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HIRSCHBRUNFT IN DEN PYRENÄEN: Leise Missverständnisse und laute Tanten


Halali - epaper ⋅ Ausgabe 3/2019 vom 25.07.2019

Auf jede verpasste Chance folgt eine neue, tröstet sich HALALI-Redakteurin Ilka Dorn während einer Jagdreise in der grandiosen Bergwelt der französischen Pyrenäen. Und kann nicht ahnen, wie verflixt knapp und kurios es diesmal mit dem Hirsch werden wird.


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Bildquelle: Halali, Ausgabe 3/2019

Jagen in einer atemberaubenden Kulisse – das bieten die französischen Pyrenäen.


Hier scheint die Zeit stillzustehen.


Fragte man mich, welcher Ort oder welche Gegend mich auf meinen vielen Reisen in den vergangenen Jahren besonders fasziniert hat, würde ich ohne Zögern die französischen Pyrenäen nennen. In jagdlicher Hinsicht sind die abgelegenen Täler und ...

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... Höhen dieser Bergkette, die die Iberische Halbinsel vom restlichen Europa trennt, eine unvergleichliche Attraktion mit weitestgehend unberührter Tier- und Pflanzenwelt. Auch wenn der Tourismus mit Wanderern und Radfahrern zunimmt, wirkt die Region mit ihren einsamen Bergdörfern noch wildromantisch und abgeschieden, ja fast verschlafen. Doch die Menschen, denen man dort begegnet, sind offenherzig und liebenswürdig.

Deshalb freute mich das Angebot des französischen Jagdreiseveranstalters Pierre-Jean Lacombe, mit dem ich bereits vor drei Jahren zur Gamsjagd in die südlichen französischen Pyrenäen gefahren war (siehe HALALI 03/2017), nun zur Hirschbrunft in die Haute-Garonne zu reisen, ganz besonders.

Auch diesmal wollten wir das Abenteuer filmisch dokumentieren, weshalb mich meine Freundin Tanja Dautzenberg und unser Kameramann Michael Buss begleiteten. Wir flogen von Frankfurt nach Toulouse, anschließend fuhren wir mit dem Leihwagen in die Berge nahe der Ortschaft Boutx, die ziemlich genau in der Mitte des lang gezogenen Höhenzuges liegt. Von dort führte uns eine kurvenreiche Passstraße hinauf zu dem kleinen, schon etwas in die Jahre gekommenen Skiort Le Mourtis.

Pierre-Jean bietet hier die Möglichkeit an, mit einer französischen Jagdgesellschaft auf Rotwild zu jagen. Die Jagdart ist ursprünglich, traditionell und steht ganz im Zeichen des gemeinschaftlichen Erlebnisses. Der Besitzer der kleinen Pension, in der wir Quartier beziehen, ist gleichzeitig der Vorsitzende der Jagdgesellschaft. Während er uns freundlich begrüßt, trudeln nach und nach die weiteren Gäste, die mit uns gemeinsam jagen werden, im Hotel ein. Jetzt lernen wir auch unseren Jagdführer Eric kennen, der uns die nächsten drei Tage begleiten wird.

PARLEZ-VOUS FRANÇAIS?

Schon oft hatte ich mir vorgenommen, endlich Französisch zu lernen, es aber leider aus Zeitgründen immer wieder aufgeschoben. Immerhin konnte ich mir inzwischen einige Alltagswendungen und auch ein paar Vokabeln aus der Jagdsprache aneignen. Richtig verständigen kann ich mich auf Französisch aber leider nicht. So geht es auch Tanja und Michael. Eric wiederum spricht kein Wort Englisch, sodass es für unser Team nicht ganz leicht ist, die kommenden Tage zu organisieren. Schließlich möchten wir ja nicht nur jagen, sondern auch filmen, was ohnehin einen höheren Planungsaufwand erfordert. Dass sich unser Aufenthalt in den Pyrenäen zu einer meiner ereignisreichsten und spannendsten, jedoch jagdlich gesehen auch schwierigsten Jagdreisen entwickeln würde, konnten wir freilich zu diesem Zeitpunkt noch nicht ahnen.

