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HINTERGRUND / INTERVIEW MARTIN KAYMER: Im Tunnel


GOLF MAGAZIN - epaper ⋅ Ausgabe 80/2019 vom 22.07.2019

Martin Kaymer hat zuletzt einige überraschende Einblicke in sein Seelenleben gewährt. Der 34-Jährige spricht dabei sehr offen über die mentale Seite des Golfspiels und darüber, wie es in seiner Karriere weitergehen könnte


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Bildquelle: GOLF MAGAZIN, Ausgabe 80/2019

Martin Kaymer ist mit 34 Jahren glücklicher, als er es zum Höhepunkt seiner Karriere jemals war.



„Ich wollte verstehen, warum ich erfolgreich war!“
– Martin Kaymer


Er ist zurück unter den besten 100 Spielern der Welt. Und das ist keine Selbstverständlichkeit für die ehemalige Nummer eins der Welt. Martin Kaymer musste einen langen Weg einschlagen, um sich wieder dorthin zurückzukämpfen, ...

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... wo er jetzt ist. „Ich hatte eine Hall-of-Fame-Karriere, bevor ich 30 Jahre alt war, und hatte keinen blassen Schimmer davon“, sagte der Deutsche unlängst gegenüber der European Tour. In anderen Interviews betonte Martin Kaymer immer wieder, dass er an einem absoluten Tiefpunkt war, als er die Weltranglistenposition eins erlangt hatte. Verletzungen, unter anderem am Handgelenk, sorgten für den Rest. „Ich habe mich nach all dem Erfolg, den ich hatte, mehr mit der mentalen Seite des Golfsports beschäftigt. Ich wollte verstehen, warum ich erfolgreich war. Einige Leute meinen, man solle sich derartige Fragen nicht stellen und sich damit besser abfinden. Aber ich wollte meinen Erfolg verstehen, um eben noch mehr Erfolg zu haben. In den letzten Jahren bemerkte ich, dass die mentale Einstellung auf dem Golfplatz auch sehr viel mit der mentalen Einstellung abseits des Golfplatzes zu tun hat. Bestimmte Umstände im Leben helfen dir zu verstehen, wie wichtig dir Golf tatsächlich ist. Interessanterweise nehmen einige Spieler das auf dem Golfplatz Erlebte mit ins Hotelzimmer oder nach Hause und sind selbst noch zwei bis drei Tage nach dem Turnier über die missratenen Schläge verärgert. Ich habe mich entschieden, mein Leben nicht so zu leben. Wenn du durch schwierige Lebensphasen gehst, die nichts mit Golf zu tun haben, gibt es dir einen anderen Blickwinkel auf die Dinge. Für mich ist es sehr interessant zu sehen, wie andere Spieler das angehen. Das lässt mich auch darüber nachdenken, wie und wann ich welche Prioritäten in meinem Leben setze“, so Kaymer.

