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Hinter dem Schweigen liegt das Glück


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Das goldene Blatt - epaper ⋅ Ausgabe 28/2022 vom 09.07.2022
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An dem Tag, als Graf August von Geywill zu Grabe getragen wurde, strahlte die Sonne hell vom wolkenlos blauen Himmel. Der Pfarrer fand angemessen bewegende Worte, die ganze Trauergesellschaft defilierte am Sarg vorbei, und jeder kondolierte den Familienmitgliedern.

Anschließend begab man sich in kleinerer Runde in eine Gaststätte, wo bei Kaffee und Kuchen des Verstorbenen noch einmal gedacht wurde. Dann ging jeder wieder seiner Wege. Der Tod forderte eben seinen Tribut, ohne Rücksicht auf Stand und Ansehen im Leben. von Katja Konstantin

„Wer war eigentlich diese alte Frau im Rollstuhl da am Grab?“, fragte Clemens von Geywill später beim Abendessen seine Mutter.

„Das war Käthe“, erwiderte Gräfin Sonja. „Käthe Stoll. Sie hat viele Jahre hier im Schloss als Haushälterin gearbeitet. Aber das liegt schon lange zurück. Sie muss jetzt über 90 Jahre alt sein.“

„Als Kind hat sie mir immer heiße Schokolade ...

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... gemacht“, erinnerte sich Graf Enzo mit einem kleinen Lächeln. „Und wenn ich mir beim Klettern auf den Bäumen mal die Knie aufgeschürft – oder gar die Hose zerrissen hatte, bin ich als erstes zu ihr gelaufen, bevor ich damit meinen gestrengen Eltern unter die Augen treten musste.“

Enzo sprach nicht oft über seine Kindheit und Jugend. Es herrschte damals wohl ein strenges Regiment hier im Schloss. August legte Wert auf Disziplin und Ordnung und duldete keine Schwäche. Das bekam sein Sohn oft zu spüren.

kam sein Sohn oft zu spüren.

Eine Weile noch hing der Graf seinen Gedanken nach, dann wand- te er sich an seinen Sohn. „Überleg mal, ob du Großvaters Arbeitszimmer nutzen möchtest. Es hat den schönsten Blick in den Park.“

„Mal sehen“, gab Clemens zurück. „Aber ich bin mit meinen Räumen eigentlich sehr zufrieden.

Für das Zimmer wird sich schon eine Verwendung finden.“

Enzo nickte. „Aber du kannst mir helfen, es auszuräumen und Großvaters Sachen zu sichten.“

„Mach ich“, versprach Clemens.

Kurz traf er dabei den Blick seines Vaters und las darin seine eigenen Gedanken. Wie endgültig dieser Abschied war. Er seufzte. Ruhe in Frieden, formulierte er im Geist an seinen Großvater gerichtet.

Am nächsten Tag schaufelte sich Clemens zwischen zwei Terminen eine Stunde frei, um sich in Augusts Arbeitszimmer einen ersten Überblick zu verschaffen. Unzählige Ordner füllten die Regale. Clemens versuchte deren Anordnung zu verstehen, wandte sich dann zuerst dem Schreibtisch zu.

Auch hier fanden sich in den Schubladen Papiere und Unterlagen aus zig Jahren. Als wäre hier die Zeit stehengeblieben, überlegte Clemens gerade, als ihm ein Bündel Briefe ins Auge stach, ganz hinten in einer Schublade und mit einem Bändchen verschnürt.

Er zog es hervor, nahm den dumpfen Geruch alten Papiers wahr und dachte im ersten Augenblick an einen romantischen Briefwechsel. Hatte sein Großvater etwa ein süßes Geheimnis gehabt?

Ein zweiter Blick offenbarte jedoch, dass hier keineswegs eine Frau im Spiel war. August hatte mit einem gewissen Theodor von Geywill in Kanada korrespondiert.

Clemens durchforstete seine Erinnerung. War da nicht irgendwann mal ein Onkel Theo erwähnt worden? Er drehte die Briefe in den Händen, löste das Band und nahm den obersten zur Hand. Dabei rutschte ein Blatt Papier heraus, das zwischen den Umschlägen gesteckt hatte. Clemens faltete es auf.

Zuerst fiel ihm nur die großzügig geschwungene Handschrift auf. Erst dann nahm er den Inhalt wahr.

Ein Schuldbrief über ein Haus am See. Was bedeutete das?