Für den ersten Abendansitz wählt Eric eine kleine Wiese am Rand eines alten Bauerngehöfts, kaum 20 Minuten Autofahrt von der Pension entfernt. Im Schatten einer Scheune parken wir das Auto und folgen einem kleinen Trampelpfad den Berg hinauf. Still ist es hier, nur die Grillen zirpen auf den Wiesen, und aus der Ferne schallt mitunter das Glockengeläut von Weidetieren zu uns herüber. Die Sonne brennt zu dieser Stunde noch heiß vom Himmel, sodass Eric ein mäßiges Tempo vorgibt und immer wieder innehält, um Wiesen und Waldränder abzuglasen.


In jagdlicher Hinsicht sind die Pyrenäen eine unvergleichliche Attraktion mit weitestgehend unberührter Tier- und Pflanzenwelt.


PFERDERENNEN IM WALD

Erst als die Sonne hinter den Bergspitzen verschwunden ist, umrundet Eric die nächste Bergkuppe und nimmt einen kleinen Stand hinter Farnbüschen ein. Ansitzeinrichtungen sucht man hier vergebens, wir nehmen also kurzerhand auf dem Trampelpfad für unseren Abendansitz Platz. Es scheint ein bewährter Ort zu sein, zwei leere Patronenhülsen, die ich in der Erde finde, zeugen davon. Unter uns erstreckt sich eine Wiese, dahinter ein größeres Waldstück. In unserem Rücken versperrt ein Gruppe Bäume die Sicht auf die Wiese, von der wir gekommen sind.

Eric zeigt uns, aus welcher Richtung er das Wild erwartet, damit wir Stativ und Kamera ausrichten können. Wir möchten es zunächst auf den Hirsch versuchen und die Jagd auf das Kahlwild noch ein wenig hintanstellen.

Nun wird es merklich kühler, und wir müssen nicht lange warten, bis wir die ersten Hirsche melden hören, bald auch im Waldstück hinter der Wiese. Unsere Pulsfrequenz ist bereits beträchtlich angestiegen, als sich von links Kahlwild nähert und auf die Wiese vor uns zieht. Nicht weit dahinter vernehmen wir einen noch unsichtbaren Hirsch. Unser Kameramann signalisiert uns, dass das Licht nun schwindet. Das Kameralicht lässt den Beobachter ja erfahrungsgemäß früher als das Büchsenlicht im Stich. Umso mehr hoffen wir, dass sich der Hirsch nun möglichst bald blicken lässt. Irritiert über anschwellendes Glockengeläut blicken wir Eric an, doch der zuckt nur mit den Schultern und flüstert Unverständliches. Schafe? Ziegen? Oder sogar Kühe? Das Kahlwild ist wie vom Erdboden verschluckt, stattdessen hören wir das Stampfen und Trampeln einer ganzen Herde, die sich rasch zu nähern scheint.

Die abgeschiedenen Bergwiesen ziehen das Wild in den Abendstunden geradezu magisch an.


Ein kleines Felsplateau bietet Ausblick auf die umliegenden Berghänge.


Und dann sind sie da, tauchen urplötzlich aus dem Schatten der hohen Bäume neben uns auf. Erst jetzt wird uns klar, dass wir mitten auf dem Trampelpfad einer Herde Pferde hocken! Die Gäule stürmen in hohem Tempo links und rechts von uns durch den Farn, der uns so gute Deckung verschafft hatte. Vom Farn bleibt nicht viel übrig, aber dank Erics beherztem Einsatz, der sofort aufspringt und wild die Arme schwenkend die Herde an uns vorbeidirigiert, bleiben wir und unsere Kamera unversehrt.

Die Pferde, die unseren Ansitz so jäh beendeten, grasen nun friedlich auf der Wiese unter uns und lassen sich nicht weiter stören. Am Auto angekommen, lauschen wir noch ein wenig der imposanten Geräuschkulisse, denn jetzt hören wir das Röhren der Hirsche von allen Seiten. Mal laut, mal leise, mal nah, mal fern: Von überall melden Hirsche. Die Brunft scheint auf ihrem Höhepunkt angelangt zu sein. Idealer hätten wir den Zeitpunkt also gar nicht gewählt haben können. Wir freuen uns riesig auf den nächsten Tag.

