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»Himalaya Calling« Teil 2: Hochgefühle


Tourenfahrer - Motorrad Reisen - epaper ⋅ Ausgabe 9/2020 vom 04.08.2020

Die Reise geht weiter. Vor zwei Monaten sind Erik Peters (Text & Fotos) und Alain Beger von Köln in Richtung Indien Welt aufgebrochen. Sie durchquerten Österreich, Ungarn, Rumänien, die Türkei, Georgien, Aserbaidschan, Kasachstan und Kirgistan. Nun stehen sie vor der Grenze nach China. Ihr Ziel: über die höchsten Pässe des Himalaja zum tropischen Strand von Goa.


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Bildquelle: Tourenfahrer - Motorrad Reisen, Ausgabe 9/2020

Endspurt: die letzten Meter hinauf auf den legendären Pass Khardung La im indischen Himalaja.


Kilometer um Kilometer folgen wir dem Fluss auf in den Fels gesprengten schlechten Straßen durch die Einsamkeit


Im Kloster von Diskit in Ladakh haben wir ...

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... einige Nächte verbracht. Gläubige Buddhistin in der Stadt Leh in Ladakh. Der Goldene Tempel von Amritsar ist der heilige Pilgerort der Religionsgemeinschaft der Sikhs. Zu Gast bei der größten Speisung der Welt in Amritsar (g. o. v. l.).
Stufenbrunnen in der Stadt Jaipur (o. l.). Unterwegs im Skardu-Tal im oberen Teil des Karakorums in Pakistan (o.). Heilige Sadhus in Kathmandu (o. r.). Farbenfrohes Indien: Schmuckverkäuferin in der Stadt Jaisalmer / Rajasthan (l.). Vorsicht! Tiger kreuzen: Verkehrsschild im Süden Nepals nahe dem Bardia-Nationalpark (r.).

Einer der schönsten Orte dieser Reise: der alte königliche Palast in der nepalesischen Hauptstadt Kathmandu.


Unser erster Eindruck ist vernichtend, doch dann offenbart sich uns die Stadt als kulturelles Schlaraffenland

So intensiv wie hier haben wir die Berge noch nie kennengelernt. Das ist eine Erfahrung, die uns demütig macht


Erschöpft, aber glücklich: auf dem Rohtang Pass. Hoch das Bein: die Wagah-Border-Zeremonie am Grenzübergang von Pakistan nach Indien. Swayambhunath oder Affen-Tempel: eines der Wahrzeichen von Kathmandu. Sonnenuntergang in der Thar-Wüste (g. o. v. l.). Sanfte Bergwelt im südlichen Himalaja nahe der Stadt Pokhara (o. l.). Routenplanung am Pangong Lake / Ladakh; die Berge im Hintergrund gehören zu Tibet (o.). Eine von unzähligen Begegnungen am Straßenrand im indischen Bundesstaat Uttar Pradesh (o. r.). Kamele sind auf Rajasthans Straßen keine Seltenheit (l.). Schneesturm bei der Fahrt auf den Pass Chang La (r.).

Den ersten Teil dieser Reportage lesen Sie in TF 5/2020, S. 140–153, erhältlich als PDF unterwww.tourenfahrer.de/ archiv.


Wo der Karakorum in den Himalaja übergeht, befindet sich der Deosai-Nationalpark, das zweithöchste Gebirgsplateu der Welt.


Man könnte meinen, wir seien in den schottischen Highlands mit einem hochalpinen Touch gelandet

Heimlich schiebe ich die Micro-SDKarte in meinen Mund und lasse sie unter meiner Zunge verschwinden. Ich komme mir vor wie in einem schlechten Agentenfilm. Mit einem aufgesetzten Lächeln händige ich kurz darauf mein Smartphone samt Passwort einem Grenzbeamten aus, der nun alle Daten kopieren und eine Überwachungs-App mit dem Namen »Sammelnde Honigbienen« auf meinem Gerät installieren wird. Würde ich mich weigern, dies zu tun, wie ein englischer Reisender wenige Wochen zuvor, dann hätte auch ich ein paar Tage Zeit, meine Entscheidung hinter Gittern zu überdenken. Nein, das hier ist kein Film. Wir sind in China und in einer Realität angekommen, die wir uns so nicht hätten vorstellen können.

