Lesezeit ca. 13 Min.
arrow_back

High Frequency Trading – eine geheimnisvolle Börsenwelt


Logo von Traders
Traders - epaper ⋅ Ausgabe 12/2022 vom 24.11.2022
Artikelbild für den Artikel "High Frequency Trading – eine geheimnisvolle Börsenwelt" aus der Ausgabe 12/2022 von Traders. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bildquelle: Traders, Ausgabe 12/2022

Was ist High Frequency Trading?

Das High-Frequency-Trading (HFT) ist ein Börsenhandel mit Algorithmus, bei dem eine große Anzahl von Orders und Transaktionen innerhalb von Millisekunden aufgegeben wird. Hochfrequenzhandel wird üblicherweise von Investmentbanken, Hedgefonds und spezialisierten Technologieunternehmen umgesetzt. Eine Order im Hochfrequenzhandel kann innerhalb einer 64-Millionstelsekunde aufgegeben werden. Das entspricht der Zeit, die ein Computer braucht, um eine Order zu verarbeiten und an einen anderen Computer weiterzuleiten. Die US-Börsenaufsicht SEC (Securities and Exchange Commission) hat fünf Merkmale des Hochfrequenzhandels definiert:

• Einsatz außerordentlich schneller und ausgefeilter Programme zur Generierung, Weiterleitung und Ausführung von Orders

• Verwendung von Ortungsdiensten und einzelnen Datenfeeds, die von Börsen und anderen angeboten werden, um Netzwerkverzögerungen ...

Weiterlesen
epaper-Einzelheft 3,49€
NEWS Jetzt gratis testen
Bereits gekauft?Anmelden & Lesen
Leseprobe: Abdruck mit freundlicher Genehmigung von Traders. Alle Rechte vorbehalten.
Lesen Sie jetzt diesen Artikel und viele weitere spannende Reportagen, Interviews, Hintergrundberichte, Kommentare und mehr aus über 1050 Magazinen und Zeitungen. Mit der Zeitschriften-Flatrate NEWS von United Kiosk können Sie nicht nur in den aktuellen Ausgaben, sondern auch in Sonderheften und im umfassenden Archiv der Titel stöbern und nach Ihren Themen und Interessensgebieten suchen. Neben der großen Auswahl und dem einfachen Zugriff auf das aktuelle Wissen der Welt profitieren Sie unter anderem von diesen fünf Vorteilen:

  • Schwerpunkt auf deutschsprachige Magazine
  • Papier sparen & Umwelt schonen
  • Nur bei uns: Leselisten (wie Playlists)
  • Zertifizierte Sicherheit
  • Freundlicher Service
Erfahren Sie hier mehr über United Kiosk NEWS.

Mehr aus dieser Ausgabe

Titelbild der Ausgabe 12/2022 von Flash Boys. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
Flash Boys
Titelbild der Ausgabe 12/2022 von justTRADE-Studie zum Anlegerverhalten. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
justTRADE-Studie zum Anlegerverhalten
Titelbild der Ausgabe 12/2022 von Pleite der Kryptobörse FTX. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
Pleite der Kryptobörse FTX
Titelbild der Ausgabe 12/2022 von MetaTrader immer häufiger auf Smartphones. Zeitschriften als Abo oder epaper bei United Kiosk online kaufen.
MetaTrader immer häufiger auf Smartphones
Mehr Lesetipps
Blättern im Magazin
Trading ist ein Marathon
Vorheriger Artikel
Trading ist ein Marathon
Neues aus der Welt der Technik
Nächster Artikel
Neues aus der Welt der Technik
Mehr Lesetipps

... zu minimieren

• sehr kurze Fristen bei der Eröffnung und Schließung von Positionen

• Übermittlung vieler Orders, die kurz nach der Übermittlung wieder storniert werden

• Am Ende des Handelstages gibt es keine offenen Positionen.