FRÜH RAUS, HOCH HINAUF

Um vier Uhr klingelt der Wecker. Noch müde von der gestrigen Anreise und einem langen ersten Abend, schälen wir uns aus den Betten. Trotz der frühen Stunde ist für alle Jäger ein kleines Frühstück vorbereitet. Eric möchte mit uns höher in die Berge hinauf und am Rand des kleinen Skigebiets pirschen gehen. Das hat den Vorteil, dass wir noch ein ganzes Stück den Berg hinauf mit dem Auto fahren können, denn die Wege sind dank der Pistenfahrzeuge gut ausgebaut. Der Horizont verfärbt sich bereits rötlich, als Eric am Rand einer Skipiste sein Auto abstellt. Von hier geht es zu Fuß weiter. Wir schnallen unser Gepäck auf den Rücken und machen uns auf den Weg. Noch ist die Sicht im ersten Licht der Dämmerung begrenzt und die Bergwelt ruhig. Nur weiter unten können wir einige Hirsche melden hören, während es hier auf fast 1 800 Höhenmeter ziemlich still ist.

Wir folgen einem kleinen Grat, glasen immer wieder die mit Heidekraut bewachsenen Wiesen unter uns ab und bestaunen einen spektakulären Sonnenaufgang über wunderschönem Gelände. Weiter unten können wir auf 800 Meter Entfernung ein kleines Kahlwildrudel ausmachen, das immer weiter hinabsteigt. Ein passender Hirsch ist jedoch nicht dabei. Jetzt, wo die Sonne aufgegangen ist, dreht der Wind und weht uns aus dem Tal ins Gesicht. Eric sucht ein kleines Felsplateau auf, von dem wir einen weiten Blick auf die Wiesen und die angrenzenden Wälder unter uns haben. Der Platz scheint verheißungsvoll zu sein. Wir können es uns hier erst einmal bequem machen und ein wenig ausruhen, denn noch tut sich nichts. Leider ändert sich das auch nicht im Laufe der nächsten Stunden, sodass wir unseren Ansitz aufgeben und langsam zum Hotel zurückkehren.

An diesem Morgen ist auch bei den anderen Jagdgruppen nichts geschossen worden. Lediglich gestern Abend sind zwei Hirsche und ein Schmaltier zur Strecke gekommen. Ein befreundeter Jagdführer berichtet Eric von einem vielversprechenden Hirsch, den er am Rand eines kleinen Bergdorfes auf einer Wiese gesichtet hat. Eric lässt sich die Stelle genau beschreiben – das Ziel für den Abendansitz steht nun fest.

Volle Konzentration: Auch wenn die Hänge nicht sehr steil sind, ist der Untergrund uneben und schwer zu begehen.


Die Sonne steht schon hoch am Himmel, als wir uns an den Abstieg machen.


Das Röhren der Hirsche dringt aus den Wäldern unterhalb zu uns herauf, und so versuchen wir es dort.


MISSVERSTÄNDLICHES ACHSELZUCKEN

Um dorthin ins angrenzende Tal zu gelangen, müssen wir zunächst die kurvige Passstraße hinabfahren. Danach führt eine kleine Straße zu einem Bergdorf, das schon seit Jahren weltvergessen und friedlich vor sich hin zu schlummern scheint. Hier parken wir unser Auto und gehen am Dorfrand entlang zu den dahinter gelegenen Bergwiesen. Wir treffen auf ein paar Bauern, mit denen sich Eric kurz unterhält. Währenddessen tritt bereits unterhalb von uns das Kahlwild auf die Wiesen aus. Wir sehen zu, dass wir weiterkommen, damit wir noch rechtzeitig zu unserem Platz gelangen. Im Schatten einiger Büsche und Bäume richten wir uns ein. Kaum ist die Kamera aufgestellt, füllt sich die Bühne mit Kahlwild. In aller Ruhe können wir die Tiere beobachten, denn wir warten ja auf den Hirsch, der hier bestätigt worden ist. Obwohl der Wind nicht gerade günstig steht, scheint sich das Kahlwild in keinster Weise an uns zu stören.