Obwohl wir China nur im Transit auf kürzestem Weg in drei Etappen durchqueren wollen, war ein enormer logistischer Aufwand im Vorfeld nötig. Neben der App, die uns überwacht, wird uns in den nächsten Tagen ein Aufpasser begleiten, der auf einer vorgegebenen Route hinter uns herfahren wird. Doch bevor wir überhaupt nach China einreisen dürfen, warten die härtesten Kontrollen auf uns, die ich je an einer Grenze über mich habe ergehen lassen. Die Motorräder und das Gepäck werden mehrfach geröntgt, unsere Fingerabdrücke genommen, die Iris gescannt und der Pass mehr als ein Dutzend Mal kontrolliert. Als wir all dies hinter uns haben und endlich vom Grenzübergang am Irkeschtam-Pass durch die autonome Region Xinjiang rollen, sind wir so verwirrt, dass wir die Fahrt kaum genießen können.

Die erste Etappe führt uns in die alte Karawanenstadt Kaschgar, die zu Marco Polos Zeiten ein wichtiger Handelsposten entlang der Seidenstraße war. Vom einstigen Glanz der Stadt ist allerdings nicht viel übrig geblieben. Zwar bieten Händler in den engen Gassen noch immer unterschiedlichste Waren an, dennoch wirkt Kaschgar heute eher wie ein inszeniertes Freilichtmuseum.

Am nächsten Tag steht der legendäre Karakorum Highway auf dem Programm, der genau vor unserem Hotel beginnt. Auf einer Länge von 1284 Kilometern wird uns die Strecke in die pakistanische Hauptstadt Islamabad führen.

Taschkorgan ist der zweite und zugleich letzte Ort, in dem wir in China übernachten. Auch hier ist vom einstigen Glanz nicht mehr viel zu sehen. Wir lernen einen trostlosen Ort kennen, dessen Bild von Stacheldraht, Blaulicht, und Polizeikontrollen geprägt wird. Nichts, aber auch rein gar nichts wirkt einladend auf uns. Die uigurische Minderheit, die in der autonomen Region Xinjiang seit Jahren unterdrückt wird, hat unser tiefstes Mitgefühl und ich möchte hier mit diesem Satz auf sie aufmerksam machen.

Nach ein paar steilen Kurven und einer allerletzten Kontrollstation liegt am nächsten Tag der höchste internationale Grenzübergang der Welt am Khunjerab Pass auf 4693 Metern vor uns. Wer hätte gedacht, dass wir uns so darüber freuen würden, China wieder hinter uns zu lassen?

Nach einem wohltuend unkomplizierten Einreiseprozedere und nachdem wir unsere Smartphones resettet haben, rollen wir talwärts in Richtung Süden. Das Panorama auf der pakistanischen Seite lässt sich kaum in Worte fassen. Spektakuläre Gebirgsformationen, so weit das Auge reicht. Verschneite Gipfel und Gletscher, die sich teilweise bis an den Rand der Straße erstrecken – Gänsehaut ist unser ständiger Begleiter.

Wir sind so überwältigt von den ersten Eindrücken, dass wir die Bedenken um unsere Sicherheit, die uns noch vor Kurzem plagten, fast vergessen haben. Wenn wir irgendwo anhalten, sei es zum Tanken oder Einkaufen, kommen wir stets mit Einheimischen ins Gespräch. Man begegnet uns mit Neugier, Gastfreundschaft, vor allem aber Dankbarkeit dafür, dass wir ihr Land bereisen. Ablehnung oder gar Feindseligkeit spüren wir kein einziges Mal.