Als die Öffentlichkeit auf High-Frequency-Trading aufmerksam wurde

Die Welt des Hochfrequenzhandels ist eine im Höchstmaß verschwiegene Gesellschaft. Mitarbeiter, die im HFT-Bereich arbeiten, unterzeichnen immer Verschwiegenheitserklärungen. Nichts darf an die Öffentlichkeit gelangen, denn interne Informationen könnten der Konkurrenz einen Vorteil bieten. Im Extremfall könnte dadurch sogar eine komplette Handelsstrategie unwirksam werden. Bekanntheit erlangte HFT durch einen Roman. Der Bestsellerautor Michael Lewis erzählt in „Flash Boys“ die Geschichte einer Gruppe genialer Wall-Street-Trader, die den Börsenhandel revolutionieren. Es geht darin nicht mehr um Kurse, die durch Angebot und Nachfrage entstehen, sondern Wettbewerbsvorteile entstehen durch technologische Geschwindigkeit. Obwohl es sich um einen Roman handelte, basierte er auf realen Fakten. Der Initialfunke entstand, als der Autor Michael Lewis auf Sergey Aleynikov aufmerksam wurde, einen russischen Programmierer bei Goldman Sachs. 2009 wurde er verhaftet und angeklagt, weil er angeblich Computerprogramme seines Arbeitgebers gestohlen hatte. Seltsamerweise war es der einzige Goldman-Mitarbeiter, der nach der Finanzkrise vor Gericht gestellt wurde. Noch seltsamer war, dass das Gericht Aleynikov vor Prozessbeginn nicht gegen eine Kaution auf freien Fuß setzte. Das Argument war: Mit den gestohlenen Programmen ließen sich Märkte missbrauchen. Beim Hochfrequenzhandel geht es nicht nur um Algorithmen, die bestimmte Handelsregeln als Wenn-dann-Information definieren. Viel wichtiger ist die richtige Hardware. Um 2010 liefen die Bauvorhaben rund um die Chicagoer Börse auf Hochtouren. Es wurden fünf Zentimeter dicke Plastikrohre in den Boden verlegt, die Hunderte haarfeiner Glasfasern enthielten und die Verbindung zu den modernsten Rechenzentren der Chicagoer Börse ermöglichten. Sogar die Länge eines Kabels war wichtig: je kürzer, desto besser, denn das bedeutet Schnelligkeit – also einen Wettbewerbsvorteil. In seinem Buch beschreibt Lews, wie eine Netzwerkfirma zwischen Chicago und New Jersey 1.339 km Kabel verlegte, um die Datenübertragungsgeschwindigkeit von 17 auf 13 Millisekunden zu reduzieren. Ein sehr hoher Aufwand für eine sehr kleine Verbesserung? Nein, denn Geschwindigkeit bringt Rendite. Das Tradingbusiness schien verrückt geworden zu sein. Durch das Outsourcing des Handels ergab sich ein Gewinnvorteil. Externe Handelsfirmen boten sich den institutionellen Aktienhändlern und Onlinebrokern an, um die Abwicklung der Orders umzusetzen. Für ihre Dienstleistung bezahlten sie sogar noch Geld. Ein Hochfrequenzhändler namens Citadel überwies beispielsweise jedes Jahr Hunderte Millionen US-Dollar an den Onlinebroker TD Ameritrade, um dessen Aufträge abwickeln zu dürfen. Warum war Citadel bereit, derartige Summen zu zahlen? Citadel verdiente durch die kleinen Transaktionen nur Cents, doch das System funktionierte wie eine Transaktionssteuer. Damals hatte der US-amerikanische Aktienmarkt ein tägliches Transaktionsvolumen von 225 Milliarden US-Dollar. Dank der wenigen Cent Gewinn summierte sich der tägliche Gewinn aber auf 160 Millionen US-Dollar – und niemand bekam es mit, weil alles in Millionstelsekunden geschah.

B1 Beispiel eines Orderbuches der Allianz-Aktie

B2 Zahl der gehandelten Kontrakte an den Terminbörsen der Eurex Group in den Jahren von 2005 bis 2021 (in Millionen)

Der Keim des Gewinns liegt beim HFT immer im Orderbuch

Um die Grundlagen des HFT zu verstehen, muss man sich mit dem Orderbuch beschäftigen. Wenn Sie hineinschauen, sehen Sie eine Geld- und eine Briefseite. Das sind die limitierten Aufträge, die nur zu bestimmten Kursen ausgeführt werden dürfen. Bei der Umsetzung gilt die Regel: „First in, first out“. Das bedeutet, bei gleichem Preislimit wird zuerst die Order ausgeführt wird, die als Erstes ins Orderbuch gestellt wurde. Durch diese Börsenregel wird der Hochfrequenzhandel besonders attraktiv, denn Schnelligkeit ist potenzieller Gewinn.

