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HIRNFORSCHUNG: Schaden Smartphones unseren Kindern?


Gehirn & Geist - epaper ⋅ Ausgabe 2/2019 vom 05.01.2019

DIGITALISIERUNG Viele befürchten, die handyversessene Jugendgeneration würde geistig verkümmern. Die Wahrheit ist komplizierter.


Geschimpft wurde über die Jugend schon immer. Derzeit gelten Teenager als unbeholfen, narzisstisch, oberflächlich und verwöhnt. Außerdem verbrutzeln ihnen die Smartphones das Gehirn. Die machen die Kinder nämlich schwermütig, ängstlich, antisozial und hoffnungslos unaufmerksam. Aber woher weiß man das überhaupt? Zweifellos spielen Handys im Leben der heutigen Jugendlichen eine immense Rolle. Schon 2015 besaßen 73 Prozent der Teenager in den USA ein Smartphone. In Deutschland ...

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Bildquelle: Gehirn & Geist, Ausgabe 2/2019

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... waren es 2017 bereits rund 67 Prozent aller 10- bis 11-Jährigen und 88 Prozent bei den 12- bis 13-Jährigen. 92 Prozent der 13- bis 17-Jährigen gaben an, täglich online zu gehen, rund ein Viertel laut eigener Aussage »fast die ganze Zeit«. Lediglich 12 Prozent bewegten sich nur einmal täglich im Internet.

UNSERE AUTORIN
Carlin Flora hat Journalismus studiert und lebt in New York.


Das schlechte Image der Handygeneration wird von Wissenschaftlern befeuert. Eine 2017 veröffentlichte Studie von Jean Twenge an der San Diego State University war zu dem Schluss gekommen, Jugendliche würden heute nicht mehr so oft Alkohol trinken wie früher, seltener Liebesbeziehungen eingehen, Geschlechtsverkehr haben und schwanger werden sowie weniger arbeiten, um Geld zu verdienen. Das klingt zwar nicht rundum schlecht. Die Psychologieprofessorin bewertete die Trends allerdings negativ – als Besorgnis erregende Weigerung der jungen Menschen, erwachsen zu werden. In ihre Publikation bettete sie einige Statistiken ein, die eine Verschlechterung der geistigen Gesundheit bei Teenagern nahelegten, und machte die Smartphones dafür verantwortlich: »Es gibt erdrückende Belege dafür «, schrieb sie, »dass die technischen Geräte, die wir den Jugendlichen in die Hände gelegt haben, tief greifende Auswirkungen auf ihr Leben haben und sie höchst unglücklich machen.« Einen Monat später berichtete das »New York Times Magazine« in einer Titelstory über einen alarmierenden Anstieg von Collegestudenten mit »überwältigenden Angstgefühlen« und nannte soziale Medien als eine der Ursachen. Steht es um die Generation Z (Jahrgang 1995 bis 2010) wirklich so schlecht? Laurence Steinberg von der Temple University in Philadelphia will das so pauschal nicht bestätigen. »Im selben Zeitraum, auf den sich Jean Twenge bezieht, ließen sich auch Verbesserungen in der geistigen Gesundheit verzeichnen«, sagt der Entwicklungspsychologe. Zwei Jahre zuvor sei eine Studie derselben Arbeitsgruppe noch zu dem Schluss gekommen, dass Teenager heute glücklicher und zufriedener mit ihrem Leben seien als früher. Tatsächlich lassen sich die widersprüchlichen Ergebnisse schwer einordnen, da die Untersuchungen sich auf verschiedene Aspekte der seelischen Gesundheit konzentrierten und unterschiedliche Erhebungsmethoden zum Einsatz kamen. Steinberg bleibt daher optimistisch: »In jeder Zeit gibt es eine neue Form der Unterhaltung oder Technologie, von denen die Erwachsenen glauben: ›Damit gehen unsere Kinder vor die Hunde.‹ Erst waren es Schundromane, dann Rock ’n’ Roll, später Computer. Weltweit haben Jugendliche diese Dinge allesamt überlebt, und ich bin mir sicher, sie werden auch Smartphones überleben.«

Machen Handys einsam? Forscher konnten einen solchen Effekt bisher nicht nachweisen.