Schuldbrief stand in großen Lettern oben auf dem Blatt. Darunter ging es um ein nicht näher bezeichnetes Haus am See, das Theodor von Geywill einem gewissen Ernst Moser hiermit übereignete. Neben der Unterschrift stand das Datum.

Es lag mehr als 60 Jahre zurück. Verwundert blickte Clemens auf die Zeilen. Was sollte das bedeuten? Dann nahm er den ersten Brief aus dem Bündel, begann zu lesen.

Eine halbe Stunde später hatte er etwa die Hälfte durch. Doch jetzt drängte die Zeit, er musste zu einem Termin. Clemens teilte die Briefe in gelesen und ungelesen, und versuchte zu erfassen, was sich ihm da gerade eröffnet hatte.

Als wäre ein Fenster zu einer längst vergangenen Zeit aufgestoßen worden, taten sich da Szenen und Episoden vor ihm auf, die er noch nicht ganz einordnen konnte.

Nur so viel begriff er: Irgendetwas war damals geschehen, was seither totgeschwiegen und in den dunklen Tiefen der Vergangenheit versenkt wurde. Und möglicherweise auch dort hätte verbleiben sollen.

Er hob den Blick vom Schreibtisch und sah sich in dem Raum um, als könnte er den Geist seines Großvaters einfangen. „Was hast du getan?“, murmelte er vor sich hin. Und war zugleich nicht sicher, ob er wirklich eine Antwort auf diese Frage haben wollte.

Der Termin zog sich in die Länge. Entsprechend spät war es, bis Clemens nach Hause kam. Doch es drängte ihn, seinem Vater ein paar Fragen zu stellen. Er fand Enzo im Kaminzimmer, wo der Graf bei einem Cognac den Tag abschloss. Als Clemens eintrat, lächelte er ihm zu. „Guten Abend.

Auch ein Glas Courvoisier?“

„Nein, danke.“ Clemens setzte sich in den Sessel gegenüber und sah zu ihm hin. „Aber eine Frage.

Wer ist eigentlich Theodor von Geywill?“ Enzo hob mit einem so erstaunten Ausdruck den Kopf, dass Clemens schmunzeln musste. „Vielleicht so etwas wie das schwarze Schaf der Familie, über das man nicht mehr spricht?“

Er sagte es halb im Scherz. Enzos Miene aber war gar nicht amüsiert. Eher irgendwo zwischen be- troffen und ratlos. Dann nickte er. „Es geht wohl in die Richtung“, räumte er ein. Und nach einer nachdenklichen Pause setzte er hinzu: „Onkel Theo war der Bruder meines Vaters. Ich habe ihn selbst nicht kennengelernt, er ist jung verstorben. Zuvor war er, glaube ich, ausgewandert. Mein Vater hat nie über ihn gesprochen. Auch sonst eigentlich niemand in der Familie.“

Er brach ab, als käme ihm dieser Umstand jetzt selbst eigenartig vor.

Clemens sah ihn überrascht an. „Weißt du denn etwas über ihn?“, hakte er nach. „Oder über das, was damals geschehen ist?“

Enzo überlegte und hob dann die Schultern. „Eigentlich nichts“, gab er zu. „Als Kind habe ich einmal nach ihm gefragt. Da ist mein Vater richtig zornig geworden. Danach habe ich es nie mehr gewagt, den Namen zu erwähnen. Und irgendwann verdrängt und vergessen.

Aber warum fragst du danach?“

Als Clemens jetzt von den Briefen erzählte, konnte er zusehen, wie seinen Vater die Erregung packte. Enzo lehnte sich in seinem Sessel vor und sah ihn gespannt an. „Und dann dieser Schuldbrief“, schloss Clemens. „Darauf habe ich in den Briefen keinen Bezug darauf gefunden. Hast du eine Ahnung, um welches Haus es da geht? Oder wer dieser Ernst Moser ist?“

Sein Vater ließ sich mit der Antwort Zeit, schien intensiv nachzudenken. „Ich erinnere mich dunkel an ein Sommerhaus der Familie“, sagte er schließlich. „Es war nicht groß, eher so eine Art Blockhütte.

