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»Hier wollen wir wieder spielen!«


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tennisMAGAZIN - epaper ⋅ Ausgabe 60/2022 vom 16.05.2022

FOLGEN DER FLUT

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Bildquelle: tennisMAGAZIN, Ausgabe 60/2022

AUF DEM TRÜMMERFELD IM SCHATTEN DER BURGRUINE ARE: Mitglieder der Tennis-Jugendabteilung des SV Altenahr stehen mit ihrem Trainer Markus Bleffert (2.v.re.) genau dort, wo sich vor der großen Flut ihre Tennisanlage befand. In unmittelbarer Nähe des Baumstumpfes stand früher ihr Clubhaus.

Willkommen im Katastrophengebiet“, sagt Markus Bleffert, 39, zur Begrüßung am kleinen Bahnhof mitten im Ahrtal. Schon eine kleine Übertreibung, oder?

Klar, die Bilder aus dem Juli 2021 sind noch nicht vergessen, als nach tagelangen Regenfällen eine Jahrhundertflut das Ahrtal heimsuchte und 134 Menschen ihren Tod fanden: versunkene Häuser, abtreibende Autos, sich vor Brücken stauende Wohnwagen, von brauner Brühe komplett überspülte Städte, kratergroße Straßenlöcher – selbst für die hochwassererfahrenen Bewohner des Ahrtals war das eine Flut bisher unbekannten Ausmaßes. Aber jetzt, im April 2022, zehn Monate nach der Katastrophe, müsste sich die Lage doch eigentlich gebessert haben.

Markus Bleffert steuert sein Auto eine halbe Stunde durch das Ahrtal. Es geht zur Tennisanlage des SV Altenahr. Oder – wie später deutlich werden wird – zu den kläglichen Überresten jener drei Tennisplätze, ...

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... die für ihn und etwa 150 Clubmitglieder der Mittelpunkt ihres Sportlerlebens waren. Nach wenigen Minuten Fahrt wird klar: Nichts ist hier wirklich in Ordnung. „Dort standen drei Häuser, eins davon war ein Hotel“, merkt Bleffert trocken an und deutet durch das Autofenster auf eine öde Fläche, auf der sich Steine, Schlamm und Dreck angesammelt haben. „Da vorne war unser Klärwerk“, sagt er. Jetzt stehen dort auf einer Schotterebene sechs blaue Bagger. Die Straße – oder oft eher die notdürftig geflickte Piste – führt direkt am Wasser entlang. Die Ahr fließt ruhig dahin. Fast idyllisch. Dann ragen die Gerippe zerstörter Brücken aus dem Fluss, Zufahrten enden im Nirgendwo, am Ufer türmen sich Berge von Unrat. Die Häuser an der Wasserfront: zerbrochene Scheiben, verwüstete Terrassen, mit Holzbrettern zugenagelte Eingänge. An den hellen Fassaden zeichnen sich die höchsten Pegelstände wie dunkle Mahnmale ab.

Manchen Häusern reichte das Hochwasser bis kurz unter die Dachkante, drei Stockwerke inklusive der Balkone wurden einfach verschluckt.

„Der Wiederaufbau läuft“, Bleffert stockt kurz, „eher schleppend.“ Das ist für seine Verhältnisse diplomatisch ausgedrückt.

Tatsächlich geht ihm hier alles viel zu langsam, vieles geschehe unkoordiniert, der eine wisse nicht, was der andere macht. Im Örtchen Reimerzhoven, Blefferts Heimat, drosselt er das Tempo. „Das hier ist unser Haus“, sagt er. „Wir hatten Glück, weil es etwas höher am Hang liegt, wir können es noch bewohnen.“ Seine Eltern, deren Haus etwas tiefer steht, mussten wegziehen. Das Haus seines Großvaters wurde bereits abgerissen, die Schäden waren zu groß. In der Flutnacht vom 14. auf den 15. Juli 2021 flüchteten die Einwohner des kleinen Winzerdorfes zum am höchsten gelegenen Haus.