UNSPLASH / GAELLE MARCEL ()

Auf einen Blick: Handys – Gefahr oder Chance?

1 Untersuchungen bringen eine stärkere Smartphone-Nutzung unter Jugendlichen mit verschiedensten sozialen und kognitiven Problemen in Verbindung, darunter Depressionen, geringere Selbstkontrolle und Aufmerksamkeitsprobleme.

2 Meist handelt es sich um Korrelationsstudien, die keine Aussage über Ursache und Wirkung zulassen. Es gibt jedoch Hinweise darauf, dass Smartphones die Psyche sowohl negativ als auch positiv beeinflussen können – je nachdem, was die Jugendlichen damit genau machen.

3 Unabhängig von der Art der Nutzung beeinträchtigt ein Smartphone, das neben dem Bett liegt, den Schlaf. Außerdem besteht die Gefahr, dass mit zunehmender online verbrachter Zeit andere Erfahrungen und Aktivitäten zu kurz kommen.

Wissenschaftler beginnen gerade erst zu begreifen, wie sich Handy & Co auf die jugendliche Entwicklung auswirken könnten, psychologisch wie neurobiologisch. Und das Ausmaß der Veränderung hängt ziemlich sicher davon ab, wozu Jugendliche ihre Geräte nutzen, und zudem vielleicht davon, was sie auf Grund ihres Konsums stattdessennicht tun.

In der Pubertät wird das Gehirn plastischer, wodurch neue Vernetzungen leichter entstehen. Dank dieser Flexibilität passen sich die risikofreudigen Teenager schnell an die aktuellen Erfordernisse der Umwelt an. Die Kehrseite: »Jede Erfahrung während der plastischen Phase des Gehirns hat großes Potenzial, dieses zu verändern«, erklärt Steinberg. Smartphones seien dabei neben Eltern, Freunden und Schule nur ein Einflussfaktor.

Ungewollt hatte Lauren Sherman, mittlerweile Postdoc an der Temple University, 2016 eine Smartphone-Hysterie ausgelöst. Die Entwicklungspsychologin wollte die neuronalen Reaktionen auf »Likes« (»Gefällt mir«) in den sozialen Medien untersuchen und präsentierte dazu Highschool-Schülern im Kernspintomografen Bilder auf Instagram. Zugleich sollten die Schüler auch eigene Fotos beisteuern. Dabei sorgte die Forscherin dafür, dass ein Teil der Teenager viele »Likes«, ein anderer nur wenige davon sehen konnte. Das Ergebnis: Die jun- gen Probanden gaben einem Bild eher ein positives Feedback, wenn es bereits beliebter erschien. Die im Tomografen gemessene Hirnaktivität ließ außerdem darauf schließen, dass sie viel »gelikte« Bilder mehr beachteten und länger darüber nachdachten. Erhielten ihre eigenen Fotos zahlreiche Daumen nach oben, regte sich verstärkt das ventrale Striatum, das zum Belohnungssystem gehört. »Das würde erklären, weshalb Jugendliche soziale Medien besonders eifrig nutzen und von ihnen angespornt werden«, folgerte Sherman.