Martin Kaymer ist dabei nicht der einzige Profigolfer, der in letzter Zeit über mentale Probleme berichtet hat. Neben anderen bekannten sich der europäische Ryder-Cup-Kapitän Thomas Bjørn und auch der englische Publikumsliebling Andrew „Beef “ Johnston öffentlich zu ihren Depressionen. Der Tenor in all diesen Bekenntnissen ist oft derselbe: Der Druck der Öffentlichkeit und persönliche Erwartungen sowie der mentale Aspekt des Spiels wurden für die betroffenen Spieler – und Menschen – zu groß. Martin Kaymer formuliert es so: „Wir alle stehen dem Unbekannten im Leben gegenüber. Du weißt nicht, was morgen passiert. Du weißt nicht, welchen Anruf du von deiner Familie erhalten wirst. Du kannst dich nicht darauf vorbereiten. Du musst spontan sein und deinen Lebenserfahrungen vertrauen, damit du etwas handhaben kannst. Das Gleiche gilt auch beim Golf. Du musst glauben, dass du alles hast, was du brauchst, um alles, was auf dich zukommt, in den Griff zu bekommen. Wenn du weißt, wie gut du bist, lässt es dich ohne Angst mit bestimmten Situationen umgehen. Aber du musst auch ein besseres Verständnis des Lebens haben, eine Perspektive, und deine Fähigkeiten kennen. Man kann sich niemals richtig auf die wirklich großen Momente auf dem Golfplatz vorbereiten. Man kann sich zwar bis zu einem bestimmten Grad darauf vorbereiten, aber man weiß nie, wie der Körper und die Gefühle auf diese unverhersehbare Situation reagieren. Man kann sich nicht für den Moment, den ich beim Ryder Cup 2012 hatte, vorbereiten (Anmerkung der Redaktion: Da stand Kaymer über dem entscheidenden Putt, lochte nervenstark aus zwei Metern und rettete damit den Sieg für das europäische Team ). Es ist interessant, wie manche Menschen ein Spiel kontrollieren wollen, das nicht kontrollierbar ist. Man muss diesen Drang nach Kontrolle loslassen, um erfolgreich zu sein; aber als Mensch loszulassen ist sehr schwierig. Doch wir sind nicht so gestrickt. Wir möchten Kontrolle über unsere Zukunft haben. Dieses Spiel hängt von so vielen Faktoren ab. Man muss das verstehen und akzeptieren. Die meisten Leute verstehen dies, ihnen fällt es aber schwer, es zu akzeptieren.“

Den Erfolg wertschätzen

Keine Karriere, sei es im Profisport oder in anderen Bereichen, geht von allein durch die Decke. Siege und Erfolge passieren nicht, weil man Glück hat, sondern weil man dafür gearbeitet hat. Doch manchmal kommt der Erfolg unerwartet und plötzlich. Als Martin Kaymer beispielsweise 2010 in Whistling Straits seinen ersten Titel auf der PGA Tour bei der PGA Championsh feierte, kam der Erfolg zwar nicht gänzlich unerwartet, aber als Major-Sieger hatte ihn zu diesem Zeitpunkt kaum einer auf der Liste. Mit dem Erfolg kam die eigene Erwartungshaltung für Martin Kaymer: „Mein größter Fehler im Golf war, dass ich mir nicht die Anerkennung für meine Erfolge gegeben habe. Ich behandelte Erfolg und Niederlage fast gleich. Wenn ich dem Martin Kaymer von 2010 einen Ratschlag geben könnte, wäre es – egal in welcher Form: Meinen Einsatz und meine Erfolge mehr zu feiern. Ich wünschte, ich hätte verstanden, wie gut ich geworden bin.

Bei der BMW International Open im Golfclub München Eichenried zeigte sich Martin Kaymer offen, ehrlich und positiv.


Du gewinnst im Alter von 30 Jahren nicht einfach so zwei Majors. Du wirst nicht einfach so die Nummer eins der Weltrangliste. Das ist nicht normal. Aber für mich fühlte es sich wie ein normaler Teil meines Lebensweges an. Wenn ich acht oder neun Jahre in die Vergangenheit reisen könnte, würde ich mir selbst sagen, dass ich mir bewusster sein sollte, wie gut ich bin, und verstehen sollte, was ich getan habe. Thomas Bjørn hat das tatsächlich einmal zu mir gesagt. Wir waren beim Pro-Am in Italien 2015. Ich schlug einen Pitch, der direkt ins Loch ging. Ein glücklicher Schlag. Thomas kam vorbei und ich sagte: Wow wie glücklich war das denn?‘ Er erwiderte: Martin, vergiss nicht, wie gut du bist.‘ Vielleicht hat er es einfach so gesagt, aber wir vergessen manchmal wirklich, wie gut wir sind.“