Unseren ursprünglichen Plan, Pakistan so schnell wie möglich zu durchqueren, ändern wir, da wir plötzlich den Drang verspüren, mehr über dieses uns unbekannte Land zu erfahren, das so sehr unter dem eigenen Image leidet. So biegen wir am nächsten Tag in eines der Seitentäler ab. Im Schatten des 8125 Meter hohen Nanga Parbat folgen wir dem Fluss Indus immer tiefer ins Skardu-Tal hinein. Auf in den Fels gesprengten Straßen geht es Kilometer um Kilometer vorbei an schwindelerregenden Abgründen.

Unweit des K2, des zweithöchsten Bergs der Welt, erreichen wir nach drei abenteuerlichen Fahrtagen das höchstgelegene Dorf Pakistans. Als wir in Hushe ankommen, haben wir das Gefühl, wir würden eine andere Welt betreten, in die sich schon seit geraumer Zeit kein Tourist mehr verirrt hat. Wir bleiben ein paar Tage und sind überwältigt, wie freundlich wir von der Dorfgemeinschaft aufgenommen werden. Als wir vor Monaten mit der Entscheidung haderten, ob wir es wagen sollten, durch Pakistan zu fahren, hätten wir niemals gedacht, dass uns dieses Land so unter die Haut gehen würde.

Flower-Power-Gefühle: auf der Suche nach dem Spirit von Goa am Cola Beach.


Großveranstaltung: indischer Motorradfahrer auf der legendären »Rider Mania« in Vagator.


Auf der anderen Seite des Skardu-Tals folgen wir ein paar Tage später einer schlechten Straße hinauf auf das zweithöchste Gebirgsplateau der Welt: Dort, wo der Karakorum in den Himalaja übergeht, liegt der Deosai-Nationalpark. Eine Gegend, in der Braunbären und Schneeleoparden zu Hause sind und die sich komplett von den Felsenlandschaften der vergangenen Tage unterscheidet. Man könnte meinen, wir seien in den schottischen Highlands mit einem hochalpinen Touch gelandet.

Ausgerechnet auf dem höchsten Punkt des Parks wird unsere Fahrt plötzlich unterbrochen. In einem Moment der Unaufmerksamkeit übersieht Alain einen großen Gesteinsbrocken, der den Motorschutz so hart trifft, dass der Ölfilter einen Riss bekommt. Mit hohem Druck schießt heißes Öl hinaus. Dank Murphy’s Law passiert einem so etwas natürlich nie neben einer Werkstatt, sondern immer am Arsch der Welt. In diesem Fall auf knapp 4800 Meter Höhe. Da wir den Ölfilter – wie könnte es anders sein? – erst wenige Tage zuvor gewechselt und somit keinen Ersatz mehr haben, müssen wir improvisieren. Mithilfe von Flüssigmetall, etwas Verbandmull und einer 20-Cent-Münze gelingt es uns jedoch, das Loch wie bei einem Druckverband zu schließen.

Gut drei Wochen, nachdem wir in Pakistan eingereist sind, erreichen wir nahe der Stadt Lahore den Grenzübergang zum Nachbarland Indien. Schweren Herzens lassen wir Pakistan hinter uns und sind froh, einen ganzen Sack voller Vorurteile über Bord werfen zu können.

Das Erste, das uns in Indien auffällt, sind die vielen leuchtenden Farben. Amritsar, die heilige Pilgerstadt der Religionsgemeinschaft der Sikhs, ist besonders bunt und wir werden hier Station machen. Wir besuchen den Goldenen Tempel und nehmen dort in der Langar Hall an der größten Speisung der Welt teil. Bis zu 100.000 kostenlose Essen werden hier täglich an die Besucher verteilt.


»Was, ihr wollt kneifen?«, fragt uns der Alt-Hippie und degradiert uns damit zu den größten Luschen


Da war doch was! Auf Tigerpirsch im Terai im indisch-nepalesischen Grenzgebiet.