Likes lösen keinen »Crack-Rausch« aus

Die 2016 in »Psychological Science« veröffentlichte Studie führte zu einem medialen Aufruhr. »Die Presse behauptete, da dieselben neuronalen Verschaltungen beteiligt seien, käme die Wirkung von ›Likes‹ einem Crack-Rausch gleich«, erzählt Sherman. »Das ist aber nicht der Fall. Nicht einmal entfernt.« Die Forscherin glaubt vielmehr, dass die charakteristische Melodie, die den Eingang einer neuen Chat-Nachricht anzeigt, auch nicht viel anders wirkt als ein Like. »Im Gegensatz zu Zucker ist keiner dieser Reize von Natur aus eine Belohnung. Wir haben nur gelernt, dass sie für eine soziale Belohnung stehen.« Früher war es das Kieselsteinchen, das gegen die Fensterscheibe klackte, dann das lang ersehnte Klingeln des Telefons – die Aussicht auf soziale Interaktionen hätte das Gehirn von Teenagern seit jeher in Erregung versetzt, so Sherman.

Zwar gibt es immer mehr Untersuchungen dazu, wie Smartphones sich auf das jugendliche Gehirn auswirken, die Erkenntnisse beschränken sich allerdings größtenteils auf Korrelationen, erklärt Steinberg. Sie ergeben eine bunte Mischung aus positiven und negativen Befunden: Einige verweisen etwa auf die Risiken von Cyberbullying, andere auf hilfreiche Onlineressourcen für Jugendliche, die Probleme haben. Langzeitstudien, die Ursache und Wirkung belegen könnten, sind schwer zu realisieren. »Man kann nicht einfach Minderjährige in zwei Gruppen einteilen und festlegen, wer ein Smartphone bekommt und wer nicht«, sagt Laurence Steinberg. Die bisherigen Aussagen leiten sich meist von Untersuchungen mit College-Studenten ab. Bei Teenagern ist aber beispielsweise der präfrontale Kortex noch nicht ausgereift. Ob sich die Resultate auf sie übertragen lassen, ist daher zumindest fraglich.

Die Forscher stehen zudem vor einer weiteren Hürde: Smartphones sind zugleich Telefon, Fotoapparat, Spielekonsole und Lexikon. Selbst wenn man sich auf spezielle bei Teenagern beliebte Apps wie Snapchat und YouTube beschränkt, ist die Variabilität bei der Verwendung sehr hoch. »Untersucht man, wie Kinder und Jugendliche durch soziale Medien beeinflusst werden«, meint Steinberg, »ist das in etwa so, als würde man nach der Wirkung des Fernsehens fragen, ohne dabei zwischen Reality-TV und verfilmten Literaturklassikern zu unterscheiden.«

Als zunehmend depressiv und von Ängsten geplagt – so wird die Generation Z am häufigsten beschrieben. »Ja, es gibt eine kleine, aber hartnäckige Verbindung von der online verbrachten Zeit mit Depressionen und Ängsten«, bestätigt Nicholas Allen, Leiter des Zentrums für digitale Gesundheit an der University of Oregon. Doch man weiß nicht, ob Smartphones dafür ursächlich verantwortlich sind. Vielleicht ist es umgekehrt: »Es würde nicht überraschen, wenn schwermütige Jugendliche eher Zeit in ihrem Zimmer verbringen und im Internet surfen, als sich mit Mitschülern zu verabreden. « Auch Larry D. Rosen, emeritierter Psychologieprofessor an der California State University, hält das für möglich. Er sieht jedoch die Gefahr, dass Jugendliche ihr eigenes Leben angesichts perfekter Selbstdarstellung von anderen in den sozialen Medien als weniger gut empfinden.

Tatsächlich fand ein Team um Oscar Ybarra von der University of Michigan 2017 heraus: Postet jemand in den sozialen Netzwerken selbst viele Inhalte, gehört er tendenziell zu den Glücklicheren und spürt angenehme Verbundenheit. Wer dagegen nur die Beiträge anderer liest, ist eher negativ gestimmt und neigt dazu, Neidgefühle zu empfinden. Deshalb unterstützten Forscher an der Harvard Graduate School of Education in einer Studie Teenager dabei, Instagram-Bilder kritisch zu analysieren. So erkannten die Jugendlichen, dass die Darstellungen geschönt sind und nicht der Realität entsprechen. Anschließend fühlten sie sich wohler, insbesondere, wenn sie sich zuvor im Vergleich schlechter eingestuft hatten.