Die meisten Hochfrequenzhändler arbeiten als Marketmaker. Das bedeutet, dass sie weder Longnoch Short-Positionen aufbauen, um neutral zu bleiben. Wenn ein Trader die Aktie X für 20,20 Euro kaufen möchte, werden die Hochfrequenzhändler sie zum passenden Zeitpunkt auch für 20,20 Euro verkaufen. Wenn gleichzeitig ein Verkäufer verkaufen möchte, dann werden die Hochfrequenzhändler sie für vielleicht nur 20,10 Euro Aktien kaufen. Es geht also um den Spread. Solange sich Käufe und Verkäufe annähernd im Gleichgewicht befinden, wird der Hochfrequenzhändler die Differenz von zehn Cent als Gewinn verbuchen können.

Natürlich geht der Marketmaker auch ein Risiko ein, denn wenn sich der Aktienkurs verrückt verhält, kann er nicht so einfach Käufer und Verkäufer bedienen. Dementsprechend wird sich der Spread ausweiten. Das höhere Risiko lässt sich der Marketmaker mit einer größeren Differenz zwischen Geld- und Briefkurs bezahlen. Es ist eine Abwägung: Setzt er den Spread zu niedrig an, wird er Geld verlieren, ist der Spread zu hoch, wird niemand mit ihm handeln wollen. Die Leistung eines Marketmakers ist nichts Neues in der Börsenwelt. Schon zu Zeiten des Parketthandels waren die Händler im Pit als Marketmaker tätig. Erst die automatisierten Handelssysteme haben den Börsenhändler ersetzt. Zu Recht, denn der Computer ist kostengünstiger, schneller und macht keine Fehler. Der konstante Orderfluss bleibt das wichtigste Kriterium. Solange die Käufe und Verkäufe gut abgestimmt werden, wird der Gewinn des Marketmakers proportional mit dem Ordervolumen zunehmen.

Was früher funktionierte, geht heute nicht mehr

Wenn Sie lesen oder hören, dass sich ein diskretionärer Trader mit dem Orderbuch einen Handelsvorteil erarbeitet, dann seien Sie misstrauisch. Das Orderbuch zu kennen bot zu Zeiten des Parketthandels mit Ausruf einen enormen Vorteil. Das aber hat sich durch die Schnelligkeit des Tradings radikal geändert. Heute und auch in Zukunft regiert nur noch der Computer über das kurzfristige Börsengeschehen. Das superschnelle High-Frequency-Trading dominiert die Orderbücher und übersteigt bei Weitem die menschlichen Fähigkeiten. Im Bruchteil einer Sekunde können Orders in den Markt gestellt und wieder gelöscht werden. Die Umsetzung von Kauf- und Verkaufaufträgen geht so schnell, dass kein Mensch mit manuellen Orders mithalten kann. Mit dieser neu gefundenen Beschleunigung ist die Kapazität der Börsen, gemessen an den Orderinformationen pro Tag, von einer Million im Jahr 1995 bis 2009 auf Hunderte Millionen gestiegen; im selben Zeitraum hat sich der Durchsatz, gemessen an Orders pro Sekunde, von 20 auf über 100.000 gesteigert.

Ein Hinweis: Beobachten Sie am Vormittag 30 Minuten lang einmal das Orderbuch des DAX-Future. Sie werden feststellen, dass kontinuierlich Positionen sowohl auf der Kaufals auch der Verkaufsseite in den Markt gestellt werden – und diese Orders kommen niemals zur Ausführung. Sobald sich der Kurs der gestellten Order nähert, wird diese wieder gelöscht. Es ist ein ständiges Manipulieren und Täuschen. Fachleute sprechen dann vom „Spoofing“ und das ist eigentlich nicht erlaubt. In der Praxis kommt es jedoch häufiger vor, als man denkt.