Durchs fruchtbare Kaschmirtal nehmen wir wieder Kurs in Richtung Norden. Es ist Erntezeit und zigtausend Lkws, gefüllt mit Äpfeln und Getreide, reihen sich auf der Strecke von Jammu nach Srinagar auf über 200 Kilometern dicht gedrängt aneinander. Wie in Indien üblich, kommt der Verkehr infolge der chaotischen Fahrweise immer wieder zum Erliegen. Erst hinter der Stadt Srinagar wird das Hupen leiser und der Verkehr nimmt endlich ab. Nachdem wir den über 3500 Meter hohen Pass Zoji La erklommen haben, überqueren wir die Grenze zu Ladakh. Vor uns breitet sich eines der Topziele für ultimative Motorradabenteuer aus.

Im nördlichen Indus-Tal, umgeben von den schneebedeckten Bergen der Ladakh Range, liegt die 30.000 Einwohner zählende Stadt Leh. Von dort aus wollen wir in den nächsten Tagen immer wieder aufbrechen, um die verschiedenen Highlights der Region zu erkunden. Ein verspäteter Monsun, der den Süden Indiens überflutet und Unmengen von Schnee in den Himalaja getragen hat, soll uns allerdings vor einige schwierige Entscheidungen stellen.

Schon mit unserem ersten Ziel erfüllen wir uns einen lang gehegten Traum. Unmittelbar hinter Leh steigt die Straße steil und kontinuierlich an und führt uns hinauf auf den legendären Khardung La.

Der höchste befahrbare Gebirgspass der Welt – wie oft behauptet wird. Die Inder geben seine Höhe mit 5602 Metern an. Genauere Messungen haben jedoch ergeben, dass die Passhöhe »nur« auf 5359 Metern über dem Meeresspiegel liegen soll – und da gibt es dann noch höhere Pässe. Ob die Zahl stimmt oder nicht, ist uns völlig wurscht. Für uns fühlt es sich in der dünnen Höhenluft so an, als hätten wir das Dach der Welt erklommen.

Im Nubra-Tal, auf der anderen Seite des Passes, beziehen wir Quartier im Kloster von Diskit. Dort wollen wir uns Gedanken machen, wie wir weiter in Richtung Nepal fahren. Es gibt nur zwei Möglichkeiten: Entweder wir fahren den gesamten Weg bis Amritsar zurück und schlagen einen riesigen Bogen südlich um den Himalaja oder aber wir warten einfach noch ab. Zwischenzeitlich kam uns nämlich das Gerücht zu Ohren, dass der Manali-Leh-Highway, die einzige Straßenverbindung über die Berge, in den nächsten Tagen nochmals für sehr kurze Zeit vom Militär freigegeben werden soll.

Vis-à-vis: Marktfrau in der Stadt Leh im indischen Unionsterritorium Ladakh.


Stillgestanden! Mit der Kamera unterwegs in Hushe, dem höchstgelegenen Dorf Pakistans.


Wahrzeichen Indiens: der Tadsch Mahal in Agra – die Baumaterialien sollen von über 1000 Elefanten transportiert worden sein.


Spätestens, als wir auf dem Weg zurück nach Leh auf dem 5360 Meter hohen Pass Chang La in einen heftigen Schneesturm geraten, wird uns bewusst, dass Anfang Oktober mit dem Wetter im höchsten Gebirge der Welt nicht zu spaßen ist. Kälte in Verbindung mit mangelndem Sauerstoff ist unglaublich kräftezehrend. In diesem Moment steht für uns fest, dass wir nicht den riskanten Weg über die Berge nehmen werden; wir entscheiden uns für den sicheren Umweg außen herum. Trotzdem kommt es anders.