Dort kam das Wasser nicht hin. „Es gab keine Vorwarnung für uns“, sagt Bleffert, als er den Wagen wieder beschleunigt.

In Altenahr bleibt er an einer holprigen Behelfsstraße am Ufer stehen. „Auf der anderen Seite des Flusses war unsere Tennisanlage“, sagt Bleffert. Dort ist aber nichts zu sehen – außer einer großen Geröllhalde. „Ja, ich weiß, davon ist nichts mehr übrig“, fügt er hinzu. Vor der Flut gab es eine kleine Brücke, die von der Bundesstraße direkt zum Parkplatz an der Tennisanlage führte.

Sie ist verschwunden. Die Anfahrt ist nun beschwerlicher. Das Auto muss am derzeit stillgelegten Bahnhof Altenahr stehenbleiben, es geht zu Fuß weiter, der zerstörten Bahntrasse folgend. „Genau hier lag nach der Flut ein riesiger Reisebus“, merkt Bleffert auf dem kurzen Fußweg an. „Das Hochwasser spülte ihn hier hin.“ Auf seinem Handy zeigt er Fotos davon. Surreale Bilder.

Knapp neun Meter über dem Normalpegel stand hier das Wasser. Es ist kaum vorstellbar, weil von der zerstörten Bahnlinie die Ahr gar nicht mehr zu sehen ist. Dort, wo sich früher ein wunderbarer Tennisclub mit drei Sandplätzen auf einer Landzunge befand, die nun sanft von der Ahr umspült wird, haben sich einige Mitglieder zusammengefunden. Ein einsamer Baumstumpf ragt in die Höhe. „Da stand früher unser Clubhaus“, ruft jemand. Es sind viele Kinder gekommen, die auf dem Trümmerfeld herumrennen. Ernst Hagemann ist mit seiner Partnerin Constanze aus Bad Neuenahr angereist. „Das war so eine traumhaft schöne Anlage hier. Wir waren einfach nur fassungslos, als wir gesehen haben, was das Hochwasser hier angerichtet hat. Ich werde bald 73 Jahre alt und ich habe Angst, dass ich diesen Ort nie mehr so erleben werde, wie er mal war“, erzählt er.

Jeder hier schwärmt von diesem besonderen Ort.

Es muss ein erhabenes Gefühl gewesen sein, hier unten im Flusstal, umgeben von hoch aufragenden Felswänden, auf einem Sandplatz zu stehen und Tennis zu spielen.

Trotz all des Leids, das hier jeder in seinem persönlichen Umfeld durch die Katastrophe erfahren hat, wünschen sich die Mitglieder ihre Courts zurück. Es geht ihnen um ein Stück Normalität, um Geselligkeit und Ablenkung von den Sorgen.

Die U18-Spieler Quentin Gümpel, Brian Wood und Felix Dütsch haben hier als kleine Kinder Tennis gelernt und danach oft unten an der Ahr gespielt. „Wir haben Steine über das Wasser flitschen lassen, uns abgekühlt am Fluss. Richtig Baden ging nicht, die Strömung ist zu stark“, sagt Felix. Sie hätten jetzt keine Angst vor der Ahr, aber man müsse damit rechnen, dass so ein Hochwasser wie im Juli 2021 immer wieder passieren könne. „Wir müssen mehr für das Klima tun“, merkt Brian an. „Es gibt ja echt noch Leute, die den Klimawandel leugnen. Die sollen sich mal das Ahrtal anschauen.“ Quentin ergänzt: „Es wäre schon cool, hier bald wieder spielen zu können.“ Und dann rufen alle Kinder im Chor, während sie auf den Schutthalden stehen, die früher mal ihre Courts waren: „Ja, hier wollen wir wieder spielen!“

Die parteilose Landrätin Cornelia Weigand ist beeindruckt von dem Tatendrang der Tennisabteilung. „Vor allem Herr Bleffert ist ja unermüdlich“, sagt sie. Weigand ist ebenfalls zum Ortstermin gekommen, spricht mit den Mitgliedern, hört sich ihre Probleme an und klärt über Zuständigkeiten, Hilfsmaßnahmen und Fördergelder auf.

