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HIER BIN ICH!


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emotion - epaper ⋅ Ausgabe 3/2022 vom 02.02.2022

Begegnung

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Bildquelle: emotion, Ausgabe 3/2022

„Ich bin zu Recht verurteilt worden. Ich habe ihn einen Rassisten genannt, einen Idioten und Schlimmeres. Und das aus vollem Herzen“

Als Enissa Amani beim Foto-Shooting ihre Koffer öffnet, bleibt unserem Stylisten fast das Herz stehen, denn die Standup-Künstlerin hat alles, was sie mag, wild hineingestopft. Von dem Chaos, in dem sie sich unfreiwillig oft wiederfindet, wird sie später im Zoom erzählen. Die Vierzigjährige ist nicht nur in Deutschland groß, sie füllt auch international Clubs, wie den wichtigsten Comedy- Club der Welt, den Comedy Cellar in New York. Über die Jahre ist sie immer politischer geworden. Mit der spontanen Talk-Runde „Die Beste Instanz“ reagierte sie auf den Alltagsrassismus in einer Folge der WDR-Sendung „Die Letzte Instanz“. 630 000 Mal wurde der Grimme-Award-gekrönte Talk auf YouTube gesehen. Noch größere Wellen schlägt gerade ihre Verurteilung zu einer ...

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... Geldstrafe, die sie zahlen soll, weil sie den Af D-Politiker Andreas Winhart nach seinen rassistischen Äußerungen im Herbst 2018 wiederholt öffentlich beleidigt hat. Trotz mehrerer Anzeigen gegen ihn wurde kein Verfahren eröffnet.

Enissa, du sagst, du gehst eher für 40 Tage ins Gefängnis, als die 1800 Euro Geldstrafe zu zahlen. Warum?

Ich bin zu Recht verurteilt worden. Ich habe ihn einen Rassisten genannt, einen Idioten und Schlimmeres. Und das aus vollem Herzen, dafür nehme ich keine künstlerische Freiheit in Anspruch. Zum Zeitpunkt der Beleidigungen wusste ich nicht, dass das zu einem Politikum wird, da war noch nicht klar, dass er mit seinen volksverhetzenden Aussagen durchkommen würde. Als ein Anwalt mich per Brief aufgefordert hat, ich soll das Video mit meinen Beleidigungen bei Instagram löschen, und mit einer hohen Geldstrafe gedroht hat, wusste ich: Ob das 5 Cent oder 5000 Euro werden – ich werde es nicht bezahlen! Seit es um 40 Tage Ersatzfreiheitsstrafe geht, gibt es eine große mediale Resonanz. Das hat mich überrascht, denn die Auseinandersetzung führe ich ja schon seit zwei Jahren.

Wann musst du die Haft antreten?

Die Frist zu zahlen ist am 2. Dezember abgelaufen. Mehr weiß ich noch nicht.

Du bist eine der bekanntesten Standup-Künstlerinnen Deutschlands und auch international erfolgreich. Dein aktuelles Programm heißt „The German Girl“. Wieso?

Wenn ich in New York, London oder L. A. auftrete, werde ich immer als the German girl vorgestellt. In New York im Comedy Cellar sagen die nicht: „Da kommt das deutsch-iranische Mädchen“ oder „Da kommt eine Deutsche mit iranischen Wurzeln“. Ich fand es spannend, dass die meine Zugehörigkeit als Deutsche gar nicht infrage stellen. Dagegen habe ich hier oft das Gefühl, dass ich immer die Iranerin bin, die Kritik an der deutschen Gesellschaft übt. „The German Girl“ sagt, wenn ich hier Aktivistin bin und was kritisiere, mache ich das als eine deutsche Frau, die über Deutschland spricht, nicht als Iranerin, die plötzlich was zu meckern hat. Natürlich gehören meine iranischen Wurzeln zu meiner Identität, aber ich war öfter in New York als im Iran. Macht mich das jetzt zur New Yorkerin?

Bist du wütend oder verletzt?