Und es lag an einem See. Aber ich war höchstens ein oder zweimal dort als Kind. Danach wurde es verkauft, soweit ich weiß.“

„Und hinterher nicht wieder erwähnt?“, riet Clemens aufs Geratewohl. „So wie der Onkel?“

„Ja“, entgegnete Enzo langsam. „Ich glaube, so war es.“ Sie tauschten einen Blick. Dann kam Enzo mit Schwung aus seinem Sessel hoch. „Komm“, drängte er. „Lass uns diese Briefe zu Ende lesen.“

Ihm war, als stünde die Zeit in diesem Zimmer still

Deutlicher als am Nachmittag streifte Clemens im Arbeitszimmer seines Großvaters diese Empfindung, als wären Jahrzehnte an diesem Raum spurlos vorübergegangen. Das dunkle Mobiliar, die massiven Regale und der schwere Tisch stammten wohl noch aus Augusts jungen Jahren. Es brauchte nicht viel Fantasie, sich vorzustellen, wie sein Großvater als junger Mann hier saß und diese Briefe an seinen Bruder verfasste. Die insgesamt das Bild eines schwierigen Verhältnisses zeichneten.

Es war fast Mitternacht, als Clemens und Enzo alle Briefe gelesen hatten. Und damit einem Geheimnis auf die Spur gekommen waren, das August ein Leben lang streng gehütet hatte. Und wohl auch gerne mit ins Grab genommen hätte.

Oder hatte er die Briefe absichtlich aufbewahrt, damit seine Erben sie finden sollten? Wollte er nach so langer Zeit und über den Tod hinaus sein Gewissen entlasten?

Sie würden es wohl nie erfahren.

„Was hältst du davon?“, fragte Clemens seinen Vater, nachdem sie lange geschwiegen hatten. Jeder für sich versuchte, sich aus diesen Zeilen und dem was dazwischen ungesagt blieb, ein Bild von den Geschehnissen damals zu machen.

„Ich habe noch nicht alles verstanden“, gab Enzo zu. „Etwa wer dieser Ernst Moser eigentlich war.“

„Dazu stand auch nichts im Detail“, bestätigte Clemens. „Aber Tatsache ist, dass Großvater diesen Mann offenbar um sein Anrecht auf dieses Haus betrogen hat.“

Enzo blickte ernst vor sich hin.

Dann senkte er in einer bedrückten Geste den Kopf und seufzte schließlich. „Ja. So sieht es aus.“

Wieder entstand eine Pause.

Enzo runzelte die Stirn, schien weit in die Vergangenheit einzutauchen.

Dann seufzte er erneut und warf Clemens einen trüben Blick zu.

„Mein Vater hatte eine sehr strikte Auffassung von Disziplin und Ehre“, versuchte er zu erklären. „Einem Menschen wie ihm muss die leichtlebige Vergnügungssucht und Abenteuerlust seines Bruders ein ständiger Dorn im Auge gewesen sein. Die Briefe stecken ja auch voller Vorwürfe und Anklagen.“

„Dabei hat doch letztlich er sich strafbar gemacht mit dieser Unterschlagung“, warf Clemens ein.

Enzo nickte. „Ja. Aus falschem Ehrgefühl, um diese Schande von der Familie abzuwenden.“

„Die Schande, dass sein windiger Bruder den Familienbesitz beim Kartenspiel verzockt hat.“

„Fast wäre es zum Lachen, wenn es nicht so ernst wäre“, bemerkte Enzo. Tatsächlich kräuselte ein kleines Schmunzeln seine Lippen.

Clemens nahm es auf, grinste erst, lachte dann leise in sich hinein. „In der Tat. Was macht er also, weil nicht sein kann, was nicht sein darf? Er lässt den Schuldbrief verschwinden. Von wegen, Spielschulden sind Ehrenschulden!“

„Es waren ja nicht seine Spielschulden. Aber offensichtlich funktionierte Vaters Ehrbegriff ohnehin anders“, konstatierte Enzo trocken.

Clemens nickte nachdenklich. „Ja. Dabei scheint dieser Ernst Moser durchaus versucht zu haben, zu seinem Recht zu kommen. August erwähnt doch in den Briefen, dass er sich mit ihm herumschlagen musste, wie er es formuliert. Was immer das im Detail heißen soll.“

„Wahrscheinlich war es für einen einfachen Mann schwierig, gegen den Herrn Grafen anzukommen“, vermutete Enzo. „Ohne diesen Schuldbrief hatte er ja auch keinen Beweis. Und Theo hatte sich nach Kanada abgesetzt.“

Clemens schwieg eine Weile nachdenklich. „Was wohl aus Ernst Moser geworden ist?“, sinnierte er dann. „Und dem Haus am See?“

„Das werden wir versuchen herauszufinden. Aber weißt du was?“

Enzo schob seinen Stuhl zurück und stand auf. „Nicht mehr heute.