Was ist mit Arbitrage?

Früher war es auch für Privattrader möglich, Kursunterschiede verschiedener Börsenplätze auszunutzen. Wenn ein Kurs an einem Börsenplatz zu billig oder zu teuer war, wurde sofort gegengesteuert. Man kaufte günstig am Platz A und verkaufte sofort teurer an Platz B. Daraus ergaben sich sehr kleine, aber sichere Handelsgewinne. Es war ein Differenzgeschäft, das sich aus der Ineffizienz des Marktes ergab. Natürlich gibt es das Arbitragegeschäft immer noch, doch es ist ein reiner Hochfrequenzhandel geworden. Für Privattrader gibt es nichts mehr zu gewinnen.

B3 Handelsaktivität des Bund-Futures bei Bekanntgabe von US-Arbeitsmarktdaten unterteilt nach HFT-Akteure und Nicht-HFT-Akteure.

Klare Vorteile beim News-Trading

Direktionale Strategien werden gerne beim Newstrading eingesetzt. Die Marktteilnehmer handeln dabei die Marktreaktion auf wichtige Nachrichten. Da HFT-Akteure hier ihren Geschwindigkeitsvorteil besonders gut nutzen können, sind Newstrading-Strategien unter ihnen weit verbreitet. Bei Bekanntgabe der News entsteht meist eine kurzfristige Volatilität, die mit technologischer Schnelligkeit ausgenutzt werden kann. Untersuchungen an der Eurex haben gezeigt, dass sich nach den News ein Verhaltensunterschied ergibt. Die Hochfrequenzhändler werden aktiver und die Nicht-HFT-Akteure halten sich zurück. HFT-Akteure sind rund um die Datenveröffentlichung circa zehn bis 30 Prozent aktiver als im Tagesdurchschnitt. Möglicherweise wissen die Nicht-HFT-Akteure um ihren Geschwindigkeitsnachteil und warten zunächst ab, bis sie ihre Limitorders manuell wieder anpassen können (siehe Bild 3). Nach Auswertung statistischer Daten durch die Bundesbank 2016 deutet vieles darauf hin, dass die aktiven HFT-Teilnehmer in der Sekunde der Publikation in Richtung der Überraschungskomponente der Nachricht handeln. Nach dieser initialen Reaktion dreht sich das Vorzeichen des Orderflow schon nach wenigen Sekunden wieder um, was dafür spricht, dass die aktiven HFT-Teilnehmer ihre Gewinne bereits realisieren. HFT-Akteure machen sich also ihren Geschwindigkeitsvorteil zunutze und kaufen oder verkaufen Kontrakte in Reaktion auf News. Sobald langsamere Marktteilnehmer nach einer gewissen Verzögerung ebenfalls auf die Nachrichten reagieren und durch ihr Handeln die initiale Preisbewegung verstärken, schließen aktive HFT-Akteure ihre Positionen wieder. Dabei erzielen sie in sehr kurzer Zeit je nach Stärke der Marktreaktion teils deutliche Gewinne.

DEUTSCHE BÖRSE GROUP

Erklärung der Deutschen Börse AG zum Hochfrequenzhandel

Im Hochfrequenzhandel können gewisse Risiken wie verstärkte Volatilität, Marktmanipulationen oder technische Fehler nicht ausgeschlossen werden. Durch Sicherheitsmaßnahmen wie zum Beispiel Plausibilitätskontrollen und Volatilitätsunterbrechungen („Circuit Breakers“) wirkt die Gruppe Deutsche Börse den vom Hochfrequenzhandel ausgehenden Risiken effektiv entgegen, um einen ordnungsgemäßen Börsenhandel sicherzustellen. Der Hochfrequenzhandel wird in Deutschland seit dem 15. Mai 2013 im Rahmen des Gesetzes zur Vermeidung von Gefahren und Missbräuchen im Hochfrequenzhandel (Hochfrequenzhandelsgesetz) reguliert.

