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Hin und weg


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Die Deutsche Bühne - epaper ⋅ Ausgabe 6/2022 vom 01.06.2022

INTERNATIONALES THEATER

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Bildquelle: Die Deutsche Bühne, Ausgabe 6/2022

Robert Lepage fotografiert von Annette Hauschild/Ostkreuz

Eine Beichte vorab: Die Arbeiten, die Robert Lepage im April an der Schaubühne gezeigt hat, sind die ersten, die ich von ihm auf der Bühne gesehen habe.Das liegt auch daran, dass Berlin eine provinzielle Theaterstadt geworden ist. 2009 war Lepage zuletzt bei den Berliner Festspielen zu Gast; doch seitdem deren Intendant zuerst spielzeit’europa und dann das Nachfolgerfestival Foreign Affairs eingestampft hat, gibt es in der Hauptstadt kein Haus mehr, das Mittel und Räumlichkeiten hätte, große internationale Gastspiele zu stemmen. Das FIND an der Schaubühne gibt sich alle Mühe, aber auch dessen Budget ist begrenzt.

LEBENDIGE THEATERGESCHICHTE

Mein Lepage-Versäumnis liegt auch daran, dass ich 2009 gerade erst mit dem Theater bekannt wurde und mir der Name noch kein Begriff war. Zahlloses lässt sich aber über den Frankokanadier nachlesen, 1957 in Québec als Arbeiter- ...

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kind geboren. Nach seinem Schauspielstudium gründet er eine eigene Theatertruppe. Mitte der 1980er gelingt ihm als Leiter des Théâtre Repère mit der „Drachentrilogie“ der Durchbruch – es folgen zwei weitere Familienepen: „The Seven Streams of the River Ōta“ und „Lipsynch“.Darin findet man, so heißt es, Lepages Lebensthemen verhandelt: die Suche nach Identität, das ewige Reisen, das Faible für Asien. Humanität, Humor, Theaterzauber. 2009 schwärmt die Kritikerin Renate Klett in der ZEIT, Gott habe am siebten Tage diesen „starken Sensiblen“ geschaffen, „diesen Geist aus Luft und Leichtigkeit. Robert Lepage ist der überraschendste Regisseur des Welttheaters, ein unablässig Reisender, ein manischer Arbeiter, ein unerschöpflicher Fantast“.

„Theater ist Kommunion – nicht Kommunikation. And melodrama. Melodrama makes the cake go up!“

Robert Lepage

Aus manchen Kritiken der letzten Jahre spricht auch Enttäuschung: viel Form, wenig Inhalt, heißt es da. Viel Zauberkasten, wenig stringente Dramaturgie. Lepage könne, schreibt Michael Laages 2015, an die großen Erfolge wohl nicht mehr anknüpfen.

SIEBENSTÜNDIGE EMPATHIEKUR

Von der Theorie zur Praxis: Kann eine fast 30 Jahre alte Lepage-Inszenierung noch zu einer Kritikerin sprechen, die bei der Premiere zwölf Jahre alt war? Kann sie heute ein Berliner Publikum mitreißen? „The Seven Streams of the River Ōta“ erzählt eine weitverzweigte Familiengeschichte, die mit einem amerikanischen Fotografen beginnt, der in Hiroshima 1945 Gebäudeschäden aufnehmen soll – und auf eine Japanerin trifft, deren Gesicht die Atombombe entstellt hat. Sie möchte, dass er auch sie fotografiert: „I thought you take pictures of physical damage.“ Ein Satz statt einer Leidensgeschichte. Ihr Gesicht ist nie zu sehen – es spiegelt sich lediglich im Schock des Amerikaners. Aus ihrem Verhältnis geht ein Sohn hervor, der sich später auf die Suche nach seinem Vater in New York macht – und dort auf seinen Halbbruder trifft.

Lepages Compagnie erzählt von allem, was die Zeit von 1945 bis 1995 prägt: die Künstler- und Drogenszene in New York, Nachkrieg, Überlebende der Konzentrationslager, die Aidskrise. Auch eine Farce über kanadisch-japanischen Kulturaustausch kommt vor. Geschichten von Liebe, Verlust, Entwurzelung.