Es ist spät. Gute Nacht.“

„Gute Nacht“, erwiderte Clemens und bemerkte im selben Moment, dass er ziemlich erschöpft war. Und es lag wieder ein voller Tag vor ihm. Jedenfalls würde an dieser Sache dranbleiben.

Enzo war ebenfalls fest entschlossen, Licht in diese dunkle Angelegenheit zu bringen. Dazu nahm er sich einen nach dem anderen die Ordner in Augusts Arbeitszimmer vor, auf der Suche nach weiteren Hinweisen. Ein mühsames Unterfangen. Er arbeitete sich durch diverse alte Aufzeichnungen, Übersichten über die Erträge aus der Forstwirtschaft und Belege zum Unterhalt des Schlosses. Aber nichts zu dem Haus am See. Und auch über die Identität Ernst Mosers war nichts zu finden.

Die alte Käthe teilte ihre Erinnerungen gerne mit Clemens

Gräfin Sonja lieferte schließlich den Hinweis auf eine Zeitzeugin, die man befragen könnte! Käthe Stoll war blutjung ins Schloss gekommen, als August und Theo noch Teenager waren. Wie viel sie damals mitbekommen hatte und woran sie sich noch erinnerte, war freilich ungewiss. Doch sie zu fragen wäre einen Versuch wert.

Es war Clemens, der dieses Gespräch übernahm. Ein paar Tage darauf, nachdem er Käthes Aufenthaltsort recherchiert und sie um ein Treffen gebeten hatte.

Es war ein einfaches, aber sehr freundliches Pflegeheim, wo Käthe ihre letzten Jahre verbrachte. Auf den Rollstuhl wäre sie nicht immer angewiesen, erklärte sie fast entschuldigend, aber die Beine machten nicht so mit. Der Kopf dafür funktionierte zum Glück noch gut.

Über die Pralinen freute sie sich sehr, auch über die Gelegenheit zu betonen, wie gerne sie immer für die gräfliche Familie gearbeitet hatte. Die ganze Zeit ließ dabei ein bescheidenes Lächeln das gegerbte Gesicht fast leuchten. Clemens mochte die alte Frau auf Anhieb.

„Erzählen Sie mir von damals“, bat er. „Von meinem Großvater und seinem Bruder. Sie haben die beiden doch gut gekannt.“

„Nicht wirklich näher“, wiegelte sie rasch ab. „Wir kamen ja aus verschiedenen Welten. Theo war sehr menschlich und kannte keinen Standesdünkel, aber August war streng darauf bedacht, die Distanz und die Form zu wahren. Trotzdem habe ich natürlich viel gesehen und gehört in meiner Zeit dort.“

Sie warf Clemens einen unsicheren Blick zu, wie um auszuloten, wie offen sie sprechen durfte. Als er ihr aufmunternd zulächelte entspannte sie sich und plauderte ein wenig aus dem Nähkästchen.

Dabei wurde deutlich, wie unterschiedlich die beiden Brüder waren. Und wie August schon damals versucht hatte, den leichtlebigen

und sorglosen Theodor im Zaum zu halten. Vergeblich meistens.

„Sagt Ihnen der Name Ernst Moser etwas?“, fragte Clemens, als Käthe anscheinend alles erzählt hatte, was ihr wichtig erschien.

Sie sah ihn aus ihren hellen Augen an, die immer noch voller Leben steckten. „Ernst Moser? Aber ja. Er war …“ Sie überlegte. „Er hat jedenfalls auch im Schloss gearbeitet. So als Gärtner, oder Hausmeister, etwas in der Art. Er hat sogar da gewohnt, in dieser Mansarde im Anbau. Aber irgendwann war er plötzlich weg. Ich glaube, das war ungefähr zu der Zeit, als auch Theodor fortging.“

Vielleicht als Konsequenz eines gewissen schicksalhaften Kartenspiels, in dessen Folge August ein paar Dinge auf seine eigene Weise regelte, schoss Clemens durch den Kopf. Darüber wusste Käthe sicherlich nichts. Aber immerhin, da war ein Puzzlestein. Vielleicht ließe sich in den alten Personalakten etwas über Ernst Moser finden.