Die Psychologen Harry Wilmer und Jason Chein von der Temple University stellten außerdem einen negativen Zusammenhang zwischen intensiver Smartphone-Nutzung und der Fähigkeit zum »Belohnungsaufschub« fest – dem Vermögen, auf eine sofortige Zuwendung, etwa einen Geldbetrag, zu verzichten, wenn man dafür später umso mehr gewinnt. Allerdings bleibt auch hier offen, ob der Handygebrauch dafür verantwortlich ist. Schließlich wäre es gut möglich, dass Menschen mit schlechter Selbstkontrolle ihr Smartphone häufiger zücken.

Mit einer App registrierte Larry Rosen, wie oft seine Studenten jeden Tag ihr Gerät entsperrten. »Im Schnitt taten sie es 50-mal«, berichtet er, »und sie blieben anschließend gut fünf Minuten lang am Handy.« Die Nutzung ließ sich in den meisten Fällen auf Kommunikation mit anderen zurückführen; unter den meistverwendeten Apps waren Facebook, Instagramm und Snapchat. »Nach unseren Ergebnissen wird das Smartphone in der Hälfte der Fälle zur Hand genommen, weil ein Alarm oder eine Benachrichtigung ertönt«, so der kalifornische Psychologe.

Machen soziale Medien empathisch?

Die niederländischen Wissenschaftlerinnen Helen Vossen und Patti Valkenburg befragten 942 Personen im Alter von 10 bis 14 Jahren und erfassten deren empathische Fähigkeiten (Adolescent Measure of Empathy and Sympathy, kurz: AMES). Obwohl die Jugendlichen soziale Medien 2013 deutlich häufiger nutzten als 2012, wurden sie eher besser darin, die Gefühle anderer nachzuempfinden.

AMANDA MONTAÑEZ NACH VOSSEN, H.G.M., VALKENBURG, P.M.: DO SOCIAL MEDIA FOSTER OR CURTAIL ADOLESCENTS’ EMPATHY? A LONGITUDINAL STUDY. IN: COMPUTERS IN HUMAN BEHAVIOR 63, S. 118-124, 2016 / SCIENTIFIC AMERICAN FEBRUAR 2018; BEARBEITUNG: GEHIRN&GEIST

Warum nutzen Jugendliche soziale Medien?

In einer repräsentativen Studie befragte die Krankenkasse DAK im Jahr 2017 rund 1000 Teenager in Deutschland zwischen 12 und 17 Jahren dazu, warum sie soziale Medien nutzen. Die Teilnehmer sollten jeweils angeben, ob eine Aussage auf sie selbst zutrifft oder nicht. Über alle Altersgruppen hinweg gemittelt beschäftigten sich die Jugendlichen pro Tag knapp drei Stunden mit WhatsApp, Facebook, Instagram & Co.

GEHIRN&GEIST, NACH DAK-STUDIE: WHATSAPP, INSTAGRAM UND CO. – SO SÜCHTIG MACHT SOCIAL MEDIA, 2017

Das stört bei Gesprächen unter vier Augen. In einer britischen Studie sanken die Intimität und Qualität einer Unterhaltung über ein wichtiges Thema sogar dann, wenn ein (ausgeschaltetes!) Handy sichtbar auf dem Tisch herumlag. Das ständige Verlangen, online zu sein, »stresst« und könnte das Gehirn schädigen, spekuliert Rosen: Kaum hat man seine Nachrichten gecheckt, beginnen die Nebennieren wieder Kortisol auszuschütten. Mit steigendem Pegel des Stresshormons steige die Unruhe, und die einzige Möglichkeit, das Gefühl zu unterdrücken, bestehe dann darin, wieder online zu gehen. Ein kontinuierlich erhöhter Kortisolspiegel könnte bei Jugendlichen die Entwicklung des präfrontalen Kortex beeinflussen, fürchtet der Forscher. Erste Hinweise auf eine veränderte Arbeitsweise entdeckte er bereits, als er mittels funktioneller Nahinfrarotspektroskopie die Aktivität des präfrontalen Kortex bei Probanden mit intensivem und gelegentlichem Smartphone-Gebrauch verglich.