Erlaubnispflicht für Hochfrequenzhändler

Das Hochfrequenzhandelsgesetz unterwirft Marktteilnehmer im HFT einer Erlaubnispflicht als Eigenhändler. Die Definition des Hochfrequenzhandels umfasst vier Kriterien:

• Handel auf eigene Rechnung

• Entscheidung des Systems über die Einleitung, das Erzeugen, das Weiterleiten oder die Ausführung eines Auftrags ohne menschliche Intervention • Nutzung latenzminimierender Infrastrukturen • hohes untertägiges Mitteilungsaufkommen Alle vier Kriterien müssen erfüllt sein, um einen Handelsteilnehmer als Hochfrequenzhändler einzustufen. Hochfrequenzhändler unterliegen der Erlaubnispflicht nach dem Kreditwesengesetz. Alternativ können Handelsteilnehmer aus EU-Mitgliedstaaten ihre für den Eigenhandel erteilte MiFID-Lizenz europaweit mit Hilfe des sogenannten EU-Passports nutzen.

Kennzeichnung von Handelsalgorithmen

Unmittelbare Handelsteilnehmer müssen Handelsalgorithmen seit dem 1. April 2014 an der Frankfurter Wertpapierbörse kennzeichnen. Auf Anfrage der Börsenaufsichtsbehörde muss der Hochfrequenzhändel jederzeit Auskunft über seine Handelsalgorithmen, Handelsparameter oder Handelsobergrenzen geben.

Die Qualität der Orderbuchinformationen

Wenn Sie das Orderbuch der Börse abonnieren, dann erhalten Sie nur einen Ausschnitt. Es entspricht niemals der Realität. Man könnte es höchstens als realitätsnah bezeichnen. Alle Anbieter zeigen Ihnen immer nur Schnappschüsse des Orderbuchs (zum Beispiel alle 0,3 Sekunden). Schon diese kurze Veränderungsrate überfordert das menschliche Hirn, daher ist es auch nicht notwendig, schneller zu sein. Innerhalb der Zeitspanne von 0,3 Sekunden wird jedoch aktiv gehandelt, was Sie nicht mitbekommen. Parallel dazu gibt es auch noch „Dark Pools“, nichtöffentliche Börsenplätze, die von institutionellen Marktteilnehmern genutzt werden. Wie umfangreich der Handel zum Beispiel mit einer ausgewählten Aktie ist, lässt sich deshalb nie exakt bestimmen. Es gibt einfach zu viele Handelsplätze und besonders große Aktienpositionen werden gerne über den Interbankenhandel abgewickelt.

Hochfrequenzhändler knabbern den Profit der Fonds weg

Einige HFT-Firmen haben sich darauf spezialisiert, die Handelsmuster der hoch kapitalisierten Fonds zu erahnen. Dazu wird meistens eine spezielle Detektivsoftware eingesetzt, um die Muster zu entdecken („sniffer programs“). Baut zum Beispiel ein Hedgefonds eine große Long-Position auf, dann hinterlässt das Spuren im Markt. Die Detektivsoftware erkennt sie und meldet der HFT-Firma, dass im größeren Stil gekauft wird. Anschließend versucht sich die HFT-Firma dazwischenzuschalten und schnelle Profite im Frontrunning umzusetzen. Das geht praktisch immer zulasten der Kaufkurse des Fonds. Das gleiche Prinzip funktioniert auch beim Verkauf großer Positionen. Neben den Handelsprogrammen sind Router eine entscheidende technische Vorrichtung beim HFT. Beide Elemente werden von Programmierern der jeweiligen Handelshäuser entwickelt. Das Handelsprogramm tritt als Erstes in Aktion und entscheidet, wie ein großer Handelsauftrag gesplittet wird. Nehmen wir an, Sie wollen 100.000 Aktien des Unternehmens X zu einem Höchstpreis von 25 Dollar pro Aktie kaufen. Auf dem Markt befinden sich jedoch nur 2.000 Aktien zu diesem Preis. Wenn Sie Ihre Order über 100.000 Aktien auf einmal in den Markt eingeben, dann dürfte der Preis in die Höhe schnellen. Deshalb entscheidet ein Algorithmus, wie viele Aktien Sie wann kaufen und wie viel Sie dafür bezahlen werden. Das Programm könnte beispielsweise den Router anweisen, den Kaufauftrag über 100.000 Aktien in 20er-Häppchen zu splitten und alle fünf Minuten 5.000 Aktien zu kaufen, so lange der Preis unter 25 Dollar bleibt. Über den Router werden also die Handelsentscheidungen der großen Händler umgesetzt. Er könnte beispielsweise die erste Order an den Dark Pool einer Großbank senden, ehe sie an die öffentlichen Börsenplätze weitergereicht wird. Solche Verhaltensmuster versuchen die Detektivprogramme aufzuspüren und die HFT-Firmen versuchen das auszunutzen. Sie wollen ein Stück vom Kuchen. Die Kunden haben in der Regel nicht die geringste Ahnung, wie die Programme und Router funktionieren. Es ist ein Kampf der Informatiker, Ingenieure, Mathematiker und Physiker. Oft sind es nur Kleinstspuren, die vom Detektivprogramm richtig gedeutet werden müssen. Manchmal ist es auch nur der Router, der verräterische Zeichen zeigt. Es könnte auch nur eine kleine Macke des Servers sein. Den High-Frequencyws nimmt die Aktivität Tradern reicht das völlig aus, um zu re vor der News besonder schließen vorhan- erkennen, dass gerade eine große sie ihre eigenen Orders davor und schmarotzen. Es versteht sich von selbst, dass diese Art von HFT nichts mit einem seriösen Marketmaking zu tun hat.

