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Hilary Hahn :Frau im Spiegel


Rondo - epaper ⋅ Ausgabe 5/2018 vom 19.10.2018

Typisch für diese Violinistin: Erst spielt sie als Teenager die eine Hälfte der Bach-Sonaten -und Partiten ein. Dann wartet sie 20 Jahre.

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Ganz viel Ruhe: Hilary Hahn hat sich für den neuen Bach die nötige Reifezeit verordnet – mit Erfolg


Foto: Dana van Leeuwen

RONDO: War diese Bach-Fortsetzung nach 20 Jahren immer schon geplant? Und warum hat sie so lange gedauert?

Hilary Hahn: Als ich diese erste Aufnahme machte, war das wirklich nur meine erste Aufnahme.Ich wollte diese Musik damals einfach spielen und festhalten. Mir ging es dabei nie um die Möglichkeit einer kompletten Werkgruppe.Es war einfach das ...

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... beste Repertoire für mich damals – weil ich es am besten konnte.Auch wenn sich manche Leute über diese Wahl gewundert haben. Für mich war sie ganz natürlich.Und wie sich herausstellte: Es war für mich auch eine sehr gute Einführung in die seltsame Welt des Aufnehmens und der Studios. Zu keiner Zeit habe ich damals darüber nachgedacht,die halbe Folge später zum komplettieren.

Echt nicht?

Nein, da kamen gleich so viel andere Projekte und Komponisten, die mich interessiert haben. Und dann haben plötzlich die Leute gefragt, wann denn die zweite Folge kommen würde. Und so habe ich irgendwann angefangen, darüber nachzudenken. Und ich habe auf den richtigen Moment gewartet, wann ich es aufnehmen würde. Ich wusste immer, der wird kommen, denn dafür brauche ich ja keinen Partner. Ich kann das alleine machen, wenn es richtig ist und ich dafür bereit bin. Totale Freiheit! Und das war eben erst zwei Bach-CDs später. Bis dahin habe ich dieses Repertoire erst einmal für mich genossen, ohne den Druck, es auf ewig festzuhalten. Und ich wollte mir das aufbewahren. Denn ansonsten wäre mir ja nur übrig geblieben, die jeweils drei Sonaten und Partiten noch einmal komplett einzuspielen.

Hatte das auch etwas mit Erwartungsdruck zu tun?

Bestimmt. Denn wenn einer eine ganz ordentliche Bach-Solo-CD macht, erwartet man wohl, dass die zweite wirklich außerordentlich werden muss … Und ich wollte wohl auch den Abstand haben, um, wenn ich wieder damit anfange bzw. weitermache, reflektieren zu können, wo ich damals stand, wo es mit mir hingegangen ist. Anfangs dachte ich, es könnte interessant sein, das umzusetzen, wenn ich doppelt so alt wäre, aber dann war 32 Jahre für mich doch noch nicht das richtige Alter und nur wegen des Zahlenspiels wollte ich es nicht machen – und so habe ich noch ein wenig länger gewartet.

Warum?

Ich verrate Ihnen was. Ich habe doch nicht gewartet, ich habe sie damals heimlich in einem Studio aufgenommen, ist ja ganz leicht, und erst vier Jahre später habe ich mir die Aufnahme angehört und hatte das Gefühl, dass der Zeitpunkt einfach noch nicht richtig war. Ich wusste, ich würde in dieser Musik noch mehr geben können. Ich habe es dann immer wieder zurückgestellt. Und plötzlich waren fünf Jahre vorbei … Ich habe es dann mit vielen verschiedenen neuen Ideen noch einmal probiert. Und jetzt ist es eine Mischung aus diesen verschiedenen Sessions geworden, denn plötzlich fand ich manches von 2012 doch gar nicht so schlecht. Ich mochte plötzlich, was ich da hörte, brauchte offenbar den Abstand! Ich war später nicht besser, nur anders.

Aber wurde das dann nicht gerade sehr unterschiedlich?

Gar nicht, das ist das Tolle an der Studioarbeit. Man kreiert etwas von der Live-Aufnahme total Unabhängiges und Abgekoppeltes. Es sind zwei verschiedene Geigen im Spiel und zwei verschiedene Bögen, dafür dieselbe, von Frank Gehry entworfene Halle im Bard College, wo ich auch meine Mozart-Sonaten eingespielt habe. Und wenn ich jetzt eine der zwei Partiten oder die Sonate im Konzert spiele, dann ist es wieder anders. Diese Aufnahme ist also wirklich ein imaginäres, ideales Produkt geworden, Hilary von heute und von vor fünf Jahren. Das war nie so geplant, aber es fügte sich für mich am Ende ästhetisch ideal. Dort in der Halle arbeiteten nur mein Koproduzent Andreas Meyer und ich, es war die totale Freiheit. Das Verrückte ist, ich weiß noch nicht mal mehr, was aus welcher Sitzung stammt. Und trotzdem schlägt mein Spiel für mich einen einzigen, natürlichen Bogen.

Und lustigerweise ist das jetzt auch die erste Hälfte der Werkgruppe, die noch dazu gekommen ist.

Stimmt! Aber klar, jeder will als erstes die 2. Partita mit dieser mystischen, magischen Chaconne am Schluss aufnehmen, und damals fand ich dann wohl die 3. Partita und die 3. Sonate besser dazu passend. Und es waren auch die Werke, die ich damals besonders intensiv gespielt habe, die ich immer wieder geübt habe, seit ich neun Jahre alt war.

Haben Sie mal alle Sechse gespielt?

Nein, genauso wenig wie ich bisher ein Solo-Rezital gegeben habe. Aber es wird kommen, jetzt, wo die Aufnahme heraus ist. Und irgendwie fühlt sich das gerade sehr gut an. Mein erstes Album bei Sony war Bach, mein erstes bei der Deutschen Grammophon ebenfalls. Dann kam dieses Projekt mit Sängern, weil ich unbedingt einmal die menschliche Stimme begleiten wollte, und das waren dann eben wieder Bach-Arien aus Kantaten und Passionen. Mal sehen, wo mich mein Bach-Weg noch hin führt.

Ganz andere Frage: Bach kommunizierte durch Musik, Sie waren eine der ersten Klassikkünstlerinnen, die sich mit sozialen Medien beschäftigt haben. Fühlt sich das noch gut an?

Aber ja, denn da gibt es ja nicht die private Hilary Hahn, aber ich kann interaktiv sein, denn ich stelle unermüdlich Videos ins Netz, beispielsweise für 100DaysofPractice, wodurch ich den Fans den eigentlichen Entstehungsprozess zeigen und sie daran teilhaben lassen kann. Das ist auch fein für mich selbst, um mich beständig zu überprüfen. Und ich begleite so meine verschiedenen Repertoireprojekte auf die eine oder andere Weise. Langeweile kommt nicht auf. Meine Fans wissen die Distanz zu wahren, ich gebe ihnen aber offenbar trotzdem viel, denn ich integriere sie in das Werk und meine Arbeit.

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