Markus Bleffert wird etwas ungeduldig, bleibt aber höflich, als er ohne Unterlass von den alltäglichen Stolperfallen im deutschen Behördendschungel berichtet. Er kennt sich in der Thematik bestens aus, hat sich in die Richtlinien, Paragraphen und Auflagen für einen Wiederaufbau der Tennisanlage eingelesen. Aber was soll er machen, wenn seine E-Mails an die Zuständigen einfach nicht beantwortet werden? „Schicken Sie den Herren eine freundliche Erinnerung“, empfiehlt die Landrätin. Bleffert ringt sich ein Lächeln ab.

Das Problem: Die Plätze in direkter Nähe zum Wasser wiederaufzubauen, ist an viele behördliche Bedingungen geknüpft. Es geht vor allem darum eine Baugenehmigung zu erhalten. „Ich habe einen Platzbauer an der Hand, der im Oktober loslegen könnte.

Wenn alles gut läuft, könnten wir im Frühjahr 2023 hier wieder spielen“, gibt sich Bleffert optimistisch, obwohl er genau weiß, dass solche Pläne im Ahrtal von allerlei Unwägbarkeiten geprägt sind. Eine davon liest sich wie ein behördendeutsches Wortungetüm:

Retentionsraumverdrängung.

André Amerkamp, der sich als Architekt ehrenamtlich für den Wiederaufbau der Altenahrer Plätze engagiert, erklärt: „Solche Retentionsräume sind Flächen, die bei Hochwasser überschwemmt werden und den Flüssen den nötigen Raum zum Ausufern geben. Wer in Hochwassergebieten etwas baut, muss zum Ausgleich Retentionsräume schaffen. Wenn wir nun wieder ein Clubhaus errichten würden, wäre das eine Verdrängung eines Retentionsraums – da schrillen bei den Behörden gleich die Alarmglocken.“

Raus aus dem Tal – das will der SV Altenahr nicht

Allerdings ist sich Amerkamp sicher, dass es für die bloße Wiedererrichtung der Plätze eine Baugenehmigung geben wird. Auf zusätzliche Aufbauten würde der SV Altenahr dann verzichten. Landrätin Weigand weist noch auf eine Alternative hin: ein Standortwechsel. Raus aus dem Tal, hoch auf die Anhöhen der Umgebung. Ein Fußballclub aus dem Nachbarort entschied sich für diesen Weg.

„Das kommt für uns nicht in Frage“, sagt Bleffert. Den Charme der Anlage machte seine spektakuläre Lage aus – und so soll es auch wieder werden. Bleffert, Grundschullehrer, B-Trainer und Jugendwart, sitzt im Wiederaufbau-Ausschuss von Altenahr und ist Fachberater Schulsport im Kreis Ahrweiler. Bei ihm laufen die Fäden zusammen, er kümmert sich um alles, damit vor allem die Kinder bald wieder auf richtigen Plätzen spielen können.

Die Übergangslösung in den Wintermonaten, von Bleffert initiiert, ist eine mobile Halle mit Holzboden und aufgeklebtem Sicherheitsband als Linienersatz, die im nächsten Ort Altenburg errichtet wurde.

Alle Sport-und Tennishallen der Umgebung sind kaputt. „Ist nicht optimal, aber besser als nichts“, sagt Bleffert pragmatisch. „Immerhin gibt es eine Heizung.“ Die Kinder toben durch die Halle, die Holzplatten poltern laut, das Licht ist diffus. Sie spielen im Kleinfeld über zusammensteckbare Netze. Es gibt Kuchen und kleine Ostergeschenke. Dann baut Bleffert einen Parcours auf, die Kleinen springen und hasten durch die stickige Halle. „Sie haben Spaß, das ist die Hauptsache“, ruft er. Am Ende wird alles freigeräumt für ein Match im regulären Feld.

