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Himmlisch-spaßige Hommage


blickpunkt musical - epaper ⋅ Ausgabe 1/2019 vom 29.01.2019

Deutschsprachige Erstaufführung von »Altar Boyz« in der Bar jeder Vernunft Berlin


Artikelbild für den Artikel "Himmlisch-spaßige Hommage" aus der Ausgabe 1/2019 von blickpunkt musical. Dieses epaper sofort kaufen oder online lesen mit der Zeitschriften-Flatrate United Kiosk NEWS.

Bildquelle: blickpunkt musical, Ausgabe 1/2019

Göttlicher Funken: Die »Altar Boyz« (Daniel Tejeda, Martin Mulders, Christopher Bolam, Tobias Bieri, Tom Schimon) chatten mit Gott und verbreiten die göttliche Botschaft im Web und auf der Bühne


Wir sind die Altar Boyz, wir sind die Backstreet Boys in cool … Wir sind die Altar Boyz, komm mach dich bereit. Alter, du wirst heute befreit!« Und die fünf Jungs auf der Bühne der Bar jeder Vernunft in Berlin haben bei der Premiere des neuen Musicals »Altar Boyz« mit Buch von Kevin Del Aguila, Musik und Liedtexten von Gary Adler ...

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... sowie Michael Patrick Walker nicht zu viel versprochen. Denn das Publikum wird dank der deutschsprachigen Erstaufführung dieser Musical-Comedy nach einer Idee von Marc Kessler und Ken Davenport in einer witzigen und geschmackvollen Inszenierung von Michael Heller (auch Ausstattung sowie Choreographien gemeinsam mit Christopher Bolam) davon befreit, sich schlechtes Musiktheater mit nur Showcharakter und/oder schwächelndem Buch anzuschauen. Wieder einmal ist es der Verein OFFstage Germany, der sich eines erfolgreich am Off-Broadway aufgeführten Musicals bedient, um es im kleineren Rahmen auf die Bühnen Deutschlands zu bringen. Die Bar jeder Vernunft bietet mit ihrem kleineren Saal, Tischen, Logen und Bar den passenden Rahmen für die Veranstaltung. Dass die Location offen für neue und ungewöhnlichere Events ist und sich dafür begeistert, sieht der Besucher der »Altar Boyz« zudem bereits beim Betreten des Foyers: Ein bunt glitzerndes Kreuz mit einem Einwurfschlitz nimmt die Mitte des Raumes ein und zieht die ersten Blicke auf sich – die Beichtbox für die Zuschauer inklusive Beichtvorlage zum Ausfüllen.

Belehren wollen die »Altar Boyz« selbstverständlich nicht, aber sie bieten vollen Einsatz und eine Show, die Spaß macht. Die Musical-Comedy verbindet liebevoll eine würdige Hommage an die Boybands der 90er und des Milleniums mit der Parodie auf christliche Musik, wie sie besonders in den USA beliebt ist, ohne dabei das Ganze ins Lächerliche zu ziehen. Die deutsche Übersetzung von Laura Friedrich Tejero funktioniert hier bestens. Klischeehafte und oft belächelte Sprüche wie »Jesus liebt dich« bleiben aus, das Publikum darf über witzige choreographische Elemente (etwa das »Satanshörnchen« oder den »Ringel-Ringel-Kreis«), kluge Wortspiele und kreative Zufälle auf der Handlungsebene lachen. Und natürlich: Die Zuschauer dürfen ganz viel Musik und Gesang lauschen, einem bunten Mix aus Rockklängen, Pop und Elektro, Funk und Soul, mit spanischen oder auch Hip-Hop-Elementen, mitklatschen und Spaß haben. Die Band, bestehend aus Lidia Kalendareva (auch musikalische Leitung) und Alin Cristian Oprea(2. Musikalischer Leiter) an den Keyboards sowie Benedict Abalos am Schlagzeug und Matthäus Jähnel sowie Daniel Lindenblatt an der Gitarre, liefert den Sound für die mitreißende Beichtparty.

Mit dramatischen, rockigen Klängen beginnt der himmlische Spaß auf Erden: »Es herrscht ab sofort ein völlig neuer Sound – sound, sound, sound, sound«, das Publikum schmunzelt bereits in den ersten Sekunden der Show über die wunderbar polyphon vorgetragene Wiederholung der letzten Wörter einer Zeile. Dass die Besetzung der »Altar Boyz« gelungen ist, ist mit jedem gesungenen Ton hörbar, ganz wunderbar auch in der Anbetung des »Soul Sensor DX-12« und einzelnen Solo-gesängen, die jeden der fünf »Reli-Jungs« in den Vordergrund rücken lassen und ihm seinen Moment des Ruhms und des Könnens geben.