In einer ganz unaufgeregten Szene lässt sich der aidskranke Bruder im Kreis seiner Geschwister die Todesspritze setzen. In Berlin ist im Anschluss Pause – ein junger Zuschauer bleibt weinend sitzen. Ungeheuer komisch dagegen wirkt es, wenn sich das Leben der Schauspielerin Sophie zur Feydeau-Komödie verwandelt, die sie so hasst.

Es muss ihn wirklich geben, den Zauberwürfel des Robert Lepage! Denn wo um Himmels willen ist diese Telefonzelle vorne links hergekommen? Wie kann es sein, dass wir Zuschauer jetzt hinter der Bühne sitzen? Was macht der Kabukitänzer hier? Das alles hat eine große Leichtigkeit und Ironie – bei aller Präzision wirkt nichts auf der Bühne dogmatisch.

Wer sich in diesen Zeiten des Krieges, aber auch der vielen Bühnenpetitessen fragt, wozu Theater gut ist, der sollte sich dieser siebenstündigen Empathiekur unterziehen. Es ist die schönste Gemeinschaft des Trostes, die man sich vorstellen kann. Die sieben Läufe des Ōta-Flusses können jeden ins Wanken geratenen Glauben ans Theater festigen. Sieben Stunden – und viel zu kurz.

„Theater ist Kommunion – nicht Kommunikation“, sagt Lepage, als wir beim Festival ein paar Minuten sprechen können. Ein freundlicher Mann, der in aller Seelenruhe erzählt, dass sein zweites Gastspiel womöglich ausfallen muss: Das Bühnenbild ist noch nicht da. Bei meinem Versuch, sein Theater zu beschreiben, ergänzt er: „And melodrama. Melodrama makes the cake go up!“ Das Melodramatische sei das Backpulver seiner Inszenierung.

Lepage kreiert seine Stücke mit dem Ensemble – ausgehend von einer Situation, einer Form, einer Emotion. Nicht aus einer intellektuellen Absicht heraus. „Wir versuchen nie, politisch aktuell zu sein – aber wir wollen unsere Arbeiten so offen gestalten, dass sie eine Resonanz zur Gegenwart erzeugen können. Das ist die Schönheit des Theaters. Jeden Tag bedeutet es etwas anderes.“ Was der Krieg in der Ukraine mit seinen Arbeiten macht? „Als wir die ,Seven Streams‘ vor zwei Jahren in London gezeigt haben, war das eine komplett andere Show als jetzt in Berlin. Das ist es, was der Krieg macht.“

Obwohl Lepage bekannt dafür ist, Inszenierungen stetig zu verändern, hat er das ursprüngliche Setting der „Seven Streams“ beibehalten – es endet 1999, damals war das die Zukunft. „Es muss ein historisches Stück bleiben. Nicht nur wegen seines Inhalts – wer erinnert sich noch an die Aidskrise –, sondern auch wegen seiner Form. So haben wir Geschichten in den 1990ern erzählt.“

Das Bühnenbild für „887“ trifft tatsächlich zu spät ein – rechtzeitig nur für die zweite Vorstellung. Es verhält sich wie der Counterpart zu den „Seven Streams“: ein Monolog aus dem Jahr 2015, den Lepage als Solo spielt und der seine Kindheit mit dem Gedicht „Speak White“ von Michèle Lalonde verbindet, einer Hymne auf die Unabhängigkeit Frankokanadas. Das soll Lepage nun auf einer großen Veranstaltung rezitieren, doch er kann sich seinen Text beim besten Willen nicht merken.

PRIVAT POLITISCH

Der Programmzettel behauptet, der Protagonist bemächtige sich mithilfe des Gedichts der Orte seiner Kindheit – doch davon ist auf der Bühne wenig sichtbar. Dafür erzählt Lepage schöne Geschichten über das Haus mit der Nummer 887, wo er aufgewachsen ist. Über die Nachbarin mit dem Putzfimmel. Über den Taxifahrerjob seines Vaters – der dazu führt, dass Robert von der Privatschule abgelehnt wird. Wir sehen einen lebensgroßen Häuserblock, in den Fenstern bewegen sich kleine Figuren, dazu ein Spielzeugtaxi, das über die Bühne fährt – da ist er wieder, der Zauberwürfel.