Als er sich verabschiedete, drückte Käthe lange seine Hand und sah ihn gütig an. „Sie sehen ihm sehr ähnlich“, sagte sie unvermittelt. „Ihre Augen. Da ist der gleiche Ausdruck, so offen, so empfindsam und neugierig auf das Leben.“

„Wie? Meinem Großvater?“, fragte Clemens erstaunt.

Käthe lächelte. „Nein. Theodor.“

Während des ganzen Heimwegs dachte Clemens über dieses Gespräch und Käthes Worte nach. Bevor er aber seinem Vater davon erzählen konnte, wartete Enzo seinerseits mit Neuigkeiten auf. Er hatte Aufzeichnungen über das Haus am See gefunden! „Und jetzt rate mal, an wen mein Vater es verkauft hat“, sagte er mit unüberhörbarer Spannung in der Stimme. Clemens zuckte die Schultern. „An Ernst Moser!“

Enzo betonte jedes einzelne Wort. Dann lachte er in Clemens’ überraschtes Gesicht. „Ich war genauso erstaunt wie du jetzt. Und ich habe lange darüber nachgedacht, wie es dazu gekommen ist.“

Wollte Graf August damit vor allem sein Gewissen entlasten?

„Aha?“, machte Clemens. „Und wie lautet deine Theorie?“

„Wie du sagst, es ist eine Theorie. Aber ich könnte mir vorstellen, dass mehrere Faktoren zu dieser Entscheidung geführt haben. In den Briefen hat August doch erwähnt, dass Moser nicht so einfach klein beigeben wollte. Dass er sich mit ihm ’herumschlagen’ musste.

Der Mann hat wohl auf seinem Recht beharrt. Und August wollte die Sache zu Ende bringen, ohne das Gesicht zu verlieren. Der Kaufpreis jedenfalls scheint mir deutlich niedriger als der tatsächliche Marktwert damals. Aber wer weiß, vielleicht ging es vor allem darum, sein Gewissen zu entlasten.“

„Und dieser Ernst Moser hat bezahlt, obwohl das Haus eigentlich rechtmäßig ihm gehören sollte?“, wunderte sich Clemens.

„Anscheinend. Auch wenn wir die Wahrheit über seine Motive wohl nie erfahren werden.“

„Übrigens“, warf Clemens ein. „Ich weiß, wer Ernst Moser ist.“

Jetzt war es Enzo, der ihn überrascht ansah. Kurz erzählte Clemens von seinem Gespräch mit Käthe Stoll und schlug vor, in den alten Akten nach einer Spur von Ernst Moser zu suchen.

„Oder in dem Haus am See“, überlegte Enzo. „Falls er es nicht weiterverkauft hat gehört es immer noch ihm. Oder seinen Erben, je nachdem. Warte! Ich habe sogar ein Foto davon gefunden.“

Bei diesen Worten zog er eine Fotografie hervor und hielt sie Clemens hin. Es war eine alte Schwarz-Weiß-Aufnahme, die ein paar Männer zeigte, die vor der Front eines Blockhauses standen. Grob gezimmerte Holzstämme und ein tiefgezogenes Dach vermittelten eine rustikale Gemütlichkeit. Clemens betrachtete das Bild eingehend. „Ja, das hat was“, bemerkte er.

Bis weit in den Abend kreisten Clemens’ Gedanken um die Ereignisse und Erkenntnisse dieses Tages. Diese Geschichte besaß alle Zutaten, um die Fantasie zu beflügeln. Und das Haus selbst verströmte einen so idyllischen Charme, dass er gut nachvollziehen konnte, wie Ernst Moser darum gekämpft hatte. Zugleich verspürte er den Wunsch, es mit eigenen Augen zu sehen. Er wusste zwar nicht, was er sich davon erwartete, oder wie er reagieren würde, falls er tatsächlich jemand aus der Familie Moser dort antreffen sollte. Das würde er spontan entscheiden. Jetzt folgte er nur dem Drang, persönlich auf den Spuren der Vergangenheit zu wandeln.

Es war eigentlich nur ein Katzensprung aus der Stadt hierher, und doch fast eine andere Welt.

Das war Clemens’ erster Eindruck, als er sich ein paar Tage darauf auf den Weg zu dem Haus am See machte. Dort, am Ende eines gewundenen Forstweges durch dichten Wald tat sich mit einem Mal diese Lichtung auf, und da lag es vor ihm. Wie eine Oase, die unvermutet aus dem Grün auftauchte.