Während wir die Motorräder vor unserer Unterkunft für den Aufbruch vorbereiten, lernen wir »Woody« kennen, einen deutschen Alt-Hippie. Er erzählt uns, dass er seit über zehn Jahren in Manali lebe und die Strecke, die wir ursprünglich fahren wollten, erst gestern mit seinem Land Rover gefahren sei. »Was, ihr wollt kneifen?«, fragt er uns in einem Tonfall, der uns zu den größten Luschen degradiert. »Zugegeben, die Strecke war nicht ohne, aber mit den Kisten da, schafft ihr das locker«, sagt er und deutet dabei auf unsere schwer beladenen Super Ténérés. »Ich bin die Strecke in all den Jahren schon über hundertmal gefahren. So geil wie jetzt nach dem Schneefall war die Landschaft noch nie. Das dürft ihr euch einfach nicht entgehen lassen!«

Manche Menschen schickt der Himmel. Ein alter Hippie auf einem Parkplatz schafft es, uns in weniger als fünf Minuten von etwas zu überzeugen, worüber wir uns über eine Woche lang den Kopf zerbrochen haben. Alain und ich schauen uns an. Ein einziger Blick genügt.

Dick eingepackt und mit 30 Litern zusätzlichem Sprit im Gepäck nehmen wir die 477 Kilometer lange Strecke nach Manali in Angriff. Hoffentlich werden wir diese spontane und vermutlich auch leichtsinnige Entscheidung nicht bereuen! Die Streckenbedingungen sind auf weiten Teilen so schlecht, dass wir nur mühsam vorankommen. Da wir unser Etappenziel nach 250 Kilometern aber unbedingt vor Einbruch der Dunkelheit erreichen müssen, bleibt uns kaum Zeit für Pausen. Nur ganz selten halten wir an, um das atemberaubende Panorama zu genießen. Würden uns die magischen Ausblicke und die ohrenbetäuben-de Stille nicht so faszinieren, bekämen wir es glatt mit der Angst zu tun.

Kurz vor Sonnenuntergang erreichen wir die Durchgangsstation Sarchu und quartieren uns in einer einfachen Wellblechhütte ein. Die Nacht auf 4290 Metern ist schneidend kalt. Wir tragen all unsere Kleidungsstücke und stapeln sämtliche verfügbaren Decken über uns. Trotzdem frieren wir erbärmlich. Was aber noch schlimmer ist als die Temperatur von minus 18 Grad, ist die dünne Höhenluft. Immer wieder werde ich nachts aufgrund von kurzen Atemaussetzern aus dem unruhigen Schlaf gerissen.

Am nächsten Morgen sind wir völlig fertig. Die mit Abstand kälteste Nacht unserer Reise hat uns ausgelaugt. Unter diesen Bedingungen verspüren wir keine Lust, wieder auf die vereisten Yamahas zu steigen. Erst als die Sonne über die Berge gekrochen kommt und die Temperatur in den einstelligen Minusbereich klettert, können wir uns dazu durchringen, weiterzufahren.

Auch der zweite Tag auf dem Manali Leh Highway ist von eisiger Kälte, sehr viel Schnee und langen Stunden im Sattel geprägt. Irgendwann liegt das letzte Hindernis vor uns: der 3978 Meter hohe Rohtang Pass, der für seine schlechten Straßenverhältnisse berüchtigt ist. Eis und zum Teil so tiefer Schlamm, dass wir bis über den Motorschutz einsinken, fordern uns alles ab. Es ist eine anstrengende Materialschlacht, wie ich sie selten erlebt habe. Erschöpft kämpfen wir uns den Pass hinauf. Nach einer letzten Kehre erreichen wir die Passhöhe. Wir stellen die Motorräder ab und fallen uns in die Arme. Wir haben es tatsächlich geschafft, den Himalaja unter extremen Wetterbedingungen zu überqueren.