Dann kommt Lepage auf die Unterdrückung der frankofonen Minderheit zu sprechen, auf die Unabhängigkeitsbestrebungen, die fast in einen Bürgerkrieg mündeten. „Speak White“ – das bedeutet: „Sprich Englisch!“ Warum Lepage das Gedicht dann tatsächlich auf der Gala vorträgt, deren privilegierte Gäste er für unwürdig hält, es zu hören – das bleibt seltsam.

Lepage will in „887“ ausschließlich von seinen Erinnerungen sprechen. Das ist verständlich. Etwas selbstzentriert wirkt sein politisches Gedächtnis dann aber doch, wenn er von seiner erlittenen „Unterdrückung“ erzählt und „Speak White“ allein auf das diskriminierte Französisch bezieht – ohne ein einziges Mal die viel schwerer verfolgte Minderheit der Indigenen in Kanada zu erwähnen.

ROBERT LEPAGE ist Regisseur für Theater und Film sowie Schauspieler.

» Geboren 1957 in Québec City

» Schauspielausbildung in Québec und Paris

» Ensemblemitglied, später künstlerischer Leiter des Théâtre Repère in Québec

» 1989 bis 1993 künstlerischer Leiter des Théâtre français in Ottawa

» 1994 Gründung der Compagnie Ex Machina, Gastspiele bei großen Theaterfestivals in aller Welt » 2010 bis 2012 Regie von Richard Wagners „Der Ring des Nibelungen“ an der Metropolitan Opera in New York

Ein solches „Übersehen“ wurde ihm auch 2018 vorgeworfen, als er in „Kanata“ die Geschichte der Indigenen aufblätterte, ohne dafür indigene Schauspieler engagiert zu haben. Lepage beruft sich auf das Theater als „Kunst der Verwand- lung“ – zudem verkörpere sein Ensemble mitnichten nur weiße Menschen. Beides ist richtig. Trotzdem kann man das Argument der Indigenen nachvollziehen, doch bitte bei der Repräsentation der eigenen Geschichte mitwirken zu dürfen. Lepage zeigt sich gesprächsbereit. „You stole our tears“ hätten die Aktivistinnen zu ihm gesagt – das habe er verstanden.

KLIMAWANDEL AUSGEBLENDET

Wenn es konkret (gesellschafts-) politisch wird, scheint Lepage der Perspektivwechsel nicht immer leicht zu fallen. Das trifft auf die indigene Minderheit zu. Und auf den Klimawandel. „Kanada ist das zweitgrößte Land der Welt, mit einer geringen Bevölkerungsdichte“, erklärt er, als ich nach seinem Reiseleben frage. „Wir haben Ressourcen im Überfluss – so sind wir aufgewachsen. Solange wir die Konsequenzen des Klimawandels nicht sehen, wird die Kunst keine Veränderung fordern.“

Man kann sich einen Lepage, der ausschließlich in Nordamerika inszeniert, nicht vorstellen. Denn er arbeitet an zahlreichen Projekten auf der Welt parallel, lässt sie wochenlang liegen, um dann mit neuen Ideen zu Werk zu gehen, die er in anderen Erdteilen gefunden hat. Seine Compagnie ist die meistreisende Kanadas.

Aber sind die Schäden des Klimawandels so schwer zu erkennen? „Wir haben bisher nicht wirklich tiefgehend darüber reflektiert“, gesteht er. Schon während der Coronakrise habe er sich wie im Gefängnis gefühlt und Dinge überrecherchiert, statt mit den Sinnen auf Reisen zu gehen.

Es bleibt ein Dilemma. Hätte Robert Lepage sich tiefgreifender damit beschäftigt, wären seine „Seven Streams“ womöglich 2022 nicht nach Berlin gereist. Und die jüngeren Berlinerinnen wären um ein lebensveränderndes Kunsterlebnis ärmer geblieben.