Martin Kaymer hat viel dazugelernt. „Ich bin nicht der Martin Kaymer von 2010 oder 2011. Du musst akzeptieren, wo du jetzt gerade bist. Wenn du dir die letzten sechs Monate anschaust, bin ich die Nummer 100 der Welt. Das ist der Stand, an dem ich gerade bin. Die Person, die ich jetzt schlagen muss, ist die, die in der Weltrangliste direkt vor mir ist. Es ist nicht Dustin Johnson, Brooks Koepka oder Justin Rose. Einige Spieler haben das Gefühl, dass sie extrem hohes Selbstvertrauen haben müssen und glauben, dass sie besser sind, als sie es tatsächlich sind. Andere sind wie ich und denken über ihren nächsten Schritt nach. Wenn ich mich derzeit mit Justin Rose vergleiche, wäre es Fantasie. Natürlich ist es möglich, dass ich noch einmal Nummer eins der Welt werde. Und natürlich ist es möglich, dass ich ihn bei einem Major oder einem anderen Turnier schlagen kann, aber um wieder an die Spitze zu gelangen, braucht es Zeit. Es könnte jeden Tag passieren, aber wenn du es an Nummer eins schaffen möchtest, musst du dich entspannen. Du musst die aktuelle Situation akzeptieren.“

Dass der Weg zu besagter Akzeptanz ein beschwerlicher ist, das dürfte den meisten bewusst sein. Gerade im Golfsport, in dem die mentale Komponente eine enorme Rolle spielt, rächt sich oft jeder noch so kleine Selbstzweifel. Und sei er unbewusst. „Der beste Ratschlag, den ich erhalten habe, kam von einem Schweden. Wir machen zusammen Pilates und er hilft mir auch mit Life Coaching, durch das Verstehen von Persönlichkeiten, Charaktereigenschaften, das menschliche Verhalten und Ängste; was Menschen antreibt und was sie nicht antreibt. Es ist wichtig, jegliche Form der Ablenkung loszuwerden. Es wird unnötig Energie verschwendet. Jeder macht es anders. Ich versuche, den Kontakt mit Social Media zu vermeiden. Du vergleichst dein Leben mit dem Leben anderer, aber ihr Leben, das sie dort darstellen, ist nur eine Fantasie. Es sind nur die Teile des Lebens, die sie dich sehen lassen wollen. Menschen starten den Tag, indem sie auf ihr Smartphone schauen. Das führt dazu, dass du dich mit anderen Menschen vergleichst. Du startest negativ in den Tag und fühlst dich schlecht. Dasselbe machst du am Ende des Tages, bevor du ins Bett gehst.“

Das Motto auf dem Bag der US Open von Martin Kaymer: Spaß ist auch beim Golf wichtig.


Der richtige Moment

„Menschen unterschätzen die Kraft, im Moment zu sein. Im Moment sein hilft, wenn du auf dem Golfplatz bist. Sich bewusst sein, was man macht, wie du gehst, wie du den Schläger greifst. Es hilft dir, wirklich mental anwesend zu sein. Als ich die US Open 2014 mit acht Schlägen Vorsprung gewann, war das eine Woche, bei der ich nicht mehr im Moment sein konnte, als ich es war. Es hatte nichts damit zu tun, gut zu sein, es war eine Denkweise. Ich weiß, dass ich die Golfschläge kann. Es geht darum, die totale Ruhe und Gelassenheit auf dem Golfplatz zu finden. Wenn du zuvor schon ein Major gewonnen hast, hast du den Glauben an dich selbst geschaffen. Du musst nur deine Gedanken in die richtige Position bringen.“

Dass Martin Kaymer auf einem guten Weg ist, zeigen die guten und stabilen Ergebnisse der letzten Wochen. Ob ein Turniersieg in naher Zukunft für Martin Kaymer ansteht, weiß niemand. Doch die Anerkennung des eigenen Erfolgs ist für Martin Kaymer ein Sieg, der wichtiger sein dürfte als der nächste bei einem Turnier.

Im Rahmen der BMW International Open pflanzte Martin Kaymer mit der Jugend des Golfclub München Eichenried einen Baum.