Wie schnell sich die Lage doch ändern kann. Keine drei Tage, nachdem wir die Berge hinter uns gelassen haben, fahren wir bei tropischen Temperaturen durch sattgrünen Dschungel. Wir sind im Terai unterwegs, in einer fruchtbaren Tiefebene südlich des Himalajas, mit dichten Wäldern und weiten Graslandschaften. An einem Straßenschild, das vor Tigern warnt, halten wir für ein Erinnerungsfoto an. Kaum habe ich meine Kamera ausgepackt, da hält neben uns ein Auto und der Fahrer warnt uns mit eindrücklicher Stimme, dass ein Stopp hier keine gute Idee sei. Erst kürzlich sei auf dieser Straße ein Rollerfahrer während der Fahrt einem Tiger zum Opfer gefallen. Wir packen also alles wieder zusammen und setzen unsere Reise mit erhöhtem Tempo fort.


Aufgrund der dünnen Höhenluft werde ich nachts von Atemaussetzern aus dem unruhigen Schlaf gerissen


Chaotischer Verkehr und von tiefen Schlaglöchern zerfressene Straßen – der erste Eindruck der nepalesischen Hauptstadt fällt vernichtend aus. Als wir jedoch näher kommen und genauer hinsehen, offenbart sich uns Kathmandu als ein kulturelles Schlaraffenland. Für uns ist es nicht nur die bislang exotischste Stadt dieser Reise, es ist vor allem auch der perfekte Ort, um uns allmählich vom höchsten Gebirge der Welt zu verabschieden.

Die vergangenen Monate, in denen wir von Deutschland über China durch den Karakorum und weiter über Ladakh nach Nepal gefahren sind, haben uns demütig gemacht. Wir haben die Berge so intensiv wie noch nie zuvor in unserem Leben kennengelernt und wir sind dankbar für die vielen wertvollen Erfahrungen.

Uttar Pradesh, der bevölkerungsreichste Bundesstaat Indiens, erwartet uns mit unfassbar chaotischem Verkehr. Wir lernen schnell, dass man sich auf indischen Straßen nur dann behaupten kann, wenn man alle Regeln, die man irgendwann in der Fahrschule gelernt hat, vergisst und selbst so fährt wie der letzte Henker. Doch der mörderische Verkehr ist nicht die einzige Belastungsprobe. Die Menschenmassen sind für uns anfangs die noch größere Herausforderung. Sobald wir irgendwo anhalten, dauert es nur wenige Minuten, bis sich Dutzende von Leuten um uns versammeln und uns fast auf die Füße treten. Selbst wenn wir irgendwo eine Notdurft verrichten, geht das nicht ohne Zuschauer vonstatten.

Auf wundersame Art und Weise gelingt es uns jedoch, uns auf diesen Wahnsinn einzulassen. Selbst nach der hundertsten Person, die sich auf dem Motorrad fotografieren lassen möchte, sind wir seltsamerweise nicht genervt. Ganz im Gegenteil. Wir spielen mit und so machen uns die vielen Begegnungen irgendwann sogar Spaß. Würde uns das nicht gelingen und wir empfänden die ungewohnte Nähe und die vielen Selfies als Belästigung, dann würde die Fahrt durch Indien sehr schnell zum Horrortrip werden.

Nur wenige Kilometer hinter Agra, wo wir das Wahrzeichen Indiens, das berühmte Tadsch Mahal besuchen, nimmt die Bevölkerungsdichte schlagartig ab. Die Landschaft wird wüstenartiger und die kleinen Pisten, die wir wählen, dementsprechend sandiger. So erreichen wir Rajasthan, den wohl buntesten, den außergewöhnlichsten, ja ganz einfach den indischsten aller Bundesstaaten.

Mithilfe von Flüssigmetall, etwas Verbandmull und einer 20-Cent-Münze können wir das Loch schließen

Riss im Ölfilter: improvisierte Reparatur mitten im Nirgendwo des Deosai-Nationalparks in Pakistan.


Wackelig? Brücke über den Indus-Fluss im Karakorum-Gebirge Pakistans.