Die »Altar Boyz« bestehen nach Boyband-Manier aus fünf Sängern und Tänzern – auch tänzerisch machen diese ihre Sache mehr als gut, nicht zuletzt dank der oben erwähnten gekonnten Choreographien. Zu den verschiedenen Musikstilen werden passende Moves gezeigt und scheinbar locker-flockig in Synchronisationoder in lässiger Partystimmung variiert ausgeführt. Der Band gehören die vier Katholiken Matthew, Mark, Luke und Juan, nach den Evangelisten benannt, sowie der Jude Abraham an. Jeder erhält eine Persönlichkeit beziehungsweise Eigenschaften, die ihn kennzeichnen und durch das Schauspiel der Darsteller dem Zuschauer sympathisch werden lassen. So ist Tobias Bieri Matthew, der Bandgründer und Frauenschwarm. Martin Mulders ist der etwas schüchterne, aber einfühlsame und großherzige Gutmensch Mark mit Geheimnis: »Ich bin katholisch … Lang lebe der Vatikan«. Luke (Christopher Bolam) ist in Sprache und Style der Hip-Hopper unter den Fünf und musste wegen »Erschöpfung« (Running Gag) in eine Klinik. Im Lauf der Show-in-der-Show offenbart sich sein leidenschaftliches Verhältnis zu Messwein. Dann ist da noch Daniel Tejeda als Juan, der lateinamerikanische Wurzeln hat, die nicht zu übersehen und zu überhören sind. Er ist auf der Suche nach seinen Eltern und erntet das Mitgefühl des Publikums. Wie seine Suche ausgeht, wird hier nicht verraten. Der Jude Abraham (Tom Schimon) geriet nur zufällig in die Band, schreibt allerdings die Songtexte auf die Musik.

befindenden »Altar Boyz« erzählen, wenn sie nicht gerade singen, von sich selbst: ihrem privaten sowie religiösen Ich und ihrer Mission. Sie wollen die Menschen und deren Seelen befreien, die Last von den sündigen Seelen nehmen. Während des Konzert-im-Musical erklärt sich auch der Untertitel: »Am achten Tag schuf Gott die Boygroup«. Und zwar hat der Herrgott (Stimme von Hans-Jürgen Schatz, bekannt aus Theater, Kino und Fernsehen sowie als Rezitator) sich ihnen offenbart, indem er über ihr Handy mit ihnen Kontakt aufnahm. Sie sollen eine Band gründen und heller strahlen als jede zuvor Dagewesene und seine Botschaft verbreiten – dazu gehören neben Konzerten auch die sozialen Medien wie Facebook, Insta(gram) und Twitter. Die Boyband schlüpft in ein Messgewand und spielt auf der Bühne im Schnelldurchgang ihre eigene Schöpfungsgeschichte aus den fünf Perspektiven vor. Jude Abraham kommt zufällig in die Kirche und am Ende dieser Geschichte trägt er ebenso ein katholisches Gewand und ist Mitglied der Boyband.

Am Ende des Konzertabends soll das Publikum von seinen Sünden befreit und seelisch entlastet werden. Die belasteten Seelen im Saal werden anhand eines »Sony«-Fernsehers »Soul Sensor DX-12« gemessen, dadurch wird das Publikum ein wichtiger Teil der Show. Die Zahl sinkt – selbst in einer lasterhaften Großstadt wie Berlin – gegen Ende des Abends ab. Es erfolgt ein Appell an die Zuschauer, ihre Fehler zu bekennen und sich zu befreien, doch das ist nicht die einzige Offenbarung an diesem Abend. Wie sich nach und nach herausstellt, haben alle vier Katholiken der Band einen Plattenvertrag als Solokünstler bei »Sony« unterschrieben. Am Ende ist der gerne plakativ-antisemitisch als geldgierig dargestellte Jude Abraham der Einzige, der dieses Angebot abgelehnt hat und mit seinem Vertrauen in die anderen vier Jungs die Freundschaften und die Band retten kann.

Was es mit der Beichtbox im Foyer der Bar jeder Vernunft auf sich hat, kann bei einem der weiteren Termine Ende März in Berlin oder dann im April in Hamburg herausgefunden werden. Und wer sich einfach wieder in die 90er und 2000er Jahre zurückversetzen lassen möchte, kann das mit den stilvollen Retro-Looks (Kostüme und Requisite: Michael Heller) der »Altar Boyz« in silberner Jacke, Metallic Boots oder Fransenoberteil, Oberarm-Armband mit Jesus-Prints, »G.O.D.«- und Davidstern-Symbolen etc.bestens tun. Mit Kreuzkette, Weihrauchflasche, Bibel und Davidstern werden die »Altar Boyz« gewiss auch Sie bekehren.

Göttliche Telefonkonferenz: Gott kommuniziert per Handy mit Matthew (Tobias Bieri)


1. Die »Altar Boyz« geben singend und tanzend ihr Bestes mit den Choreographien von Michael Heller und Christopher Bolam


2. Boyband-Fieber mit »Altar Boyz« –(v.l.): Daniel Tejeda, Tom Schimon, Tobias Bieri, Martin Mulders, Christopher Bolam


3. So läuft das in der Messe: Die »Altar Boyz« erklären, wie der heilige Gottesdienst funktioniert


4. Himmlischer Pop: Spaß mit den »Altar Boyz« und ihren 90er-Jahre-Looks und -Choreographien


Foto: OFFstage Germany

Fotos (5): OFFstage Germany