Mir fehlt einfach dieses selbstverständliche Dazugehören. Ich lese nie: „Enissa ist die erste deutsche Frau mit einem internationalen Netflix-Special.“ Ich lese immer diesen Abstand: die Iranerin. Während die Luisas, Lenas und Julias immer „unser Mädchen“ sind, habe ich das Gefühl, dass ich darum kämpfen muss, dass ich „eine von uns“ bin.

Wer oder was gibt dir das Gefühl, zu Hause zu sein?

Menschen, manchmal auch Orte. Ich versuche, mir anzutrainieren, dass ich die Frankfurter Skyline sehe und denke: Zuhause! Aber in Wahrheit fühle ich das nicht. Da spielt vieles rein. Ich bin ein Scheidungs- und ein Schlüsselkind. Bis ich 15 war, bin ich zehnmal umgezogen. Es gibt Menschen, die mir das Gefühl geben, da bin ich zu Hause, meine Familie und die Menschen, die mich lieben. Aber vielleicht ist das auch eine unstillbare Sehnsucht. Dass man irgendwas sucht, aber gar nicht weiß, was.

Auf der Bühne wirkst du, als könnte dir nichts was anhaben. Woher nimmst du den Mut?

Ich bin extrem geleitet von Ängsten, gleichzeitig kann ich sehr souverän sein. Ich habe zum Beispiel wenig Angst vor Menschen. Menschenmengen oder mit Leuten diskutieren, das macht mir eher wenig aus. Aber manchmal packen mich so Momente, wo man sich selbst und sein gesamtes Dasein anzweifelt. Dieses Gefühl, was soll dieser ganze oberflächliche Kram? Was will ich eigentlich? Jüngere schreiben mir oft: Wie kann ich so selbstbewusst werden? Warum macht dir nichts Angst? Dabei lebe ich manchmal nur in Erwartung der nächsten schlechten Nachricht und weiß nicht, warum.

Wie gehst du damit um?

Ich frage mich, was wäre denn der worst case? Eine schlimme Krankheit oder irgendwas, was du in den Sand gesetzt hast, was du falsch gemacht hast ... Ich glaube, dass Menschen, die wirklich angstfrei sind, nicht auf eine naive Art, sondern sehr bewusst, dass die in einem unangreifbaren State of Mind sind, weil sie eins mit ihrem Dasein sind.

Versuchst du, dich dem anzunähern? Meditierst du, tanzt du oder so was?

Das hab ich alles schon gemacht, aber nie regelmäßig. Ich brauche dringend mehr Struktur im Leben. Das, woraus ich meine Stärken schöpfe, daraus kommen auch meine Schwächen. Der Input, mit dem ich gefüttert wurde, kam von meinen Eltern (Anm. d. Red.: Ihre Mutter ist Ärztin, der Vater Literaturwissenschaftler, sie sind 1985 vor politischer Verfolgung aus dem Iran geflohen, da war Enissa vier). Die unendlichen Bücher, die Museumsbesuche, aber gleichzeitig auch die völlige Strukturlosigkeit. Ich bin mit einer Mama aufgewachsen, die das Chaos verteidigt hat. Ich kann mich bis heute an keinen festen Rhythmus halten, dabei weiß ich, dass das in schlechten Zeiten das A und O ist. Wenn du Ordnung ins Chaos bringen kannst, ist das echte Stärke. Das Buch „The Power of Now“ hatte da einen großen Impact auf mich.

Das Buch von Eckhart Tolle?

Genau. Eigentlich stehe ich Selbsthilfebüchern skeptisch gegenüber. Aber durch sein Buch habe ich die Kraft der Gegenwart gespürt. Das war so ein kleiner erleuchteter Moment. Ich habe jetzt zwei Jahre hintereinander im Ramadan gefastet, da habe ich was Ähnliches erlebt. Allerdings hätte ich das ohne den ersten Lockdown nie geschafft. Im normalen Alltag hätte ich schnell gesagt: Jetzt muss ein Kaffee her!

Enissa ist unsere Frau des Monats, weil ... sie so was von kein Blatt vor en Mund nimmt, sondern Haltung zeigt, immer. Und selbst dann, wenn’s mal brenzlig für sie wird

Hast du zum Glauben gefunden oder ist das eher eine spirituelle Erfahrung?