Das Blockhaus sah genauso aus wie auf dem alten Foto. Vielleicht waren die Stämme und Balken altersdunkler, das Moos auf dem Dach dichter. Sein nostalgischer Charme aber war so in Natura noch sehr viel deutlicher zu spüren.

Clemens stellte seinen Wagen am Rand des Forstweges ab und besah sich den Holzbau aus der Nähe. An der Rückseite kam der Wald ziemlich dicht heran. Vor dem Haus aber lag ein Wiesenstück, das nach ein paar Metern sanft abfiel und in eine Senke mündete, an deren tiefstem Punkt geheimnisvoll wie ein rundes Auge ein kleiner See schimmerte, die dunkle Wasseroberfläche gekräuselt von einzelnen Windböen.

Eine Weile stand Clemens nur da und nahm dieses Bild in sich auf. Dann lief er den gewundenen

Weg zum See hinab, umrundete das Wasser und stieg auf der anderen Seite hoch zu einer Anhöhe, wo der Blick sich öffnete auf die umliegenden Hügel und Täler. Er hatte inzwischen herausgefunden, dass der ganze Wald früher einmal seiner Familie gehört und das Haus einst als Ausgangspunkt für Jagden gedient hatte. Später war es dann nur noch Sommerfrische oder gelegentlich Rückzugsort gewesen.

Ob hier gar dieses folgenschwere Kartenspiel stattgefunden hatte?

Eine hübsche junge Frau trat aus der Tür des Blockhauses

Clemens ließ die Landschaft auf sich wirken, wanderte ein wenig die angrenzenden Wege entlang und kehrte dann zum Blockhaus zurück.

Jetzt parkte ein Wagen, der zuvor noch nicht dagewesen war, direkt neben seinem. Und gerade als Clemens überlegte, was er sagen sollte, wenn er hier nun jemanden antraf, kam eine hübsche Frau aus dem Haus und trat hinter den Wagen an den Kofferraum.

„Tag“, sagte sie über die Schulter in seine Richtung und hievte eine große Einkaufstasche heraus.

„Guten Tag“, erwiderte Clemens und sah ihr nach, wie sie im Haus verschwand. Gleich darauf kam sie wieder heraus und holte noch eine Kiste Sprudelwasser aus dem Wagen. Weil er immer noch am selben Fleck verharrte, blieb sie nun stehen und sah ihn fragend an. „Haben Sie sich verlaufen?“ „Nein, ich wollte … ich bin …“

Er brach ab. Die Situation – dazu der amüsierte Ausdruck auf ihrem Gesicht – brachte ihn durcheinander. „Ich wollte mich nur ein wenig umsehen“, setzte er lahm hinzu. „Aha“, machte die Frau.

Ein Hauch von Misstrauen blitzte jetzt in ihren Augen auf, weshalb Clemens rasch sein freundlichstes Lächeln aufsetzte.„Das ist ein wunderschöner Ort“, sagte er verbindlich. „Und ein wirklich charmantes Haus. Wohnen Sie hier?“

Sie sah ihn immer noch forschend an, als plötzlich ein ziemlich großer, zottiger Hund um die Ecke des Hauses getrottet kam und neben ihr stehenblieb. Den fremden Mann beäugte er wachsam.

Die Frau lächelte mit leiser Ironie. „Nein, nicht ständig. Ich komme nur oft hier heraus, um abzuschalten. Und weil man nie weiß, wer einem hier in der Abgeschiedenheit begegnet, habe ich immer meinen Leibwächter dabei.“

Blau. Sie waren blau, diese Augen, in denen es jetzt wieder amüsiert glitzerte. Dann wandte sie sich um und ging auf das Haus zu.

„Sind Sie mit Ernst Moser verwandt?“ Sie war schon fast an der Tür, als Clemens diese Worte einfach so herausrutschten.

Die junge Frau hielt inne, drehte sich zu ihm herum. „Wer will das wissen?“, fragte sie zurück.