Im Gegenteil, langsam nähert es sich unserer kleinen Gruppe bis auf unter 30 Meter Entfernung. Doch der Hirsch ist nicht dabei. Erst als es dunkler wird, meldet ein Hirsch am unteren Ende der Wiese im angrenzenden Wald. Eric wirft uns vielsagende Blicke zu. Plötzlich steht der Hirsch vor uns auf der Wiese. Zwar noch weit entfernt, aber dafür im besten Licht und perfekt anzusprechen. Ich überprüfe die Entfernung – etwas mehr als 250 Meter. Ich gehe in den Anschlag, das Absehen ruht ruhig auf dem Wildkörper. Ein kurzer Blick zu Eric, er zuckt unmerklich mit den Achseln, verunsichert mich. Die Chance ist vertan. Ein weiterer Hirsch meldet aus dem Wald, der erste zieht sich zurück. Wie ärgerlich diese verpasste Gelegenheit ist, wird uns erst später dämmern.

Im Augenblick hoffen wir noch darauf, dass der Hirsch wiederkommt, doch diesen Gefallen tut er uns nicht. Während das Kahlwild munter um uns herumtanzt, machen sich die Herren der Schöpfung rar. Erst als es dunkel wird, kehren wir zum Auto zurück. Dort können wir klären, dass der versäumte Schuss wohl ganz den Verbalbarrieren zwischen uns und meiner Missdeutung von Erics Körpersprache zuzuschreiben ist.

Aber noch liegen ja zwei volle Tage vor uns, also vier Ansitze bzw. Pirschgänge, auf denen viel passieren kann! Nur leider verläuft der nächste Morgen genauso anblicklos wie der Tag zuvor. Auch die anderen Jäger berichten, dass das Wild sehr ruhig geworden sei, wahrscheinlich liege es an den warmen Temperaturen. Immerhin klettert das Thermometer tagsüber über die 30-Grad-Marke. Zu warm für die Hirschbrunft, die damit quasi zum Erliegen gekommen ist.

DANN EBEN KAHLWILD!

Abends wollen wir es wieder auf den Hirsch in der Nähe des Bergdorfes probieren, diesmal möchten wir jedoch näher an die Hirsche heran und beziehen einen Stand weiter unten. Genau wie tags zuvor sehen wir wieder früh sehr viel Kahlwild. Sollte der Hirsch bis zu einer bestimmten Uhrzeit nicht auftauchen, so haben wir es diesmal beschlossen, würden wir uns eben dem Kahlwild widmen. Als das Zeitlimit immer näher rückt, scheint das Kahlwild wie auf Kommando immer weiter zurückzuweichen. Nur noch ein einziges Alttier mit Kalb steht in Schussweite vor uns. Das Kalb wäre für den ersten Schuss genau richtig, doch dann beginnt es, bei der Mutter zu säugen. Wir bringen es einfach nicht übers Herz, der Finger bleibt gerade.

Gott sei Dank meldet jetzt der Hirsch wieder! Alle Augen sind auf die Stelle gerichtet, wo der sehnlichst erwartete Herr gestern austrat. Aber als es dunkler und dunkler wird und sich mittlerweile das Kahlwildrudel gänzlich zurückgezogen hat, müssen wir uns eingestehen, dass wir auch für heute unsere Chance vertan haben.


Der Sonnenaufgang, der sich uns hier oben bietet, ist alle Strapazen wert.


Als wir abends ins Hotel zurückkehren und von unseren Erlebnissen berichten, ernten wir Zuspruch und Verständnis. Wahrscheinlich hätte es keiner übers Herz gebracht, abzudrücken. Und gerade die ältesten und hartgesottensten Jäger in unserem Trupp können von ähnlichen Begebenheiten berichten. Mittlerweile lernt man sich ein wenig näher kennen, und wir fühlen uns bereits gut aufgehoben in dieser gemischten Gruppe, die sich aus Jägern aus dem ganzen Land zusammensetzt, die regelmäßig zur Jagdsaison hierher zurückkehren.