Nicht ohne Grund wird Jaisalmer als eine der exotischsten Städte Asiens gehandelt. Schon von Weitem sichtbar, heben sich die Festungsmauern des Goldenen Forts am Horizont über der dahinterliegenden Thar-Wüste empor. Inmitten dieser Mauer, die eine der größten je gebauten Festungen der Welt umgibt, beziehen wir ein Zimmer in einer ehemaligen Waffenkammer mit großartigem Ausblick auf die Wüste.

Ein wenig wehmütig nehmen wir die letzten 1500 Kilometer dieser Reise in Angriff. Nachdem wir die Megametropole Mumbai weiträumig umfahren haben, folgen wir der Küstenstraße in Richtung Süden. Irgendwann ist es dann so weit: Auf einer langen Brücke überqueren wir den unscheinbaren Chapora-Fluss, der die natürliche Grenze zwischen den Bundesstaaten Maharashtra und Goa markiert. Fast sechs Monate, nachdem wir in Köln aufgebrochen sind, haben wir unser Ziel erreicht. Tränen schießen mir in die Augen und ich schreie meine Freude laut hinaus: »Ja! Ja! Ja! Wir haben es geschafft!« An einem einsamen Strand halten wir an und springen ins Meer. Noch nie hat sich das Ende einer Reise so gut angefühlt.

Goa ist in unseren Augen der passende Ort, um diese Reise ganz entspannt unter Palmen ausklingen zu lassen. Am Cola Beach, einem der schönsten Strände Indiens, mieten wir uns eine kleine Holzhütte. Eigentlich ist alles perfekt. Insgeheim hatten wir uns jedoch erhofft, das Ende unseres Trips ein wenig wilder zu feiern. Wir vermissen die bunt gekleideten Freaks und ihre Partys, die wir mit Goa assoziieren. Es will sich partout kein Flower-Power-Gefühl bei uns einstellen und ich glaube, ich weiß auch, warum: Wir sind ganz einfach 40 Jahre zu spät zur Party gekommen.

Den echten Spirit von Goa, oder wie auch immer man das nennen mag, finden wir dennoch. Unverhofft, durch einen glücklichen Zufall. Nur wenige Tage nach unserer Ankunft beginnt in Vagator, einem kleinen Ort in Goa, die sogenannte »Rider Mania« – Indiens angesagtestes Motorrad-Event, wo sich Tausende Motorradfahrer treffen, um drei Tage lang gemeinsam zu feiern. Besser hätten wir uns das Finale der Reise nicht vorstellen können.

Wir beide sind zutiefst dankbar dafür, dass wir diese Tour gemeinsam erleben durften. Und genau darauf trinken wir. Auf die Welt, auf das Leben und die Freundschaft! Und verdammt noch mal darauf, dass die Erinnerungen an diese Reise niemals verblassen mögen.

Mit dem Motorrad durch China

Die einzige Möglichkeit, China mit dem eigenen Fahrzeug bereisen zu können, besteht darin, einen Guide über eine staatlich lizensierte Agentur anzuheuern. Dieser kümmert sich im Vorfeld um die bürokratischen Angelegenheiten, organisiert vor Ort die chinesischen Nummernschilder und Führerscheine und folgt den Reisenden während des Transits in einem Pkw. Die Kosten für den fünftägigen Service liegen je nach Anbieter bei rund 8000 bis 10.000 US-Dollar. Um die Kosten zu minimieren, haben die Autoren im Vorfeld der Reise in den sozialen Netzwerken Mitfahrer gesucht. So kam eine Gruppe mit 13 Motorrädern zusammen, wodurch sich die Kosten auf rund 500 Euro (inkl. Hotelübernachtungen) reduzierten. Die Buchung erfolgte überwww.westchinaexpeditions.com, der Service erwies sich den Umständen entsprechend als empfehlenswert

Zolldokumente

Für die Länder Pakistan, Indien und Nepal musste zudem ein »Carnet de Passage« beantragt werden. Nur mit diesem internationalen Zolldokument, das man beim ADAC beziehen kann, ist es möglich, sein Fahrzeug temporär zu importieren.