Es ist eine spirituelle Erfahrung. Aber ich glaube, ich habe auch den Glauben gefunden. Ich struggle immer mit dieser Definition. Ich bin gläubig, aber ich habe jetzt zum Beispiel kein engeres Verhältnis zum Islam als zum Judentum. Die monotheistischen Religionen faszinieren mich, auch die christliche. Aber ich habe immer das Gefühl, wenn ich mich religiös nenne, maße ich mir etwas an, weil ich so viel nicht weiß. Meine Eltern sind Sozialisten, die halten alle Religionen für böses Zeug. Mit meinem Vater habe ich darüber oft diskutiert.

Dein Vater war auch der Erste, der dir den Begriff Feminismus erklärt hat. Ist dein Freund auch Feminist?

Also, mein Freund und ich, das ist noch nicht öffentlich. Mein Vater hat mir mit 15 erklärt, was Feminismus bedeutet. Ich könnte nicht mit Menschen befreundet sein, wenn wir grundlegende Werte nicht teilen. Je älter ich werde, desto sturer werde ich. Wenn ich heute mit jemandem am Tisch sitze, der ein abwertendes Wort für Queere benutzt, stehe ich auf. Meine Mutter hat immer gegen das klassische Frauenbild gekämpft hat und findet nicht gut, wenn ich sage: Ich finde das aber schön, wenn ich meinem Mann Tee bringen darf. Sie sagt, ich mache kaputt, wofür sie und andere 40 Jahre gearbeitet haben.

Und wie siehst du das?

Ich habe lange gesagt: Mama, dank dir und anderen Frauen kann ich mir das aussuchen. Inzwischen frage ich mich aber: Bin ich durch das Patriarchat so erzogen, dass ich glaube, ich suche mir das frei aus? Ich bin schon Middle Eastern sozialisiert, und sehe, das ist ein klassisches Männerbild, und ich bin mir bewusst, dass ich dem Patriarchat dienende Züge habe. Aber es ist was anderes, wenn mir das jemand befehlen würde.

Also, Tee bringen ist okay, aber nicht, wenn der Mann es erwartet?

Ja. Selbst dafür würde mir meine Mutter die Tassen an den Kopf schmeißen. Aber bei mir ist angekommen, dass ich hinterfragen muss, was mir das Patriarchat anerzogen hat. Ich hab letztens mit einer befreundeten Aktivistin über die Tabuisierung der Periode gesprochen. Mir ist klar, dass in den meisten Gesellschaften der Körper von Frauen kontrolliert wird und dass die Periode nur ein Aspekt davon ist. Aber die Middle Eastern sozialisierte Enissa in mir findet, dass alle Körperflüssigkeiten von allen komplett tabuisiert werden sollten.

Warum?

Ich bin so erzogen, dass man den Raum verlässt, wenn man sich die Nase putzt, nicht nur bei Tisch. Ich halte das auch nicht aus, wenn Freundinnen die Tür zur Toilette auflassen. Einen Mann würde ich bei so was rausschmeißen. Das sollte für Männer und Frauen gleichermaßen gelten. Macht es mich für Feministinnen unglaubwürdig, weil es mir lieber ist, wenn Körperflüssigkeiten tabu sind?

Schwierig, wenn Frauen als unrein gelten, wenn sie ihre Periode haben.

Stimmt. Ich solidarisiere mich mit allen Frauen, die dagegen kämpfen. Und auch mit denen, die sich gegen Quatsch wie Pinky Gloves oder blauer Flüssigkeit auf Binden wehren. Ich verstehe das. Aber in einer idealen Welt weiß mein Mann nicht, dass ich schon jemals urinieren musste. Ich weiß, das ist nicht der Zeitgeist. Manches ist auch Rebellion gegen meine Mutter, die selbst rebelliert hat. Sie ist mit sieben Brüdern aufgewachsen.

Du hast anfangs beim Stand-up oft Witze über deine Nasen-OP gemacht. Ist das empowernd, zu Unsicherheiten zu stehen? Oder machst du dich klein?