Dennoch stellen wir fest, dass an diesem Abend etwas anders ist. Alle reden aufgeregt durcheinander, und die Jagdführer hocken eng beisammen, offenbar um große Pläne zu schmieden. Schließlich kommt einer der Jagdführer, der ein ganz passables Englisch spricht, auf uns zu und verrät uns das Geheimnis. Der morgige Tag wird für diese Jagdgesellschaft etwas ganz Besonderes. Zu Ehren des heiligen Hubertus wird an diesem Tag gemeinschaftlich in einem Revierteil gejagt, der sonst gar nicht bejagt wird. Da das Gebiet sehr schwer zugänglich und über keine Straße und keinen Weg zu erreichen ist, bedarf es sorgfältiger Organisation und Planung, wer in welchem Teil des Reviers steht und wer von wo angeht. Soweit wir es verstan den haben, kommt uns der Ehrenplatz zu. Hoch oben auf dem Gipfel dürfen wir auf den Sonnenaufgang warten und damit auf das Wild, das durch die anderen Jäger, die sämtlich unter uns in den Wäldern sitzen, langsam zugetrieben wird.

Noch in völliger Dunkelheit und mit Kopflampen ausgestattet, machen wir uns am nächsten Morgen in aller Herrgottsfrüh um drei Uhr samt Kamera, Stativ, Waffe und allerhand Zusatzgepäck an den Aufstieg. Es wird eine ziemliche Plackerei. Die nicht Schwindelfreien unter uns sind froh, nicht mehr erkennen zu können als die paar Meter vor den eigenen Füßen, denn es ist steil und abschüssig, und weder ein Steig, geschweige denn ein erkennbarer Pfad, weist uns den Weg. Dennoch schaffen wir den gut zweistündigen Aufstieg zum Gipfel bis Sonnenaufgang. Hier können wir erst einmal verschnaufen.

Als das Licht langsam besser wird, nehmen wir bereits erste Schemen und Umrisse wahr. Und der Anblick, der sich uns hier oben bietet, ist alle Strapazen wert. Doch lange können wir den Sonnenaufgang über den imposanten Pyrenäen nicht genießen, denn Eric möchte weiter zu der bekannten Brunftwiese, die hinter der nächsten Felskuppe liegen soll. Auf allen vieren nähern wir uns einem Plateau. Von Felsen eingefasst, liegt es etwas tiefer unter uns und grenzt an einen Waldrand.

Vorsichtig lugt Eric über den Rand einer Felsengruppe, doch zu unserer Enttäuschung ist der Platz wie leer gefegt. Wir warten noch ein wenig, doch das Röhren der Hirsche dringt ausschließlich aus den Wäldern unterhalb zu uns herauf und scheint sich eher zu entfernen, als lauter zu werden. Wir pirschen ein wenig weiter, doch der hochfliegende Plan, den wir gestern noch schmiedeten, scheint nicht aufzugehen.

Das Wild steht schlicht weiter unten und nicht hoch oben am Gipfel. Als zwei Schüsse im Wald ertönen, schöpft Eric noch einmal Hoffnung. Eine SMS informiert ihn, dass der erste Hirsch liegt und ein weiterer in unsere Richtung gezogen ist. Wir warten ab, weitere Schüsse fallen, doch kein Wild erscheint bei uns auf der Bildfläche. So bleibt Eric nichts anderes übrig, als ebenfalls tiefer unten im Wald zu pirschen. Wir machen uns auf den Weg, laufen am Rand eines Bergkamms durch den lichten Wald und versuchen unser Glück erneut an einer Bergwiese. Das kleine Plateau, ein idealer Beobachtungsplatz für die darunterliegenden Wiesen, bietet gerade einmal Platz für drei Personen. Wir richten uns ein, und tatsächlich kommt auch einmal Wild in Anblick, doch das Kahlwild und ein passender Hirsch stehen zu weit unten am Waldrand und verschwinden, bevor wir einen sicheren Schuss hätten antragen können. Danach bleibt die Bühne leer.