Er holte tief Luft. „Mein Name ist Clemens von Geywill. Meiner Familie hat früher dieses Haus gehört. Deshalb bin ich hier. Ich wollte es … es nur mal sehen.“

Sie bedachte ihn mit einem langen Blick, der einmal über seine ganze Erscheinung glitt und dann wieder in seinem Gesicht landete. „Von Geywill, soso“, sagte sie dann langsam. „Ja. Ich kenne den Namen. Und die Geschichte.“

„Ich nicht!“, platzte Clemens heraus. „Welche Geschichte? Bitte – erzählen Sie mir davon.“

Wieder sah sie ihn lange an, schien zu überlegen. Dann schüttelte sie fast unmerklich den Kopf. „Ach, egal. Ist lange her.“

„Bitte!“, wiederholte Clemens drängend. „Ich habe erst vor kurzem von der Existenz dieses Hauses erfahren. Nachdem mein Großvater verstorben war. Er hat es an Ernst Moser verkauft. Wissen Sie vielleicht mehr darüber?“

Die blauen Augen zielten wie Richtstrahlen geradewegs in seine – tief ernst jetzt. Clemens unterdrückte seine plötzliche Aufregung und zwang sich, diesem intensiven Blick ruhig standzuhalten.

„Allerdings weiß ich mehr“, erwiderte sie schließlich. „Das ist aber eine längere Geschichte.“ „Ich hab Zeit.“ „Also gut.“ Sie wies mit dem Kopf auf die offene Tür in ihrem Rücken. „Bei einer Tasse Tee?“

Während sie mit dem Wasserkocher hantierte, sah Clemens sich um. Den geräumigen Wohnbereich beherrschte ein breites Sofa vor dem offenen Kamin, ein Esstisch bot Platz für sechs Personen, und die Küchenzeile war überraschend modern ausgestattet. In einem dahinterliegenden Flur konnte er drei Türen erkennen. „Darjeeling oder Pfefferminze?“, fragte sie. „Gerne Darjeeling.“

Sie nickte und kam gleich darauf mit zwei dampfenden Tassen an den Tisch. Clemens setzte sich und sah sie aufmerksam an. Aus der Nähe betrachtet war im Blau der Augen ein dunkler Ring um die Iris zu erkennen, der ihn faszinierte.

„Also, Clemens Graf von Geywill“, begann sie. „Was wollen Sie denn nun genau wissen?“

„Alles“, antwortet Clemens wie aus der Pistole geschossen. „Aber vielleicht zuerst Ihren Namen?“

Was Sarah ihm dann erzählte, berührte Clemens seltsam tief

Jetzt bog ein kleines Lächeln ihre Mundwinkel nach oben, und die Augen blitzten wieder. Konnte sie das anknipsen? „Sarah Rieger.

Ernst Moser war mein Großvater.“

Was sie dann erzählte, sachlich und ohne Sensationslust, berührte ihn seltsam tief. Wie sie als Kind hier in dem Haus am See wunderbare, magische Momente erlebt hatte. Dass sie erst viel später verstand, wie hartnäckig ihr Großvater darum gekämpft hatte, dieses Haus in seinen Besitz zu bringen. Und dass er bis zu seinem Tod steif und fest behauptet hatte, er hätte es beim Kartenspiel gewonnen und wäre später von den Grafen von Geywill darum betrogen worden.

Schon während sie sprach, sortierte Clemens im Geist seine Gedanken und Argumente. Er hatte zuvor mit seinem Vater gemeinsam überlegt, wie damit umzugehen wäre, wenn sie Ernst Moser tatsächlich ausfindig machen würden.

Als Rechtsanwalt wusste Clemens, dass diese alte Schuld verjährt war. Niemand könnte ihre Familie deswegen noch belangen.

Aber wie stand es um die moralische Schuld? Hätte Ernst Moser – oder seine Nachfahren – nicht das Recht auf die ganze Wahrheit?

Und eine Entschuldigung?

„Das war meine Geschichte“, riss Sarah ihn aus seinen Überlegungen. „Und wie lautet Ihre?“

„Meine ist wie ein Puzzle. Zusammengesetzt aus vergilbten Briefen, alten Unterlagen und einer Prise Spekulation“, erwiderte Clemens nachdenklich. „Es ist niemand mehr da, der damals dabei gewesen ist. Aber ich glaube, mittlerweile sind wir der Wahrheit recht gut auf der Spur.“ „Und die wäre?“, fragte Sarah. „Dass Ihr Großvater recht hatte.

Genau so war es gewesen.“

In dem Schweigen, das diesen Worten folgte, hörte man fast überlaut das Ticken der Wanduhr und das schmatzende Geräusch, mit dem der Hund an einem Kauknochen nagte. Sarah sah ihn unver- wandt an, doch die blauen Augen schienen durch ihn hindurch zu blicken, in eine andere Zeit, ein anderes Leben vielleicht. Irgendwann klärte sich ihr Blick, kam zurück, und mit ihm auch das blitzende Leben in dem Blau. Dann lachte sie leise. „Meine Mutter wird ausflippen, wenn sie das hört“, meinte sie kopfschüttelnd. „Sie war die Einzige, die felsenfest an Opas Version geglaubt hat.“ „Und Sie?“, wollte er wissen.