Ich mache mich klein. Ich wollte mich damals unbewusst einem weißen Publikum und vielleicht auch einem männlichen Publikum anbiedern. Und ich wusste, wenn ich rauskomme und sage: „Ich bin ja eine Tussi und guck mal, ich habe eine Nasen-OP, im Iran haben wir so viele OPs, dass wir alle so aussehen“ – das funktioniert. Im Iran sind die unfassbar vielen Schönheits-OPs auch eine Kritik an der Gesellschaft: „Ich bin zwar verhüllt, aber guck mal mein Gesicht, meine Lippen ...“ Aber heute würde ich das nicht mehr so spielen, mein Zugang wäre anders.

Was würdest du anders machen?

Ich habe mich oft als Tussi bezeichnet. Tussi mit Köpfchen. Als mir Leute gesagt haben, wie schlau es sei, so ein Dummchen-Image zu verkaufen, habe ich mich erschreckt. Ich verachte es, wenn Frauen ein Dummchen-Image verkaufen. Doch auch damals habe ich darüber gesprochen, dass ich Tochter von oppositionellen Geflüchteten bin, dass es zwischen den Zeilen um mehr geht. Das hat nur niemanden interessiert.

LEBEN UND ARBEIT

Enissa Amani kam am 8.12.1981 in Teheran zur Welt. Ihre Eltern flohen 1985 mit ihr vor politischer Verfolgung nach Frankfurt a. M. 2018, fünf Jahre nach ihrem Start im Stand-up, drehte sie das Netflix Special „Ehrenwort“ (1).

Ihre Talkrunde „Die Beste Instanz“ (u. a. mit Max Czollek, Natasha A. Kelly) erhielt den Grimme-Preis (2). Wir empfehlen: die Podcast-Folge „Kasia trifft ...“ mit ihr (3)!

„Erzähle ich lang, dass mich Papa mit Marx gefüttert hat und sage dann, dass ich Vize-Miss- Westdeutschland war, bleibt nur die Schönheitskönigin über“

Wie meinst du das?

Wenn ich lang erzähle, dass mich mein Papa mit Marx gefüttert hat und sage dann im Nebensatz, dass ich mal Vize- Miss-Westdeutschland war, bleibt nur die Schönheitskönigin über.

Bei dem Talk „Die Beste Instanz“ sagt die Bildungsreferentin Nava Zarabian am Ende: „Bleibt wütend. Ihr seid nicht allein, wir sind zusammen hier.“ Wie wütend bist du?

Weniger wütend, als jemand meinen könnte, der nur drei Videos von mir guckt. Ich glaube sehr ans Brückenbauen. Na klar, habe ich eine Grenze. Mit einem Af Dler setze ich mich nicht an einen Tisch. Der kann noch so oft sagen, er sei kein Nazi. Für mich ist das Nazi-Gedankengut unterm Deckmantel. Aber ich bin grundsätzlich der Meinung, dass viele Menschen einfach Erklärungen brauchen.

Hast du ein Beispiel?

Okay, mein kleiner Cousin sagte: „Feminismus ist Quatsch. Warum müssen jetzt alle Frauen Achselhaare haben?“ – so richtig platt. Ich habe gesagt: Du weißt aber schon, dass ein toxisches Patriarchat bedeutet, dass Männer alle groß sein müssen, dass Männer alle viel verdienen müssen, dass Männer nicht weinen dürfen. Feminismus kämpft gegen das Bild eines Patriarchats, wie ein Mann zu sein hat und wie eine Frau zu sein hat. Da hat er gesagt: „Ich kauf mir morgen ein T-Shirt mit ‚Ich bin Feminist‘.“

Leider geht es nicht immer so leicht.

Stimmt. Da können wir den Bogen zum Anfang schlagen. Dinge brauchen manchmal mehrere Anläufe. Ich gehe ins Gefängnis, um Aufmerksamkeit auf die Reden dieses Af D-Mannes zu lenken. Ich will, dass wir uns darüber unterhalten: Warum darf ein Nazi in Deutschland so eine faschistoide Rede halten und kommt frei davon? Das ist das Problem, nicht ich. Ich glaube an das Gute. Dass Rassismus, Sexismus, all diese Sachen ad acta gelegt werden können. Manche sagen ja: Das ist im Menschsein drin und das wird es immer geben. Ich glaube, das ist gelernt – und das kann man auch wieder verlernen.