Smartphoneversessene Teenager werden häufig als sozial zurückgezogen beschrieben. Manchmal unterstellt man ihnen sogar, sie seien weniger empathisch oder könnten keine Freundschaften mehr eingehen, da die Onlinekommunikation reale Begegnungen ersetzen würde. Steinberg hält dagegen: »Kinder und Jugendliche interagieren über soziale Medien größtenteils mit denselben Personen, mit denen sie persönlich in Kontakt sind.« Auch eine niederländische Studie von 2016 unterstützt die These vom eigenbrötlerischen Smartphone-Junkie nicht. Die Forscher untersuchten 942 Jugendliche zweimal im Abstand von einem Jahr: Die häufige Verwendung sozialer Medien ging sogar mit einer Verbesserung empathischer Fähigkeiten einher (siehe »Machen soziale Medien empathisch?«, S. 51). In einer weiteren Studie konnte Lauren Sherman außerdem zeigen, dass Videochats zwischen Freundinnen fast so starke Verbundenheit erzeugen wie ein persönliches Gespräch. Ihrer Ansicht nach birgt die zunehmende Audiovisualisierung von Kommunikationsplattformen die Chance, Jugendliche einander näherzubringen.

Was die Chatkontakte zwischen Jugendlichen betrifft, »sollte man ›anders‹ nicht mit ›falsch‹ verwechseln«, be- tont der Kinder- und Jugendpsychiater Jay Giedd von der University of California in San Diego: Auch wenn die Nachrichten vor Fehlern strotzen mögen und Ausdruck sowie Grammatik vielleicht nicht unseren Vorstellungen entsprechen – die Jugendlichen kommunizieren hier ihre Ideen. Zudem zeichnen sich reale Begegnungen nach Shermans Einschätzung nicht zwangsläufig durch mehr Tiefgang als virtuelle Treffen aus. Setzten Freunde ihren Austausch zusätzlich online fort, könne dies das Band zwischen ihnen stärken. So würden sie dabei manchmal sogar intimere Gedanken als im persönlichen Gespräch preisgeben.

Helfen Smartphones bei der Identitätsfindung?

Wirklich problematisch ist dagegen, dass das Internet den Zugang zu Pornografie vereinfacht. Sie beeinflusst bei Jugendlichen das Verständnis von Sexualität negativ, befürchtet Allen. Die ersten Schritte in der Welt der Liebe jedweder Art gehören schließlich zur Identitätsfindung. Und da kommen wieder die sozialen Medien ins Spiel. Hier denken junge Leute viel darüber nach, wie sie sich nach außen darstellen, so Sherman: Doch dass sie das Internet nutzen, um ganz neue Identitäten auszuprobieren, wie man früher dachte, scheint seltener der Fall zu sein. Eher testen Jugendliche leicht abgeänderte Versionen ihrer Kernidentität und sind dabei äußerst geschickt darin, sich nicht entlarven zu lassen. So besitzen etliche ein öffentliches Profil und daneben einen Fake-Instagram-Account, einen »Finsta«, auf dem sie ihre Gedanken meist offener mit anderen teilen.

Was die Identitätsfindung betrifft, hält Theo Klimstra, Entwicklungspsychologe an der Universität Tilburg in den Niederlanden, die sozialen Medien aber für ein zweischneidiges Schwert. »Typischerweise suchen Teenager nach einem Gegenüber, das ihnen ähnelt und sie spiegelt«, erklärt er. Wächst man in einer Gegend mit wenig Gleichgesinnten auf, findet man über soziale Medien Menschen auf derselben Wellenlänge. Schwule oder lesbische Teenager, für die ein Comingout in ihrer Heimatstadt nicht in Frage käme, könnten im Internet Teil einer Community werden. Die Identitätsfindung am Computer habe jedoch auch Schattenseiten: die Qual der Wahl zwischen all den möglichen Ich-Versionen und die Gefahr, äußerst niederschmetternde Rückmeldungen von anderen zu erhalten.