PYRENÄEN-PICKNICK

Mittlerweile ist es fast elf Uhr geworden, Eric drängt zum Aufbruch. Auf dem Rückweg ins Tal hält nämlich die Jagdgesellschaft noch eine kleine Überraschung für uns parat. Auf einer kleinen Lichtung warten bereits die anderen Jäger, die ein opulentes Picknick im Wald vorbereitet haben: Salate, Pasteten, Schinken, Käse, Gemüse, Sardinen und natürlich frisches Baguette liegen auf einer Decke zum Verspeisen bereit. Und auch an einige Gläser französischen Rotwein hat man gedacht. Während wir lebhaft unsere Erlebnisse austauschen, erfahren wir, dass insgesamt zwei Hirsche und ein Schmaltier geschossen worden sind, die anschließend noch, uns deutschen Jägern zu Ehren, zur Strecke gelegt werden.

Schlicht und führig: mit der Kipplaufbüchse auf den Berg


Wild in Anblick, doch ein passender Hirsch ist nicht dabei.


Die Strecke unseres gemeinschaftlichen Jagdtages zu Ehren des heiligen Hubertus


Dass wir morgen früh bereits wieder im Flugzeug nach Hause sitzen werden und uns nur noch ein einziger Abend verbleibt, an dem wir etwas vor die Büchse bzw. die Kameralinse bekommen können, wird uns erst so richtig bewusst, als wir nachmittags gemeinsam zum Hotel zurückkehren. Zu gesellig und fröhlich war das Picknick im Wald, als dass wir daran gedacht hätten.

MUTTER, KIND, TANTE, HIRSCH

Eric sieht unserem letzten Abend optimistisch entgegen. Das Rotwild steht unten im Tal, dort, wo es kühl und schattig ist, das ist uns allen mittlerweile klar geworden. Also wollen wir es dort versuchen. Wir stellen das Auto am Rand einer etwas stärker befahrenen Straße ab und gehen zu Fuß weiter. Gleich zu Anfang stoßen wir wieder auf Kahlwild, das wir jedoch nicht weiter beachten. Stattdessen steuern wir die saftigen Wiesenflächen im Talgrund an, die an einen größeren Erlenbruchwald grenzen.

Hier herrscht durchaus Betrieb, das hören wir bereits nach kurzer Zeit. Von allen Seiten melden die Hirsche. Eine verfallene Mauer soll uns als Deckung dienen, dahinter lässt es sich bequem aushalten. Vor uns liegen zwei Wiesen, die durch einen Buschstreifen voneinander abgetrennt sind. Dahinter – auf ca. 300 m Entfernung – erstreckt sich der Wald. Wir hören die Autos auf der Straße vorbeirauschen, daran scheint sich das Wild aber nicht zu stören. Und wenn es das Wild nicht stört, dann auch uns nicht.

Wir müssen gar nicht lange ausharren, da erscheint erstes Kahlwild auf der Fläche. Ideal wäre es, wenn es auf die vordere Wiese ziehen würde. Im Erlenbruch können wir bereits zwei Hirsche ausmachen. Die wären beide passend, soweit wir es jetzt schon erkennen können. Nur aus dem Wald heraus müssten sie noch kommen. Dann noch ein wenig näher – und der Abstand wäre perfekt. Doch jetzt zieht erst einmal ein stattlicher Kronenhirsch von links auf die vordere Wiese. Eric schüttelt energisch den Kopf und flüstert uns „Shoot – no!” zu. Dass dieser Hirsch nicht frei ist, haben wir auch rasch kapiert, denn in diesem Revier werden nur Hirsche bis Eissprossenzehner geschossen – egal, wie alt der Hirsch ist.

Aber natürlich kommt’s, wie’s kommen muss. Just dieser Hirsch rückt uns auf die Pelle, pflanzt sich zum Schluss nicht mal 20 Meter vor uns auf. Wir wagen kaum zu atmen, da wir jetzt Aug in Aug mit dem Hirsch stehen, doch der scheint uns tatsächlich nicht mitzubekommen. Gemächlich wendet er sich wieder ab und steuert auf das Kahlwild zu, das bereits auf der hinteren Wiese steht. Die anderen Hirsche scheinen seine Absichten zu bemerken. Vielleicht kommen sie ja jetzt aus der Deckung heraus, um den Eindringling zu vertreiben. Doch nun wird das Kahlwild unruhig und äugt immer wieder in unsere Richtung.