Sie zuckte die Schultern. „Ich weiß nicht. Irgendwie klang die Sache etwas schräg. Ich habe es mir dann so zurecht gebogen, dass die kosmische Allmacht schon Gerechtigkeit üben wird. Dass sich der Graf ein ganz mieses Karma eingehandelt hat, wenn die Geschichte tatsächlich wahr ist.“

Sie lachte wieder, und Clemens war nicht sicher, ob sie das ernst meinte. Das spielte aber gar keine Rolle. Es war eine hübsche Vorstellung. Und er war fest entschlossen, sein eigenes Karma-Konto besser zu verwalten.

Graf Enzo geriet richtig in Erregung, als Clemens ihm von dieser Begegnung erzählte. Die Schuld, die sein Vater damals auf sich geladen hatte, machte ihm zu schaffen. Umso erfreulicher war die Aussicht, nach so langer Zeit diese Angelegenheit aufzuarbeiten und dann damit abzuschließen.

Nur zu gerne ging Clemens auf seinen Vorschlag ein, sich mit Sarah und ihrer Familie zu treffen.

Dass er dabei in erster Linie an die wunderbaren blauen Augen dachte, musste er ja nicht zugeben.

Er sah sie dann förmlich vor sich, als er ihre Nummer wählte.

Und die aufgeregte Freude in ihrer Stimme, als sie ein Treffen vereinbarten, klang ihm lange im Ohr.

Sarahs Eltern bewohnten ein kleines Reihenhaus. Dort kamen sie ein paar Tage darauf zusammen. Ihre Mutter Barbara, Ernst Mosers Tochter, war tief bewegt.

Sie wischte sich immer wieder über die Augen während Enzo alles darlegte, was ihm aus den Briefen bekannt war. Er beschönigte nichts und entschuldigte sich schließlich in aller Form für das Unrecht, das Ernst Moser widerfahren war.

Still funkte Clemens seine Gedanken hin zu den blauen Augen

An dieser Stelle schüttelte Barbara den Kopf. „Sie waren ja ein Kind damals“, sagte sie sanft „Sie können nichts dafür. Aber dass ich diese Wahrheit jetzt kenne, bedeutet mir sehr viel. Ich danke Ihnen.“

Sie unterhielten sich noch eine Weile in entspannter Atmosphäre.

Clemens konnte nicht einordnen, weshalb er sich in der Runde dieser fremden Menschen so behaglich fühlte. Aber immer, wenn er Sarahs Blick auffing, schlich sich ihr Lächeln prickelnd unter seine Haut.

Als Barbara beiläufig erwähnte, dass ihre kleine Gärtnerei gar nicht so rosig lief, horchte Enzo auf. Und dachte laut über einen spontanen Einfall nach. Er hatte geplant, im Schlossgarten einige Neupflanzungen vornehmen zu lassen. Ein größerer Auftrag. Ob sie sich darüber einmal unterhalten könnten?

Barbara schoss die Freude in die Wangen. Sarahs Augen blitzten zu Clemens hin, und der lächelte breit.

Weil es gut tat, so zufriedene Gesichter zu sehen. Und dieses eine, das sein Herz schwingen ließ als wären ihm Flügelchen gewachsen, mit den Blauaugen, denen er jetzt stumm seine Gedanken funkte: Wollen wir beide nachher noch woanders hin? Bisschen reden?

Können wir machen. Worüber?

Ach – über Vergangenheit und Zukunft, die Wendungen des Lebens, und Karma … also, falls du Zeit hast, so die nächsten Jahre …

Clemens biss sich auf die Lippen. Fast hätte er gelacht über diesen übermütigen fiktiven Dialog.

„Das sollten wir tun“, sagte Sarah im gleichen Moment, und Clemens erschrak ein bisschen. Sie konnte doch nicht tatsächlich seine Gedanken lesen? Ihre Worte hatten jedoch Enzo gegolten. Nur ihr Lächeln, das ihn warm berührte, seine Fantasie beflügelte und sein Herz schon wieder hüpfen ließ – das galt ganz eindeutig ihm …

ENDE

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