B4 Liquiditätsbereitstellung zum Zeitpunkt der Veröffentlichung von US-Arbeitsmarktdaten

Die Volumina werden durch Hochfrequenzhandel dominiert

An allen großen Börsenplätzen liegt der Anteil des Computerhandels klar über 50 Prozent. Mit dem HFT-Einsatz durch Großbanken hat sich die Technologie rapide beschleunigt. Mitte der 1990er-Jahre machte der Handelsanteil weniger als drei Prozent des Aktienmarktes aus. 2010 wurden schon 70 Prozent des Handelsvolumens an den US-Börsen durch Algorithmen erzeugt (Zhang, 2010). Einige Branchenexperten schätzen, dass Algorithmen heute fast 90 Prozent des Handelsvolumens am Aktien- und Futures-Markt ausmachen. Besorgniserregender ist, dass 60 Prozent des Handels an der NYSE in Millisekunden ablaufen; an anderen Börsen ist es ähnlich. Die CTFC meldete, dass 95 Prozent des US-Rohöl-Handelsvolumens durch Daytrading entsteht und dabei HFT den Großteil des Volumens bestimmt. Allein dieser Umstand macht den Programmhandel verdächtig. Hinzu kommt die Tatsache, dass es Handelshäuser gibt, die im Millisekundenbereich Börsenkurse („flashes“) von US-Börsen vor der offiziellen Börseneröffnung erhalten. Diese Firmen zahlen viel Geld für die Informationen der Vorabkurse. Der Verdacht des „Frontrunning“ ist nicht wegzudiskutieren.

Nie mehr ein Crash?

Wer lange genug an der Börse ist, der wird auch schon einmal einen Crash oder zumindest einen kleinen Kurszusammenbruch erlebt haben. Manchmal stürzen Kurse so schnell ab, dass es kaum eine Möglichkeit gibt, sich davor zu schützen. Auf der Webseite von wurde einmal die These aufgestellt, dass die Entwicklung im Bereich der künstlichen Intelligenz (KI) so weit fortgeschritten ist, dass ein Crash kaum mehr möglich ist. Es ist nicht unwahrscheinlich, dass es bereits konstant laufende Kleinstmanipulation an den Märkten gibt. Das könnte ein Supercomputer mit KI problemlos umsetzen. Märkte unterliegen nicht immer der ausgleichenden Harmonie von Angebot und Nachfrage. Manchmal gibt es sprunghafte Marktveränderungen und eine KI könnte auf diese Veränderungen extrem schnell reagieren. Es gibt also auch eine begründbare Handelslogik, um künstliche Intelligenz einzusetzen. Wie extrem Märkte reagieren können, wenn sie nicht mehr richtig funktionieren, konnte man im Jahr 2020 beim Ölpreis erfahren. Spontan hätte niemand es für möglich gehalten, dass er einmal negativ sein könnte. Da der Ölverbrauch durch die Coronapandemie dramatisch sank, waren die Öllager vor allem in den USA randvoll. Die jeweiligen Ölfirmen und Händler waren so verzweifelt, dass sie Kunden buchstäblich dafür bezahlten, ihnen das Öl abzunehmen. Der Druck war enorm, denn die Ölfirmen hatten selbst Kaufverträge zu erfüllen, wofür freie Kapazitäten nötig waren.

