestens genauso begehrt wie die klassischen Modelle von Holland & Holland, Rigby, Westley Richards oder Purdey.

So erfreue auch ich mich an dem ehrwürdig eleganten Antlitz der 89B im samtenen Glanze der Abendstimmung. Eigentlich, so sind sich wohl die eingefleischten Kenner einig, gehört auf eine Doppelbüchse gar kein Zielfernrohr. Aber ungemein praktisch ist das im heimischen Revier für Ansitz, Pirsch und Drückjagd schon. Und letztlich ist es auch an dieser Doppelbüchse das Zielfernrohr, das erst den vollen Wirkungsgrad der Präzision dieses Energiebündels zum Tragen bringt. Denn während ich über die Geschichte der 89B sinnierte, ließ sich zu meiner aufrechten Freude ein junger Rehbock weit hinten im Weizen blicken. Das schlanke 42er Swarovski ist eine vortreffliche Wahl für eine elegante Boxlock-Büchse. So fielen mir auch das Ansprechen und die Entscheidung zum Schuss nicht schwer. Der weich gestaltete Sicherungsschieber erinnert nicht nur von der Form her an eine Raupe, sondern bewegt sich ebenso seidenweich und spielfrei in die feuerbereite Position, ohne dass ein harter Anschlag zu vernehmen ist. Der Finger verstärkt den Druck auf den poliert abgerundeten Abzug, der deutlich über 1 000 Gramm trocken wie Zwieback bricht und die Kugel ins Ziel schickt. Die Geometrie des Schaftes und das lange Laufbündel schieben die Waffe im Schuss geradlinig und degressiv in die Schulter, sodass das Absehen unmittelbar am alten Zielpunkt zum zweiten Schuss bereitsteht. Doch dieser Lauf bleibt heute kalt, denn dafür ist sie ja gebaut: den präzisen Einzelschuss. Der zweite ist an diesem Abend just die Rückversicherung, das wachende Auge der Waidgerechtigkeit, um der Verantwortung dem Tier gegenüber gerecht zu werden. Halali!

KURZ ERKLÄRT: BOXLOCK / SIDELOCK

Boxlock ist der Insider-Begriff für ein Baskülendesign, bei dem der Schlossmechanismus in der Basküle/dem Verschlusskasten (engl. Box) verbaut ist, sodass der Hinterschaft bis zu einem geradlinigen Übergang kurz hinter dem Stoßboden vorgezogen wird. Im Gegensatz hierzu gibt es auch Sidelock-Modelle, die mit ihren langen Seitenplatten deutlich mehr Platz für aufwendige Gravuren bieten.


FOTOS: THEO FISCHER