Erst als wir hinter uns Stimmen hören, wird uns klar, dass nicht wir die Verursacher der Unruhe sind, sondern eine Mutter mit ihrem Sohn, die ihrem Kind wohl das Rotwild zeigen möchte. Das ist mir bislang noch nicht vorgekommen: Keine 50 Meter hinter uns stehen Spaziergänger und erfreuen sich am Anblick. Eric macht der Frau jedoch unmissverständlich klar, dass ihre Anwesenheit in diesem Augenblick unerwünscht ist, und das Duo zieht sich zurück. Leider macht es das Kahlwild prompt ebenso und verzieht sich in den Erlenbruch. Die „Platte ist geputzt”, wie es immer so schön heißt.

Waidmannsheil im letzten Büchsenlicht


Jetzt heißt es abwarten, vielleicht kommt das Wild ja wieder. Und wieder vergeht die Zeit! Und wieder droht das Licht zu schwinden! Eine weitere Spaziergängerin trifft ein, diesmal laut rufend (es ist Erics Tante, die ihrer Freude, ihn hier zu treffen, lauthals Ausdruck verleiht). Immerhin ist auch dieser Verwandtschaftsbesuch nur von kurzer Dauer. Trotzdem ziehen wir allmählich in Erwägung, vielleicht doch Opfer einer französischen Ausgabe der „Versteckten Kamera” geworden zu sein.

Für unsere Kamera jedenfalls reicht das Licht kaum noch, wie Michael jetzt signalisiert. Ratlos und resigniert blicken wir uns an. Doch gleichzeitig nehmen wir eine Bewegung am Rand des Erlenbruchs wahr. Einer der beiden Hirsche, die wir bereits vorher gesichtet haben, lässt sich blicken. Jetzt zieht er am Waldrand entlang, leider noch zu weit, doch immerhin ist er nun wenigstens aus dem Bestand heraus. Das Licht ist bereits schwach, wir verlieren ihn aus den Augen, da taucht er auf einmal weiter links von uns auf und zieht hinter der Buschreihe vor uns entlang. Doch es ist zum Aus-der-Haut-Fahren, immer wenn ich freies Schussfeld habe, zieht der Hirsch weiter, und wenn er stehen bleibt, ist er durch Büsche verdeckt! Bald hat er den Rand der Wiese erreicht, dann war’s das endgültig mit dem Pyrenäen-Hirsch!

Doch nun bleibt der Hirsch endlich stehen. „Shoot!”, höre ich nur noch, dann bricht auch schon der Schuss. Ob der Hirsch zeichnet, kann ich nicht erkennen. Ich sehe nur ein Stück weiter rechts abspringen, aber das ist ein weibliches.

„Morte”, vermeldet Eric jetzt, und für diese final gute Nachricht reichen meine Französischkenntnisse allemal. Alle Anspannung fällt von uns ab, als wir uns umarmen. Keiner hatte noch mit einer Chance in allerletzter Minute gerechnet.

Weil es mittlerweile stockdunkel geworden ist, müssen wir den Hirsch mithilfe unserer Taschenlampen suchen. Letztlich liegt er nur ein paar Meter vom Anschuss entfernt. Es ist ein Abschusshirsch, wie er im Buche steht, ehrfürchtig erweise ich ihm die letzte Ehre. Den haben wir uns wahrlich verdient, sage ich mir und denke an die vergangenen Minuten, die an Spannung jeden TV-Krimi bei Weitem übertroffen haben. Aber nicht nur der Nervenkitzel war größer, auch die grandiose Landschaft der Pyrenäen sprengt jedes TV-Format. Tief dankbar für diese überraschende Gabe des heiligen Hubertus verbringen wir einen letzten Abend mit unseren neuen Freunden, bevor es reich beschenkt mit neuen Erlebnissen und Geschichten zurück in die Heimat geht.

Jagdreiseveranstalter:
Pierre-Jean Lacombe
www.ucpsporting.com

Hier geht’s zum Video der Pyrenäen-Reportage:

www.youtube.halali-magazin.de


Fotos: Michael Buss | Ilka Dorn |