Die Börsenaufsicht toleriert High Frequency Trading wegen der Vorteile

Die US-Börsenaufsicht hat HFT intensiv diskutiert und sieht mehr Vor- als Nachteile. Auf natürlichem Wege finden Käufer und Verkäufer nicht immer zusammen. Deshalb benötigen sie einen Zwischenhändler (Marketmaker), der die Lücke schließt. Der Anteil am gesamten Handelsvolumen ist enorm; damit haben Hochfrequenzhändler das Liquiditätsargument auf ihrer Seite. Früher, als noch Menschen den Handel übernahmen, betrug der Spread einen sechzehntel Prozentpunkt. Im Zeitalter des Computerhandels beträgt er – zumindest bei den aktiv gehandelten Aktien – nur noch einen Cent oder ein Hundertstel Prozent. Für HFT-Befürworter ist dies ein Zeichen, dass der Hochfrequenzhandel gleichbedeutend mit größerer Liquidität ist. Seit Einführung des HFT sind die Transaktionskosten für private und institutionelle Anleger um über 50 Prozent gesunken (Menkveld, 2016). Der Hochfrequenz- und der algorithmische Handel sind wesentlich kostengünstiger als herkömmliche Handelspraktiken, da kein Mittelsmann mehr nötig ist. Kritiker halten dagegen den Hochfrequenzhandel für parasitär. Der dadurch verursachte Zwischenhandel wirkt nach deren Argumentation wie eine Kapitalsteuer. Eine Steuer, die von Marktakteuren bezahlt wird, die Kapital benötigen, um produktiv am realen Wirtschaftsleben teilzunehmen. Wissenschaftliche HFT-Studien verdeutlichen, dass ein pauschales Urteil über die Auswirkungen des HFT auf die Finanzmärkte nicht angemessen ist. So leisten HFT-Marktteilnehmer in einem ruhigen Marktumfeld einen bedeutenden Beitrag zur Liquidität. In gefährlichen hochvolatilen Marktphasen sieht das anders aus. Untersuchungen zeigten, dass Marketmaker sowohl beim Bund- als auch beim DAX-Future ihre Liquiditätsbereitstellung temporär reduzierten. Zudem sind einige andere Akteure mit anderer Strategie in Zeiten höherer Marktschwankungen offenbar besonders aktiv und können daher zu trendverstärkenden Kursentwicklungen beitragen.

Fazit:

Was sagen empirische Ergebnisse über die Zukunft des Hochfrequenzhandels aus? Es scheint, dass die Vorteile des HFT die potenziellen Nachteile überwiegen. Mit Blick auf den zunehmenden Anteil automatisierter Handelsstrategien hat die Eurex Exchange verschiedene Schutzmechanismen zum Risikomanagement eingebaut. Die Mechanismen reduzieren zum Beispiel das Risiko übergroßer Fehleingaben („fatfinger“) oder erkennen fehlerhafte Algorithmen. Infolgedessen kann das Eurex-System eine Volatilitätsunterbrechung vornehmen, Auftragslimits begrenzen oder auch irreguläre Preissprünge erkennen. Trotzdem sollte HFT nur in einem angemessenen Regulierungsrahmen stattfinden, um Nutzen und Risiken vernünftig auszubalancieren.

Eine Überregulierung des Hochfrequenzhandels würde zu Ausweichreaktionen und Abwanderungen an andere, weniger streng überwachte Handelsplätze führen. Dann würde dem Markt wichtige Liquidität entzogen – und dies wäre nicht im Interesse der Marktteilnehmer.