Eindeutig negativ wirken sich Smartphones aber auf das Schlafverhalten aus. Daten von mehr als 690 000 Kindern aus 20 Ländern, die zwischen 1905 und 2008 erhoben wurden, belegten, dass die Nachtruhe junger Menschen über eine Stunde kürzer dauert als vor 100 Jahren. Sakari Lemola, Psychologe an der University of Warwick in England, fand heraus, dass Teenager mit Smartphone am Bett später einschlafen. Außerdem zeigten sie häufiger Symptome von Schlaflosigkeit. Beides hing wiederum mit einer Neigung zu Depressionen zusammen. Mögliche Gründe: Zum einen haben Flachbildschirme einen höheren Blaulichtanteil, was die Bildung von Melatonin hemmt. Dieses Schlafhormon wird nachts oder im Dunkeln ausgeschüttet und steuert unsere innere Uhr. Zum anderen halten spätabends erhaltene Nachrichten oder Kommentare wach. Wann immer sich besorgte Eltern an Steinberg wenden, fragt er sie daher: »Was tut Ihr Kind nicht, weil es Zeit am Smartphone verbringt? Wenn es zu wenig schläft, sich nicht bewegt, nicht für die Schule lernt und keinen neuen und anspruchsvollen Aktivitäten nachgeht, dann ist das nicht gesund.«

Neben schlechtem Schlaf sind allerdings familiäre Konflikte eine der Hauptursachen für psychische Probleme bei Teenagern, betont Allen. Oft vermissen Kinder emotionale Wärme und Unterstützung in ihrem Umfeld. »Weshalb sorgen wir uns wegen der Smartphones, wenn es so viele Belege für andere problematische Faktoren gibt?«, fragt er. Auch Steinberg meint, wir sollten uns lieber mit der zunehmenden Armut, mit Gewalt und Drogenkonsum beschäftigen. Sherman ergänzt: »Wir bemerken, dass unsere Kinder nicht mehr so viel Zeit mit uns verbringen möchten oder sich seltsam benehmen. Das gehört zur Entwicklung. Wir aber sagen: ›Das liegt an diesen neuen Technologien!‹«

Die Forscher sind sich einig, dass eine enge und gute Beziehung zu den Eltern zu den größten Einflüssen auf das psychische Wohlbefinden von Jugendlichen zählt. Eine der besten Maßnahmen sei es daher, sich auf die Handyliebe des Nachwuchses ein Stück weit einzulassen. »Fragen Sie nach, was Ihr Kind an seinem Smartphone spannend findet«, sagt Allen. »Fragen Sie nach seinen Ängsten und wofür es sich interessiert. Das ist allemal besser, als immer nur zu schimpfen: ›Leg gefälligst das Handy weg, wenn du mit uns am Tisch sitzt.‹«

QUELLEN

Lemola, S. et al.: Adolescents’ Electronic Media Use at Night, Sleep Disturbance, and Depressive Symptoms in the Smartphone Age.In: Journal of Youth and Adolescence 44, S. 405–418, 2015

Verduyn, P. et al.: Do Social Network Sites Enhance or Undermine Subjective Well-Being? A Critical Review.In: Social Issues and Policy Review 11, S. 274–302, 2017

Vossen, H., Valkenburg, P. M.: Do Social Media Foster or Curtail Adolescents’ Empathy? A Longitudinal Study.In: Computers in Human Behavior 63, S. 118-124, 2016

Weitere Quellen im Internet:www.spektrum.de/artikel1612186