Zoe Bleffert, acht Jahre, älteste Tochter von Markus, drischt auf den Ball. Sie ist Verbandsmeisterin und ein echtes Talent. Der Holzboden, das Licht, die Luft – das stört sie alles nicht. Hauptsache Bälle schlagen.

SPENDENAUFRUF

Wer die Tennisabteilung des SV Altenahr unterstützen möchte, kann dies per Geldspende tun. Der Verein ist für jeden Betrag dankbar.

Spendenkonto des SV Altenahr Tennis:

IBAN: DE82577513100000204990

BIC: MALADE51AHR BANK: Sparkasse Ahrweiler

Zoe gehört mit einigen anderen Kindern zum „Benefizteam“ des SV Altenahr. Auch das ist eine Idee von Markus Bleffert. Die Kinder treten zu Turnieren in ganz Deutschland an, erzählen von der Lage an der Ahr und schaffen so Aufmerksamkeit für das Thema. Was das bringen soll? Geldspenden.

Der SV Altenahr hat sich dafür entschieden, sich nicht um Zuschüsse aus dem Wiederaufbaufonds, der rund 18 Milliarden Euro enthält, zu bemühen. Stattdessen setzt man auf Eigeninitiative und sammelt Spenden ein. Knapp 200.000 Euro hat der Verein schon zusammenbekommen; für den Neubau der drei Plätze wurden 350.000 Euro veranschlagt. Die Hilfe erreicht die Altenahrer aus allen Ecken Deutschlands. Die Sparkasse Oberschlesien-Niederlausitz steuerte etwa 50.000 Euro bei, private Initiativen halfen, dazu die Hilfsorganisationen „ADRA“ und „Help“. Alexander Zverev ließ über seinen Bruder Mischa einen Schläger versteigern, mit dem er 2021 das Finale von Cincinnati gewann. Der Erlös, immerhin 2.000

Euro, wird den SV Altenahr nun beim Wiederaufbau unterstützen. Das Management von Michael Stich stattete zusammen mit dem Modelabel „Sportkind“ das Benefizteam aus. „Wir haben eine Menge Solidarität aus der Tennisszene erhalten, dafür sind wir sehr dankbar“, sagt Bleffert.

Warum er sich für das Spendensammeln und gegen den Wiederaufbaufonds entschieden hat, ist seinem Pragmatismus geschuldet. „Es ist viel zu kompliziert, die Gelder aus dem Fonds abzurufen“, sagt Bleffert.

Monatelang habe er sich um die Wiederaufbaugelder gekümmert, ist etlichen Menschen für Anträge oder Unterschriften hinterhergerannt – oft ohne Ergebnis. „Irgendwann war ich es leid“, gibt er in einem ernüchterten Ton zu. „Und dann haben wir angefangen, eben selbst das Geld für unsere Plätze einzusammeln.“

Die Entscheidung zahlt sich aus, auch wenn Bleffert finanzielle Unterstützung vom Deutschen Tennis Bund (DTB) vermisst. „Bei uns hat sich noch nicht mal jemand vom DTB gemeldet“, behauptet Bleffert. Der DTB beteuert auf Nachfrage, mit jedem von der Flut geschädigten Verein in Kontakt getreten zu sein. Gleichzeitig räumt der Dachverband aber auch ein, keine Spenden tätigen zu können und verweist auf den Landesverband in Rheinland-Pfalz (TVRP). Der TVRP hat zwar vor 20 Jahren einen Solidaritätsfonds für Vereine in Notlagen eingerichtet, aber der SV Altenahr würde davon nur dann profitieren, wenn er sich um Zuschüsse aus dem Wiederaufbaufonds bemühen würde. Der TVRP könnte die Zahlungen dann aufstocken. Eine Spende aber sei nicht möglich.

In der stickigen Halle mit dem Holzboden knallen sich Zoe und ihre Mannschaftskollegin Carolin die Bälle um die Ohren. Am Rand sitzen Kinder und Eltern, alle schauen gebannt zu. Ein Vater raunt: „Es ist schon toll, was der Markus alles auf die Beine stellt. Mit ihm schaffen wir es auch, unsere Plätze wiederaufzubauen.“