Kosten

Die beiden Reisenden sind unterwegs mit einem monatlichen Budget von ca. 1000 Euro pro Person gut zurechtgekommen. Der Rücktransport der Motorräder von Indien nach Deutschland (3599 Euro für zwei Motorräder per Seefracht) sowie die Rückflüge kamen obendrauf. Allerdings hängen die Kosten einer solchen Reise natürlich grundsätzlich von den eigenen Ansprüchen ab.

Wetter

Bei einer mehrmonatigen Reise durch verschiedenste Klimazonen ist es schwer, von der optimalen Reisezeit zu sprechen. Die Einreise nach China erfolgte am 3. September 2019. In Indien hatten die Reisenden mit Temperaturunterschieden von knapp 60 Grad zu kämpfen. Der heißeste Ort dort war Rajasthan mit 40 Grad im Schatten und am kältesten war es mit minus 18 Grad auf dem Manali-Leh-Highway im Himalaja. Die Regentage ließen sich an einer Hand abzählen. Wenn es geregnet hat, dann aber richtig.

Essen

Kulinarisch betrachtet waren Indien und Pakistan die größten Highlights dieser Reise. In Indien ist es möglich, für rund einen Euro satt zu werden. Die günstigste und zugleich auch eine der leckersten Speisen ist »Thali«, eine Kombination verschiedener vegetarischer Gerichte, die nach dem Teller benannt ist, von dem mit den Fingern gegessen wird. Übrigens war das Essen in Indien weit weniger scharf als erwartet und nicht ansatzweise mit dem Schärfegrad mexikanischer oder thailändischer Gerichte zu vergleichen.

Hygiene

Diese Reise fand in einer Zeit statt, als es noch völlig normal war, andere Menschen zu umarmen und sich die Hand zu geben. Trotz der prekären hygienischen Zustände in Indien sind die Autoren dort kein einziges Mal von der bei Reisenden so gefürchteten Durchfallerkrankung heimgesucht worden. Und das, obwohl sie unterwegs ausschließlich in kleinen Garküchen und Imbissbuden am Straßenrand gegessen haben und in Sachen Hygiene fünfe meist haben gerade sein lassen. Vielleicht hatten sich die Mägen während der Reise an die ortsansässigen Bakterien gewöhnt. Wahrscheinlicher dürfte es sich jedoch einfach um Glück gehandelt haben.

Infrastruktur

Die Infrastruktur der durchreisten Länder war wesentlich besser als erwartet. Auf der gesamten Reise war es nur im Himalaja ein einziges Mal nötig, zusätzlichen Kraftstoff mitzunehmen. Ansonsten war das Tankstellennetz bei einer Reichweite von 300 km völlig ausreichend.

Am meisten überrascht hat uns die hervorragende Netzabdeckung in den bereisten Ländern. Selbst in weiten Teilen Pakistans war der Empfang besser als in der Heimat. Die SIM-Karten für die jeweiligen Länder ließen sich immer an oder kurz hinter der Grenze problemlos und für kleines Geld besorgen. In Indien kostete eine SIM-Karte 4 Euro pro Monat. Dafür gab es ein unglaublich schnelles Netz und ein Datenvolumen von 8 GB – pro Tag!

Karten

Bei der groben Routenplanung unterwegs kamen verschiedene Reiseführer von Lonely Planet und die Landkarten des Reise Know-How Verlags zum Einsatz. Wegpunkte wurden über Google Maps und das Programm »BaseCamp« auf das Garmin-GPS-Gerät übertragen, auf dem kostenfreie OpenStreetMap-Karten der jeweiligen Länder installiert waren.

Vierteiler

Über diese Reise gibt es eine vierteilige Dokumentarserie unter dem Namen »Himalaya Calling« auf DVD, Blu-Ray und als Video on Demand – erhältlich beim Autor über seine Webseite motorradreisender.de/ himalayacalling, vorgestellt in TF 8/2020, S. 100 (PDF-Download unterwww.tourenfahrer.de/ archiv).